Zwei Vereine hauen sich um ein Kürzel, viele Vereine machen sich älter als sie sind. Grund genug, dem Mythos Gründungsjahr mal auf den Grund zu gehen.
Titelfoto: Stefan Groenveld
Im November 2025 kam es zu einem skurrilen Streit zwischen dem FCH aus Heidenheim und dem FCH aus Rostock. Es ging um die Namensrechte für das Drei-Buchstaben-Kürzel. Der Fußball-Club aus Heidenheim hatte es beim Markenamt sichern lassen, was bei den Hansestädtern nicht gut ankam, so dass diese ein Verfahren einleiten ließen. Die Heidenheimer sehen sich im Recht, denn ihr Verein sei doch bereits 1846 gegründet worden, der F.C. Hansa dagegen erst viel, viel später, nämlich 1965.
Allerdings sei hier angemerkt: Auf dem Heidenheimer Wappen steht das Datum „1846“, soweit korrekt. Dabei handelt es sich aber um das Gründungsjahr des ältesten Vorgänger-Vereins von denen, die sich im Laufe der Geschichte zusammengeschlossen haben. Wie viel „1846“ da also heute noch drinsteckt, ist dann eher eine Marketingfrage. Der aktuelle Bundesligist 1. FC Heidenheim wurde tatsächlich erst 2007 (!) gegründet, nachdem er sich vom Heidenheimer Sportbund abgespalten hatte. Damit ist er von allen Proficlubs derjenige mit der größten zeitlichen Differenz zwischen dem, was auf dem Wappen steht, und dem eigentlichen Gründungsjahr – 161 Jahre! Immerhin eine schöne Zahl. Also ist der FC aus Heidenheim sogar satte 42 Jahre jünger als der aus Rostock, welcher durchgehend und unverändert seit seinem Gründungsjahr besteht. Man mag es kaum zugeben, aber: Überraschender Punktsieg für Hansa! Kleiner Einwurf aus Korinth: Hansa hat die eher seltene, etwas antiquierte Variante mit Pünktchen hinter dem F und dem C. Also eher F.C.H? Oder F.C.H.? Liebe Rostocker, sichert das am besten alles asap beim Markenamt.
Zahlen, Daten, Schummeleien
Der FC Heidenheim ist mit dieser, wie soll ich‘s nennen, „Schummelei“ in bester Gesellschaft. Das Gründungsjahr des Vereins scheint bei allen Fans einen großen Stellenwert zu haben. Je oller, je doller. Nicht umsonst ziert es Wappen, Wände, Merch und Choreos in allen Stadien.
Ja, auch bei uns.
Hier ein paar gesammelte Facts von allen Clubs der Ligen 1-3.
- Der Mittelwert aller kommunizierten Gründungsjahre beträgt (tadaaa!) 1910, das gilt auch für die 1. Liga. Die Zweitligisten wurden im Schnitt 1904 gegründet, die Drittligisten 1916.
- Die laut offiziellen Gründungsjahren ältesten Vereine sind: 1. FC Heidenheim (1846), SSV Ulm (1846), VfL Bochum (1848).
- Jüngste Vereine (offizielles Gründungsjahr): RasenBallsport Leipzig (2009), FC Ingolstadt (2004), FC Energie Cottbus, Union Berlin (beide 1966).
- Bei 33 von 54 Clubs ist das Gründungsjahr Teil des offiziellen Vereinsnamens (1. Liga: elf, 2. Liga: zehn, 3. Liga: zwölf). Diese wurden im Mittelwert 1900 gegründet, die übrigen 1925.
- Ähnlich sieht es mit dem Wappen aus. Hier findet man bei 28 von 54 Clubs eine Jahreszahl (1. Liga: neun, 2. Liga: neun, 3. Liga: zehn). Mittelwerte beim Gründungsjahr: 1900, die ohne Zahl auf dem Logo 1920.
Jetzt kommt das große Aber. Die wenigsten Vereine existieren in der heutigen Form unverändert seit ihrem offiziell angegebenen Gründungsjahr. Fusionen, Abspaltungen, Neugründungen, Namensänderungen – Veränderungen aller Art sind die Regel. Trotzdem entschieden sich die Verantwortlichen in Sachen Gründungsjahr stets für die größtmögliche Verladung. So beträgt die Spanne zwischen dem Gründungsjahr des 1. FC Heidenheim und seiner letzten Änderung sagenhafte 161 Jahre, wie oben bereits erwähnt. Das ist einsame Spitze. Immerhin 124 Jahre sind es beim Zweitplatzierten SSV Ulm, 106 Jahre bei Viktoria Köln und 101 Jahre beim VfL Bochum.
Dazu ein paar weitere Facts:
- Die längste Zeit bis heute seit der letzten Änderung existieren der 1. FC Nürnberg (seit 1900), der BVB, der SC Freiburg und der VfB Stuttgart (alle seit 1912).
- Die kürzeste Zeit bis heute seit der letzten Änderung: Victoria Köln (seit 2010), RB Leipzig (seit 2009), der 1. FC Heidenheim und der VfL Wolfsburg (beide seit 2007).
- Im Schnitt gab es bei allen die letzte Änderung 1949 (1. Liga: 1950, 2. Liga: 1939, 3. Liga: 1959).
- Die Spanne bei den Vereinen mit Jahreszahl im Namen beträgt 45 Jahre (ohne: 32), mit Jahreszahl im Wappen 46 Jahre (ohne: 34).
Dabei habe ich nicht mal Änderungen der Vereinsfarben, des Wappens, der Spielstätte oder Ausgliederungen berücksichtigt. Dann sähe es noch drastischer aus.
