SAOT, KPI, VAR – Schiedsrichter im Jahre 2026

SAOT, KPI, VAR – Schiedsrichter im Jahre 2026

Knut Kircher und Matthias Jöllenbeck äußerten sich zur Schiedsrichterei allgemein, der bisherigen Saison und einzelnen Szenen.
Titelfoto: Stefan Groenveld

Am Dienstag fand in Frankfurt ein Termin mit dem offiziellen Titel „Schiedsrichter schulen Sportjournalisten“ statt, bei dem der Schulungscharakter von den Anwesenden schnell in ein „Wir wollen hier ja eher gemeinsam diskutieren“ verändert wurde. In diesem Jahr wurde diese Veranstaltung (organisiert vom VDS, dem Verband Deutscher Sportjournalisten) erstmals auch hybrid angeboten. Neben den Teilnehmenden vor Ort konnten so auch über 70 Personen online am Meeting teilnehmen. Es moderierte Alex Feuerherdt (Leiter Kommunikation und Medienarbeit, ehemals „Collinas Erben“), inhaltlich berichteten Schiedsrichter-Chef Knut Kircher und FIFA-Schiedsrichter Dr. Matthias Jöllenbeck.

Kommunikative Maßnahmen

Knut Kircher präsentierte zunächst einmal Zahlen aus dem Bereich der Öffentlichkeitsarbeit. Bereits 17x wurde in dieser Saison die „RefCam“ eingesetzt, die neben internen Schulungszwecken auch die Möglichkeit für durchaus spektakuläre TV-Bilder bietet. Bei zehn Spielen wurde sie in der 1. Bundesliga eingesetzt, die restlichen Spiele verteilen sich auf 2. & 3. Liga sowie DFB-Pokal und den Supercup. Die Erfahrungen sind durchweg positiv, wir werden sie also weiter im Einsatz sehen.

Ebenfalls positiv angenommen wurde das Erklärvideo zur automatischen Abseitserkennung („SAOT“, semi-automated offside technology). // Facebook / Instagram
Mit Hilfe der SAOT sei die durchschnittliche Checkdauer bei Abseitsentscheidungen von 45 auf 23 Sekunden gesenkt worden.

Key-Performance-Indicator

„Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift!“
So einfach ist es eigentlich. Im Mega-Business Profifußball ist es aber natürlich deutlich komplexer und so muss auch im Bereich der Schiedsrichter der Erfolg messbar gemacht werden. Also sprach Knut Kircher plötzlich über „KPI“ (Key-Performance-Indicator), die man sich auch für diese Saison wieder auf die Fahnen geschrieben hat und möglichst erreichen will.
Demnach wurden in der bisherigen Saison 67% aller Strafstoßentscheidungen (in Bezug auf Foulspiel) auf dem Feld korrekt entschieden. Dies stellt immerhin eine deutliche Verbesserung zur Vorsaison (56%) dar. Gerade der niedrige Wert der Vorsaison sorgte dabei durchaus für Aufsehen. Den etwas ketzerischen Einwand, dass man bei der Quote ja auch einfach einen Affen da hinsetzen könnte, der wohl auch bei 50% richtig liegen würde, konterte Kircher souverän. Das Ziel sei aber trotzdem 70% gewesen, es ist also noch Luft nach oben.

Mithilfe des VAR waren beim Thema Handspiel dann final immerhin 88% der Situationen aus Sicht des DFB korrekt gelöst, was im Vergleich zur Vorsaison (86%) ebenfalls eine leichte Verbesserung darstellt (Ziel: 90%). Und was in der medialen Wahrnehmung immer etwas zu kurz kommt, ist die Quote der korrekten Abseitsentscheidungen. Die liegt nämlich auf dem Feld bereits bei absolut beeindruckenden 95%.

