In leere Worthülsen gepackte Bedeutungslosigkeit

Die DFL hat am späten Freitagnachmittag eine “gemeinsame Erklärung aller Clubs der 2. Bundesliga” veröffentlicht. Es ist eine Aneinanderreihung nichtssagender, im besten Fall nennen wir es mal Absichten, die da formuliert wurden. Der Inhalt: Die Clubs stimmen darüber ein, dass sie sparen müssen. Welch Erkenntnis! Nach mehr als 9 Monaten Corona-Pandemie ist es nun auch bei den letzten Club-Offiziellen der Liga angekommen: Die Lage ist ernst. Kann doch nicht deren Ernst sein diese Erklärung! Ist es vermutlich auch nicht.
(Photo by Thomas Eisenhuth/Bongarts/Getty Images/via OneFootball)

Der exakte Wortlaut macht die Erklärung nicht besser bzw. erleuchtender: “Die durch die Corona-Pandemie entstandenen (…) Einnahmeeinbußen (…) haben erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen auch auf die Clubs der 2. Bundesliga.” Ach hör doch auf, das ist mir neu! Nee… was? Einbußen? Wusste ich noch gar nicht!
Na gut, das sind einleitende Worte, da mag dann später noch was kommen. Zum Beispiel der Hinweis auf die reduzierten Einnahmen aus den TV-Verträgen. Huiuiuiui! Jetzt wird hier aber ein dicker Klimax aufgebaut in der Erklärung. Ich kann es kaum erwarten, was jetzt kommt!!! Voerst die Einstellung des Spielbetriebs? Ein Streik?! Zumindest die gemeinsame Absicht, dass TV-Gelder fairer verteilt werden? Sag schon, was es ist! SAG ES!
Daher haben es sich die Clubs der 2. Bundesliga gemeinsam und in geschlossener Linie zur Aufgabe gemacht, Änderungen der clubindividuellen Kostenstrukturen anzustreben (…)

. . .

Häh?!

Bundesweit nahezu einheitliche Reaktion auf die “gemeinsame Erklärung aller Clubs der 2. Bundesliga

Völlig zurecht ist dieser erste Impuls der richtige auf diese Erklärung. Was soll sowas? Haben da tatsächlich die Klubs der 2.Liga festgestellt, dass die finanzielle Situation hart ist und sie alle sparen müssen? Eine Erklärung wie ein Eingeständnis vollkommener Dämlichkeit.

Aber während die meisten nach Lesen dieser Mitteilung vermutlich dachten “Was ne selten dämliche Erklärung. Sind die auch endlich darauf gekommen, dass die Corona-Krise existenzbedrohend ist?!” und im Anschluss sich nicht weiter darum kümmerten, hat mich das Thema weiter beschäftigt.

Ja, es ist eine selten dämliche Erklärung. Und deshalb bleibt bei mir die Frage: Wie kann es sein, dass sich Vertreter*innen aller 18 Zweitligaklubs treffen und so ein Murks dabei herauskommt? Was ist da schiefgelaufen bzw. was hätte bei der Thematik herauskommen sollen?
Denn ich bin mir sicher, dass es nicht eine gemeinsame Erklärung geben würde, wenn da nicht im Hintergrund irgendwelche Interessen hinter stehen. Warum sonst sollten sich die Klubs mit sowas freiwillig dem Spott ausliefern?
Daher frage ich mich, was die Klubs damit bezwecken wollen. Schauen wir uns das also einmal genau an:

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gemeinsam und in geschlossener Linie, Änderungen der clubindividuellen Kostenstrukturen” anstreben – Klar, die Klubs wollen und müssen alle irgendwo Geld einsparen. Das tut bisher jeder Klub für sich allein. Gehaltsverzicht von Spielern, Kurzarbeit der Mitarbeiter*innen, Stundungen von laufenden Krediten, Neuaufnahme weiterer Kredite, etc. Die Liste der Maßnahmen ist noch weit länger.

Die Kostenstrukturen gemeinsam zu reduzieren – wie soll das gehen? Soll ein einheitlicher Prozentsatz geschaffen werden, auf den die Spieler der einzelnen Klubs verzichten? Einigen sich die Klubs darauf, dass sie alle die Hälfte der Mitarbeiter*innen entlassen? Werden Fanshops und Medienabteilungen zukünftig zusammengelegt? Spielen sie alle nur noch in Braunschweig, damit die Reisewege nicht so lang sind? Einigen sie sich darauf, dass sie nur noch 5-gegen-5 spielen, damit die Kadergrößen verringert werden können?

Nein, es gibt sie nicht die richtige Erläuterung für das, was hinter dieser Erklärung steckt. Ich habe da jetzt lange drüber nachgedacht und es gibt nichts, wirklich keine Kostenstelle in den Klubs, die “gemeinsam und geschlossen” reduziert werden könnte, ohne das irgendeinem Klub Nachteile entstehen. Denn sicher ist, dass der Großteil aller Kostenstellen in den einzelnen Klubs absolut optimiert sind, sodass dort nicht mal eben Gelder eingespart werden können.
Aber es gibt eine Kostenstelle, die bei vielen Klubs sicher nicht optimiert ist: Der Spielerkader. Und das ist meist einer der größten, wenn nicht sogar der größte Kostenfaktor in den Klubs. Aber sollten sich die 18 Zweitligisten ernsthaft mit der Absicht getroffen haben, um einen einheitlichen Gehaltsverzicht zu vereinbaren? Klingt wahnwitzig? Ja. Ist für mich aber die einzig logische Erklärung, wie es überhaupt zu diesem Treffen kam (da ich alle anderen ausschließen kann).

