Borussia Dortmund vs. FC St. Pauli 3:2 – Football, Bloody Hell

Borussia Dortmund vs. FC St. Pauli 3:2 – Football, Bloody Hell

Auf maximal bittere Art und Weise verliert der FC St. Pauli bei Borussia Dortmund und schreibt dabei eine tragische Heldengeschichte.
(Titelfoto: Christof Koepsel/Getty Images/via OneFootball)

Fußball kann unfassbar gnadenlos sein. Besonders dann, wenn Heldengeschichten geschrieben werden, die ein schmerzhaftes Ende haben. So ist es dem FC St. Pauli am Samstag in Dortmund passiert. Gut im Spiel, trotzdem 0:2 hinten,  dann tief in der zweiten Halbzeit den Ausgleich erzielt, nur um in der Nachspielzeit ausgerechnet in Person des zuvor gefeierten Torschützen zum 2:2 noch einen entscheidenden Fehler zu machen und am Ende wieder mit leeren Händen dazustehen – und zu allem Überfluss dadurch auch noch auf den letzten Tabellenplatz der Bundesliga zu fallen.

Die Aufstellung

Eine personelle Veränderung gab es im Vergleich zum Spiel am Mittwoch in Wolfsburg: Martijn Kaars feierte seine Startelf-Rückkehr und verdrängte Ricky-Jade Jones auf die Bank. Nicht in den Kader schafften es Connor Metcalfe und Danel Sinani, sodass Eric Smith wieder auf die Sechser-Position neben James Sands rückte. In der Innenverteidigung startete erneut Adam Dźwigała, Tomoya Andō blieb erstmal auf der Bank. Zudem fehlte der erkrankte Ben Voll, Neuzugang Emil Gazdov feierte entsprechend sein Kader-Debüt.

Bei Borussia Dortmund wurde zur großen Rotation angesetzt. Trainer Niko Kovac entschied sich für gleich fünf Wechsel in der Startelf im Vergleich zum erfolgreichen 3:0 gegen Werder Bremen vor einigen Tagen: Jobe Bellingham ersetzte Marcel Sabitzer auf der Sechser-Position, Julian Ryerson kam anstelle von Yan Couto in die Anfangself, Karim Adeyemi und Julian Brandt verdrängten Maximilian Beier und Carney Chukwuemeka auf die Bank und Emre Can ersetzte Niklas Süle in der Innenverteidigung.

Aufstellung bei der Partie Borussia Dortmund gegen FC St. Pauli BVB: Kobel - Can, Anton, Schlotterbeck - Ryerson, Bellingham, Nmecha, Svensson - Adeyemi, Silva, Brandt FCSP: Vasilj - Dzwigala, Wahl, Mets - Pyrka, Sands, Smith, Ritzka - Fujita, Kaars, Pereira Lage
Aufstellung bei der Partie Borussia Dortmund gegen FC St. Pauli
BVB: Kobel – Can, Anton, Schlotterbeck – Ryerson, Bellingham, Nmecha, Svensson – Adeyemi, Silva, Brandt
FCSP: Vasilj – Dzwigala, Wahl, Mets – Pyrka, Sands, Smith, Ritzka – Fujita, Kaars, Pereira Lage

St. Pauli spiegelt pomadige Dortmunder

Direkt zu Spielbeginn ordneten sich beide Teams in einer Formation an, die man so sehr oft und sehr lange auf dem Platz sehen sollte: Die Dortmunder agierten mit dem Ball in einem 3-2-5. Die drei Innenverteidiger (Can, Anton, Schlotterbeck) bauten von hinten als Dreierkette auf, die Doppelsechs (Nmecha, Bellingham) agierte davor, die Außenverteidiger (Ryerson und Svensson) schoben auf eine Höhe mit Angreifer Silva und die beiden offensiven Außenbahnspieler (Adeyemi und Brandt) rückten in die offensiven Halbräume.

Nun agiert der FC St. Pauli bekanntlich in einer 5-2-3-Formation. Also genau dem Gegenteil von dem, was der BVB im Ballbesitz an Formation aufbot. Entsprechend ergab sich daraus eine natürliche Spiegelung, die der FCSP durch sein leicht mannorientiertes Verhalten noch weiter forcierte. Und genau diese Spiegelung sorgte dafür, dass der FCSP den BVB fast über die gesamte Spielzeit vor große Probleme stellte. Bei all den Worten zur durchaus vorhandenen Trägheit der Dortmunder, muss klar herausgestellt werden, wie sehr der FCSP es schaffte, dass der BVB nie so richtig ins Spiel fand.

