Der FC St. Pauli könnte auf der Suche nach mehr Offensivgefahr auf dem Transfermarkt fündig werden, muss dafür aber auch Spieler abgeben – oder er wird im eigenen Kader fündig?
(Titelfoto: Stefan Groenveld)
Im Testpsiel gegen den SV Werder Bremen war viel Gutes vom FC St. Pauli zu erkennen. Das Team agierte stabil gegen den Ball, war für die Bremer nahezu nicht knackbar, die Gäste schafften es kaum mal kontrolliert ins letzte Drittel des FCSP. Auch wenn Werder selbst die eigene Offensive als Baustelle ansieht, so muss trotzdem festgestellt werden: Der FC St. Pauli ist weiterhin auf gutem Wege, die eigene Defensive zu einem solch wichtigen Faktor aufzubauen, wie sie es in der Vorsaison gewesen ist.
Dem FC St. Pauli fehlt Torgefahr
Das ist die eine Seite der Medaille, die sich von diesem Testspiel berichten lässt. Die andere: Der FCSP hat auch im ersten Härtetest des neuen Jahres offenbart, dass die eigene Offensive eine Großbaustelle ist. Es darf bei der Spielbewertung auf keinen Fall ausgeklammert werden, was ganz vorne für den FCSP geht beziehungsweise nicht geht. Man mag sich bereits daran gewöhnt haben, dass da nicht viel ist, aber das darf kein Normalzustand sein. Der FC St. Pauli muss dringend mehr Offensivgefahr erzeugen. Aber wie?
Um noch einmal zu verdeutlichen, wie sehr die Offensive des FC St. Pauli aktuell krankt, ein paar Zahlen zu Verdeutlichung: Seit dem Spiel gegen den SC Freiburg – zuvor hatte Alexander Blessin angekündigt, dass der FCSP ab sofort eine Art Reset-Knopf drückt und sich wieder mehr auf die eigene Defensive fokussieren möchte – sind die xG-Werte des Teams in den Keller gerutscht. Was vorher ligaweit unteres Mittelmaß bedeutete (xG pro Spiel: 1,25; Schüsse auf das Tor pro Spiel: 4,1) ist seitdem bodenlos: xG 0,65, Torschüsse 1,8.
Verletzungen verschärfen Situation in der Offensive
Und als seien diese Zahlen noch nicht bedrückend genug, beendete der FC St. Pauli das Jahr 2025 auch noch mit zwei Meldungen zu verletzten Offensivspielern: Martijn Kaars musste längere Zeit mit Adduktorenproblemen aussetzen, soll Mitte dieser Woche aber glücklicherweise wieder ins Training einsteigen. Schlimmer hat es Andréas Hountondji erwischt, der mit einem Haarriss im Sprunggelenk bis auf Weiteres ausfallen wird. Wie lange so etwas dauern kann, hat die Vorsaison beim FC St. Pauli gezeigt. Denn da fehlte ein Spieler fast genau zwei Monate lang mit einem „Haarriss im Kahnbein des Sprunggelenks“ – womit der rhetorische Bogen dieses Artikels gespannt ist.
Verpflichtung von Morgan Guilavogui ist eher Wunsch als Wirklichkeit
Denn mit einer solchen Verletzung musste ausgerechnet Morgan Guilavogui aussetzen. Der inzwischen 27-jährige zog sie sich Anfang Februar 2025 zu, kurz nachdem er mit vier Scorerpunkten maßgeblich zu den wichtigen Siegen in Heidenheim und am Millerntor gegen Union beigetragen hatte. Er fehlte dem FCSP bis Anfang April. Und seit Sommer fehlt er sowieso. Guilavogui hatte in der Vorsaison nach Anpassungsproblemen im ersten Saisondrittel einen richtig starken Eindruck hinterlassen, war nicht nur offensiv gefährlich, sondern auch gegen den Ball ein ganz wichtiger Faktor des Erfolgs. Es folgte die Rückkehr nach Lens, wo er seit diesem Sommer zumeist von der Bank zum Einsatz kommt.
Ein Spieler, der einen guten Eindruck beim FC St. Pauli hinterlassen und nun bei seinem aktuellen Club nicht so wirklich vorankommt, der auf einer Position spielt, die als Problemzone bezeichnet werden kann und aktuell auch noch personell unterbesetzt ist – das Interesse des FCSP an einer erneuten Verpflichtung von Morgan Guilavogui ist ein totaler No-Brainer.
