Derby: Eisig auf dem Platz, feurig drumherum

Derby: Eisig auf dem Platz, feurig drumherum

Der FC St. Pauli und der Hamburger SV verweigerten sich fast komplett allen Torchancen. Zu Reden gab es anschließend trotzdem genug, über Choreos, Pyro und Familie Vušković.
Titelfoto: Stefan Groenveld

Früher war mehr Lametta

Man muss das ja mal aussprechen: So eine langweilige Derby-Vorwoche wie dieses Mal gab es in den letzten Jahrzehnten eigentlich nie. Niemand wagte sich aus der Deckung, verbal wurde überall abgerüstet. Offenbar hatten alle (auch in den Fanszenen) immense Angst zu verlieren und dann nach dem Spiel die eigene vorherige dicke Hose um die Ohren gehauen zu bekommen. Und so ging es dann auf dem Platz auch weiter, inklusive friedlichem Sich-den-Ball-zuschieben in der Pyro-Pause vor Wiederbeginn.
Früher war mehr… Brisanz.

Auch beide Derbymärsche verliefen eher hanseatisch unterkühlt, was sicher auch den Temperaturen geschuldet sein könnte. Die Stimmung im Stadion war eher die eines normalen Spiels, beide Kurven blieben doch weit hinter ihrem eigentlichen Potential zurück, wobei dies für den Heimbereich natürlich nicht nur Sache der Kurve war, sondern auch in der Verantwortung der anderen Tribünen.

Und sportlich? 0,33 zu 0,35xG, „Derby des Grauens“.
Analysiert und aufbereitet von Tim in der Analyse „Angst frisst Fußball auf“ und Redaktions-Neuzugang Nike im Stimmen und Statistiken-Artikel: „Nicht zufrieden und auch nicht glücklich“. Immerhin gab es im Drumherum dann doch noch die ein oder andere erzählenswerte Geschichte.

Rihanna

Ob man das nun als „Hymne“ bezeichnet oder wie auch immer, zumindest sorgte „Diamonds“ für die bisher höchsten Ausschläge auf der nach oben weiterhin offenen Mitmachskala für vor dem Spiel abgespielte Musik.
Klar auch, dass es nicht allen gefällt. Insbesondere aus dem Lager derjenigen, die sich weiterhin „Das Herz von St. Pauli“ wünschen, gibt es wenig Begeisterung.

Choreos & Pyro

Vor dem Spiel kam dann immerhin etwas Derby-Stimmung auf, beide Kurven hatten da etwas vorbereitet. „Heute. Hier. Jetzt: Ihr auf dem Platz, wir auf den Rängen. Gemeinsam zum Derbysieg“ stand da in der Süd zunächst Weiß auf Rot zu lesen, ehe das Vereinswappen als riesige Blockfahne über der gesamten Kurve „aufging“ und „Hier schlägt das Herz der Stadt“ in Weiß auf Braun darunter geschrieben stand. Das rote Zentrum des Vereinswappens klappte dann weg und wurde durch viele Fahnen und Pyro ersetzt.
In der Gästekurve gab es Schwarz-Weiß-Blaue Farben zu sehen, das „Nordtribüne“-Banner erlebte darüber allerdings seinen „DAZKE“-Moment, weil man den einen tragenden Pfeiler im Sitzplatzbereich vergessen hatte. Blöd, blöd. „I’m with stupid“ stand auf einer Tapete im Heimbereich der Nord, mit Pfeil Richtung Gästeblock… tja nun.
Außerdem wurde dort auch noch sehenswert der lokalen Geographie und der zentralen Lage des Stadtteils im Vergleich zum Nachbarn gehuldigt. Und ja, das Feuerwerk zur zweiten Halbzeit war ebenfalls sehr sehenswert.