Keine Rotationen = keine Offensivgefahr

Die Formation des Gegners spiegeln ist eine recht simple Variante, um das Aufbauspiel des Gegners zumindest zu verlangsamen. In der 2. Liga war das vor ein paar Jahren mal total en vogue. Bis jemand kam und auf radikale Weise die Probleme einer spiegelnden Verteidigungsweise offenlegte: Fabian Hürzeler und der FC St. Pauli rotierten so intensiv, dass gegnerischen Teams ihre Spiegelung zum Verhängnis wurde, wenn diese mannorientiert gespielt wurde. Weil Spieler in Räume gezwungen wurden, in die sie nicht gehören.

Die Spiegelung der Dortmunder Formation spielte der FC St. Pauli aber nur dann wirklich konsequent, wenn der BVB den Ball in der eigenen Innenverteidigung hielt. Wenn Dortmund den Ball etwas tiefer in die Hälfte des FCSP spielte, dann veränderte sich das Verhalten. Dann zog sich der FC St. Pauli in einem kompakten 5-4-1 zusammen, agierte weniger mannorientiert, stellte Borussia Dortmund aber vor ebenso große Probleme wie mit der Spiegelung weiter vorne auf dem Feld.

Auch gegen Teams, die sich im eigenen Drittel kompakt zusammenziehen, gibt es Möglichkeiten, sie zu knacken. Um kompakt zu stehen, müssen sich Spieler eng zusammenziehen, die Abstände untereinander müssen gering sein. Entsprechend kann ein kompakt stehendes Team nicht die gesamte Breite des Spielfelds abdecken. Folglich ergeben sich auf der ballfernen Seite Räume. Diese können vom ballführenden Team durch schnelle Verlagerungen erreicht werden.

„Nicht oft genug die Flasche geschüttelt“

Beides, das Rotieren und das Verlagern, hat der BVB in der Partie gegen den FC St. Pauli nur sehr selten gezeigt. Das lag zum einen am FC St. Pauli, der bei der Defensivarbeit sehr konzentriert zu Werke ging und dafür auch nach Abpfiff eine Menge Lob von Niko Kovac erhielt. Was der BVB-Trainer aber auch erklärte: Sein Team habe oft „die Flasche nicht genug geschüttelt“. Damit meinte er, dass es den Dortmundern zu selten gelang, durch Rotationen oder Verlagerungen die Defensive des FCSP in Bewegung zu bringen, sodass diese ihre Positionen verlassen musste.

Dass den Dortmundern mit dem Ball herzlich wenig einfällt, wie man diesen FC St. Pauli knacken kann, konnte bereits kurz nach Anpfiff der Partie beobachtet werden. Es gab nur ein paar zaghafte Versuche, die FCSP-Hintermannschaft zu zerreißen. Blessin erklärte nach Abpfiff, dass Brandt zu Spielbeginn einige Male zum Laufweg in die Tiefe ansetzte, was aber nicht von Erfolg gekrönt war. Zudem tauschten Adeyemi und Ryerson auf der rechten Seite immer mal wieder die Positionen (besser wäre es gewesen, wenn sie auch mal beide gleichzeitig ganz außen geblieben wären). Am effektivsten und spielerisch gefährlichsten wurde der BVB immer dann, wenn einer der beiden Sechser auf die Außenbahn auswich und dort als vertikale Verbindung nach vorne agierte. Das sorgte für Unterzahlsituationen des FC St. Pauli auf der Außenbahn, selbst wenn es die ballnahe Seite war. Damit das nicht passiert, musste der FC St. Pauli mit einem der Sechser sehr weit auf diese Seite schieben, was dann zu offenen Räumen im Zentrum führte, die der BVB für sich hätte nutzen können. Das passierte aber nur sehr selten.

Spielaufbau-Situation Borussia Dortmund gegen FC St. Pauli Der FCSP spiegelte die Formation des BVB. Die Dortmunder reagierten darauf nur selten mit Rotationsbewegungen und/oder Verlagerungen, sodass das Dortmunder Offensivspiel nahezu vollständig von Einzelaktionen abhängig war.
Spielaufbau-Situation Borussia Dortmund gegen FC St. Pauli
Der FCSP spiegelte die Formation des BVB. Die Dortmunder reagierten darauf nur selten mit Rotationsbewegungen und/oder Verlagerungen, sodass das Dortmunder Offensivspiel nahezu vollständig von Einzelaktionen abhängig war.

