Nach 17 Bundesligaspielen steht der FC St. Pauli auf einem Abstiegsplatz. Was macht Hoffnung, dass die zweite Saisonhälfte besser läuft?
(Titelfoto: Stefan Groenveld)
Eigentlich bieten Halbzeiten Momente, um durchzuatmen. Das ist in der Bundesligasaison 25/26 aber nicht vorgesehen. Das Ende der Hin- und der Beginn der Rückrunde sind Teil der gleichen Englischen Woche, der Übergang ist deutlich enger als üblich. Und besonders für den FC St. Pauli geht es nun zum Start der „2. Halbzeit“ erst einmal richtig rund: Nach dem Derby folgt die Englische Woche mit dem Nachholspiel gegen Leipzig und dem Trip nach Augsburg. Dann geht es unter der Woche zum Pokal-Viertelfinale nach Leverkusen, ehe Stuttgart ans Millerntor kommt. Macht fünf Spiele in 16 Tagen. Durchatmen ist also nicht, vielmehr ist das intensivste Phase der Saison.
Es ist gerade einmal Halbzeit
Die Frage ist: In welcher Form und unter welchen Voraussetzungen geht der FC St. Pauli in diese Saisonphase? Das mit den Voraussetzungen ist einfacher zu beantworten: Der FCSP liegt nach 17 Saisonspielen mit 12 Punkten am Tabellenende, punktgleich mit Mainz und einen Punkt hinter Heidenheim, beide haben ein Spiel mehr. Der FC Augsburg auf Platz 15 ist bereits vier Zähler weg und hat auch ein Spiel mehr. Der HSV liegt mit 17 Zählern auf Rang 14 – womit völlig klar sein dürfte, dass das anstehende Derby auch aufgrund der Tabellensituation von größter Wichtigkeit ist.
Was angesichts der bisher erst absolvierten 17 Ligaspiele verwunderlich ist: Wie hoch im Umfeld des FC St. Pauli die Quote jener ist, die bereits resigniert zu haben scheinen. Nach gerade einmal der Hälfte der Spiele und trotz nur vier Zählern Rückstand zum rettenden Ufer scheinen sich viele völlig sicher zu sein, dass der FCSP keine Chance mehr auf den Klassenerhalt hat. Das zeigt: Die bisherige Saison hat Spuren hinterlassen. Eine Serie von neun Niederlagen in Folge ist etwas, das oft, aber eben nicht immer den Abstieg bedeutet. Sie scheint nicht nur Punktlosigkeit in der Tabelle bedeutet zu haben, sondern hat bei vielen auch jegliche Kampfkraft genommen. Das führt dazu, dass das Glas vielerorts eben halbleer und nicht halbvoll ist.
Es gibt nichts zu feiern – aber auch nichts zu betrauern
Nun ist der MillernTon aber eher für halbvolle Gläser bekannt. Wir sehen natürlich auch, wie schwer es dem Team des FC St. Pauli in vielen Momenten der ersten Saisonhälfte gefallen ist, mit dem Bundesliga-Level Schritt zu halten. Bedeutet das aber, dass wir uns mit etwas abfinden, das noch gar nicht passiert ist? Werden Aufstiege gefeiert, bevor diese gelungen sind? Nee, natürlich nicht! Wieso sollte dann vorzeitig ein Abstieg betrauert werden? Wieso sollte bereits jetzt die Flinte ins Korn geworfen werden? Klar, Glaube und Hoffnung sind zwei unterschiedliche Dinge. Man kann hoffen, dass der FC St. Pauli nicht absteigt und trotzdem glauben, dass es passiert. Aber 17 Spiele vor Ende der Saison resignieren, bei dieser Tabellenkonstellation? Nein, einfach nein.
Das Glas ist halbvoll!
Warum das Glas halbvoll ist? Bitteschön:
Die Niederlage gegen Borussia Dortmund am vergangenen Wochenende, jene in Wolfsburg zur Wochenmitte, aber auch jene in München vor Jahreswechsel haben gemeinsam, dass sich der FC St. Pauli erst ganz spät den entscheidenden Gegentreffer gefangen hat. Wer solche Spiele verliert, verfehlt das Saisonziel – so ist die gängige und voller Resignation ausgesprochene Aussage. Dass der FCSP nicht nur dreimal aufgrund später Gegentreffer je einen Punkt verlor, sondern auch zweimal (Hinspiel gegen Dortmund und in Köln) noch spät den Treffer zum Punktgewinn feierte, wird dabei oft außer Acht gelassen.
Die aktuelle Tabellensituation des FC St. Pauli ist natürlich beschissen, keine Frage. Und ob es gelingen kann, nach zwölf Punkten aus den ersten 17 Spielen nun schätzungsweise 18 Punkte aus den zweiten 17 Spielen zu holen, um eine Chance auf den Klassenerhalt zu haben, ist ungewiss. Aber natürlich ist das möglich! Es wäre noch nicht einmal ein riesengroßes Fußballwunder, wenn der FCSP nun in der Rückserie sechs Siege holt. Hoffnung machen nämlich die letzten Spiele und die Neuzugänge.
(Hä, hat der Depp gerade „Neuzugänge“ geschrieben?! Ja, kommen wir gleich zu)
Kommt da etwa die Offensive ins Rollen?
