Die Abstiegssorgen beim FC St. Pauli sind weiterhin groß, auch weil das Team Probleme hat, Tore zu erzielen. Seit Beginn des neuen Jahres ist aber eine Verbesserung erkennbar.
(Titelfoto: Stefan Groenveld)
Sechs Spiele hat der FC St. Pauli nach der Winterpause in der Bundesliga bestritten. Einen Sieg, zwei Unentschieden und drei Niederlagen gab es dabei, macht zusammen fünf Punkte. Das ist sicher zu wenig, um in der Bundesliga zu bleiben. Aber es zeigt sich ein Aufwärtstrend, der Hoffnung macht, dass es in naher Zukunft mehr Punkte für den FCSP geben wird.
FC St. Pauli fokussiert(e) sich auf die Defensive
Zu Beginn der Winterpause haben wir uns die Situation in der Offensive schon einmal eingehender angeschaut und festgestellt, dass es beim FC St. Pauli seit dem Spiel in Freiburg einen Bruch gab (Kritisch, aber nicht dramatisch). Mitte Herbst, vor der Partie im Breisgau, kündigte Alexander Blessin an, dass sich der Fokus des FCSP verschieben wird, viel deutlicher in Richtung defensiver Stabilität. Seitdem war das Team gegen den Ball stabiler, allerdings zum Preis nahezu keiner Offensivgefahr.
Der FCSP-Cheftrainer erklärte dann zum Auftakt nach der Winterpause, dass dieser Schritt wichtig gewesen sei, man sich aber nun Stück für Stück auch wieder mehr auf die Offensive fokussieren möchte. Nun, nach einem halben Dutzend Ligaspiele in 2026, schauen wir uns das mal genauer an.
Zum Vergleich erst einmal der Blick auf die Situation vor der Winterpause: Vor dem Freiburg-Spiel kam das Team des FC St. Pauli auf einen xG-Wert von 1,25 und 4,1 Schüsse auf das Tor, jeweils pro Partie. Diese Werte bedeuteten unteres Mittelfeld der Bundesliga. Seit dem Freiburg-Spiel bis zur Winterpause ist die Anzahl an Schüssen auf das Tor pro Spiel auf 1,8 gesunken und der eigene xG-Wert pro 90 Minuten beträgt 0,65, was jeweils der schlechteste Wert der Bundesliga war.
Nun haben sich diese Zahlen stark verbessert: Der FC St. Pauli hat in den letzten sechs Ligaspielen durchschnittlich viermal auf das gegnerische Tor geschossen und kommt auf einen xG-Wert von 1,54 pro Spiel.
Offensiv-Metriken zeigen Verbesserungen seit der Winterpause
Diese Steigerung drückt sich auch in weiteren Zahlen aus. Zahlen, die Hinweise darauf liefern, was dem FC St. Pauli in der Offensive nun besser gelingt. Die Anzahl an Ballkontakten im gegnerischen Strafraum ist gestiegen, von durchschnittlich 12,3 pro Partie auf 15,2 – der FCSP taucht in den Spielen nach der Winterpause also häufiger gefährlich im gegnerischen Strafraum auf. Weitere Metriken deuten an, dass dies durch ein verbessertes Ballbesitzspiel zustande kommt: Die Quote erfolgreicher Pässe ins letzte Drittel ist gestiegen, von 63,2 Prozent vom Freiburg-Spiel bis zur Winterpause auf 67,1 Prozent. Zudem führt der FC St. Pauli mehr Positionsangriffe pro Partie durch. Das sind Ballbesitzphasen, die nicht durch eine Standardsituation entstanden sind (ausgenommen: eigene Abstöße), bei denen mindestens eine erfolgreiche Ballaktion im letzten Drittel des Gegners stattgefunden hat und die kein Konter ist. Seit der Winterpause sind es durchschnittlich 26,7 Positionsangriffe pro Spiel, zuvor waren es nur 21,3.
