Farvel, Simon!

Farvel, Simon!

Simon Makienok wird den FC St. Pauli verlassen, so verkündete er selbst es auf Instagram. Sein Vertrag wird nicht verlängert. Was aus sportlicher Sicht eventuell nachvollziehbar sein mag, tut trotzdem unfassbar doll weh. Wir halten Rückschau auf eine kurze, aber heftige Liebe.
(Titelbild: Peter Böhmer)

Simon Makienok selbst verkündete heute auf Instagram, dass seine Zeit beim FC St. Pauli vorbei ist, da sein Vertrag nicht verlängert wird:

Seine Worte sind sehr schön (und gleichzeitig schmerzhaft) zu lesen und zeigen auch, wie gut er zu diesem Verein und seiner Fanszene gepasst hat. Insbesondere der folgende Teil:

Second I also just want to let you know that they way you all fight and stand up for the values of the club, it’s something I adore, and will keep with me forever and keep fighting myself – you have opened up my eyes and inspired me even more than before. So thank you for that!! It’s for sure something that’s much more important and bigger than a football match of 90 mins.

Simon Makienok, Instagram

Und auch sein Bedauern, dass es ihm nicht möglich war, sich beim letzten Heimspiel schon zu verabschieden, kommt vom Herzen. Gleichzeitig ist dies, bei allem Verständnis für sportliche Entscheidungen, der große Kritikpunkt: Wenn es sportliche Gründe und / oder medizinische Gründe gibt, die für eine Nicht-Verlängerung den Ausschlag gaben, so standen diese ja auch schon länger fest. Oder hätten es zumindest können, denn auch die medizinischen Untersuchungen hätte man doch sicher innerhalb des letzten halben Jahres schon mal vollziehen können. Oder sind wir da zu naiv?

Time to say goodbye!

Es war eine ganz seltene Ehre, die Simon Makienok zu Teil wurde: Beim 3:1-Heimspielsieg gegen den KSC schallte unüberhörbar “… Simon Makienok! MAKIENOK! SIIIIIMON MAKIENOHOOK!…” durch das Stadion, auf der Melodie von “Give it up!” von KC & The Sunshine Band. Dass Spieler des FCSP ein Gesang gewidmet wird, ist eine absolute Rarität. In diesem Fall ist es aber vollkommen gerechtfertigt. Denn Simon Makienok war beim FC St. Pauli mehr als “nur” ein guter Fußballer auf dem Platz. Mit seiner Art schien es irgendwie möglich zu sein, dass er auch einfach neben uns im Block hätte stehen könnte. Ich hoffe sehr, dass das irgendwann auch der Fall sein wird.

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Bereits kurz nach seiner Verpflichtung, als ich durch sein Instagram-Profil scrollte und Bilder vom Wein-geschwängerten Urlaub in Italien sah, wurde mir bewusst, dass Simon Makienok irgendwie anders ist, als viele seiner Kollegen. Besonders dann, als sein Tattoo auf der Brust zum ersten Mal zu sehen war: “Humanity should be our race – love should be our reli­gion”.

Seine Worte bei der Verpflichtung waren dann auch deutlich mehr als das typische “tolle Fans, toller Verein“-Gewäsch:

“Ich habe St. Pauli immer als besonderen Verein wahrgenommen und es bedeutet mir viel, jetzt ein Teil dieser Geschichte sein zu können. Ich habe nicht nur davon gehört, wie sehr sich die Fans für den Verein einsetzen, sondern auch von den Werten wie Gleichheit, Toleranz und Respekt, die ich persönlich ebenfalls teile.”

