Lage am Millerntor, 07. Juli 2022

Lage am Millerntor, 07. Juli 2022

Der FC St. Pauli feiert Bergfest im Trainingslager, genießt ein neues Torwarttraining, Ex-Spieler wechseln zu fernen Zielen und in Berlin will man Großes aufbauen. Die Lage am Donnerstag.

FCSP News

Trainingslager

Bergfest in Südtirol – das bedeutet im Trainingslager des FC St. Pauli, dass alle einen freien Tag genießen konnten. Die freie Zeit wurde dabei für ganz verschiedene Aktivitäten genutzt: Der FC St. Pauli legte den Fokus ein wenig auf das Thema Ernährung und ließ Dennis Smarsch davon berichten, wie seine Ernährungsumstellung sein Leistungsvermögen und vor allem die eigene Regeneration beeinflusst. Später drehten einige noch Runden mit Gokarts.

Sportchef Andreas Bornemann nutzte die freie Zeit, um sich ausführlich mit den Medienvertretern zu unterhalten (Abendblatt (€)). Thema war dabei natürlich die aktuelle Kader-Situation und die Frage, ob noch jemand (und auch wer) ins Team kommen könnte. Grundsätzlich zeigte er sich mit dem aktuellen Kader bereits sehr zufrieden, sagte aber auch, dass es an der ein oder anderen Stelle noch weitere Neuzugänge geben könnte (“Im Offensivbereich würde uns ein Spieler guttun“). Aber nicht nur dort könnte etwas passieren, denn der FCSP hat generell Interesse an Spielern, die gleich mehrere Anforderungsprofile erfüllen (“Wenn, holen wir jemanden, der mehrere Positionen bekleiden kann“). Erste Gerüchte zu Spielern, die diese Profile gut ausfüllen, sind ja bereits aufgetaucht…

Testspiel verlegt

Trotzdem wäre es sehr verwunderlich, wenn sich am Kader bis zum Testspiel am Samstag gegen NK Istra noch etwas verändern würde. Was sich aber verändert hat, ist der Spielort. Denn laut FC St. Pauli ist der Rasenplatz im Nestelstadion durch die “intensiven Trainingseinheiten strapaziert“, sodass der Platz für die Partie, die in zweimal 60 Minuten ausgetragen wird, nicht mehr geeignet erscheint. Gespielt wird stattdessen ein paar Kilometer entfernt auf dem Sportplatz Moos. Wenn der Name Programm ist, dann regt sich in der MillernTon-Redaktion leiser Zweifel, ob der Platz so viel besser geeignet ist.

Der neue Torwarttrainer

Bereits am Dienstag stand Torwarttrainer Marco Knoop den Medienvertretern im Trainingslager Rede und Antwort und berichtete ausführlich und spannend über seine Arbeitsweise. Das Abendblatt (€) hat diese in einem gestern publizierten Artikel genauer beschrieben und das klingt wirklich nach einem sehr modernen Ansatz in Sachen Torwarttraining, wie dieser Auszug zeigt:

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Für sein Training schaut er sich viel von anderen Sportarten ab. Es basiert auf fünf Druckreglern:

Präzisionsdruck: „Wenn ich beispielsweise Passfenster verkleinere.“
Zeitdruck: „Die Jungs müssen den Ball innerhalb eines Zeitfensters ersprinten, bevor ich Druck darauf ausübe.“
Komplexitätsdruck: „Während der Fokus der Aufgabe auf der Ballseite liegt, verändert sich simultan das Bild auf der ballfernen Seite. Die Torhüter müssen permanent scannen, was dort passiert, um auf die nächste Situation vorbereitet zu sein.“
Situationsdruck: „Ein Set-up in Wettkampfform, dann ist die Intensität plötzlich eine ganz andere.“
Belastungsdruck: „Technische Übungen sind viel schwieriger, wenn ich vorher eine Athletikeinheit durchgeführt habe. Wir verlangen einen Top-Pass in der 90. Minute plus Nachspielzeit, aber bieten das im Training nicht an? Das wäre unfair den Jungs gegenüber.“

Knoop erklärt was den Torhüter zum ersten Angriffsspieler macht – Abendblatt (€)

Keine Frage: Das Torwarttraining beim FC St. Pauli hat sich massiv verändert. Man darf gespannt sein, wie sich das auf die Entwicklung der Torhüter selbst niederschlagen wird. Und mindestens genauso gespannt darf man darauf sein, ob Nikola Vasilj oder Dennis Smarsch zu Saisonbeginn im Tor stehen werden. Beide haben unterschiedliche Stärken, Vasilj auf der Linie, Smarsch im Passspiel, und nach allem was wir wissen, ist es ein komplett offener Konkurrenzkampf.

