Lübecker! Ausscheider!

Um eines vorweg klar zu sagen: Jede Form von Überheblichkeit ist normalerweise völlig fehl am Platz, wenn man als Zweitligist gegen einen Regionalligisten erst nach Elfmeterschießen weiterkommt.
Und doch: Lübecker? Haha!
(Aus Lübeck berichten: Tim (Sport) und Maik (Drumherum)

Drumherum:
Die Begeisterung über die Auslosung hielt sich in engen Grenzen. Immerhin nicht wieder ein Drittligist, außerdem hatte man das vor drei Jahren an gleicher Stelle ja auch schon mal erfolgreich geschafft – und so oft kommen wir ja bekanntlich nicht weiter.
Lübeck war in Sachen Ticketing mal wieder spannend, auf den Vorschlag des FCSP „nur Stehplatztickets“ zu verkaufen und dadurch ein größeres Kontingent zur Verfügung zu stellen, ging man nicht ein. Okay.
Also wieder diese mobile Sitzplatztribüne wie beim letzten Mal, zur Abwechslung dieses Mal in der anderen Ecke der Kurve.

Im Heimbereich ist außerdem die Stehplatzkurve im mittleren Bereich neu, während die Ecke zur Gegentribüne noch die gleiche ist, ebenso die Ecke zur Haupttribüne hin. Die (größere) Ecke zur Gegentribüne durfte auch gefüllt werden, die zur Haupt hin nicht. Die Lübecker Ultras sind im Zuge dessen dann von der Haupt auch wieder in die Kurve zurückgezogen.

Und da man erstmals seit jenem Spiel vor drei Jahren auch wieder für den DFB-Pokal qualifiziert war, war dann auch ein neues T-Shirt drin.
Schwarz, schlicht, „Scheiss St.Pauli!“ draufgeschrieben.
Zeitlos, kann man in drei Jahren zum Ausscheiden in Runde 1 dann gerne auch wieder anziehen.
Vielleicht bieten wir dann bei uns im Fanshop auch an, dass man kostenlos ein „Und jetzt das dritte Mal in Folge ausgeschieden gegen die sonst so verlässlichen Erstrundenversager von:“ drüberflocken kann.

Ansonsten habe ich An- und Abreise relativ entspannt erlebt (PKW), auch Einlass und sogar Getränke- und Essensversorgung hatte ich schlimmer in Erinnerung. Toiletten per Dixie-Klos sind natürlich immer eine Zumutung, insbesondere für weibliche Fans, nur wäre das wahrscheinlich bei vielen anderen Stadien unterhalb der 2.Liga kaum anders gewesen. Zumindest war offenbar eine ausreichend große Anzahl vorhanden.

Zu Beginn gab es auf unserer Seite die großen länglichen Ballons, die mit dem „Wir sind immer für Dich da…„-Gesang auch schön rhythmisch in die Höhe und flach nach vorne bewegt werden konnten, was ziemlich gut aussah. Dazu dann bunter Rauch und ein passendes Banner vorm Block. Sehr schick, gefiel mir gut.

Zum Spiel gleich mehr von Tim, von mir nur ein kurzes:
„Abhaken, weitermachen!“, denn:

Die erste Runde im Pokal dient nicht dazu, Schönheitspreise zu gewinnen, insbesondere bei unserer Historie im Pokal und der Personallage aktuell. Über 300.000€ Einnahme sind gut und hoffentlich bewegt sich im Transferbereich dann jetzt auch noch was, ansonsten gilt es jetzt für Runde 2 auf ein lösbares Heimspiel zu hoffen. Auslosung Sonntag.
Und ein letzter Gruß nach Lübeck: Haha! // Maik