Starkes Team vs. starke Einzelkönner

Die konzentrierte Abwehrarbeit des FC St. Pauli und die durchaus pomadige Spielweise der Dortmunder sorgten dafür, dass der Vorteil des BVB durch höhere individuelle Qualität nur ganz selten zur Geltung kam. Bitter: Letztlich waren es aber diese wenigen Einzelaktionen, die Dortmunder den Sieg brachten.
Die Partie war sehr ausgeglichen und das ist als großes Lob für den FCSP zu verstehen. (Das Knacken von kompakten und/oder mannorientierten Gegnern verlangt vor allem Bereitschaft zur Laufarbeit – die BVB-Spieler müssen sich also durchaus den Vorwurf gefallen lassen, nicht mit der richtigen Einstellung in diesem Spiel aktiv gewesen zu sein). Der FC St. Pauli machte also dank guter Team-Organisation den individuellen Nachteil wett. Genau das, was man sich wünscht, wenn man als FCSP-Fan zum BVB reist.

Schlotterbeck liebäugelt mit einem Platzverweis

Dieses ausgeglichene Spiel sorgte entsprechend auch für Torraum-Szenen auf beiden Seiten. Zuerst segelte eine Flanke von Ryerson in den FCSP-Strafraum, Vasilj wehrte sie zwar ab, bekam sie aber nicht aus dem Strafraum heraus. Der Ball fiel Brandt vor die Füße, seinen Abschluss konnte Hauke Wahl aber vor der Linie klären. Kurz danach brach Pyrka auf der rechten Seite durch (nicht das einzige Mal in diesem Spiel – Pyrka hatte einen richtig starken Nachmittag) und Schlotterbeck wusste sich nicht anders zu helfen, als kurz vor der eigenen Eckfahne ein vielleicht sogar rotwürdiges Foul auszupacken. Der BVB-Innenverteidiger traf Pyrka mit offener Sohle oberhalb des Knöchels, der Ball war bereits weg. Nach meinem Empfinden darf er sich in dieser Szene überhaupt nicht beschweren, wenn er vom Platz gestellt wird. Das womöglich einzig entlastende Argument: Schlotterbeck zieht den Fuß recht schnell wieder weg, zieht also nicht ganz durch (was aber nach meinem Empfinden nur ein sehr weit hergeholtes Argument gegen eine Rote Karte ist).

Den anschließenden Freistoß brachte Smith flach hinein. Im Strafraum gab es gut getimte Laufwege des FCSP. Kaars kam zum Abschluss, der an Silvas Körper endete und dabei auch an der rechten Hand des BVB-Angreifers. Ein strafbares Handspiel? Nein, sicher nicht. Silva wird am rechten Arm getroffen, der am Körper angelegt ist, zudem vergrößert er damit auch nicht seine Körperoberfläche. Schiedsrichter Harm Osmers entschied zuerst auf Elfmeter, nahm diesen aber nach Ansicht der Bilder wieder zurück.

Adeyemi zeigt kurz, was er kann

Es war weiter ein Hin und Her: Ein Freistoß von Brandt landete denkbar knapp neben dem FCSP-Tor, fast im Gegenzug wurde Kaars von einem ganz feinen Smith-Pass auf die Reise gen Grundlinie geschickt (Smith zeigte sowieso sicher seines bestes Saisonspiel). Kaars fand mit seinem Querpass Pereira Lage am kurzen Pfosten, dessen Abschluss parierte BVB-Torhüter Kobel aber stark.
In den Minuten bis zur Pause holte sich Smith für sehr intensives Klammern gegen Can seine dritte Gelbe Karte ab, während Adeyemi durch Privat-Fehden mit Ritzka und Mets erst ein äußerst unangenehmes Bild von sich erzeugte, Minuten später dann aber kurz aufblitzen ließ, warum er trotz des unangenehmen Bildes in der Nationalmannschaft spielt:

Nur wenige Male gelang es dem BVB, die Seiten effizient zu verlagern. Eine solche Situation gab es dann aber in der Nachspielzeit der ersten Hälfte. Der FC St. Pauli verschob auf die linke Seite, der BVB verlagerte schnell durch das Zentrum nach links zu Adeyemi, der zum Dribbling gegen Ritzka ansetzte. Der BVB-Offensivspieler zog zur Grundlinie am FCSP-Linksverteidiger vorbei, auch deshalb, weil Ritzka in der Situation einen klitzekleinen Schritt auf Adeyemi zumachte, der seinerseits Sekundenbruchteile später beschleunigte. Passiert. Zeig mir den Verteidiger, der Adeyemi nie an sich vorbeiziehen lässt. Problematischer war vielmehr, dass der Querpass an Freund und Feind vorbei durch den Strafraum ging, bis er am zweiten Pfosten Brandt erreichte, den Sands aus den Augen verlor. Brandt konnte ungehindert einschieben.