Nachspielzeit

Für Diskussionen sorgte (insbesondere zu Beginn der Saison) die längere Nachspielzeit. Pauschal soll seit dieser Saison jedes Tor und jeder Auswechsel-Slot (Achtung: ungleich „jede Auswechslung“) mit 30 Sekunden nachgespielt werden. Hinzu kommt die sekundengenaue Erfassung von Verletzungen und VAR-Checks, die vom Assistenten des VAR (AVAR) gestoppt werden. Hierzu zählen auch äußere Einflüsse, wie zum Beispiel Unterbrechungen aufgrund von Pyrotechnik.
Die Summe dieser gemessenen Zeit gibt der AVAR dann an Schiedsrichter weiter, der dann die finale Entscheidung hat. Im Schnitt gab es in der 1. Bundesliga in beiden Halbzeiten zusammen 9m49s Nachspielzeit (Vorsaison: 7m50s). Während die Nachspielzeit also um etwa zwei Minuten zugenommen hat, verlängerte sich die Nettospielzeit nur um eine Minute, von 57m31s auf 58m29s.

Diese Nachspielzeit soll übrigens, laut Kircher auf ausdrücklichen Wunsch aller Vereine, auch bei bereits deutlichen Ergebnissen komplett durchgezogen werden. Grund hierfür sei, dass es ja am Saisonende auch immer um die Tordifferenz gehen kann.
Einen Abpfiff nach glatt 90 Minuten werden wir also (zumindest in der Liga) wohl nicht mehr erleben.

Einen Seitenblick in die USA zur Major League Soccer (MLS) warf Kircher noch, in Bezug auf Auswechslungen: Dort muss der auszuwechselnde Spieler innerhalb von zehn Sekunden das Spielfeld verlassen (sofern er nicht verletzt ist), ansonsten muss der Einwechselspieler zur Strafe eine Minute warten – und darf auch danach erst in der nächsten Unterbrechung das Feld betreten. 99 Prozent der Wechselvorgänge klappen daher dort innerhalb von zehn Sekunden.

Acht-Sekunden-Regel

Viel Aufmerksamkeit erfuhr vor der Saison die neue „Acht-Sekunden-Regel“, durch die der Torwart jetzt zu einer schnelleren Ballabgabe genötigt wird. Die Bilanz sei sehr positiv, in den ersten drei Ligen habe es bisher nur einen einzigen Pfiff deswegen gegeben.
Persönlicher Einschub: Dass es trotzdem Situationen wie am Samstag bei Gregor Kobel in der 94. Minute gibt, wo der Ball immer noch 14 Sekunden in der Hand gehalten wird… Nun gut, das wären letzte Saison dann wahrscheinlich eben 35 Sekunden geworden.

Eine Ausweitung dieser Regel auf Einwürfe und Abstöße wäre der nächste logische Schritt, dies werde aktuell bei den Regelhütern des IFAB diskutiert.

Football Video Support

Fußballnostalgiker konnten bisher immer noch einen Abstieg in die 3. Liga in Erwägung ziehen, wenn sie diese ganze „neumodische Scheiße“ nicht mitmachen wollten. Eine mögliche Neuerung könnte diesen „Genuss“ aber zukünftig schmälern. Die reine Lehre ohne Videohilfe gibt es dann womöglich nur noch ab der Regionalliga abwärts. „Football Video Support“ heißt das Zauberwort, was eine technisch abgespeckte Version des VAR bedeutet. Bei dieser könnten die Trainer ein Challenge-System nutzen. Hier befindet man sich in Gesprächen. So eine Challenge wäre aktuell aber eben auch nur in Ligen möglich, die nicht ohnehin schon ein vollständiges VAR-System nutzen, denn dort würde die FIFA das untersagen.

Eine Umfrage unter den Vereinen der 1. und 2. Bundesliga hätte aber sowieso ergeben, dass diese mehrheitlich gar kein Challenge-System wollen. Ein Grund dafür wäre, dass dies natürlich auch eine große Verantwortung bedeute. Man stelle sich vor, einem Trainer stehen nur zwei Challenges zur Verfügung – und nachdem diese verbraucht wurden (ggf. auch, weil sie falsch eingesetzt wurden und verfallen), fehlt die Möglichkeit dann bei einem wirklich klaren Fehler in der 90. Minute.
Auch Dr. Matthias Jöllenbeck äußerte sich eher ablehnend zu einem Challenge-System. Die Verantwortung sollte beim Schiedsrichter-Team bleiben.

