Zuschauer*innen-Konzept der DFL – 8.400 Fans am Millerntor?

DFL und DFB haben ein Konzept vorgelegt, wie sie sich Fußball in den obersten Ligen wieder mit Fans vorstellen können. Wie schon bei der Frage “Geisterspiele oder Saisonabbruch?” gibt es hier keine goldene Lösung, da “100% Fassungsvermögen” auf absehbare Zeit unrealistisch sein dürfte.

Das ausgearbeitete Konzept umfasst (inklusive Inhaltsverzeichnis und Anlagen) 41 Seiten und mein Text ist lediglich eine Zusammenfassung mit ein paar eigenen Gedanken. Für genauere Details schaut gerne in das Original.
Es wirkt (wie schon das medizinische Konzept zum Re-Start) sehr gut durchdacht und scheint mindestens eine gute Grundlage für die nächsten Wochen zu sein, auch für die Gespräche mit den lokal zuständigen Gesundheitsämtern. Aber: Es handelt sich nur um eine Empfehlung, keinen Gesetzestext.

Unter anderem im Dokument zu Berücksichtigen gilt es:

  • Berechnung einer möglichen (Corona) Gesamtkapazität
  • Einbeziehung von Fan-Interessen (hört hört!)
  • An- und Abreise
  • Zugangskontrollen
  • Catering & Sanitäre Anlagen

Beginnen wir mit der wichtigsten Frage: Wie viele Menschen dürfen denn wieder ins Stadion?
Die richtige Antwort lautet natürlich: Es kommt darauf an.

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Und zwar neben der normalen Stadiongröße auch noch die Verteilung von Steh- und Sitzplätzen, An- und Abreisesituation und (natürlich) das lokale Infektionsgeschehen. Und überhaupt: Das Konzept ist hierbei kein in Stein gemeißeltes Gesetz, sondern ein Orientierung, die eben vor Ort angepasst und auf Herz und Nieren geprüft werden muss – mit Flexibilität natürlich nach unten und (hoffentlich) bei besonderen Voraussetzungen auch nach oben,

Wenn wir uns hier mal das Millerntor als Beispiel nehmen, so kommt man in der positivsten Auslegung des Konzeptes auf eine Zahl von ca. 8.400 Zuschauer*innen im Stadion, verteilt auf ca. 6.300 Sitz- und 2.100 Stehplätze. Diese Zahlen entsprechen (auf 100er gerundet) 50% des Sitzplatz- und 12,5% des Stehplatzvolumens.
Diese Zahlen bleiben trotzdem ziemlich grob, denn die Separées müssen separat (haha) betrachtet werden – und wie das mit dem Gästeblock aussieht, weiß man ja auch noch nicht.

Hierbei geht das Konzept von verschiedenen “Pandemie-Leveln” aus, jeweils gerechnet auf “Neuinfektionen pro Woche pro 100.000” Einwohner*innen am Veranstaltungsort. Wie genau das dann betrachtet wird, ob eine Stadt wie Dortmund dann für sich zählt oder eher ein größeres Einzugsgebiet oder sogar ganz NRW, dies ist dann wohl Sache des jeweiligen Gesundheitsamts. Die Zahlen sind sicher nicht gewürfelt sondern wahrscheinlich schon mal grob mit dem ein oder anderen Gesundheitsamt “abgeklopft”, aber wie die letzten Monate zeigen, ist hier durch die föderale Zuständigkeit auch gar keine bindende Zahl möglich
Jedenfalls sollten lt. Konzept ab 35 Fällen (pro Woche auf 100.000 Menschen) die Stadien leer bleiben, von 5-35 Fällen eine Zulassung “unter zu definierenden Auflagen” stattfinden und bei unter fünf Fällen eine “sukzessive Rückkehr zum Normalbetrieb in lokaler Abstimmung mit dem lokalen Gesundheitsamt” stattfinden. Auch diese Zahlen sind natürlich nur Richtwerte, von denen das Gesundheitsamt logischerweise abweichen kann.
Hamburg hat aktuell einen Wert von 0,4 pro 100.000. Klar ist aber auch, dass sich diese Zahl insbesondere zum Ende der Sommerferien auch sehr schnell wieder steigern kann.
Was im Konzept nicht klar wird, ist, ob die folgenden Zahlen nun “zu definierende Auflagen” oder schon “Rückkehr zum Normalbetrieb” sind, ich gehe aber mal von ersterem aus und bei entsprechenden Fallzahlen wäre daher auch eine deutlich höhere Zahl wieder möglich.

Screenshot: DFB/DFL-Konzept

Diese Zahlen sind (mit Verlaub) für reine Sitzplatzstadien wohl noch irgendwie akzeptabel, für Stadien mit hohem Stehplatzanteil (wie das Millerntor und die Alte Försterei) hingegen ein Desaster. Bei Union dürften dann sogar nur etwa 4.100 Menschen das Spiel im Stadion verfolgen – sollte Union von den Zahlen also vorher schon gewusst haben, ist ihr Vorstoß vom vergangenen Freitag vielleicht etwas verständlicher, denn dann wollte man mit dieser (unrealistischen) Maximalforderung einfach schon mal etwas den Diskurs verschieben.