FC St. Pauli macht einfach weiter – und gleicht aus!

Was für eine riesengroße Scheiße dieses Gegentor gewesen ist! Da spielst du als FC St. Pauli eine echt gute erste Halbzeit in Dortmund, lässt wenige Gelegenheiten zu, hast auch selbst einige gute Offensivaktionen, gewinnst 61 Prozent deiner Zweikämpfe – und dann lässt eine einzige Situation in der Nachspielzeit der ersten 45 Minuten das ganze Vorhaben in sich zusammenfallen.

Moment! Das mit dem Zusammenfallen stimmt nicht, wie sich im Verlauf der zweiten Hälfte herausstellen sollte. Denn zwar ist die Sorge natürlich berechtigt, dass der FC St. Pauli nach dem 0:1 noch größere Probleme hätte bekommen können, weil man sich nun eben nicht dauerhaft auf die Defensivarbeit konzentrieren kann. War aber nicht so. Alexander Blessin erklärte auf der Pressekonferenz, dass sein Team auch nach dem Rückstand weiter am Vorhaben festgehalten hat, es weiterhin so konzentriert wie zuvor umgesetzt hat.

DORTMUND, GERMANY - JANUARY 17: Lars Ritzka of FC St. Pauli challenges Fabio Silva of Borussia Dortmund during the Bundesliga match between Borussia Dortmund and FC St. Pauli at Signal Iduna Park on January 17, 2026 in Dortmund, Germany. (Photo by Christof Koepsel/Getty Images)
Lars Ritzka in seinem natürlichen Habitat als personifizierter Zweikampf.
(Christof Koepsel/Getty Images/via OneFootball)

Start in zweite Hälfte misslingt

Allerdings hat der FC St. Pauli im zweiten Abschnitt ein bisschen länger gebraucht, bis es in den Abläufen wieder so gut lief wie noch in der ersten Hälfte. Der BVB hatte kurz nach Wiederanpfiff seine beste Phase der Partie. Besonders – das mag ich gar nicht schreiben, ist aber leider so – Adeyemi stellte die FCSP-Hintermannschaft einige Male vor Probleme. Er war es, der nach 54 Minuten dann auch den zweiten BVB-Treffer erzielte. Weil ein Abstoß des FC St. Pauli postwendend zurückkam und dabei Brandt, Silva und Adeyemi auf eine zu diesem Zeitpunkt nicht gut sortierte Abwehrreihe trafen. Dadurch konnte Brandt Silva in die Tiefe schicken. Vasilj entschied sich dafür herauszulaufen, obwohl Silva noch Mets im Schlepptau hatte und damit nicht alleine auf das Tor zulief. Rückblickend muss man festhalten: Das hätte Vasilj mal lieber nicht tun sollen. Denn er erreichte weder Ball noch Silva. Der BVB-Angreifer legte den Ball zum mitgelaufenen Adeyemi ab, der diesen nur noch ins nun leere Tor einschieben musste – 0:2. Der Sargnagel?

Mitnichten. Zwar hatte der FC St. Pauli den zweiten Treffer erst einmal ein paar Minuten in den Kleidern hängen, doch in der 61. Minute setzte das Team zum Konter an. Pereira Lage trieb den Ball gen Strafraum, spielte dann aber einen zu steilen Pass auf Kaars, der dann aber noch eine Ecke herausholte (nach, so ehrlich muss man sein, einem Foul von Fujita an Schlotterbeck beim Ballgewinn). Die Ecke von Smith landete bei Sands, der sich gegen Can durchsetzte und den Ball ins lange Eck köpfte. Dieser Treffer änderte das Spiel für einige Zeit komplett.