Sport
Entspannt, zu entspannt, da hätte ich bereits aufmerksam werden müssen, als das alles so problemlos lief und wir überpünktlich um 12:45 im Hbf Lübeck rausgespült wurden. Locker um 13.00 am Stadion sein, alles aufbauen, Sound- und Streamcheck, ein kleines Mittagessen sollte dann noch drin sein und die Vorbereitung auf den Gegner könnte gemütlich abgeschlossen werden. Nun war es aber bereits 13.20 und wir irrten immer noch zwischen Haupt- und Busbahnhof hin und her, wahlweise auf der Suche nach nem Bus oder nem Taxi. Am Ende wurde es ein Taxi, welches uns zielsicher durch die Lübecker Fanszene kutschierte. Gut, dass wir farblos unterwegs sind, dachte ich kurz beim Anblick einiger Lübecker Anhänger. Aber später dazu noch ne kurze Ausführung.

Nachdem der Aufbau für das AFM-Radio völlig reibungslos klappte und wir uns noch zwei HotDogs reindrückten, ging das Spiel auch schon los und sollte uns erst knappe drei Stunden später schweißgebadet unsere Kopfhörer endgültig abnehmen lassen. Um es vorweg zu nehmen: Das war definitiv mein nervenaufreibendstes Spiel an den Mikrofonen.

Unsere Kabine für’s AFM-Radio. In dem Teil wurde es ziemlich warm und laut. Da mussten die Jungs, die den Ticker für Lübeck machten ziemlich was aushalten (die saßen mit im Kabuff). Immerhin konnten wir im Vorwege dem Stadionsprecher sagen, dass er ‚Mölle Daali‘ ausgesprochen wird.

Zum Spiel: Bereits die Vorbereitung auf den Gegner (Namen+Nummern kennen- und bestenfalls auswendig lernen, Besonderheiten checken, letzte Ergebnisse und Systeme checken) zeigte uns, dass die Dreierkette in Lübeck ein gern genutztes Mittel der Wahl ist. Dass der FCSP dem ebenso eine Dreierkette entgegensetzt, hatten wir vorher zwar auch diskutiert, aber nicht zwingend erwartet. Erst als dann die Aufstellungen durchgegeben wurden, hatten wir ernsthaft eine Dreierkette beim FCSP in Erwägung gezogen.
Warum agierte der FCSP mit einer Dreierkette? Der Vorteil einer Dreierkette ist, dass ein Spieler mehr weiter vorne eingesetzt werden kann: als zweiter Stürmer oder weiterer zentralen Mittelfeldspieler. Somit ist das Zentrum beim Spiel mit einer Dreierkette gut verdichtet. Wie kann dagegen agiert werden? Richtig, ebenfalls mit einer Dreierkette (und bestenfalls zwei Stürmern und äußeren Mittelfeldern, die ihre Positionen halten). Daher war die Dreierkette des FCSP eine durchaus logische für das Spiel gegen Lübeck.

Der Plan ging jedoch nur bedingt auf. Der FCSP hat eigentlich bis auf die letzten 10 Minuten der regulären Spielzeit das gesamte Spiel kontrolliert, hatte wesentlich mehr Ballbesitz (68%), spielte mehr als doppelt so viele Pässe (692-333). Nur bringt das natürlich alles nix, wenn
1. die Pässe im letzten Drittel dann nicht ankommen und
2. der Gegner aus wenig viel macht und mit der ersten Aktion in Führung geht.

Nominell agierte der FCSP in einem 3-5-2 mit Møller Dæhli als Sechser sowie Sobota und Buchtmann als weitere zentrale Mittelfeldspieler. Teilweise rotierten diese auch recht ansehnlich, sodass Møller Dæhli auf die Außenbahn ausweichen konnte. Die Lübecker stellten ein 5-3-2 dagegen und ließen dem FCSP so im Zentrum unglaublich viel Raum im Aufbau. Teilweise konnten die Pässe zentral einfach von Knoll zu Møller Dæhli und weiter zu Buchtmann (oder sogar Diamantakos) flach durchgeschoben werden. Allerdings wurde es im Anschluss an diese Pässe eng, sehr eng für den FCSP. Die Lübecker fielen vor allem durch sehr aggressive, aber meist faire Zweikampfführung auf. Der FCSP brauchte ein wenig um mit ähnlicher Zweikampfführung dagegen zu halten.

