Hopp, Hopp, Hopp – DFB Schweinchen Galopp

Profifußball im Jahr 2020. Die ganz große Liebe ist bei Vielen einer kompletten Entfremdung gewichen.
Gründe dafür gibt es viele, neben der zunehmenden Kommerzialisierung seitens der Vereine und der zunehmenden Repression seitens der Polizei (insbesondere) für Auswärtsfans haben auch die Verbände (FIFA, UEFA, DFB/DFL) sicher einen großen Anteil daran. Und um Letzteren geht es heute, bzw. um seinen Umgang mit Dietmar Hopp.
Und wie so oft: Es gibt hier natürlich kein Schwarz & Weiß, es ist kompliziert.
(Titelbild: Gedacht zur Entspannung in dieser aufregenden Zeit.)

Dieses Thema ist deswegen so kompliziert, weil es eben verschiedene Ebenen hat.
Die eine ist die Kritik an Hopp, die man teilen kann oder auch nicht, die man teilen und trotzdem in der Ausdrucksform für überzogen halten kann.
Die andere Ebene ist der Umgang mit dieser Kritik seitens des DFB, was heute zu mehreren Unterbrechungen in der ersten Bundesliga führte.

Es wird uns nicht gelingen, diese beiden Ebenen komplett und allumfassend zu beleuchten und am Ende die alleinige Weisheit hervorzuzaubern, wir würden aber schon gerne etwas zur Versachlichung der Debatte beitragen.

Ebene 1 – Die Kritik an Dietmar Hopp

Wir sind keine sonderlichen Freunde von Dietmar Hopp und finden die TSG Hoffenheim eher so la la. Uns würden auf Anhieb zig Vereine einfallen, die wir lieber in der 1.Bundesliga sehen würden.
Trotzdem halten wir die Kritik an ihm und insbesondere die Art und Weise für überzogen.
“Überzogen” ist allerdings vieles, was in Fankurven stattfindet, insbesondere wenn es verkürzt seinen Weg auf Tapeten oder in Gesänge findet. Fankurven sind kein Rhetorik-Seminar, Vereinfachung und Zuspitzung ist den Gegebenheiten geschuldet. Dies ist kein Freifahrschein für alles, trotzdem wichtig für die Gesamtbetrachtung.

Was sind denn die Kritikpunkte?
In erster Linie ist es natürlich die Ohnmacht, die man als Fan anderer Vereine empfindet, wenn da ein Milliardär ankommt und “seinen” Verein in den Profifußball hochpowert, weil Geld einfach keine Rolle spielt. An einem Standort, der null Tradition hat (jaja, 1899 Hoffenheim, schon klar) und der dadurch logischerweise langfristig einen “echten” Verein verdrängt.
(Anmerkung: Bei diesem Punkt kann man schon leichte Bauchschmerzen haben, denn immerhin hat Hopp hier nicht irgendeine Lizenz in einer höheren Liga aufgekauft und dann ein Kunstprodukt dahin gesetzt, wo es seinem Unternehmen am meisten Rendite verspricht, mit der Option sich wieder zu verabschieden, wenn es woanders mehr Geld gibt. Und er hat dies sauber über die Jahre mit der nötigen Infrastruktur wachsen lassen. Ja, dafür hat der Verein insbesondere in der 3. & 2.Liga finanzielle Voraussetzungen gehabt, die anderen der gleichen Ligen unmöglich waren, aber… Profifußball ist halt ein Geschäft. Können wir doof finden, aber der Zug ist schon lange weg. Und er hat es eben zumindest sauber durchgezogen und das Geld vernünftig eingesetzt. Man kann das Geld durchaus sinnloser verbrennen (Hallo Nachbar, hallo 1860) oder den ganzen Weg wesentlich schmutziger gehen (Hallo Red Bull Konzern).

Insbesondere die Fanszene des BVB hatte sich sehr früh dazu entschieden, einen persönlichen Krieg mit Dietmar Hopp zu beginnen und ihn als Wurzel alles Bösen zu bezeichnen.
Wahrscheinlich hätte sich dies irgendwann dann auch wieder beruhigt, es kam dann allerdings einiges zusammen.
Schon 2011 gab es die “Schall-Attacke” der TSG Hoffenheim gegen Dortmunder Gästefans. Ja, offiziell ein Einzeltäter, von dem die TSG nicht wusste. Kann man glauben, muss man nicht.
Und in den Folgejahren ging Dietmar Hopp dann regelmäßig gerichtlich gegen “Schmähplakate” vor.

Es ist sicher müßig zu spekulieren, ob die Karawane ohne diese “Gegenwehr” von Hopp bereits zu Herrn Mateschitz weitergezogen wäre, wo sie aus unserer Sicht deutlich besser aufgehoben wäre.
Und natürlich ist es, insbesondere wenn Gerichte ihm dann auch noch Recht geben, sein gutes Recht diesen Weg zu beschreiten.
Niemand fände es sonderlich toll, in aller Öffentlichkeit als “Hurensohn” bezeichnet zu werden. Niemand möchte das eigene Gesicht auf einem Doppelhalter hinter einem Fadenkreuz sehen. Und natürlich muss sich das auch niemand gefallen lassen.
Trotzdem stünde hier (aus unserer ganz subjektiven Sicht) einem Milliardär, der selbst gewählt die Öffentlichkeit im Profisport sucht, etwas mehr Gelassenheit gut zu Gesicht.
Die Anfeindungen lächelnd zur Kenntnis nehmen, sich seinen Teil denken, abprallen lassen, wegignorieren.