Deutsch lernen mit Jackson und Connor

Es gab schon deutlich weniger amüsante Lehrvideos.
Sechs Minuten, die Ihr Euch ruhig mit ‘nem Kaffee gönnen solltet: (YouTube)

Neues von den Alten

Na, das ist doch mal ein Vorstellungsvideo: Petar Slišković (2011/12 bei uns mit neun Ligaspielen) hat nach Türkgücü und Wehen Wiesbaden einen neuen Verein gefunden und schlägt damit nochmal ein ganz neues Kapitel auf: Es zieht ihn nach Indien!
Auch den Hashtag #AllInForChennaiyin finde ich übrigens ganz fantastisch. // Twitter

Und anscheinend war gestern einer der Tage, an denen ehemalige FCSP-Kicker in ungewöhnliche Fußball-Ligen wechseln. Denn am späten Nachmittag kommunizerte Stellenbosch FC, die in Südafrikas höchster Spielklasse aktiv sind, dass niemand Geringeres als Lasse Sobiech für zwei Jahre einen Vertrag bei ihnen unterschrieben hat. Wir wünschen viel Erfolg, Lasse!

FC St. Pauli von 1910 e. V.

Regionalliga Nord (m/w)

Das gestrige Testspiel der U23 beim ambitionierten Oberliga-Aufsteiger Kilia Kiel wurde nach einem 2:0-Rückstand noch mit 3:2 gewonnen. Wie viele Neuzugänge es gab und vielleicht auch noch geben wird, erkennt man u.a. daran, dass die eigentlich offizielle Aufstellung auf fussball.de vorgibt, der FCSP hätte nur zu fünft gespielt. Da sind also noch einige Wechsel nicht ganz abgeschlossen oder eben noch Testspieler im Einsatz. Die Torschützen müssen wir daher auch nachreichen.
Samstag kommt es um 15.00h in Damme zum nächsten Spiel gegen die U23 von Borussia Mönchengladbach.

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Apropos Testspiele: Auch die 1. Frauen haben ihren Testspielkalender aktualisiert. (Facebook)
Neu dabei ist u.a. ein Heimspiel gegen Schwachhausen, außerdem geht es u.a. nach Kaltenkirchen.

Döntjes

Dauerkarten Preisvergleich

Juhu, nach zwei Jahren pandemiebedingter Pause konnte ich endlich wieder unübersichtliche Vereinswebsites abgrasen und aus diversen Kategorien Dauerkartenpreise herausfiltern.
Viel Spaß mit der Dauerkarten-Preisübersicht. Der FC St. Pauli liegt weiterhin im Mittelfeld der 2. Liga, bei den Stehplätzen zählt man sogar zu den drei günstigsten Vereinen.

Mit Viktoria Berlin in die Champions League

Es gibt einen neuen Anlauf in Berlin endlich wieder Europas Fußballhöhen zu erklimmen. Da das bei Hertha mit Windhorst irgendwie nicht so richtig geklappt hat und Union ja was völlig anderes ist, hat man sich Viktoria Berlin ausgesucht. Ja, im Männerfußball sind die gerade aus der 3. Liga abgestiegen, daher soll die Abteilung für die Frauen nun die Erfolge holen.
Letztes Jahr beendete man die Regionalliga Nordost (3. Liga) auf Platz drei, jetzt wurde die Frauenabteilung in eine GmbH ausgegliedert und es soll nach oben gehen. Vorbild dafür ist der Verein “von Frauen für Frauen”, Angel City FC, zu dem in diesem Sommer auch Nationaltorhüterin Almut Schuldt wechselt.

Klingt also erst mal alles ganz gut, was Stephanie Baczyk bei RBB24 da berichtet? Puh, naja, geht so. Wie man das halt auch sehen kann, hat der MagischerFC-Blog auf Twitter ausgeführt:

Und wahrscheinlich beschreiben sowohl der Artikel als auch die Tweets ziemlich gut das Dilemma dieser Geschichte: Es darf nicht sein, dass Spielerinnen auf professionellem Niveau in einer deutschlandweiten Liga nicht mal vernünftig versichert sind oder gar ihre Fahrten selbst bezahlen müssen (auch wenn ich hinter diese Aussage mal ein kleines Fragezeichen machen würde). Im besten Fall sollten sie natürlich für diesen Aufwand aber sogar entsprechend entlohnt werden, dies ist allerdings unterhalb der 1. Liga kaum bis gar nicht der Fall.
Auf der anderen Seite sollte man (gerade mit der Fanbrille aus dem Männerfußball) die Entwicklung nicht erneut falsch angehen und jetzt neue Bayer Leverkusen- oder VfL Wolfsburg-Fakten schaffen, die man dann in einigen Jahren nicht mehr zurückdrehen kann.