Viel los im Zentrum. Die Lübecker ließen dem FCSP mit ihrem 5-3-2 viel Platz in den Halbräumen, der FCSP nutzte den Platz jedoch nur in der zweiten Halbzeit, um daraus konstant zwingende Chancen zu erarbeiten.

Das Mittel der Lübecker war denkbar einfach: Es wurde ein langer Ball auf Hobsch geschlagen und Arslan, Deichmann und Hoins pressten auf den zweiten Ball. Wurde dieser gewonnen, rückten Thiel und Riedel auf den Außenpositionen nach und gaben dem Spiel der Lübecker eine gute Breite. Diese Variante war vor allem aufgrund der zu Beginn aggressiveren Spielweise erfolgreich. Mit der Zeit nahm der Erfolg jedoch immer mehr ab, der FCSP gewann mehr und mehr zweite Bälle und konnte das Spiel so immer dominanter gestalten. Was fehlte waren aber Tore. Und für Tore fehlten die zwingenden Chancen. Vor allem die letzten Pässe bzw. die im letzten Drittel kamen meist nicht an. Das lag häufig daran, dass der Raum unglaublich eng war und irgendwie immer doch noch ein Lübecker Körperteil dazwischen kommen konnte.

Zum Ende der ersten Halbzeit verlagerte der FCSP sein Spiel meist auf die linke Seite und nutzte einige Mal das Tempo Miyaichi‘s, um mit einer schnellen Verlagerung zu guten Chancen zu kommen.

Richtig gut und richtig zwingend wurde der FCSP aber erst in der zweiten Halbzeit. Spielern wie Thiel und vor allem Deichmann war anzumerken, dass sie bereits viel in der ersten Halbzeit investiert hatten. So konnte der FCSP die Lübecker noch tiefer reindrücken, sodass die Halbräume teilweise bis zur Strafraumkante unbesetzt waren bzw. unsere Spieler bis dahin ungestört durchlaufen konnten. Und auch die zentralen Verbindungen funktionierten besser und besser. Und genau in diese Phase fällt das 2-0 für Lübeck. Kannste dir nich ausdenken!

Das war auf jeden Fall ein Wirkungstreffer, denn der FCSP braucht einige Zeit, um wieder in die Spur zu finden. Es war dann Sobota der den Ball humorlos in den Winkel schweißte und damit eine wirklich absolut unglaubliche Druckphase lostrat in welcher der FCSP das 2-2 erzielte und auch das 3-2 hätte erzielen müssen. Erst mit den Einwechslungen von Mende und Fernandes gute 10 Minuten vor dem Ende der Partie, konnte Lübeck wieder Fuß fassen. Durch den ersten Wechsel versuchte Lübeck das Zentrum wieder zu schließen, da Mende sich klar zentral orientierte.

Die letzten 10 Minuten sind dann eher unter der Rubrik „Pokal-Fight“ einzuordnen. Vor allem Halke und Lankford hatten da einiges miteinander zu klären (hier muss eigentlich noch von Glück gesprochen werden, dass Lankford für sein ‚Ich-zeig-allen-dass-ich-mich-nicht-unter-Kontrolle-habe‘-Revanchefoul nur Gelb gesehen hat). Dem Spiel des FCSP fehlten die die direkten Verbindungen, da Lübeck nun im Pressing mit einem 4-4-2 agierte und so direkte Pässe vermied.

Und wie das bei solchen Pokalschlachten dann eben so ist, muss sich der FCSP am Ende glücklich schätzen die Verlängerung erreicht zu haben, da Lübeck in der Nachspielzeit nur aufgrund eigener Dusseligkeit nicht noch das dritte Tor erzielt.