Simon Makienok zu seiner Verpflichtung
Kein Zweifel, Simon Makienok und der FC St. Pauli passen enorm gut zusammen.
(c) Peter Böhmer

Ein großer Verlust – insbesondere auch abseits des Platzes

Wie sehr er diese Werte tatsächlich lebt, durften wir dann in den folgenden zwei Jahren erfahren. Simon sammelte Spenden, um benachteiligten Kindern in Dänemark Urlaub zu ermöglichen. Seine Freundin Ida-Sophia und er nahmen einen ukrainischen Flüchtling bei sich auf. Am Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit (17. Mai) veröffentlichte der Verein ein ausführliches Interview mit Simon und ich empfehle jeder/m es zu lesen.
Den richtigen Ton traf er auch im Interview mit der 11Freunde (€), als er sagte, dass er der “priviligierteste Mensch der Welt” sei (“weiß, groß, wohl­ha­bend“). Dieses Privileg mache es für ihn “einfach mich zu Themen wie Homo­phobie, Ras­sismus und Dis­kri­mi­nie­rung zu äußern” und er betont, dass man genau das nicht nur sagen, sondern auch “aktiv vorleben” müsse.

Beim Schreiben des letzten Absatzes hatte ich Gänsehaut. Es mag sportlich triftige Gründe für eine Nicht-Verlängerung seines Vertrages geben. Aus menschlicher Sicht ist es aber ein wahnsinnig großer Verlust. Denn Simon Makienok ließ seinen Worten Taten folgen, lebte all diese Werte aktiv vor und passte damit so gut zum FC St. Pauli wie sonst niemand.
Und “Leben” ist dann auch ein richtiges Stichwort für das, was wir auf seinem Instagram-Kanal verfolgen durften. Simon Makienok lieferte Tag für Tag beste Unterhaltung und war dabei so nahbar wie, naja, wie gesagt, ich hätte gerne mal im Block neben ihm gestanden. Aber irgendwie hatte ich zeitweise das Gefühl, dass ich das auch tue.

Ich weiß gar nicht, wie ich jetzt den Bogen zu seiner sportlichen Zeit beim FC St. Pauli schlagen soll. Denn so gut wie es neben dem Platz zwischen Makienok und dem FCSP passte, war es auf dem Platz sicher nicht. Wobei er sich ziemlich gut einfügte: Direkt bei seinem ersten Derby erzielte er einen Treffer, seinen ersten für den FC St. Pauli. Es folgte jedoch eine schwierige erste Saison, bei der er vor allem in der Rückrunde wenig Einsatzminuten sammelte (nur 36 waren es).

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Doppelpack bei der Stadtmeisterschaft – der sportliche Höhepunkt von Simon Makienok beim FC St. Pauli.
(c) Peter Böhmer

Doch im Sommer 2021 drehte sich der Wind: Zum Saisonauftakt war Simon Makienok im Angriff neben Guido Burgstaller gesetzt. Die beiden, eigentlich recht ähnliche Spielertypen, ergänzten sich auf dem Platz ziemlich gut. Sechs Saisontore waren es insgesamt. Mehr wurden es, auch aufgrund immer wiederkehrender Knieprobleme, nicht.
Den sportliche Höhepunkt und das, was von Simon Makienok sicher auch in Erinnerung bleiben wird, gab es im August 2021. Makienok erzielte zwei Tore bei der Stadtmeisterschaft (ich durfte das damals am AFM-Mikro reportieren und zerstörte meine Stimme: Nachhören und sehen könnt ihr das hier und hier). Spätestens da war es Zeit für eine Liebeserklärung und ich wiederhole die Worte aus diesem Artikel gerne auch noch einmal hier:

Es gibt momentan viele gute Typen im Kader. Spieler, für die der FC St. Pauli mehr als nur ein Arbeitgeber zu sein scheint. Aber du, Simon, du stichst da noch einmal heraus. Du bist einer der besten Typen, die jemals beim FC St. Pauli gespielt haben. Deine Aktivität, dein Engagement neben dem Platz ist fantastisch. Wenn ich jetzt schreiben würde, dass ich sportlich immer an dich geglaubt habe, dann ist das gelogen. Aber weil Du so ein guter Typ bist, wollte ich immer an dich glauben. Ich bin überglücklich, dass es nun endlich auch mal auf dem Platz für dich geklappt hat. Diesen Doppelpack, diesen Eintritt in die Ruhmeshalle des Stadtderbys, den hast Du dir so sehr verdient! Ich sag es, wie es ist: Es ist tatsächlich… Liebe!

