Buchrezension: “Das rebellische Spiel”

Buchrezension: “Das rebellische Spiel”

Die WM in Katar ist weit mehr als ein umstrittenes globales Event. Ihre Hintergründe sowie die Bedeutung des Fussballs im Nahen Osten beleuchten zahlreiche Autor:innen im Buch “Das rebellische Spiel” von den Herausgebern Jan Busse und René Wildangel. Eine Rezension.

Das Buch

Der vollständige Titel des vorliegenden Machwerks lautet zwar “Das rebellische Spiel – Die Macht des Fussballs im Nahen Osten und die Katar-WM”, doch geht es auf rund 250 Seiten um viel mehr als ein alle vier Jahre stattfindendes “Fußballfest”, das vor zwölf Jahren in die arabische Wüste vergeben wurde. Das beginnt schon beim Titelbild. Die Frauen auf dem Cover wohnen nicht etwa einem katarischen Spiel bei, sondern dem AFC-Champions League Finale 2018 in Teheran im Iran, einer der sehr wenigen Gelegenheiten, bei der weiblichen Personen der Zugang ins Stadion gewährt wurde.

Und auch sonst ist die Weltmeisterschaft in Katar mit all ihren verwerflichen Begleiterscheinungen maximal der Aufhänger für eine umfassende Beschreibung der (sport-)politischen Verhältnisse, der Kraft des runden Leders und seiner Bedeutung für Entwicklungen im Nahen Osten.

Das Buch ist in mehrere Teile / Kapitel gegliedert:

1 – Zur Einführung
2 – Die WM in Katar
3 – Fußball, Macht und Konflikt im Nahen Osten
4 – Der Kampf um Gleichberechtigung und Demokratisierung

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Hinzu kommen einige sogenannte “Einwürfe”, die bedeutende Personen oder Begebenheiten wie Mohamed Salah, Ali Daei oder das Kairo-Derby zwischen Al-Ahly und Zamalek skizzieren. Ich möchte diese Rezension anhand der oben genannten Abschnitte aufbauen. Beginnen wir mit

1 – Zur Einführung

Zu Beginn des Buches geben uns die Herausgeber Jan Busse und René Wildangel einen groben Überblick. Zum einen über die Geschehnisse im Vorfeld dieser WM, zum anderen auch darüber, wie der Fussball seinen Weg in die in diesem Werk behandelten Regionen der Welt fand. Namentlich vom Weg über die kolonialen Besatzer – insbesondere Großbritannien – hin zu einem erstarkenden Nationalismus inklusive Gründung eigener Vereine und weiter zu Emanzipation und staatlicher Souveränität, bei der Fußball eine signifikante Rolle spielte:

“Dieser Gegensatz zwischen der mobilisierenden Kraft des Fußballs und dessen rigoroser Einschränkung ist auch kennzeichnend für die Geschichte des Fußballs im Nahen Osten und in Nordafrika.”

aus: Busse, Wildangel: “Das rebellische Spiel”, S. 28

2 – Die WM in Katar

Sechs Autor:innen kommen in diesem Abschnitt zu Wort. Zunächst beschäftigt sich Robert Kempe mit der Korruption rund um die WM-Vergabe in diesem und vergangenen Jahren. Das ist zugleich verstörend wie wenig überraschend. Zudem geht es um die Strategie der “Soft Power”, also dem staatlichen Streben nach Prestige durch Investitionen unter anderem in Bildung, Kultur und in diesem Fall vor allem den Sport. Marlon Saadi und Guido Steinberg veranschaulichen, was sich Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und auch Saudi-Arabien von der Investion in den Sport und der Ausrichtung von Sportveranstaltungen erhoffen:

“Für die Golfstaaten ist Sportpolitik, insbesondere die Politisierung von Fußball, zu einem wesentlichen Instrument ihrer Machtkonsolidierung geworden (…).”

aus: B.,W.: “Das rebellische Spiel”, Seite 75

Manches von dem, was in diesem Kapitel behandelt wird, habt ihr vielleicht an anderer Stelle bereits gehört oder gelesen. Der Beitrag von Regina Spöttl lenkt den Blick jedoch nicht nur auf die miserablen Bedingungen auf den WM-Baustellen, sondern nimmt auch eine ganz andere Gruppe mit ins Zentrum der Betrachtung: Frauen. Sie arbeiten in Katar meist als Hausangestellte und beklagen ebenfalls schlechte Bedingungen auf mehreren Ebenen. Und Tatsache ist: “im Baugewerbe, im Hotel- und Gaststättensektor, als Sicherheitspersonal oder als Haushaltsangestelle […] stellen ausländische Arbeitskräfte rund 95 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung in Katar” (S.99).