So wirklich realistisch scheint ein erneuter Wechsel des Angreifers ans Millerntor aber nicht zu sein. Zwar erklärte Andreas Bornemann am Sonntag, dass man aufgrund des langfristigen Ausfalls von Hountondji „nicht ausschließen“ möchte, dass man noch einmal auf dem Transfermarkt aktiv wird und bezogen auf Guilavogui: „Morgan würden wir auch dort abholen, das ist doch ganz klar“. (MOPO)
Allerdings müsse auch die Situation von RC Lens, aktuell Tabellenführer in Frankreich, betrachtet werden, so der FCSP-Sportchef. Denn Guilavogui ist dort alles andere als „außen vor“: In nur zwei Spielen kam er in der Liga bisher nicht zum Einsatz (aufgrund einer Rotsperre). Der 27-jährige ist somit ein wichtiger Spieler im Kader. Das weiß auch Bornemann, der erklärt: „Wir würden doch umgekehrt, wenn wir Tabellenführer wären, auch nicht einen aus den ersten 17, 18 abgeben“, vor allem dann nicht, wenn das Geld nicht stimmt. Es bräuchte also entweder sportliche Perspektivlosigkeit für Guilavogui in Lens oder ein finanziell sehr lukratives Angebot für Lens – was, da sollten wir keine Augenwischerei betreiben, vom FC St. Pauli höchstwahrscheinlich nicht kommt, weil die Mittel dafür schlicht nicht vorhanden sind. Verändern dürfte sich diese Situation nur, wenn sich Lens selbst noch auf den Offensivpositionen verstärkt. Bornemann: „Und dann ist vielleicht nachher irgendwie einer über, den Sie bereit sind abzugeben.“ Ob das überhaupt passiert – und falls ja, wann – ist völlig unklar. Klingt also nicht unbedingt danach, als wenn dieser Transfer zustande kommt. Denn der FCSP braucht zwar Verstärkung in der Offensive, aber das eher kurzfristig. Eine erneute Verpflichtung von Guilavogui würde wohl eher gegen Ende der Transferperiode (Ende Januar) über die Bühne gehen.

FCSP-Kader in der Offensive üppig besetzt
Was also tun? Trotzdem aktiv werden und die „Morgan-Option“ irgendwie offenhalten? Das ist ohne nennenswerte Abgänge kaum möglich. Denn die Anzahl an Offensivpositionen in der Startelf des FC St. Pauli hat sich im Verlauf der bisherigen Saison verringert – von drei auf zwei. Mit Pereira Lage, Sinani, Afolayan, Jones, Ceesay, zeitnah Kaars und im Verlauf der Rückrunde Hountondji gibt es im Kader aktuell gleich sieben Spieler für diese zwei Positionen. Und dabei sind noch nichtmal Ahlstrand und Metcalfe hinzugezählt worden. Somit dürfte es sehr ratsam sein, sich nicht nur nach Verstärkungen in der Offensive umzuschauen, sondern auch Platz dafür zu schaffen. Erste Gerüchte um einen Abgang von Ahlstrand sind bereits aufgeploppt, die Bereitschaft Afolayan bei entsprechendem Angebot ziehen zu lassen, ist ebenfalls vorhanden.
Abgänge wahrscheinlich
Es könnte sich also einiges bewegen im Kader des FC St. Pauli. Neben Ahlstrand und Afolayan dürfte es auch großes Interesse an einer Veränderung bei Fin Stevens geben, der gegen Bremen nicht einmal zum Einsatz kam. Metcalfe gehört eher nicht zu den Kandidaten, die den FCSP verlassen könnten. Zu wichtig ist der 26-jährige für das Team, passt zudem ziemlich gut auf zwei der drei Positionen im zentralen Mittelfeld, die im Verlauf der Saison neu geschaffen wurden. Entsprechend deutlich wurde Bornemann am Sonntag als es um einen möglichen Abgang von Metcalfe ging: „Für uns stellt das gar keine Überlegung dar.“ Nochmal zurück zu Guilavogui, damit wir uns das besser vorstellen können: Er hat in Lens in Sachen Einsatzzeiten eine fast identische Rolle wie Metcalfe beim FCSP – würdet ihr Metcalfe ziehen lassen? Nee, ich auch nicht.
Doch dass der FC St. Pauli im Winter Spieler verpflichten kann, die dem Club kurz- und/oder langfristig weiterhelfen können, haben die letzten Jahre gezeigt: Letzte Saison kamen die Herren Weißhaupt, Van der Heyden, Sands und Ceesay, ein Jahr zuvor Ahlstrand und Kemlein, zur Rückrunde 22/23 fanden Maurides, Afolayan, Mets und Saad den Weg ans Millerntor. Ohne einen handfesten Vergleich gemacht zu haben, ist der Eindruck, dass der sportlichen Leitung des FCSP das „Nachrüsten im Winter“ auf bestimmten Positionen im Kader zu liegen scheint. Das ist hoffentlich auch diesen Winter der Fall.