Das dritte Tor erzielt dann stattdessen der FCSP nach einem Eckball (yay!). Und diese Variante (Sahin ans vordere Fünfmetereck zu Knoll) funktionierte so gut, dass es fast ein zweites Mal zum Tor führte. Erst beim dritten Versuch, als die Lübecker mit drei Spielern gegen Knoll agierten, ging keine Gefahr mehr von der Variante aus.

Der FCSP stand nun zwar gut sortiert auf dem Spielfeld, aber es war ihnen durchaus anzumerken, dass die Beine schwer wurden. So auch bei den Lübeckern, die ja bereits in der zweiten Halbzeit auf dem Zahnfleisch unterwegs waren. Aber Pokal-Schlacht und so, Lübeck bekommt irgendwie noch die x-te Luft und macht die letzten zehn Minuten der Verlängerung noch Druck. In dieser Phase muss Diamantakos eigentlich das 4-2 machen. Kurze Zeit später, nach eigenem Einwurf taucht Arslan völlig Blank im Strafraum auf, 3-3. Die Lotterie muss dieses Spiel entscheiden (ich verzichte bewusst auf die Erwähnung einer selten dämlichen Aktion, die zum Platzverweise führte), weil der FCSP seine PS, die aufgrund individueller, aber auch spieltaktischer Überlegenheit vorhanden waren, einfach nicht in Zählbares ummünzen konnte.

Puuh, nein Buballa, nicht wirklich. Ich hätte das gerne in 90 Minuten durchgehabt. Und zwar so wie der Spielverlauf war. Ein 0-2 in ein 3-2 drehen. Gut für’n Kopf, schonend für die Beine.

Ja, es spielte ein Zweit- gegen einen Regionalligisten. Lübeck ist jedoch
1. klarer Favorit auf den Platz an der Sonne in der Regionalliga Nord (und gut gestartet in die neue Spielzeit), hat
2. das letzte Mal im Jahr 2018 ein Spiel verloren und
3. sind wir gefühlt als krasses Gegenteil dazu als Gegner angereist.
Mit ordentlich Niederlagen seit 2018 im Gepäck, kein Favorit auf den Aufstieg. Der Abstand ist dann auf einmal gar nicht mehr soo groß. Ich möchte die Favoritenrolle hier nicht abgeben, ich möchte nur klarstellen, dass diese „Wir hau‘n die heute zweitstellig in die Ostsee“-Einstellung nicht mehr zeitgemäß ist, da auch in der vierten Liga absolute Vollprofis agieren, die zumindest im Jugendbereich identische Wege zu den Spielern der ersten beiden Ligen gegangen sind. Der Abstand ist also geringer als noch vor 10-15 Jahren.

Größer ist der Abstand jedoch zwischen den beiden Fanszenen. Meine Güte, wie sehr sich der Lübecker Anhang an uns abgearbeitet hat. Sogar auf der Haupttribüne fanden die „Scheiß St.Pauli“-T-Shirts (!!!) reißenden Absatz, ganz abgesehen von den ständigen Gesängen. Als wenn uns das noch irgendwie jucken würde. Hören wir doch sowieso überall. Ist nicht kreativ, geht im Grundrauschen unter, ist einfach jämmerlich. Der Verein wird 100 Jahre alt und die Lübecker haben nix besseres zu tun als sich mit dem Gegner zu befassen. Irgendwie traurig um so einen Verein.

Traurig macht mich auch, dass das nächste Spiel in Stuttgart ohne mich stattfinden muss. Lieber FCSP, ich werde dies nur dank eines Auswärtssieges überstehen. Kümmert Euch drum! // Tim

Links:
– „Vor dem Spiel„-Gespräch
– „Nach dem Spiel„-Gespräch
AFM-Radio zum Nachhören
– Magischer FC „Fitter 77jähriger siegt im Pokal
– FCSP South End Scum: „In the end… it was only Lübeck!“ (English)