Geisterspiele: Sinnvoll oder nicht?

Die Entwicklungen sind momentan ziemlich rasant und es besteht durchaus die Möglichkeit, dass dieser Text innerhalb weniger Stunden oder gar bereits kurz nach der Veröffentlichung überholt ist, da schon andere Entscheidungen getroffen wurden. Trotzdem treibt mich diese Frage um, seitdem am Sonntag mehr oder minder klar wurde, dass es wohl für einige Zeit zu Geisterspielen in den Bundesligen kommen könnte. Ich frage mich: Macht es überhaupt Sinn diese Spiele dann noch durchzuführen? Zu welchem Zweck? Und das führt auch ganz schnell zu der Frage, für wen eigentlich Fußball gespielt werden soll.

Vorweg: Es gibt momentan wichtigere Fragen als die nach der Art und Weise der Austragung von Fußballspielen. Da dies hier aber ein Fußball-Blog ist, befasse ich mich hier mit eben jener Thematik. Und um es deutlich zu machen: Ich bin kein Virologe, schon gar kein Epidemologe, habe von Medizin wirklich wenig Ahnung. Es scheint aber zumindest so, dass der Ausbruch des Coronavirus in Italien um etwa eine Woche dem in Deutschland voraus ist. Und das scheint auch die Entscheidungen im Umgang mit dem Coronavirus zu betreffen. In Italiens Serie A wurden im Norden, wo die Zahl der Infektionen besonders hoch ist, zuerst Geisterspiele angesetzt. Inzwischen, genauer seit Montagabend, wird der Spielbetrieb und allgemein alle Sportveranstaltungen bis mindestens 3.April ausgesetzt, da die Zahl der Infektionen weiter exponentiell ansteigt.

Nun frage ich mich, ob mein laienhaftes Verständnis mich hier in die Irre führt oder aber, ob der Bundesliga das gleiche Schicksal droht, nur mit ein wenig zeitlichem Versatz. Sicher kein unwahrscheinliches Szenario. Und wenn ihr diesen Gedanken mal weiterführt, dann kommt ihr auch recht schnell zu der Frage, die sich auch die Verantwortlichen der DFL und weiteren Institutionen stellen: Macht es überhaupt Sinn die Liga weiterzuführen, zur Not mit Geisterspielen, bis es eben nicht mehr geht? Für wen wird dann Fußball gespielt? Ganz plakativ gesagt, gibt es genau zwei Faktoren für die grundsätzlich gespielt wird und die stehen sich bei der momentanen Thematik komplett konträr gegenüber: Fans und Geld.

Da Fußball und Sport im Allgemeinen nichts mehr (aber auch nicht weniger) erzeugt als Emotionen, braucht er auch Menschen, die diese Emotionen erleben wollen. Das macht man beim Fußball natürlich am besten im Stadion. Welchen Wert hat der Aufstieg Deines Lieblingsklubs, wenn Du nicht im Stadion dabei sein kannst? Klar, immer noch einen hohen Wert, aber eben sicher einen geminderten. Zumal bei Szenarien, die das Verbot von größeren Ansammlungen von Menschen beinhalten, auch das gemeinsame Erlebnis des Fußball-Schauens außerhalb eines Stadions nicht stattfinden wird. Wieder richtet sich der Blick nach Italien, wo das bereits der Fall ist.
Bleibt also in solchen Fällen der heimische Fernseher. Moment, Du hast kein Sky-Abo? Na, dann in die Kneipe… ach, Moment, unbekannte Menschenmenge. Schwierig.
Dann bleibt wohl nur das gute alte Radio (abgesehen von anderen Möglichkeiten des großen weiten Internets). Nostalgie der Radio-Reportagen und Qualität jener Reporter*innen (lassen wir das AFM-Radio hier mal außen vor) hin oder her, sowas ginge wohl auch für die meisten einher mit einer Minderung der Emotionen, die Tore unseres Klubs bei uns auslösen.
Und noch etwas beschäftigt mich, auch wenn es mich nicht betrifft und bei der allgemeinen Lage eher nebensächlich erscheint: Es gibt in Deutschland eine nicht unerhebliche Anzahl von Allesfahrer*innen, die ein Geisterspiel wohl noch etwas heftiger treffen würde, als jene von uns, die sich bei zu weiter Auswärtsfahrt auch gerne vor den Fernseher oder das Radio setzen. Da können Serien reißen, die teilweise schon Jahre oder gar Jahrzehnte andauern. First World Problems, schon klar.
Zusätzlich fehlt es Geisterspielen allein schon deshalb an Emotionen, weil eben jene „Stadion-Atmosphäre“ komplett fehlt. Das haben auch bereits ehemalige Profis ausgeführt, dass sich das dann eher wie ein Testkick im Wintertrainingslager anfühlt. Sicher würde das auch das Erlebnis vor dem Fernseher oder Radio mindern.

