Was los, 2.Bundesliga (nach 6 Spieltagen, 21/22)?

Was los, 2.Bundesliga (nach 6 Spieltagen, 21/22)?

Sechs Spieltage sind schon durch, es kristallisieren sich erste Trends mehr und mehr heraus. Die großen Namen der Liga haben sich in den letzten beiden Spielen ein wenig stabilisiert, während andere bereits ernüchtert feststellen, dass es diese Saison richtig schwer werden wird die Klasse zu halten. Dieses Mal werfen wir einen tieferen Blick auf zwei Klubs die an einem Ende eine 0 stehen haben: Den 1. FC Nürnberg und Erzgebirge Aue.
(Titelbild: Peter Böhmer)

Die Spitze der Liga? – HSV, SVW und S04

Das ist sie zumindest, wenn man nur die “expected Goals” betrachtet. Der Hamburger SV ist da mit einem bemerkenswerten Wert von 14.7 nach sechs Spielen vorne, gefolgt von Werder (12.4) und Schalke (10.7).
In der Tabelle sind aber Jahn Regensburg und der SC Paderborn vorne. Der Grund dafür ist, dass beide Teams enorm überperformen: Sowohl bei den eigenen xG, als auch bei den gegnerischen xG stehen sie besser da als es die xG-Werte vermuten lassen. Regensburg hat sechs Tore mehr erzielt und drei weniger gefangen, als nach xG wahrscheinlich. Das sind 1,5 Tore pro Spiel! Auch Paderborn ist bereits acht Tore besser, als nach xG wahrscheinlich (siehe Grafik unten). Wie immer gilt: Eine Entwicklung hin zum Durchschnitt ist immer zu erwarten. Es kommt ganz selten vor, dass Teams über eine ganze Saison weit bessere Ergebnisse erzielen als es die xG-Werte vermuten lassen.

Am anderen Ende der xG-Tabelle gibt es ein klares Schlusslicht: Der SV Sandhausen stellt nach xG die schwächste Offensive und auch Defensive der Liga und ist entsprechend auch nach den aus den xG-Werten abgeleiteten “expected Points” hinter Hansa Rostock Letzter. Sandhausen ist alles andere als gut in die Saison gestartet, konnte aber am 4.Spieltag in Aue gewinnen (die wohl auch selbst vor einer schweren Saison stehen – siehe unten). Und wie es dann meist so ist, wenn ein Team unten drin steht, kommt auch noch eine Verletzungsproblematik dazu, wie aktuell auf der Torhüter-Position.

Klar, expected Goals sind sicher alles andere als die einzig relevante Variable, um Fußballspiele vorhersagen zu können. Aber es wird beim Anblick der Grafik einmal mehr deutlich, wie wichtig es ist, sich hochkarätige Chancen zu erspielen: Auf den sechs letzten Plätzen befinden sich die fünf Teams mit dem niedrigsten offensiven xG-Wert (und Holstein Kiel, die sich da gerade heraus arbeiten). Traut euch was, Leute!

Noch immer ungeschlagen: 1. FC Nürnberg

Es gibt genau einen Klub, der bisher noch ungeschlagen durch die Saison gekommen ist: Den 1. FC Nürnberg. Zwar gab es erst zwei Siege in sechs Spielen und vier Unentschieden, aber es ist bereits jetzt ersichtlich, dass nach zwei Jahren mit teils doch recht argen Blicken nach unten (bis in die Nachspielzeit des Relegations-Rückspiels zum Beispiel) der Club nun deutlich stabiler daherkommt. Woran das liegt habe ich mal bei Florian Zenger erfragt. Der ist ja inzwischen so etwas wie ein Dauer-Interview-Gast bei uns im Blog. Aber es kommen halt auch immer spannende Einblicke zur aktuellen Lage in Nürnberg von ihm (und wenn der FCSP nunmal Spieler mit Nürnberg-Vergangenheit holt, dann frage ich da auch häufiger mal nach).

Bisher eine sehr stabile Truppe – Der 1. FC Nürnberg
(Sportfoto Zink/imago images/via OneFootball)

Flo, nach sechs Spielen ist der 1. FC Nürnberg das einzige Team, welches noch ungeschlagen ist. Wie bewertest Du den Saisonstart?

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Die sechs ungeschlagenen Spiele sind ein bisschen trügerisch, man hat auch nur zweimal gewinnen können, hat gegen Mannschaften wie Aue und Ingolstadt, die ja schon jetzt hinten in der Tabelle stehen, nur Remis gespielt. Man ist so ein bisschen gefangen im Limbus zwischen Sieg und Niederlage. Der Club ist gut genug, um immer mitzuhalten und schwer zu schlagen, aber meistens nicht gut genug, um das Spiel völlig an sich zu reißen. So gesehen ist der Saisonstart genau das, was Robert Klauß nach dem 2:2 in Regensburg gesagt hat: “okay”.