3 – Fußball, Macht und Konflikt im Nahen Osten

In diesem Teil geht es konkret um den Fußball in verschieden Ländern. Ronny Blaschke schreibt über “Kriegsspieler” und nimmt uns mit nach Irak, Jemen und Syrien. Im nächsten Text hat Moritz Baumstieger ein Porträt über Bernd Stange verfasst, der als Trainer in Irak unter Saddam Hussein und zuletzt in Syrien unter Baschar al-Assad aktiv war und den sie dort aufgrund seiner Alterswürde “Hadschi” nannten. Akram Belkaïd berichtet von Ländern des Maghreb: Libyen, Tunesien, Algerien und Marokko sowie der Bedeutung des Fussballs sowohl für die Machthabenden als auch für die Fans:

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“Beim Fußball geht es indes nicht zuletzt um Siege, und wenn es zu einem solchen kommt, versetzt er ein ganzes Land in Jubel. Die Lasten der Spaltung, der politischen Rivalitäten und vor allem der autoritären Regime werden dann für eine Weile leichter erträglich.”

aus: B.,W.: “Das rebellische Spiel”, S. 153

Während die Menschen also eine Art Zuflucht im runden Leder finden, ist es für die Herrschenden vor allem ein politischer Spielball, den sie für sich nutzen und auf den sie mal mehr, mal weniger direkten Einfluss ausüben. Steffen Hagemann beschreibt Jerusalem als Mikrokosmos des Nahostkonflikts. Und Houchang E. Chehabi erzählt uns die Geschichte von Fußball und Politik im Iran. Er thematisiert hier die Lage der Frauen im Land und besonders im Sport ebenso wie sein Kollege Christoph Becker im nächsten Kapitel.

Viele der Schilderungen lassen einen als Leser:in fassungslos und kopfschüttelnd zurück. Sie bestätigen aber auch, was ihr sicherlich alle genau so seht wie ich: Fußball ist definitiv politisch. Die Tragweite, die das in den hier beschriebenen Ländern für die Menschen, Sportler:innen, Gesellschaften und Politiker (bewusst nicht gegendert) hat, ist aus deutscher oder europäischer Sicht nur im Ansatz zu erfassen. Umso wichtiger, dass hier ein Fokus auf Länder gelegt wird, die sonst eher weniger auf der Fußballlandkarte auftauchen. Denn der Blick ist definitiv wichtig, nicht nur im Rahmen von Sportevents oder zu Protesten wie derzeit in Iran.

4 – Der Kampf um Gleichberechtigung und Demokratisierung

Vorher wird in einem “Einwurf” Hiba El Jaafil interviewt. Sie ist ehemalige Kapitänin der libanesischen Nationalmannschaft der Frauen und kümmert sich mit ihrer NGO “Unity for Change” um “Empowerment” von Mädchen im Libanon. Anschließend widmet sich Becker anhand der Biografien von Sportlerinnen, Aktivistinnen und weiblichen Fans in Iran dem Thema Gleichberechtigung von Frauen im Sport und in der Gesellschaft. Anna Reuss weitet den Blick, wenn sie über “Fußball, Macht und Frauenrechte” in den Golfmonarchien schreibt. Insbesondere Sportlerinnen bewegen sich im Spannungsfeld zwischen (sportlicher) Emanzipation und Instrumentalisierung für Imagekampagnen durch die Regierung. Reformen ermöglichen mehr Teilhabe, ändern aber so gut wie nichts an patriarchalen Strukturen und Wertevorstellungen.