Feuerwerk der Südkurve zu Beginn der 2. Halbzeit des Spiels des FC St. Pauli gegen den Hamburger SV am 23. Januar 2026. // (c) Stefan Groenveld
No Pyro, no Party! // (c) Stefan Groenveld

Hatte die HSV-Fanszene in der Vorwoche noch anerkennende Statements für ihre Aussagen in der Causa Stefan Kuntz erhalten, brachte sie das Derby dann doch wieder in den Bereich der normalen Sterblichen und auf den Boden der Tatsachen zurück: „St. Pauli-Fans sind schwul“ wurde gesungen, FCSP-Fans wie gewohnt als „Huren“, „Hurenkinder“ und „Fotzen“ bezeichnet, teils auf Doppelhalter auch verschriftlicht. Man sollte meinen, die gegenseitigen Pöbeleien wären 2026 auf einem höheren Niveau angekommen – aber dem ist leider offensichtlich nicht so. Medialer Aufschrei über den hier doch recht offensichtlichen Sexismus? Überschaubar bis nicht vorhanden.

Auch für Themen abseits des Spiels war Platz: „EU, BRD und ISIS Hand in Hand – Unsere Antwort Widerstand! – Rojava verteidigen“ war in der Süd zu lesen. „Ein Volk. Ein Park. Ein Kühne – NS-Profiteure enteignen!“ stand auf einer Tapete in der Gegengeraden (Kontext).
Und dann war da noch eine weitere Tapete, um die es im Nachgang viele Diskussionen gab.

Luka Vušković

Der aktuell von Tottenham Hotspur an die HSV AG & Co. KGaA verliehene Luka Vušković richtete nach dem Spiel am Sky-Mikrofon empörte Worte an die FCSP-Fans, denen er „nichts Positives zu sagen“ hätte. Überwiegender Anlass dafür war wohl eine Tapete der G.A.S., die schon vor Anpfiff gewohnt pointiert empfahl:

„Aufputschmittel & ehrliche Arbeit?
Mach ’ne Handwerkslehre, Mario#44!
Irgendein HSVer lügt doch immer!“

Fanclub G.A.S.

Das „i“ im Vornamen wurde durch eine Spritze ersetzt. Wem da jetzt der nötige Hintergrund fehlt, kann sich diesen gerne im ARD-Podcast „Geheimsache Doping“ verschaffen. Grundsätzlich sollte man alle Personen dazu verpflichten, diesen in kompletter Länge zu hören, ehe man sich zu dem Thema äußern darf. Die ganze Gemengelage rund um Vušković und die Vereinsärzte wirft so viele Fragen auf, man könnte problemlos einen eigenen Quiz-Abend damit füllen – nur mit den Antworten wäre es vermutlich schwierig.

Tapete auf der Südkurve beim Spiel FC St. Pauli - Hamburger SVam 23. Januar 2025: "Aufputschmittel & Ehrliche Arbeit? - Mach 'ne Handwerkslehre, Mario #44! Irgendein HSVer lügt doch immer!" // (c) Stefan Groenveld
„Aufputschmittel & Ehrliche Arbeit? – Mach ’ne Handwerkslehre, Mario #44! Irgendein HSVer lügt doch immer!“
// (c) Stefan Groenveld

So weit, so unspektakulär. Normales Gefrotzel rund um ein Derby, welches ein 18-Jähriger sicher im Verlauf seiner Karriere auch noch besser wird einordnen können, als direkt nach so einem Spiel am TV-Mikro. Dass danach dann auch HSV-Influencer*innen steil gingen und von „Respektlosigkeit“ gegenüber dem Handwerk sprachen – nun ja, ebenso geschenkt. Wieso eigentlich? Wegen den Aufputschmitteln? Oder weil sich das Handwerk beleidigt fühlen sollte, von dummen Fußballprofis infiltriert zu werden?
Siehe oben, die hätten ja intern genug Themen, ehe sie sich mit uns beschäftigen sollten.