Trotz einer schwierigen Vorsaison wurde an Trainer Robert Klauß festgehalten. Was hat sich in Nürnberg im Vergleich zum Vorjahr verändert?

Gar nicht so viel. Das ist wahrscheinlich auch ein bisschen der Schlüssel dazu, dass der Club schwer zu schlagen ist. Man hat nur an kleinen Stellschrauben gedreht, hat die Grundordnung aber beibehalten: In der Innenverteidigung zwei erfahrene Leute mit Hübner und Schindler geholt, da war aber erst der eine, dann der andere verletzt, so dass die zwei noch gar nicht zusammen gespielt haben. Allerdings hat Christopher Schindler sich wirklich sehr gut eingeführt, führt auch Asger Strømgaard Sørensen neben sich so, dass er sich deutlich stabilisiert hat. Dazu kommt, dass man die Raute, die man schon im Vorjahr gespielt hat, noch etwas adaptiert hat, Johannes Geis spielt nun noch etwas tiefer, kommt dadurch besser in die Defensivduelle. Hinzu kommt ein – für mich durchaus erwartbarer – Leistungssprung bei Tom Krauß (Radar?), der trotz des jungen Alters in Sachen Intensität und Aggressivität schon sowas wie ein Führungsspieler ist. Dass jetzt vor allem Defensivspieler erwähnt werden, hat aber auch einen Grund, nach vorne ist man beim Club schon noch extrem abhängig von Mats Møller Dæhli. Ohne ihn geht nach vorne fast gar nichts. Das hat in der letzten Saison noch etwas besser funktioniert. Insgesamt hat man aber eben sich für etwas mehr defensive Stabilität entschieden. Das sieht man dann auch dran, dass man eben die Mannschaft ist, die die wenigsten Schüsse zulässt und die wenigsten “xG Against” hat.

Radar-Grafik von Johannes Geis (Türkis) im Vergleich zum Liga-Median auf der Position im zentralen Mittelfeld (Rot). In den Kategorien “Pässe ins letzte Drittel” und bei der Zweikampfquote gibt es aktuell keinen besseren in der Liga.

Basierend auf den “expected Points” könnte Nürnberg die zweitbeste Punkteausbeute der Liga haben. Passt das aus Deiner Sicht mit den gezeigten Leistungen zusammen?

In der Tabelle wäre der HSV Erster, also hat die auf jeden Fall ihre Schwächen. Im Ernst: Es spiegelt einerseits schon wieder, dass man eben die meisten Spiele hätte gewinnen können, andererseits überbewertet sie wahrscheinlich die Spielverläufe ein wenig. Gegen Düsseldorf hat man nur durch einen Elfmeter in der 97. Minute das Spiel nach xG noch gewonnen (vorher war man um knapp 0,4 hinten trotz 1:0-Führung), gegen Paderborn ist der Gegner früh in Führung gegangen und hat dann nichts mehr gemacht bis der Club nach einigen kleineren und größeren Chancen in Führung lag. Daher glaub ich, dass man die 11,2 xP mit aller nötiger Vorsicht genießen muss, aber daraus durchaus eben mitnehmen kann, dass der Club bisher in keinem Spiel übermäßig Glück hatte, dass er gepunktet hat.

Schalke 04, Werder Bremen und der HSV kommen langsam aber sicher ins Rollen. Kann Nürnberg trotzdem ein Wort um den Aufstieg mitreden?

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Mitreden wahrscheinlich schon. Eine Mannschaft die schwer zu schlagen ist, spielt normalerweise immer eine Rolle. In den letzten zehn Jahren ist nur einmal das Team mit den wenigsten Niederlagen nicht aufgestiegen, das war Kiel 2017/18. Persönlich glaube ich, dass es nicht ganz reichen wird, da man eben offensiv wahrscheinlich noch nicht genug Durchschlagskraft hat und insgesamt es zu wenig schafft, die Spiele auf seine Seite zu ziehen. Man wird aber wahrscheinlich immer so im Dunstkreis mitschwimmen, also so um den sechsten Platz, den man derzeit einnimmt, weil man eben doch recht unangenehm zu bespielen ist.

Danke für den interessanten Einblick, Flo!

Wenn es etwas gibt, woran es in Nürnberg aktuell noch etwas hapert, dann wohl die eigene Torausbeute. Die Daten zeigen, dass der FCN in den Offensiv-Statisiken durchaus oben mitspielen kann, aber es einige Teams gibt, die erheblich mehr Tore erzielt haben. Der FCN hingegen hat leicht weniger Tore erzielt als nach xG möglich. Auch die weiteren Offensiv-Daten (Anzahl Schüsse, Flanken, Ballkontakte im 16er) deuten darauf hin, dass der FCN tabellarisch, obwohl noch ungeschlagen, womöglich sogar noch etwas unter Wert wegkommt.