Philip Malzahn richtet den Blick nach Ägypten und skizziert anhand der beiden großen Vereine Al-Ahly und Zamalek die Geschichte des Fußballs und der Politik im Land. Außerdem geht es um die Rolle der Ultras, sowohl im Stadion als auch außerhalb, wie etwa bei den Massenprotesten 2011. Er berichtet aber auch vom Massaker von Port Said 2012, bei dem 74 Fans von Al-Ahly ihr Leben verloren

“Das Massaker von Port Said wurde ein Wendepunkt im ägyptischen Fußball, in der Entwicklung der ägyptischen Ultras und auch in der ägyptischen Revolution.”

aus: B.,W.: “Das rebellische Spiel”, S. 218

Kurz vor Schluss wird es im Text von Maher Mezahi musikalisch: Mit vielen Liedtexten verdeutlicht er die Bedeutung von Musik als Ausdrucksform algerischer Fußballfans für ihren Protest. Am Ende kommt nochmal kurz die aktuelle Weltmeisterschaft auf den Tisch, wenn Jan Busse die bisherigen Erfolge von Teams aus dem Nahen Osten und Nordafrika bei Turnieren aufzählt und einen kleinen Ausblick auf die Turnierteilnahmen von logischerweise Katar, aber auch Iran, Saudi-Arabien, Tunesien und Marokko gibt.

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Am eindrücklichsten sind für mich in diesem Buchabschnitt das Interview und der Text über Frauen im Iran. Der Text über Ägypten hätte meiner Ansicht nach besser ins vorherige Kapitel gepasst, wo ebenfalls ausführlich die (Fußball-) Geschichte in verschiedenen Ländern erzählt wird. Zudem ist es zwar interessant, wie die Ultrabewegung nach Ägypten kam und wie sie organisiert ist. Der Autor holt aus meiner subjektiven Sicht aber etwas weit aus, wenn er den Begriff Ultra noch einmal grundsätzlich erläutert. Das mag für manch Leser:in hilfreich sein, ich selbst habe diesen Abschnitt ehrlicherweise übersprungen.
Im Anschluss an diese Rezension muss ich aber definitiv bei YouTube nach “Liberté” von Soolking suchen, ein Song, in dem es um die gesellschaftliche Ablehnung der algerischen Gesellschaft geht.

Fazit

Grundsätzlich ist dieses Buch sehr empfehlenswert. Vieles was ich über die behandelten Themen, Länder und Regionen gelesen habe, war mir neu. Einige Texte schlagen zur historischen Einordnung mit Namen und Jahreszahlen um sich, so dass ich nicht empfehlen würde, das Buch am Stück zu lesen, sondern sich Zeit für die einzelnen Beiträge zu nehmen. Verdient haben sie es.
Der Teil zur WM birgt wie oben erwähnt nicht viel Neues, wenn man sich im Vorfeld schon viel angehört und gelesen hat. Trotzdem ist es natürlich richtig und wichtig, es mit ins Buch zu nehmen. Denn eins wird deutlich: Katar treibt es vielleicht mit seiner WM-Ausrichtung auf die Spitze. Aber die Instrumentalisierung des Sports haben sie nicht exklusiv.

Eines macht dieses Buch jedenfalls deutlich: Sport ist Politik und Fußball ist definitiv vieles, aber nicht unpolitisch. Weder bei uns noch im Nahen Osten oder anderswo.
Also: Kauft euch dieses Buch, denn es ist sehr gut. Unnötig zu erwähnen, dass ihr es bitte direkt beim Werkstatt-Verlag oder beim Buchladen eures Vertrauens bestellt und nicht beim Onlineriesen.

Ein Tipp zum Schluss als Ergänzung zu diesem Text: Der Deutschlandfunk hat in seinem “Sportgespräch” eine Podcastfolge zur Frankfurter Buchmesse. Dort wird auch “Das rebellische Spiel” vorgestellt, es gibt ein Interview mit einem der Herausgeber und es wird direkt aus dem Buch gelesen.
Viel Spaß beim Lesen des Buches!
// Yannick

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