Lieber Simon, wir vom MillernTon wünschen Dir alles Gute für deine sportliche und persönliche Zukunft. Wir hoffen, dass Du den FC St. Pauli in deinem Herzen behältst. Wir werden Dich ganz sicher in unseren Herzen behalten.
You’ll never walk alone!
// Tim

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7 thoughts on “Farvel, Simon!

  1. Vielen Dank für diesen Artikel bei dem ich dir voll und ganz zustimme. Seid 24 Jahren komme ich ans Millerntor doch bis auf u.a. Schnecke gab es kaum Spieler wo ich mir gewünscht hätte das er bis zum Ende bleibt. Doch gerade bei Simon wäre es so schön gewesen. Er ist so sympathisch das ich ihm immer weiter wünsche das sein Körper ihn trägt und er noch viele Tore schießt. Oh Mensch was für eine Traurigkeit so eine nicht Verlängerung in einem auslösen kann. Wo es doch heißt Spieler kommen, Spieler gehn nur St. Pauli bleibt bestehn. Gefühlt wird nächste Saison ein Stück fehlen was schwer sein wird es zu ersetzen, vor allem Menschlich!

    You’ll never walk alone Simon! Ich hoffe wir sehen dich wieder am Millerntor und wenn nur als Gast.

  2. Danke, Tim, für den Text, du schreibst mir aus der Seele. Könnte ein Grund für den Zeitpunkt der Verkündung der Trennung sein, dass man es mit dem Daferner-Transfer abhängig von der Liga-Zugehörigkeit Dresdens koordinieren wollte? Jedenfalls echt schade, dass wir Simon nicht im vollen Stadion gebührend verabschieden konnten.

  3. Ooooh Mensch Tim,
    Danke für Deine Zeilen, dieses Endergebnis ist eigentlich für Unseren („magischen???“) FCSP so für mich voll inakzeptabel, in den beiden letzten Heimspielen gab es auf der Nord reichlich SimonTrikotBittePlakate Unserer jungen Fans und ich habe auf der Nord sogar erleben dürfen, dass er darauf eingegangen ist und relativ lange sich dort unterhalten hat, während der Rest des Teams schon fast vor der Süd war, vielleicht war das ja sein Fehler, lach. Nee, im Ernst, ich habe die Befürchtung, Unser Verein wird Uns nächste Saison ein Team präsentieren wird, wo das gesamte Team von den moralischen Werten auch bei dem Verein XYZ auflaufen könnte… und vielleicht dann sogar erfolgreicheren Fußball spielt, damit ich am Millerntor den Xten Meister Katar Munich, RotzBallL, Hoppenheim, VWRadkappen, Bayerkusen, oder Dortmund09 sehen könnte, will ich aber absolut überhaupt nicht mehr!!!
    Mahlzeit, ich bin gerade bedient!
    Micky

    1. Das sehe nicht so. Ich glaube, dass Bornemann und Schulz die Entscheidung auch unendlich schwer gefallen ist. Aber leider hat das Knie viel zu viele Probleme bereitet. Als Zielspieler hatte Schulle ihn ja auch sehr gern als Joker behalten und man kann sagen, was man will.

      Mit einer Einwechselung von ihm hat sich die Statik des Spiels jedes Mal grundlegend verändert.

  4. Lieber Tim,
    Danke für deinen Artikel. Mir spricht er aus der Seele.
    Ich bin traurig und tatsächlich auch enttäuscht vom Verein.

  5. Vielen Dank Tim, die Nachricht stimmte mich heute wirklich traurig. So ein toller Mensch und aus meiner Sicht wichtiger Wand- und Zielspieler. Ich werde ihn vermissen

  6. Aus gesundheitlichem Standpunkt vielleicht vertretbar, aber mit Makienok geht ein ganz Großer 😉 von uns.
    Wenn jetzt noch Kofi und Paqa wechseln, dann seh ich echt schwarz, was die nächste Saison angeht. Keine Ahnung, wie solche Lücken im Kader wieder gefüllt werden sollen. Aber ich bin eh aktuell schlicht genervt von dieser mangelhaften Kaderplanung.
    You’ never Walk Aline Simon

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