Beim FC St.Pauli dürfte man allerdings mit diesen Zahlen ebenso wenig anfangen können, denn bei ca. 15.600 Dauer-/Saisonkarten würde dies bedeuten, dass nur jedes zweite Spiel für diesen Personenkreis zugelassen ist – und ob sich da dann der ganze logistische (und finanzielle) Aufwand (Einlass, Ordner, Sanitärbereiche) überhaupt lohnt, ist mindestens fraglich.
Andererseits würde es diesen Fans ermöglichen, von etwa sieben verbleibenden Heimspielen im Jahr 2020 drei-vier zu sehen. Besser als nichts? Ich komme im Fazit drauf zurück.

Das Konzept enthält weitere Gedankenspiele zu An- und Abreise, zur Situation im Sanitär-Bereich und im Catering, die zwar alle wichtig sind, aber im Detail hier zu weit führen und auch logistisch nicht unlösbar sind. Die Lage des Millerntor ist hier sicher auch ein Pluspunkt, für viele ist eine Anreise zu Fuß oder mit dem Rad sicher möglich – und es sind dann ja eben auch nicht mehr knapp 30.000 Menschen, selbst die ÖPNV-Situation dürfte deutlich entspannter sein als “normal”.

Eine Frage die sich hierbei stellt ist die, wie es eigentlich mit der “Umrüstbarkeit” der Stehplätze aussieht, schließlich hatten wir beim Stadionumbau doch auch schon die Vision vom Europapokal und der damit verbundenen Notwendigkeit, zumindest Steh- in Sitzplätze zu verwandeln. Sven (Fanladen) hatte dazu bereits in unserer Sendung vom Montag gesagt, dass dies momentan kein Thema mehr sei, eine Nachfrage im Verein ergab hier, dass es (auch für ein Halbjahr gerechnet) schlicht zu teuer sei.
(Was das für Europapokalspiele ab übernächster Saison bedeutet beleuchten wir dann, wenn es soweit ist.)

Das Konzept gibt auch weitere Empfehlungen an die Hand, so sei (um den Einlass zu entzerren) ein attraktives Rahmenprogramm zu empfehlen. Ich hab da beim FCSP weniger Angst als bei anderen Vereinen, was dies konkret bedeuten könnte, aber es schauert mir da schon. Bei Alkohol und Gästefans hält man sich zwar noch leicht bedeckt aber die Tendenz geht hier wohl in beiden Fällen in Richtung “Nein”.
Beim Thema “Alkohol” kann ich dieses “Nein” verstehen. Wenn schon bei Sicherheitsspielen Alkohol verboten ist, so ist diese Extremsituation sicher vergleichbar. Und auch wenn jede*r für sich sagen mag “Ich kann auch mit 2-3 Bier noch Abstand halten!”, so zeigt die Praxis der letzten Wochen, dass dies in der Realität eben oftmals anders ist. Will sagen: Wenn alles andere passt, wäre dieser Punkt für mich absolut verschmerzbar.
Beim Thema “Gästefans” wird es dann schon schwieriger, auch Sven hatte dazu im Podcast schon einiges ausgeführt. Nehmen wir mal die (wahrscheinlich aktuell bestmögliche) Zahl von ca. 15.600 Menschen (= alle Dauerkarten) – dann kämen (im Normalfall) 10% Gästetickets dazu und wir wären schon bei gut 17.000 Menschen im Stadion.
Wenn wir die oben errechneten 8.400 nehmen, wären die Gästetickets da ja wahrscheinlich schon drin, also ca. 840 Tickets für den Gast, im Gästeblock. Will man diese Anzahl von Personen nun pro Spieltag (und für die 1.-3.Liga sind das 28 Spiele pro Wochenende) nun “nur für das Vergnügen” durch Deutschland reisen lassen und damit das Infektionsrisiko erhöhen? Sven merkte aber auch an, dass es in Städten wie Hamburg für viele Vereine wahrscheinlich gut machbar wäre, sogar im Hamburger Umland genügend Personen zu finden, die Fan des jeweiligen Vereins sind und den Gästeblock so ohne viel Reisetätigkeit füllen könnten.
Für den Gästeblock in Sandhausen beim Heimspiel gegen Kiel hingegen könnte ähnliches schwieriger werden.
Und wie verhält es sich bei Derbys oder Spielen in regionaler Nähe, beispielsweise in NRW? Spätestens da wäre das Reiseargument großer Quatsch.
Es gilt also (wie so oft), dass es keine perfekte Lösung gibt, allerdings sollte man sich auch hier die Antwort nicht zu leicht machen und vielleicht sogar pro Verein und pro Gastverein individuelle Lösungen schaffen – auch wenn dies bei der komplexen Gemengelage und dem Bemühen für DK-Inhaber*innen generelle Lösungen zu finden sicher auch eine Herkules-Aufgabe ist.