Ich persönlich denke, dass der 1. FC Nürnberg genau das eine Team sein wird, welches sich zusammen mit den Schwergewichten der Liga um den Platz an der Sonne streiten kann und auch wird. Gerade die Stabilität des Teams ist beeindruckend. Es fehlt einzig noch der letzte Punch in der Offensive, um auch gegen enorm destruktive Teams wie Ingolstadt und Aue zu gewinnen (beide Spiele endeten 0:0). Am kommenden Wochenende dürfte diese Fähigkeit erneut geprüft werden: Mit Hansa Rostock kommt ein ähnlich destruktiver Gegner ins Frankenland.

Noch immer sieglos: Erzgebirge Aue

Wo wir gerade bei destruktiven Gegnern sind: Der FC Erzgebirge Aue ist das einzig noch sieglose Team der 2.Bundesliga. Drei Unentschieden zu Saisonbeginn (0:0, 0:0 und 1:1 gegen Nürnberg, den FCSP und Schalke), seitdem drei Niederlagen – Aue ist nach sechs Spieltagen Letzter in der Tabelle.

Das hat natürlich seine Gründe. Da wäre zum Beispiel der Kader, der im Vergleich zur Vorsaion in der Offensive schlicht an Qualität verloren hat. Mit Florian Krüger (Bielefeld) und Pascal Testroet (Sandhausen) hat Aue zwei Spieler abgegeben, die in der Vorsaison zusammen 23 Tore erzielt haben. Die Neuzugänge in der Offensive sind zuerst ausschließlich Nachwuchskräfte für die Außenbahn gewesen. Erst spät in der Transferphase holte der Klub mit Babacar Gueye (vom KSC) und Antonio Mance (Leihe von NK Osijek) zwei erfahrene Mittelstürmer. Der Ertrag ist entsprechend: Erst drei eigene Tore.

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Auch defensiv hat der Klub wichtige Spieler wie Breitkreuz (der Stammspieler bei Liga-Primus Regensburg ist), Samson (Hallescher FC) und Rizzuto (Stammspieler in Rostock) im Sommer verloren. Zwar zeigte sich Aue defensiv in den ersten Spielen der Saison in den Ergebnissen stabil, aber eben klar auf Kosten der eigenen Offensive. Das Team hat die wenigsten Ballkontakte aller Klubs im gegnerischen 16er, schlägt die wenigsten Flanken und nur Ingolstadt hat weniger Ballbesitz.
Und die Stabilität ist trügerisch: Denn die xG-Werte der Gegner (Platz 16), als auch die Anzahl gegnerischer Torschüsse (Platz 17) zeigen, dass Aue bisher sogar weniger Gegentore gefangen hat als nach xG möglich. Defensive Stabilität sieht anders aus. Offensive Power sowieso.

Das läuft sicher noch nicht so in Aue wie sich Neu-Trainer Aljaksej Schpileuski das vorgestellt hat.
(imago images/via OneFootball)

Angesichts der schwierigen Kader-Situation geht ziemlich unter, dass der Klub mit Aljaksej Schpileuski einen der wohl spannendsten Trainer auf der Bank hat. Schpileuski wurde lange Zeit bei RB Leipzig zum Trainer ausgebildet und hat bisher auch entsprechenden Fußball spielen lassen: Maximales Tempo, enorm aggressives Pressing. Das hat er bei seiner letzten Station bei FK Qiarat Almaty gezeigt und ist damit in Kasachstan Meister geworden.
Diese Spielweise zu übertragen war womöglich ein Ziel in Aue. Die Verpflichtung vieler junger und temporeicher Außenbahnspieler deutete ebenfalls darauf hin. Die Realität sieht jedoch aktuell ganz anders aus: Schpileuski ist damit beschäftigt überhaupt erst einmal so etwas wie offensive Durchschlagskraft zu entwickeln. Die ersten Versuche führten zu teils deutlichen Niederlagen. Aue-Präsident Leonhardt wirbt bereits um Verständnis und bedient sich an Durchhalteparolen.
Wenn Erzgebirge Aue es nicht schafft auch nur ansatzweise so etwas wie offensive Durchschlagskraft zu entwickeln, dann wird das eine ziemlich schwere Saison. Zusammen mit Klubs wie Sandhausen, Rostock und Ingolstadt dürfte es einzig und allein darum gehen auf Biegen und Brechen den Abstieg zu vermeiden.

Was kommt?

Der kommende Spieltag wird definitiv vom Nord-Derby zwischen Werder Bremen und dem HSV überstrahlt (Samstag, 20.30 Uhr). Aue empfängt am Sonntag das enorm konterstarke Paderborn und hat sicher bereits jetzt ordentliche Kopfschmerzen bei dem Gedanken daran. Vor dem Nord-Derby am Samstag treffen sich aber schon Schalke und der KSC am Freitag zu einer Art “Verfolger-Duell” – diese beiden Teams werden dann beim nächsten Mal genauer unter die Lupe genommen.

//Tim

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(Sofern nicht anderweitig markiert, stammen sämtliche Statistiken von Wyscout)

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