Smith legt doppelt auf

Denn ab dieser 62. Minute spielte nun hauptsächlich der FC St. Pauli, der bereits vor dem Anschlusstreffer einen Dreifach-Wechsel vorbereitete. Oppie, Andō (überzeugendes Debüt) und Jones kamen hinein und wenige Minuten später sollte sich mindestens einer dieser Wechsel gelohnt haben. In der 71. Minute gewann Pyrka einen Ball im Pressing tief in der Dortmunder Hälfte (von diesen Ballgewinnen hatte er vor allem im ersten Abschnitt eine ganze Reihe) gegen Svensson, der sich nur mit einem Foul helfen konnte. Wieder brachte Smith den Freistoß herein…

Diese Flanke fand Jones am ersten Pfosten, der den Ball volley und mit gaaaanz viel Gefühl im langen Eck unterbrachte. Ein Traumtor. Jones lief vor den Gästeblock, der eskalierte, wie man halt eskaliert, wenn man als FC St. Pauli in Dortmund aus einem 0:2 ein 2:2 macht. Ja, das Endergebnis ist scheiße und es ist einfach frustrierend, dass es für diese Leistung am Ende keine Punkte gab. Aber dieser Moment nach dem 2:2, der Jubel, die Freude, das kurze Gefühl des maximalen Glücks, das nur der Fußball erzeugen kann… den kann uns niemand mehr nehmen.

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Jones feiner Fuß sorgt für Ekstase

Doch wie ihr alle wisst, nahm diese Heldengeschichte noch ein ziemlich bitteres und äußerst dramatisches Ende. In dieser 72. Minute konnten wir natürlich noch nicht ahnen, wie der Fußball-Nachmittag für den FC St. Pauli und insbesondere für Ricky-Jade Jones enden würde. In den Minuten nach dem Ausgleich sah es sogar eher so aus, als wenn dieses Spiel zukünftig in der Galerie der größten FCSP-Spiele ever einen Ehrenplatz einnehmen würde. Denn der FC St. Pauli war nun das bessere Team, der BVB wirkte angeknockt. Jones hatte in der 78. Minute sogar noch die Chance, das 3:2 zu erzielen, scheiterte aber aus spitzem Winkel an Kobel. Die Führung wäre zu diesem Zeitpunkt für den FCSP sogar verdient gewesen. Das Torschuss-Verhältnis in der 80. Minute: 7:5 für den FC St. Pauli.

Es kam, was irgendwie kommen musste, wenn man als Team im Abstiegssumpf festhängt: Je näher die Spieluhr gen Abpfiff tickte, umso besser wurde Borussia Dortmund. Guirassy hatte in der 81. Minute bereits eine gute Gelegenheit zur erneuten BVB-Führung, Vasilj war aber auf dem Posten. Durchatmen. Doch die Minuten wurden länger, der Puls höher, der BVB stärker. Aber der FC St. Pauli verteidigte die Situationen mit großer Leidenschaft. In der 93. Minute wurde ein Eckball per Kopf geklärt, der Ball flog ans rechte Eck des FCSP-Strafraums. Diesen versuchten dann der eigenwechselte Beier und Jones zu erreichen. Beier war eher da, wurde von Jones in der Luft getroffen. Zweifelsohne ein Foulspiel und zweifelsohne unnötig, weil Beier mit dem Ball gen Eckfahne, nicht in den Strafraum unterwegs gewesen wäre. Osmers entschied auf Freistoß am Strafraumeck. Doch der VAR schaltete sich ein, das Foul soll nicht vor, sondern im Strafraum stattgefunden haben (übrigens zählt auch die Linie zum Strafraum). Es ist gut möglich, dass das der Fall war. Aber auf eine Kamera-Einstellung auf deren Basis die Entscheidung von Osmers zweifelsfrei als falsch angesehen werden kann, wartete man am Samstag vergeblich. Transparente Kommunikation ist das nicht. Es gab jedenfalls Elfmeter, Can trat an, Vasilj ahnte die Ecke, kam aber nicht an den Ball. In den zwei Minuten danach kam Jones nochmal zum Abschluss, es gab noch eine Ecke, aber der FCSP konnte nicht mehr antworten. Fuck.

Null Punkte sind null Punkte – aber…

So verliert der FC St. Pauli bei Borussia Dortmund mit 2:3. Erneut fängt sich das Team auswärts ganz spät einen Gegentreffer und verliert einen Punkt. Das war bereits in Wolfsburg und München der Fall – aber hier gibt es keinen Gewöhnungs-Effekt, der Schmerz ist jedes Mal unverändert groß. Dieses Mal sicher sogar noch etwas größer, weil das Team nach einem 0:2-Rückstand noch so stark zurückgekommen ist.