Der FC St. Pauli von 1852
Und der FC St. Pauli von, nun ja…, 1910? Hätte er das gemacht, was die meisten praktizierten, würde wohl 1852 auf dem Wappen stehen. In diesem Jahr wurde der MTV Hamburg gegründet, der 1862 mit dem Turnverein in St. Pauli und vor dem Dammthore (bester Name!) zum Hamburg-St. Pauli Turnverein fusionierte. Aus diesem ging der heutige FC St. Pauli hervor. Gekickt wurde hier bereits um die Jahrhundertwende, 1910 erfolgte dann die Gründung der Fußballabteilung innerhalb des TV, aber erst 1924 wurde die Fußballabteilung als eigener Verein mit dem heute noch bekannten Namen und Wappen eingetragen. Damit hat sich unser Club zwar 14 Jahre „ermogelt“, dies ist aber recht wenig, verglichen mit anderen Vereinen. Zudem könnten wir uns theoretisch um 58 Jahre älter machen, wenn wir mit der gleichen Logik an die Sache gegangen wären, wie viele andere, und würden uns durchaus in der Methusalem-Spitzengruppe aufhalten – gleich hinter Bochum auf Platz 4.
Daraus ergibt sich als Konsequenz die Frage: Warum ist es so wichtig, möglichst alt zu erscheinen? Die Antwort führt über das Stichwort „Tradition“. „Traditionsvereine“ scheinen ein höheres Ansehen zu genießen als solche, denen dieses Attribut nicht zu Teil wird. Aber warum ist das so? Und was ist eigentlich ein „Traditionsverein“? Diesen Fragen wird in der nächsten Episode auf den Grund gegangen.

// (c) Christian Kaspar-Bartke/Getty Images via OneFootball
Funfacts für das nächste Quiz
Am Schluss noch ein bisschen funny Halbwissen zum Kokettieren am Jolly- oder Weinbar-Tresen oder auf der Tribüne beim Warten auf den Spielbeginn, wenn wir gegen das jeweilige Team antreten.
Here we go – wusstet Ihr, dass…
- … die Top 3 der längsten offiziellen Vereinsnamen der 1. Fussball-Club Schweinfurt 1905, Verein für Leibesübungen e. V. (65 Zeichen), der Verein für Leibesübungen Bochum 1848 Fußballgemeinschaft e. V. (62 Zeichen) und der Braunschweiger Turn- und Sportverein Eintracht von 1895 e. V. (61 Zeichen) sind?
- … die Top 3 der kürzesten Namen Rot-Weiss Essen e. V. (21 Zeichen), Eintracht Frankfurt e. V. (25 Zeichen) und der Sport-Club Freiburg e. V. (25 Zeichen) sind? Btw, unser Verein hat 37.
- … der FC Köln offiziell „1. Fußball-Club Köln 01/07 e. V.“ heißt? Er wurde 1948 als Zusammenschluss der beiden Vereine Kölner BC 01 und SpVgg Sülz 07 gegründet. 1948 ist auch das offizielle Gründungsjahr, auch wenn der Name etwas anderes impliziert. Ich finde ja, „Sülz 07“ klingt am besten, aber mich fragt ja keiner.
- … der Vorläufer des SV Werder im Jahr 1899 von 16-jährigen Schülern gegründet wurde?
- … in Leverkusen die Fußballspieler, die im DFB organisiert sein wollten, in den 20er Jahren den TuS verließen, mit dem FV 04 einen eigenen Verein gründeten, beide Vereine aber 1984 wieder fusionierten?
- … Eintracht Braunschweig am 15. Dezember 1895 in der Wohnung des Ingenieurs Carl Schaper als Fußball- und Cricket Club Eintracht Braunschweig gegründet wurde?
- … die Farben von Schalke 04, 1909 als Westfalia Schalke ins Vereinsregister eingetragen, ursprünglich Rot und Gelb waren? Blau und Weiß liebte man erst später, ab 1924.
- … Hertha am Anfang nicht gerade populär war? Als der Vorgängerverein Berliner Fußball Club Hertha 1892 gegründet wurde, trat das Team von Alemannia 90 dem Club bei. Dadurch stieg die Mitgliedszahl auf … 22. 1923 tat man sich mit dem finanzkräftigen Berliner Sport-Club zusammen. Bereits 6 Jahre später kam es zur Trennung. Um den Namen BSC behalten zu dürfen, bezahlte Hertha eine Abfindung von 73.000 Reichsmark.
- … der SV Waldhof Mannheim eine Zeitlang „Chio Waldhof 07“ hieß? 1972 benannte sich der Verein um und erhielt dafür 190.000 DM von der Firma Chio Chips. Erst 1978 hatte man offenbar genug von der hochnotpeinlichen Sache und der Club heißt seitdem SV Waldhof Mannheim 07.
- … der SV Wehen das Wort „Hessenpokalsieger“ in seinem Wappen stehen hat?
Hätte „Oddsetpokalsieger“ eigentlich noch Platz auf unserem Logo? Was ist mit „Hessenpokalsiegerbesieger“ – Shirts? Da hat unsere Vermarktung wohl gepennt…
So liebe Zahlen-Nerds und Freund*innen des runden Leders, das war’s für heute. Der Folge-Artikel wird, wie bereits angekündigt, das Thema „Traditionsvereine“ haben.
Stay tuned, dann verpasst Ihr nichts.
// Raphael
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Moin Raphael und Danke für die Kurzweil! An dich oder andere stelle ich mal die Frage, ob es denn irgendwo auf der Welt jemand mit einem 2. FC (oder F.C. oder F.C) versucht hat? Und nein, Jeddeloh II zählt nicht!
Oh, welch wunderbarer Artikel 🙂
Besten Dank für die Unterhaltung…Forza!!