Wieder mehr Fokus auf offensive Abläufe?
Es sind aber nicht nur Transfers, die dem FC St. Pauli dabei helfen können, in der Offensive gefährlicher zu werden. Dem weiterhin in der Bundesliga eher unerfahrenem Team dürfte jede weitere Spielminute in dieser Liga dabei helfen, sich zu verbessern (erneut sei hier Guilavogui als gutes Beispiel der Vorsaison genannt). Zudem erklärte Alexander Blessin zum Start in die Wintervorbereitung, dass sich der Fokus auch wieder etwas verschieben wird: „Dass wir irgendwann auch mehr Zeit in die Abläufe mit Ball investieren müssen, ist uns auch klar“.
Der FC St. Pauli hat also einige Ansatzpunkte, um gegen die offensive Harmlosigkeit vorzugehen. Das sollte auch dringend passieren. Denn trotz aller Fähigkeiten und Qualitäten in der Arbeit gegen den Ball muss allen klar sein: Die Wahrscheinlichkeit, als schwächste Offensive abzusteigen ist extrem hoch, wie der Blick in die letzten 20 Jahre zeigt: Nur in der Saison 14/15 (HSV, Platz 16), 09/10 (FCN, Platz 16) und 05/06 (Bielefeld, Platz 13) landeten die schwächsten Offensiven der Bundesliga am Saisonende nicht auf einem direkten Abstiegsplatz. Ach, eine Ausnahme gibt es noch: Der FC St. Pauli in der Vorsaison. Eine verbesserte Offensive wäre aber natürlich trotzdem wünschenswert.
Braucht es „nur“ Zeit und Vertrauen?
Sollte der FC St. Pauli also auf dem Transfermarkt nochmal tätig werden, um sich in der Offensive anders aufzustellen? Ich persönlich bin da gar nicht so überzeugt von. Weil es zwar Bedarf gibt, aber eben auch Bedürfnisse der bereits im Kader befindlichen Spieler. Die Verpflichtung einer weiteren Offensivkraft würde bedeuten, dass die Spielzeit dieser Spieler (womöglich massiv) beschnitten wird und wäre damit auch kein wirklicher Vertrauensbeweis (etwas was laut Blessin besonders Angreifer gut gebrauchen können). Und ist es so unwahrscheinlich, dass der FC St. Pauli nicht auch mit dem jetzigen Kader gefährlicher in der Offensive werden kann? Besonders zum Ende des Jahres zeigte Kaars, welchen Wert er für das Team haben kann. Hountondji war lange Zeit nicht richtig fit, konnte dadurch seine physische Überlegenheit nicht richtig ausspielen. Jones kam zwar zu ein paar Einsätzen, ist aber nun eine Art Neuzugang. Und ich bin überzeugt, dass jede Spielminute von Ceesay eine ist, die der FCSP in der Zukunft doppelt und dreifach zurückgezahlt bekommt.
Sollte nun also unbedingt jemand für die Offensive verpflichtet werden und damit in Kauf genommen werden, dass die aktuellen Spieler und womöglich auch die Team-Chemie darunter leiden? Oder sollte den bisherigen Offensivspielern weiterhin vertraut werden? Was richtig ist und was nicht, wird wenn überhaupt erst im Verlauf der Rückrunde beurteilt werden können. Somit ist der Status in der Kaderplanung des FC St. Pauli, wie so oft: kompliziert.
// Tim
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Danke, für deine Einschätzung. Ich bin auch weiterhin der Meinung, dass uns ein „Stürmer“ gar nicht fehlt. Hountondji und Kaars haben grundsätzlich gezeigt, dass sie es können. Ein 15 Tore Garantie Stürmer können wir uns eh noch nicht leisten. Was uns aus meiner Sicht fehlt, sind gute zuspiele in die Spitze und gute Standarts. Da seh ich eher eine Veränderung im Mittelfeld. Ob intern oder extern muss man schauen.
Sollte bei Morgan die Türe aufgehen, hoffe ich sehr, dass Borne durchgeht. Auch, wenn er mehr Geld in die Hand nehmen muss, als er als „vernünftiges“ Budget zur Verfügung hat.
Warum? Morgan hat gezeigt, dass er es kann, bei uns. Niemand weiß, wie lange Andréas ausfällt und er ist auch nur ausgeliehen. Damit stellt sich im Sommer dann erneut die Frage nach einem neuen Stürmer. Die wäre mit einer Verpflichtung von Guilavogui bereits jetzt beantwortet.
Beim Klassenerhalt wäre das bisschen Unvernunft auch schon wieder ausgebügelt. Spricht also eigentlich nichts dagegen, solange Lens keine absolute Phantasiesumme aufruft.