Und nein, es handelt sich nicht um eine “Diskriminierung” wie bei Rassismus oder Sexismus.
Herr Hopp wird angefeindet und sowohl die Wortwahl “Hurensohn” als auch das Bebildern mit dem Fadenkreuz ist nichts, was uns gefällt oder wir uns irgendwie als Form der Kritik selber wählen würden. Finden wir nämlich kacke.
Doch wir kommen jetzt zurück zur oben erwähnten “Vereinfachung / Zuspitzung”.

“Dietmar Hopp – wir finden Dich eher uncool!”
Ja, kann man so formulieren. Kann man dann aber auch gleich lassen.
Und wie viele Fälle gibt es denn aus den letzten 100 Jahren, in denen in Fankurven kritisierte Personen aus der Oberschicht tatsächlich Opfer von physischen Angriffen wurden, von fliegenden Bierbechern mal abgesehen?
Will sagen: Dieses “Rumhupen” in Fankurven hat in der realen Welt kein Echo.
Ganz anders als Rassismus und Sexismus, die ganz reale Erlebnisse für diskriminierte Menschen sind.
Eine Gleichsetzung verbietet sich von selbst.
Dementsprechend zielen auch “Was ihr da macht ist doch nur whataboutism”-Vergleiche ins Leere.

Ebene 2 – Die neue Umsetzung durch den DFB / die DFL

Die jetzige Eskalation begann mit dem Spiel des BVB in Hoffenheim im Dezember 2019. Es gab (wie immer) entsprechende Statements des Gästeblocks gegen Dietmar Hopp, die jetzt im DFB-Urteil im Februar 2020 zu einer zweijährigen Sperre für BVB-Fans bei Auswärtsspielen in Sinsheim führten.

Man kann Fußballfanszenen vieles Schlechte unterstellen – aber fehlende Solidarisierungseffekte waren wohl noch nie ein Thema. Und so kam es, wie es nach dem DFB-Urteil kommen musste, schließlich hatte dieser seine Abkehr von Kollektivstrafen jetzt selbst wieder verlassen.
Letzte Woche zündeten die Gladbacher Eskalationsstufe 1, heute zogen dann die Bayern nach. Und beide Fanszene sind nun wirklich nicht als Freunde der Dortmunder bekannt, eher im Gegenteil.

Und nun verloren die Medien jedes Maß. Kein Superlativ durfte fehlen, lediglich die Schlagzeile “Im Gästeblock wurden Katzenbabys lebendig gehäutet und mit Corona-Viren eingerieben” suchen wir noch vergeblich.

Mittlerweile stehen alle Akteure an und um den Mittelkreis. Ein paar unterhalten sich, viele sind einfach nur geschockt und wenige schieben sich die Kugel hin und her.

https://web.de/magazine/sport/fussball/bundesliga/liveticker/bl/konferenz/8936115/ (Minute 83)

Für’s Protokoll: Es wurde niemand getötet.
Niemand wurde verletzt.
“…viele sind einfach nur geschockt…”
Ja, web.de mag jetzt nicht zwingend die Speerspitze des gehobenen Sportjournalismus sein, aber auch der Kommentar des Chefredakteur des Kicker ist nicht viel sachlicher.
Ein sehr privilegierter und wohlhabender Mann sieht sich Anfeindungen ausgesetzt, die sicher unter die Gürtellinie gehen aber weiterhin weit entfernt von einem echten und realen Bedrohungsszenario sind.

Die “häßliche Fratze des Fußballs” (K.H.Rummenigge) ist aus unserer Sicht weiterhin der Rassismus und Sexismus in Fankurven. Und natürlich ist auch “Hurensohn” sexistisch – und ja, das ist scheiße, schrieben wir schon. Wir werden hier jetzt nicht Sexismus unterschiedlich werten, trotzdem sollte die Unterscheidung der “Zielgruppe” sich hier den meisten von selbst erklären. Und die “trotzige” Reaktion der Fankurven als Antwort auf die jüngsten Urteile, wo das Wort jetzt eben bewusst weiter verwendet wird, in eben diesem Kontext.
In den letzten Wochen gab es genug Vorfälle, in denen man damit hätte beginnen können, Exempel zu statuieren. Ob es beim Herthaner Torunarigha im Pokal auf Schalke war oder bei Würzburgs Kwadwo in Münster – Spielunterbrechungen gab es nicht.
Sexistische Transparente gab es zuletzt auch zuhauf. Spielunterbrechungen? Fehlanzeige.
Und nochmal: “Whataboutism” ist hier das falsche Wort. Der heute viel zitierte “Tag X”, an dem “jetzt endlich begonnen werde” den zahlreichen Anfeindungen aus Fankurven entgegenzutreten ist einfach unglaubwürdig, wenn es um einen privilegierten Milliardär geht, dessen Unternehmen rein zufällig auch noch ein wichtiger und finanzstarker Partner des DFB ist.

Wer die Bilder heute aus Hoffenheim sah, in denen Rummenigge Hopp tröstend in den Arm nahm und Hoffenheimer Fans (wohlgemerkt: bei einem 0:6) wütend einen Spielabbruch forderten, der kann nur den Kopf schütteln. Sind denn alle völlig verrückt geworden?

Es gibt viele Kommentare und Meinungen zu dem Thema, die bereits veröffentlicht wurden – und es fällt bei vielen davon schwer, auch nur bis zum Ende durchzuhalten.

Wir schließen daher mit einer Leseempfehlung für den Spiegel, den Tagesspiegel , zweifach Schwatzgelb.de (“Der Tanz um den goldenen Dietmar” und “Eine Zäsur“), die Wortpiratin und diese vierteilige Tweetkette von Nicole Selmer:

Nachtrag: Den überflüssigsten Tweet des Tages hat dann noch Thomas Müller abgeliefert. Danke an BAFF für die Einordnung:

// flippa, Tim & Maik