Videoszenen

Anschließend führte Jöllenbeck durch die „Schwer- und Brennpunkte“ der Saison, namentlich Haltevergehen im Strafraum, grobe Foulspiele und Handspiel.
Auch der FC St. Pauli war hier vereinzelt Thema. Beginnend gleich mit der Szene vom Saisonauftakt und dem Haltevergehen gegen Ceesay, was gegen den BVB zum Strafstoß und Platzverweis nach VAR-Eingriff geführt hatte – übrigens bei Schiedsrichter Jöllenbeck selbst. Dieser Eingriff sei auch im Nachgang so als korrekt bewertet worden, da durch das auch zeitlich sehr lange Halten gegen Ceesay hier ein klares und strafbares Foulspiel vorlag.
Eine spannende Nebendiskussion gab es dann zu der Frage, ob es diesen Eingriff wohl auch gegeben hätte, wenn Kobel den Ball nicht zurück ins Feld, sondern zur Ecke geklärt hätte. Das Foul wäre das gleiche gewesen. Ohne Möglichkeit für Ceesay, an den Ball zu gelangen, wäre die Bewertung aber möglicherweise eine andere gewesen. Das Meinungsbild war hier deutlich weniger einheitlich.

Und aus aktuellem Anlass war auch das Rückspiel beim BVB Thema. Das auch bei uns diskutierte Foul von Schlotterbeck an Pyrka wurde beleuchtet. Hier kann ich jetzt die letzte Zahl aus Kirchers KPI einbringen. Denn die Feldentscheidungen bei „Rote Karte für grobes Foul“ waren zu 71% korrekt (Vorsaison 50%). Und „nur Gelb“ in dieser Situation war zumindest im Nachgang eine Situation aus den fehlenden 29%, man hätte sich also Rot gewünscht (Grüße an Tim… gewünscht hatten wir uns das ja eh alle).
Knut Kircher konnte dem trotzdem noch etwas Positives abgewinnen, denn es gab zwei sehr ähnliche Szenen an diesem Spieltag (u.a. bei Leipzig gegen Bayern, Seiwald gegen Goretzka), wo es ebenfalls nur Gelb und keinen VAR-Eingriff gab, man sich aber beim DFB in der Nachbesprechung Rot gewünscht hätte. „Dreimal falsch ist immerhin auch einheitlich“, so Kircher. Daran, dass dies zukünftig weiter einheitlich bewertet werde, im Idealfall aber beim Überschreiten eines gewissen Maßes dann auch einheitlich mit Rot geahndet wird, arbeite man.

Mehr davon

Unterm Strich eine sehr gelungene Veranstaltung (die für die digital Teilnehmenden gerne in Zukunft noch eine bessere Audioqualität haben darf). Insbesondere bei den Videoszenen war es schön zu sehen, dass es bei einer Szene immer auch verschiedene Sichtweisen geben kann. Auch bei Leuten, die sich professionell mit Fußball beschäftigen.
Besonders beeindruckend war dabei die Szene aus dem Spiel zwischen dem 1. FC Köln und dem VfB Stuttgart, als ein auf dem Feld nicht geahndetes Foulspiel von Kölns Keeper Schwäbe nachträglich geahndet wurde. Das Besondere an dieser Szene war, dass Stuttgarts Demirovic trotz klarem Treffer nicht fiel, sondern weiterlief – und der VAR dann trotzdem eingriff. Auch FIFA-Schiedsrichter Jöllenbeck und Alex Feuerherdt führten diese Szene an, um aufzuzeigen, dass es immer wieder Situationen gibt, die man a) so noch nicht erlebt habe und b) man eben auch nach mehrmaligem Draufschauen vielleicht noch nicht sofort zu einer 100% einzigen, richtigen Antwort kommen könnte.

Forza St. Pauli!
// Maik

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