Die Einordnung dieser Niederlage dürfte extrem unterschiedlich sein. Klar, wer solche Spiele in Reihe verliert, erhöht die Chancen eines Abstiegs. Sehr. Null Punkte sind null Punkte und wir haben die Saisonphase erreicht, in der es um nichts anderes als Ergebnisse geht. Auf der anderen Seite stand da in Dortmund ein Team des FC St. Pauli auf dem Platz, das taktisch super auf den BVB eingestellt war, mutig spielte, nicht aufsteckte und sich mit Zähnen und Klauen gegen eine Niederlage wehrte. So können nach diesem Spiel Stolz und Enttäuschung problemlos koexistieren. Oder um es mit den Worten von Sir Alex Ferguson etwas niederschmetternder zu formulieren: Football, bloody hell!

Immer weiter vor!
// Tim

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2 thoughts on “Borussia Dortmund vs. FC St. Pauli 3:2 – Football, Bloody Hell

  1. Danke Tim, dein Artikel macht mir den Sonntag etwas leichter. Etwas.

    Was ich noch besonders hervorheben möchte. Die Mega starke Leistung der Innenverteidigung. Ja, zwei Tore gefangen. Aber so gegen dieses TopTeam so zu spielen, alle Achtung.

    Und was auch schön zu beobachten war. Ricky wurde nach dem Abpfiff nicht allein gelassen. Auch das macht dieses Team stark.

    Und die Stimmung in der Kurve. Eher Party, so laut und so viel Energie. Hammer.

    #HateNachspielzeitWennEsToreGegenUnsGibt

  2. Boah bin ich angepisst!!

    Und was gibt es da besseres als die wöchentliche Therapie durch den Millernton-Spielbericht.

    Danke Tim. War wieder sehr schön geschrieben. Macht Spaß die gute Mannschaftsleistung nochmal nachzufühlen.

    Leider haben sich in dem Artikel zwei Fehler versteckt:

    1. Wir sind nicht Letzter. In der Tabelle, die du gesehen hast fehlen noch die drei Punkte gegen Rasenballsport. Eigentlich sind wir 15ter, je nachdem wie Augsburg morgen spielt.

    2.Ich raffe diese bescheuerte Regel zwar überhaupt nicht, aber natürlich war das ein verschissenes Handspiel von dem Dortmunder!

    Erst muss ich gegen Wolfsburg fast versehentlich in den Fernseher boxen, weil der Sky-Kommentator mir erzählen will, dass es nach der neuen Regel scheissegal ist ob ein Arm angelegt ist und ein Verteidiger sich weg dreht – „entscheidend ist das der Ball in Richtung Tor gegangen ist“…

    … und dann, wenn es darum geht dass wir mal einen Elfmeter bekommen könnten, ist das plötzlich alles nicht mehr wahr!

    … und da ist mir dann auch egal ob der Maik morgen in der Redax irgendsowelche vermutlich objektiv korrekten Fakten gegenüberstellt.

    Und was man mal doppelt unterstreichen sollte – Was erlauben VAR??

    In der Regel steht:

    „Der Schiedsrichter darf nur dann durch einen Video-Assistenten unterstützt werden, wenn ein klare und offensichtliche Fehlentscheidung vorliegt“

    Was ist die Definition von „klar und offensichtlich“? Ist „klar und offensichtlich“ wenn ich 327 verschiedene Sky-Perspektiven habe die wirklich gar nichts eindeutig zeigen, dass ich dann im Kölner Keller anfange Grashalme zu zählen.

    Und jetzt erzähl mir bloß keiner was von fancy berechneten 3D-Modellen. Selbst wenn die gut ausgebildeten Video-Sachverständigen da den Fuß von RJJ in auf einer Töpferscheibe mit Ton nachbilden würden, würde ich dabei bleiben, dass Milimeter-Entscheidungen, die ich mit dem bloßen Auge nicht wahrnehmen kann dann auch irgendwann zu irrelevant werden, um die Entscheidung auf den Platz zu überbügeln. Insbesondere, wenn sich beide Soieler aus dem Strafraum heraus bewegten und der Ball eigentlich weg war.

    Wo ist denn da der Geist des Spiels, wenn man ihn braucht?

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