Wie kann diese Zunahme erklärt werden? Dazu müssen wir erst einmal feststellen, dass der FC St. Pauli ein Team ist, das als sehr „ballfreundlich“ bezeichnet werden kann, wie diese Rangliste zeigt. Auffällig ist, dass der FCSP unter den Low Nine der Bundesliga (Platz 10-18) durchschnittlich die zweitmeisten Pässe pro Ballbesitzphase spielt (4,3 – nur Werder Bremen spielt mehr) und die zweitkürzeste Passdistanz hat (18,9m – nur Mönchengladbach hat weniger). Aus diesen Zahlen wird ersichtlich, dass der FC St. Pauli viel mehr Fußball spielt als die meisten Konkurrenten im Abstiegskampf.
Höhere „Jollys“ als Schlüssel
Dieser Fußball und diese Ideen bei Ballbesitz haben zuletzt besser funktioniert. Alexander Blessin erklärte nach dem Stuttgart-Spiel, dass es seinem Team aufgrund enger Abstände untereinander gelungen sei, sich oft spielerisch aus Situationen zu lösen. Zudem wurde auch taktisch etwas angepasst: „Wir schieben unsere Jollys ein bisschen höher. Teilweise haben wir mit diesen hohen Jollys mehr Optionen im Vorwärtsspiel“, erklärt Blessin. Er betont zudem, dass jeder Spieler „einen kleinen Prozess durchlaufen“ habe und nennt als Beispiel James Sands: „Jimmy spielt jetzt mehr Pässe nach vorne als nach hinten.“
Der höhere Offensivdruck von den Jollys, also den beiden Außenbahnspielern (zuletzt Manos Saliakas und Arek Pyrka) lässt sich auch in den Zahlen klar erkennen: So führte Pyrka in seinen zwölf Einsätzen vor der Winterpause insgesamt 31 Offensivduelle. Allein in den letzten fünf Partien waren es zwei Duelle mehr. Und in den zwölf Partien gab es von ihm insgesamt vier Torschussvorlagen. In den letzten drei Partien waren es sieben. „Arek macht eine super Entwicklung“, erklärte Alexander Blessin nach dem Stuttgart-Spiel und betonte, dass die gestiegene Anzahl an gelungenen Offensivaktionen auch stark mit dem gestiegenen Selbstvertrauen des 23-jährigen zusammenhänge.
„Basics nicht aus den Augen verlieren.“
Es ist also klar erkennbar, dass der FC St. Pauli wieder mehr Torgefahr ausstrahlt. Geht das Mehr an Offensivgefahr zulasten der defensiven Stabilität? Blessin betont: „Ich glaube schon, dass wir einen Schritt gemacht haben. Aber wir wollen die Basics weiterhin nicht aus den Augen verlieren.“ Zumindest deuten die Zahlen nicht darauf hin, dass diese Basics aus den Augen verloren wurden: Der gegnerische xG-Wert hat zwar leicht zugenommen (von 1,48 auf 1,56), die Anzahl an zugelassenen Schüssen ist aber sogar weniger geworden (von 12,2 auf 9,2 pro Spiel). Um einzuordnen, wie gut es ist, wenn ein Team weniger als zehn Schüsse pro Partie zulässt (im gesamten Saisonverlauf hat der FCSP 9,7 Schüsse zugelassen): Neben dem FC St. Pauli haben in dieser Saison nur der FC Bayern München und Borussia Dortmund den Gegnern durchschnittlich weniger als zehn Schüsse pro Partie gegönnt.
Es ist also ein positiver Trend, der beim FC St. Pauli zu erkennen ist. Ein Trend, der zum einen mit einer taktischen Anpassung zusammenhängt, aber ganz sicher auch damit, dass Spieler selbstbewusster auf dem Platz agieren, Vertrauen schafft Stärke. Dieser Trend hat sich gegen Stuttgart dann auch endlich mal in Form von drei Punkten geäußert. So geht es hoffentlich weiter.
// Tim
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