Wie schon erwähnt, scheut das Konzept hierzu klare Vorgaben – und wahrscheinlich ist dies auch gut so, denn ein generelles “Verbot” von Gästetickets (und auch Alkohol) dürfte von den allermeisten Vereinen wahrscheinlich liebend gerne angenommen werden, mit einem “Tja, liebe Fans, wir würden ja gerne, aber DFB/DFL…”.
Diese Entscheidung kann von der DFL-Versammlung zwar noch kommen und wahrscheinlich wäre ein einheitliches Vorgehen zumindest in Bezug auf das Gästekontingent sogar wünschenswert, allerdings befürchte ich aktuell, dass diese Einheitlichkeit dann nur ein Verbot mit sich bringen wird.
Hier benötigt man sicher schon vor der DFL-Versammlung eine Allianz von Vereinen, die auch dazu ein gutes Konzept erarbeiten, welches größtmögliche Flexibilität ermöglicht.

Fazit:
Ich schrieb es eingangs schon, die “goldene Lösung” gibt es nicht, wie auch schon bei der Wiederaufnahme des Spielbetriebs. Es geht darum, hier aus zig furchtbar schlechten Alternativen die auszuwählen, mit der man noch “am wenigsten schlecht” leben kann.

  • “Alle oder keiner” ist eine Forderung, die mir inhaltlich total sympathisch ist, die wohl aber in der Praxis nur zu weiteren Problemen führt. Je nach erlaubter Zahl von Zuschauer*innen wäre sie aber natürlich sowohl wirtschaftlich (Kosten/Einnahmen) als auch als Zeichen der gesellschaftlichen Verantwortung zumindest temporär zu erfüllen. Ob diese Zahl 5.000, 10.000 oder 15.000 (beim FCSP) ist, muss dann sicher abgewogen werden.
    Und will hier ein Verein Vorreiter sein, wenn alle anderen sich auch mit Kleinstmengen an Fans begnügen? Ist das dann neben dem wirtschaftlichen Nachteil auch zusätzlich noch ein sportlicher?
  • 8.400 Zuschauer*innen am Millerntor klingen erst mal besser als nichts, sind aber natürlich auch viel zu wenig. Aber es wäre eine Möglichkeit für den Verein, Fans wieder zuzulassen. Und es wäre eine Chance für einen Teil der Fans, zumindest (z.B.) jedes zweite Spiel im Stadion sehen zu können. Mit all den Einschränkungen und negativen Begleiterscheinungen, die damit einhergehen.
  • gut 15.000 Zuschauer*innen am Millerntor (und damit zumindest alle Dauerkarten) wären als Minimum wünschenswert, scheinen aber ein noch ziemlich weiter Weg zu sein. Dazu die beschriebene Problematik, wie man mit dem Gästekontingent umgeht.
  • 29.546 Menschen am Millerntor muss es so schnell wie möglich wieder geben – aber “so schnell wie möglich” wird sicher nicht vor 2021 sein.

Für den Verein geht es also jetzt darum, verschiedene Dinge auszuloten.
Wie viele Personen bekommt man (realistisch) in welcher Form momentan ins Stadion, bei gleichbleibendem Infektionsniveau? Und was, wenn die Zahlen wieder steigen?
Wie bekommt man die bestmögliche Verteilung hin? Sind Dauerkarteninhaber*innen von Stehplatztickets bereit, auch mal auf Sitzplätze umzuziehen? Will überhaupt jede*r in Besitz einer DK auch unter diesen Voraussetzungen ans Millerntor, oder verzichten einige freiwillig?
(Und “freiwillig” bedeutet natürlich nicht, einen fast schon erpresserischen Verzicht wie beim 1.FC Köln anzustreben, wo man sich einen bevorzugten Zugang zum Lostopf erkaufen kann, wenn man schon vorab auf Geld verzichtet.)

Bei allen Lösungen und Vorschlägen, die da in den nächsten Wochen noch kommen, sollten wir uns also die Zeit und Ruhe nehmen, diese anzuschauen und von möglichst allen Seiten betrachten. Ein einfaches “Das ist scheiße!”, wie es in der heutigen Zeit leider oft geäußert wird, ist in der Sache meist nicht hilfreich und oft auch nicht gerechtfertigt. Konstruktives Vorgehen wird hier nötig sein, wenn man denn möglichst vielen Menschen den Stadionbesuch wieder ermöglichen will.
Einfach wird es aber sicher nicht.

// Maik

Links:
– Download des DFB/DFL-Konzepts (pdf)
– Das Textilvergehen mit einem Blick aus Union-Sicht

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