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Man kann (und sollte) natürlich für die Nationalspielerinnen (völlig zurecht) Equal Pay im Bereich des DFB fordern – wichtig (und vielleicht sogar noch wichtiger) ist aber auch, für die viel größere Anzahl an Spielerinnen in den Ligen entsprechende Strukturen zu schaffen. Der DFB versagt hier leider, die hektisch eingeführte eingleisige 2. Liga verfügt in der neuen Saison über 50% Zweitvertretungen(!) von Erstligisten ohne Aufstiegsmöglichkeit. Und lokale Sponsoren engagieren sich zwar, aber natürlich nicht in ausreichendem Maße. Wenn dort entsprechendes Geld vorhanden ist, lohnt sich das Sponsoring eines Dritt- oder sogar Regionalligisten im Männerfußball bzgl. der medialen Reichweite oft deutlich mehr als bei einem Erstligist der Bundesliga der Frauen. Von Zweitligisten ganz zu schweigen.

Also gilt es die Kröte zu schlucken und darauf zu vertrauen, dass Ex-Spielerinnen wie Ariane Hingst das beste für den Fußball von Frauen im Sinn haben?

So habe man sich einen Verein gesucht, der Lust auf die Idee und bereits die entsprechenden Strukturen hat. “Wo die erste Frauen-Mannschaft schon relativ weit oben ist, dass wir diese ausgründen und quasi übernehmen und selbstständig unabhängig managen dürfen.”

Katharina Kurz, Viktoria Berlin (RBB24)

Eieieiei, “quasi übernehmen und selbstständig unabhängig managen”. Da muss man dann wohl oder übel das Vertrauen haben – und hat jederzeit das Risiko, dass die Gesellschafter*innen dann doch irgendwann die Lust verlieren oder sich anderen “spannenden Projekten” zuwenden.
Andererseits ist es aber eben natürlich auch gut, wenn hier jetzt Geld “in den Markt” kommt und Strukturen im Bereich unterhalb der 1. Liga aufgebaut werden. Wahrscheinlich nur so kann sich das alles auch wirklich professionalisieren.

Ein eventueller Vergleich zu RaBa Leipzig hinkt wohl eher, dort waren entsprechende Strukturen (und Einnahmen) in den oberen Ligen ja längst vorhanden. Der Vergleich zu Leverkusen und Wolfsburg passt da aber schon. Jetzt bräuchten wir alle mal die Glaskugel, ob das in 10-15 Jahren rückblickend als Erfolg gefeiert wird, als großer Fehler verdammt – oder ob man sich dann eh nicht mehr dran erinnert, weil Viktoria in Berlin einfach fast niemanden interessiert und das auch die Frauenabteilung irgendwann leidvoll feststellen muss.

Bury FC

Anderes Land, andere Gegebenheiten, ähnliche Ziele – but totally different.
2019 verabschiedete sich der Bury FC mit seinem Stadion an der Gigg Lane nach finanziellem Kollaps von der Landkarte – und nun sieht es so aus, als sei er zurück, dank der Initiative von Fans. // Bury FC

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Zu guter Letzt

Tja nun… (Twitter)

Forza St. Pauli!
// Maik

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5 thoughts on “Lage am Millerntor, 07. Juli 2022

  1. Herr Knoop wirft da schön mit ein paar Fachbegriffen um sich. Aber die Koordinativen Druckbedingungen nach Neumaier bekommt man in 1. Semester Sportwissenschaftsstudium reingeprügelt. Jedes meiner Seminare war Druckbedingungen hier, Regler verändern da. Also schön das er diesen Trainingwissenschaftlichen Ansatz hat, aber ich dachte das ist inzwischen überall fest integriert, vielleicht zeigt das aber auch das ein Wechsel auf dieser Position überflüssig war.
    Lg

    1. Naja, zumindest habe ich beim Vergleich vom jetzigen Torwart-Training mit dem aus den Vorjahren den Eindruck, dass da nun jemand ist, der diese Begriffe nicht nur kennt, sondern sie auch trainiert und nicht nur ein paar Bälle aufs Tor drischt (wie es leider vorher in 99% der Fälle war). Durchaus möglich, dass diese Begriffe vorher also nicht ins Repertoire gehörten.
      (ich bin im Schnitt 1x pro Woche an der Kollaustraße – möglich, dass es auch andere Trainingsformen gibt. Aber es wäre schon sehr unwahrscheinlich, dass ich immer die treffe)

    2. Kann es sein, dass du, Max, nicht “überflüssig”, sondern “überfällig” meinst? Also genau das Gegenteil?

      1. Ja, “überfällig” sorry, ich wollte damit ausdrücken, dass anscheinend endlich ein sportwissenschaftlicherer input dazugekommen ist.

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