Für die Fans sind Geisterspiele also sicher nicht gemacht. Bleibt also noch das Geld. Und, na klar, hier erklärt sich ziemlich schnell, warum die DFL die Saison trotz der Widrigkeiten auf Biegen und Brechen zu Ende bringen will. Denn ein Aussetzen der Saison würde sicherlich mit finanziellen Einbußen einhergehen, da TV-Gelder nicht fließen. Und entsprechend möchte die DFL den Spielplan auch auf jeden Fall bis Ende Mai durchziehen, da ab dann die Abstellungsfrist für die Europameisterschaft gilt. Wenn bis dahin keine Entscheidungen bezüglich der Ligazugehörigkeit gefallen sind, dann wird es schwierig mit der neuen Saison. Da die Klubs auf ein regelmäßiges Einkommen angewiesen sind, kann so eine Planungsunsicherheit samt finanzieller Einbußen schon zu richtig großen Problemen führen (sicher noch viel mehr in den unteren Ligen). Der Anteil an den Einnahmen durch den Verkauf von Tickets liegt übrigens in der 1.Liga bei 13% und in der 2.Liga bei 17%. Es ist natürlich davon auszugehen, dass dieser Anteil zwischen einzelnen Klubs massiv variieren kann.
Ihr wisst ja bereits, dass ich mit Medizin nichts am Hut habe. Gleiches gilt auch für Ökonomie. Und vielleicht habe ich auch hier einen massiven Denkfehler, aber ich frage mich gerade, ob es für einen Klub schlimmer ist, wenn er bis Ende Mai nicht weiß in welcher Liga er nächste Saison spielt oder wenn er bis dahin etwa fünf Heimspiele ohne Zuschauereinnahmen finanziell abfedern muss? Diese Abwägung ist einer der Knackpunkte und es gibt bei beiden Entscheidungen Verlierer. Eine ganz vorsichtige Schätzung, die bereits knapp zehn Jahre alt ist, geht von 110.000 Beschäftigungsverhältnissen im Zusammenhang mit den Bundesligen aus. Tendenziell sind heutzutage wohl eher mehr. Es geht also um eine Menge Jobs und natürlich nicht primär um die der wohlverdienenden Kicker der ersten beiden Ligen. Es geht da eher um den Caterer, der den Ballsaal mit Essen beliefert oder den Dienstleister, der den Ordnungsdienst im Stadion stellt. Wie gut können die den Ausfall von fünf Spielen abfedern, den es auch schon bei der Durchführung von Geisterspielen gäbe? Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wie gut die gleichen Firmen und Beschäftigten ggf. fehlende Aufträge aus den Bundesligen aushalten bis der ganze Betrieb wie bisher weiterläuft. An dieser Frage sollten sich Ökonomen ganz schnell den Kopf zerbrechen, bevor womöglich die falsche Entscheidung getroffen wird.

Ohne Euch eine zufriedenstellende Antwort zu liefern, haue ich hier jetzt mal meine Vorstellung raus: „Das Saisonende soll dann ausgespielt werden, wenn es wieder möglich ist, dass Zuschauer in die Stadien dürfen„. Denn nur wenn Spiele nachgeholt werden, können die Klubs und Dienstleister im Bundesliga-Betrieb Einnahmen generieren. Für die Zeit in der keine Spiele möglich sind (bzw. momentan anscheinend Geisterspiele angedacht sind), muss eine Lösung gefunden werden, die auf anderen Ebenen bereits formuliert wurde (Stichwort: Überbrückungskredite) Das würde ich sofort unterschreiben, denn Fußball sollte für Fans da sein und keinen Selbstzweck erfüllen.

Da nahezu alle Ligen rund um den Globus diese Probleme haben, stelle ich mir vor, dass Spielpläne auch global angepasst werden können. Gerade im Hinblick auf internationale Wettbewerbe sollten sich die Verbände bei dieser Frage abstimmen und nicht alle ihr eigenes Süppchen kochen (im Hinblick auf die EM sicher noch sinnvoller). Und auch mit Blick auf Vertragslaufzeiten von Spielern, wäre das mehr als sinnvoll, da es sicher zu der ein oder anderen Saisonüberschreitung dadurch kommt. Und da die DFL ja bekannt dafür ist, meist erst wenige Wochen vor dem Spiel dieses auch zeitgenau anzusetzen, sollte ein wenig Spontanität möglich sein. Das Problem hierbei ist aber natürlich auch, dass ein komplettes Aussetzen der Bundesligen (oder späteres „Nachspielen“) eine langfristige Entscheidung wäre. Da aber anscheinend niemand so wirklich abschätzen kann, wie die Lage z.B. im April ist, könnte es dann eben eine schlechte Entscheidung gewesen. sein, wenn dann ein geregelter Spielbetrieb wieder möglich wäre.

In diesem Text lest ihr häufig den Konjunktiv. Das liegt daran, dass es wahnsinnig schwer ist abzuschätzen, wie sich die Situation entwickelt. Und die DFL fährt hierbei leider einen Schlingerkurs und versucht die Verantwortung auf die Länder bzw. die Klubs abzuschieben bzgl. der Frage Geisterspiel/Absage/so-wie-immer, indem sie schreiben „Sollte es keine anderslautenden Verordnungen der Behörden vor Ort geben, dann werden die Begegnungen des kommenden 26. Spieltags in beiden Ligen ausgetragen„. Das ist fatal, denn so kämen wir ziemlich schnell in den Bereich der Wettbewerbsverzerrung. Denn wie Leipzig-Trainer Julian Nagelsmann richtig anmerkt sollte man nicht unterscheiden „zwischen Bundesländern, wo mehr Infizierte aktuell leben und zwischen Bundesländern, wo weniger Infizierte leben„. Das würde zu einem unfairen Wettbewerb führen. Und da das Bundesland Bayern bereits Nägel mit Köpfen gemacht hat, bleibt vor diesem Hintergrund zumindest für den kommenden Spieltag eigentlich nur die Lösung „Geisterspiele“.

Wie man es dreht und wendet, es werden schwierige Zeiten auch auf den Fußball zukommen. Und natürlich muss man sich die Frage stellen, ob es überhaupt Sinn macht den Betrieb fortzuführen, wenn es offensichtlich gerade ganz andere, wichtigere Themen gibt, die mehr Aufmerksamkeit verdienen. „The show must go on„, nur damit in Zukunft auch weiter ein jetzt geplanter Rahmenterminkalender durchführbar ist, erscheint mir hierbei ein falscher Ansatz.

// Tim

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