Häh?!

Die gleiche Reaktion an anderer Stelle.

Denn wie sollte so ein Gehaltsverzicht aussehen? Allein schon beim FCSP gibt es keinen pauschalen Gehaltsverzicht sondern “individuelle Lösungen“, also einen unterschiedlich großen Gehaltsverzicht. Und das ist auch der richtige Weg. Denn die Situation einzelner Spieler kann ganz unterschiedlich sein, sowohl aus finanzieller als auch aus sportlicher Sicht. Ein Spieler, der bereits kurz vor der Fußballer-Rente steht, wird da sicher anders auf ein Gehaltsverzicht reagieren als ein Nachwuchsspieler, der noch eine längere gutbezahlte Karriere vor sich haben wird. Wie soll das also ligaweit einheitlich funktionieren, wenn es schon auf Klubebene nicht geht?

Aber selbst wenn sich die Klubs auf sowas einigen würden (sei es ein festgesetzter Prozentsatz auf den alle Spieler verzichten sollen oder ein festgelegter Prozentsatz für Klubs, den diese dann frei händeln können), es ist nicht möglich das durchzusetzen, denn es gibt da noch eine Partei die zurecht mitreden darf: Die Spieler selbst.
Klar, Fußballer verdienen viel Geld und viele von uns würden sagen “wenn ich soviel hätte, dann würde ich freiwillig verzichten”. Aber so einfach ist es nicht, denn Fußballprofis leben bekanntlich in einer Blase fernab der finanziellen Realitäten der meisten Menschen.
Es könnten vermutlich viele Spieler sagen, dass sie einen gültigen Vertrag haben, der ihnen soundsoviel Knete monatlich verbindlich zusagt (Verträge mit Pandemie-Klausel werden erst seit dem Sommer abgeschlossen, wenn überhaupt). Und trotz der fehlenden Zuschauer-Einnahmen, trotz allgemein abnehmenden Interesse am Profifußball, die Spieler erbringen die Leistung für die sie bezahlt werden: Sie spielen Fußball. Unnötig zu erwähnen, dass eine Abmachung zwischen Klubs zu einem einheitlichen Gehaltsverzicht vor keinem Gericht der Welt standhalten würde, wenn da ein Spieler was dagegen hätte.

Entsprechend ist die von der DFL veröffentlichte Erklärung dabei herausgekommen. Weil sicherlich einige Klubs allein schon aus Gründen der Konkurrenz und unterschiedlicher wirtschaflticher Situationen kein Interesse an einer gemeinsamen Linie in dieser Sache haben. Die Absichtserklärung ohne verbindliches Irgendwas ist da dann der einzig gemeinsame Nenner der gefunden werden konnte.

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Falls jemand eine andere Idee hat, warum sich 18 Zweitligaklubs zu so einer gemeinsamen Erklärung zusammensetzen, möge er oder sie vortreten. Ich fürchte, dass es auf das Bestreben einzelner Klubs (oder aller?) einen Versuch gab, dass ein verbindlicher Gehaltsverzicht in der 2.Liga eingeführt wird. Ein Vorhaben, welches neben vielen anderen Problemen rechtlich überhaupt keine Grundlage hat.

Wenn man es gut mit dem Treffen der Klubs meint, dann könnte man noch auf die Idee kommen, dass sie mit einer gemeinsamen Erklärung versuchen würden eine Art Gegenpool zu den ominösen G15 aufzubauen (was allein schon dadurch Quatsch ist, da der HSV ja bei beiden Treffen Teilnehmer war). Und wenn dem so gewesen wäre, dann hätte die gemeinsame Erklärung auch in eine ganz andere Richtung gehen müssen. Stattdessen wird geschrieben in Bezug auf fallende Einnahmen: “Hinzu kommt die bereits jetzt bekannte Reduktion der Medienerlöse im Rahmen des neuen Rechtezyklus ab der Saison 2021/22.” – Das ist ja quasi eine Kapitulation gegenüber den Klubs, die sich gegen eine solidarischere Verteilung stellen. Meine Güte, das gibt es doch gar nicht! Erst unterhalten die sich über völligen Murks und dann kapitulieren sie auch noch bei den Verhandlungen zu den TV-Geldern…

Es scheint also dabei zu bleiben: Vertreter*innen von 18 Zweitligaklubs haben sich getroffen und sich über die Möglichkeit der einheitlichen Reduzierung von Kosten zu unterhalten, wobei es sich dabei nur um Gehaltskosten von Spielern gehandelt haben kann. Alle anderen Möglichkeiten sind völlig irrwitzig. Die mit dem Gehaltsverzicht jedoch auch.
Gerade in Zeiten in denen sich die reichsten Klubs des Ligaverbands formieren und damit deutlich machten, dass sie an einer solidarischen Verteilung künftiger Einnahmen nicht interssiert sind, gibt die zweite Liga leider ein erbärmliches Bild ab.

// Tim

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