(Jetzt mal ehrlich: Jede einzelne Tapete des HSV in den letzten Derbyjahren war auf der nach unten offenen Gürtellinie-Skala tiefer angesetzt. Glückwunsch aber an die G.A.S., die mit ihrem Pressechef Frank Leitermann mit minimalem Aufwand stets maximale Resonanz erfährt. In diesem Fall wohl dank der „getroffene Hunde“ Thematik – und damit meine ich gar nicht Familie Vušković.)

Im Kabinengang wurde es dann wohl doch noch unsouveräner, als Vušković je nach Erzählung wahlweise den Boden, die Wand oder das Vereinswappen bespuckte und dafür direktes verbales Feedback von Karol Mets und Peter Nemeth erhielt. Feuer, welches man sich so vorher auch gerne auf dem Platz gewünscht hätte, von allen Seiten.

Mediales Ballyhoo

Merlin Polzin verteidigte seinen Spieler später in der Pressekonferenz – dass sich ein Trainer vor seinen Spieler stellt, ist wohl auch nachvollziehbar. Der FC St. Pauli bekam im Anschluss seinerseits Presseanfragen und reagierte mit einem Statement, welches in der Sache klar war und trotzdem versuchte, den Ball einigermaßen flach zu halten.
Klar, hohe Bälle gegen Vušković sind ja auch erfolglos, hatten wir auf dem Rasen ja vorher gesehen.

„Wir stehen als Verein klar für ein respektvolles Miteinander. Dazu zählen weder herabwürdigende Sprüche von unseren Tribünen noch sexistische Banner wie im HSV-Block zu sehen noch andere beleidigende Inhalte.
Wir erwarten zudem von Spielern, Trainern und Repräsentant*innen der Vereine ein angemessenes und professionelles Auftreten: sich nicht leicht provozieren zu lassen, Fans nicht zu bepöbeln und keine Grenzüberschreitungen wie Spucken in Richtung Fans oder auf den Boden und an die Wand im Kabinentrakt. Emotionen erklären vieles, rechtfertigen aber nicht alles.
Vor diesem Hintergrund irritiert uns, dass teils über Tage ein Narrativ gezeichnet wird, dem zufolge nur eine Seite provozierend oder verursachend gewesen sei, während andere Vorfälle ausgeblendet werden.“

FC St. Pauli

Letzteres bezieht sich wohl auf das bereits im Vorfeld vom HSV besetzte Thema „Spucken“, wovon das Abendblatt berichtet hatte. Demnach wollte der HSV zum Aufwärmen in der Ecke Südkurve / Haupttribüne einlaufen, nicht wie sonst für Gästeteams üblich zwischen Gegengerade und Südkurve. Grund hierfür seien Spuckattacken der Vergangenheit gewesen. Nur hatte man das offenbar lieber an die Medien gerichtet, statt den FCSP direkt anzufragen – der dies dann aber auch problemlos ermöglichte, passend zum ansonsten ja eher defensiven Auftreten beider Vereine im Vorfeld.
Wie es in dieses Narrativ passt, dass jetzt nach dem Spiel ein eigener Spieler wegen Spuckens im Fokus steht und seinerseits von Respekt spricht, darf dann gerne die Medienabteilung des HSV beschäftigen.

Alles in allem viel Nervkram um erstaunlich wenig. Wünschenswert wäre wohl, dass beim nächsten Derby dann auch wieder sportliche Schlagzeilen kreiert werden können. Dann müssen Statements von 18-Jährigen im Nachgang auch nicht mehr künstlich so aufgepustet werden.
Forza St. Pauli!
// Maik

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2 thoughts on “Derby: Eisig auf dem Platz, feurig drumherum

  1. Danke Maik, sehr unterhaltsam kommentiert. Im Kicker gab es noch einen Wortmeldung von dem schlauen Wolffie. Er meint, dass es die Bewertung des FCSP nicht gebraucht hätte. Aber der Wolffie ist ja sowieso HSV-Boy. Die Paywall erspart es mir, das zu lesen.

    Jetzt die Dosen platt machen. Forza

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