Auswärts in Wolfsburg und in Dortmund – das Auftaktprogramm nach der Winterpause hätte für den FC St. Pauli sicher angenehmer sein können. Und auch wenn es in diesen beiden Spielen jeweils eine Niederlage gab, so kann auch Positives daraus gezogen werden, besonders für die eigene Offensive. Der FCSP hat dem BVB nämlich ein Drittel seiner Heim-Gegentore dieser Saison beschert. Zuvor trafen nur Leipzig (1:1) und Stuttgart (3:3), als sie zu Gast in Dortmund waren. Union? Wolfsburg? Köln? Hoffenheim? Mönchengladbach? Bremen? Haben die Heimreise allesamt ohne eigenen Treffer (und Punkte) antreten müssen.
Zwar ist es erstmal nur ein zartes Pflänzchen, aber es gibt Hinweise darauf, dass der FC St. Pauli nun wieder mehr Offensivgefahr erzeugen kann als noch in den Spielen vor Jahreswechsel. In den beiden Spielen 2026 erarbeitete sich der FCSP so viele Schüsse auf das gegnerische Tor, wie in den letzten fünf Spielen vor Jahreswechsel zusammen. In den letzten zwölf Spielen hatte der FCSP nur viermal einen xG-Wert über 1 – in Freiburg, gegen Heidenheim und nun sowohl in Wolfsburg als auch in Dortmund. Das könnte auch damit zusammenhängen, dass es Fortschritte bei den tiefen Bällen nach vorne gibt: Gegen Wolfsburg war die Erfolgsquote langer Bälle so hoch wie noch nie in dieser Saison. Bis das Spiel in Dortmund kam und den Spitzenwert noch einmal nach oben verschob. Zur Wahrheit gehört zwar auch, dass die Anzahl an Torschüssen und vor allem der xG-Wert auf unterirdischem Niveau gewesen ist – aber irgendwo muss man ja anfangen!
FC St. Pauli freut sich über Neuzugang und „Neuzugänge“
Womit wir zurück zum Thema Neuzugänge kommen. Denn auch wenn das Fundament mit zwei Spielen nach der Winterpause noch sehr wackelig ist, so haben Veränderungen in der Startelf des FC St. Pauli durchaus einen positiven Effekt gehabt. Das Vorziehen von Eric Smith auf die Sechser-Position etwa (auf gewisse Art ein Neuzugang), führt es doch zu deutlich mehr Spielkontrolle, Kreativität und Pass-Sicherheit im Mittelfeld. Ob Smith diese Position in der Rückrunde dauerhaft bekleidet, hängt davon ab, wie schnell und wie gut Tomoya Andō in der Bundesliga klarkommt. Sein Debüt gegen den BVB war jedenfalls sehr vielversprechend.
Ebenfalls eine Art Neuzugang ist Ricky-Jade Jones. Nach seiner Einwechslung in Dortmund avancierte er innerhalb kürzester Zeit zum Unruheherd und damit zur Gefahr für das BVB-Tor. Erstmals zeigte sich, wie extrem gefährlich Jones sein kann, wenn es in der gegnerischen Hintermannschaft etwas Platz gibt. Seine Körperlichkeit (ich konnte gar nicht glauben, dass er nur 1,83m groß sein soll) in Verbindung mit seinem Tempo ist für die Gegenspieler unangenehm. Zudem scheint er sich wenig Gedanken zu machen, wenn er in der Nähe des gegnerischen Tores an den Ball kommt, sucht möglichst direkt den Abschluss. Das gefällt und ist rar im Kader des FC St. Pauli. Und da Jones den Großteil der Hinrunde verletzungsbedingt fehlte, ist er schon so etwas wie ein Neuzugang.
Abstiege stehen im Frühjahr fest, nicht im Winter
Letzte Woche bestand beim FC St. Pauli noch externer Bedarf im zentralen Mittelfeld und der Offensive. Hat sich das nun geändert? Zumindest ist der Druck neue Spieler zu holen, nicht größer geworden. Aber natürlich ist das auf eher dünnem Eis gebaut, eine gute Leistung in einem Spiel macht noch keinen Stammspieler auf der Position. Genau so, wie ein gutes Spiel noch keine Punkte, geschweige denn den Klassenerhalt bedeutet.
Der Weg hin zum Verbleib in der Bundesliga ist keinesfalls leicht. Und der FC St. Pauli geht nach einer nicht guten ersten Saisonhälfte mit einem schweren Rucksack in die zweite Hälfte. Aber der Abstand zum rettenden Ufer ist gering, die Wahrscheinlichkeit, dass der FCSP mit den zuletzt gezeigten Leistungen Spiele gewinnt, ist hingegen hoch. Es gibt jetzt zehn Heim- und sieben Auswärtsspiele – auch wenn es sich für die eine oder den anderen anders anfühlen mag: Die Saison ist noch sehr lang, abgestiegen wird, wenn überhaupt, im Frühjahr, nicht im Winter.
Der Druck ist jetzt aber natürlich groß. Es geht in den Spielen gegen HSV und Augsburg nun gegen zwei direkte Konkurrenten (rechnet mal durch, was zwei FCSP-Siege für die Tabelle bedeuten würden). Danach wird sicher auch noch keine Entscheidung über das Wohl und Wehe des FCSP gefallen sein, aber womöglich ist die Tendenz deutlicher erkennbar. Mindestens so lange aber gilt: FC St. Pauli hat noch alle Chancen auf den Klassenerhalt. Und die sind trotz Niederlage in Dortmund nicht wirklich kleiner geworden.
// Tim
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