Vorbericht: FC St. Pauli – SV Werder Bremen (23. Spieltag, 25/26)

Vorbericht: FC St. Pauli – SV Werder Bremen (23. Spieltag, 25/26)

Der FC St. Pauli empfängt Werder Bremen zum Abstiegsgipfel am Millerntor und möchte die Bremer Krise verschärfen, muss aber auf umschaltstarke Gäste aufpassen.
(Titelfoto: Stefan Groenveld)

Der Puls geht langsam aber sicher hoch, wenn die Gedanken den späten Sonntagnachmittag streifen. Denn die Partie zwischen dem FC St. Pauli und Werder Bremen ist nicht weniger als ein Sechs-Punkte-Spiel. Eines dieser Spiele, in denen der FCSP punkten muss, um den Traum vom Klassenerhalt nicht irgendwann unmöglich erscheinen zu lassen. Mut macht dabei die Tatsache, dass es sich um ein Heimspiel handelt. Die letzten vier Partien am Millerntor gingen nicht verloren, der FC St. Pauli holte acht Punkte aus diesen Spielen. Diese und die Sieglos-Serie der Bremer soll auch nach diesem Sonntag weiter Bestand haben.

FC St. Pauli: Wer kann spielen, wer fehlt?

Nachdem sich der Spieltagskader des FC St. Pauli zwei Wochen lang aufgrund vieler Verletzungen quasi von ganz alleine zusammensetzte, konnte Alexander Blessin auf der Pressekonferenz vor der Partie gegen Werder Bremen viele positive Nachrichten vermelden: Eric Smith, Hauke Wahl und Mathias Pereira Lage sind wieder fit und werden damit auch sicher wieder im Kader sein. Bei Wahl gab es am Donnerstag im Training einen kurzen Schreckmoment, doch alles nicht so wild, Wahl wird spielen können.

Wahl, Smith, Pereira Lage kehren in den Kader zurück

Sogar zwei länger verletzte Spieler haben im Verlauf der Trainingswoche wieder mitwirken können: Connor Metcalfe, bei dem die Ursache für die Knieprobleme laut Blessin nie so richtig genau identifiziert werden konnte, hat die gesamte Woche am Trainingsbetrieb teilgenommen. Und auch David Nemeth, der aufgrund einer Sehnenverletzung in dieser Saison noch keine einzige Bundesligaminute spielen konnte, machte eine volle Einheit mit. Der Innenverteidiger wird nach seiner langen Leidenszeit aber sicher noch nicht am Wochenende wieder mit dabei sein. Bei Metcalfe – er war schließlich auch mehr als einen Monat raus – ist ebenfalls eher unwahrscheinlich.

Metcalfe und Nemeth wieder im Training

Somit ist der Trainingsplatz beim FC St. Pauli endlich wieder richtig voll. Einzig Torhüter Simon Spari, sowie die beiden Offensivkräfte Ricky-Jade Jones und Andréas Hountondji haben unter der Woche im Teamtraining gefehlt. Moment, nicht ganz! Auch Jackson Irvine pausierte am Donnerstag. Das aber aufgrund von Belastungssteuerung, ein Einsatz am Wochenende ist nicht in Gefahr.
„Das“, so der FCSP-Cheftrainer in Bezug auf die vielen Rückkehrer, „sind eigentlich nur gute Nachrichten und das wollen wir dann natürlich mitnehmen für das Spiel am Sonntag.“

Eric Smith (FC St. Pauli) gibt Anweisungen während der Partie gegen den 1. FC Heidenheim. 13.12.2025, Millerntor-Stadion. // (c) Stefan Groenveld
Eric Smith (FC St. Pauli) wird am Sonntag wohl in die Startelf zurückkehren. Fragt sich nur auf welcher Position. // (c) Stefan Groenveld

SV Werder Bremen: Wer kann spielen, wer fehlt?

Solche Nachrichten wünscht sich der SV Werder Bremen auch. Besonders jetzt, wo es in eine sportlich sehr heiße Phase geht (die nächsten fünf Gegner: St. Pauli, Heidenheim, Union, Mainz, Wolfsburg), wäre ein gut gefüllter Kader extrem wichtig. Aber in Bremen ist vor allem die eigene Defensivreihe schon die gesamte Saison über gebeutelt. Aktuell fehlen dem Team von Neu-Trainer Daniel Thioune mit Maximilian Wöber (Muskelverletzung), Amos Pieper (Schnittwunde am Knie) und Karim Coulibaly (Oberschenkelverletzung) drei Innenverteidiger. Zudem fehlt Rechtsverteidiger Mitchell Weiser bereits die gesamte Saison aufgrund eines Kreuzbandrisses.

Vier Ausfälle von Defensivkräften mit Stammspieler-Potenzial – das ist, gemessen an den letzten Wochen, eigentlich sogar schon eine ganz gute Situation für Werder Bremen. Denn mit Innenverteidiger Niklas Stark und Linksverteidiger Felix Agu sind sogar kürzlich erst zwei Spieler aus ihren Verletzungspausen zurückgekehrt.
Weiter vorne sieht es bei den Bremern besser aus, zumindest was die Spielfähigkeit angeht. Victor Boniface wird aufgrund von Knieproblemen nicht mehr für Werder spielen, alle anderen Spieler dürften fit für Samstag sein.

Was hat Werder zu bieten?

Eine tiefe sportliche Krise hat der SV Werder Bremen zu bieten. Nach einem durchaus bemerkenswerten Saisonstart (15 Punkte aus den ersten zehn Spielen) ging es für Werder stetig bergab. Seit Anfang November wurde kein einziges Spiel mehr gewonnen, zu den 15 Zählern sind bis heute nur noch vier dazugekommen. Werder Bremen hat in dieser Zeit nur ein einziges Mal die Null halten können, dem Team gelingt es zu selten defensiv stabil zu bleiben.

Daniel Thioune soll Werder Bremen in der Bundesliga halten

Aufgrund dieser Sieglos-Serie wurde Werder Bremen ziemlich weit nach unten durchgereicht. Inzwischen ist das Team auf dem Relegationsrang angekommen. Der FC St. Pauli könnte mit einem Sieg sogar an Werder vorbeiziehen. Diese Talfahrt hat Anfang Februar dazu geführt, dass Horst Steffen seinen Posten als Cheftrainer räumen musste. Für ihn übernahm mit Daniel Thioune jemand, der von Außen betrachtet mit seiner ruhigen Art recht gut zum SV Werder Bremen passt. Ob er das Ruder aber herumreißen kann, ist trotzdem durchaus fraglich.

Daniel Thioune ist als Trainer eher dafür bekannt, mit einer Viererkette spielen zu lassen. Das könnte für das Spiel gegen den FC St. Pauli auch Sinn ergeben, besonders da ja einige Innenverteidiger im Bremer Kader aktuell nicht spielen können. Blessin jedenfalls konnte auf der PK nicht genau sagen, in welcher taktischen Formation Werder am Millerntor antreten wird. Zuletzt half Sechser Senne Lynen teilweise in der Innenverteidigung aus. Neben der favorisierten Viererkette halte ich persönlich Thioune für einen Trainer, dem es oft gelingt, seine Teams gut auf die Stärken des Gegners einzustellen. Das haben wir schmerzhaft erfahren müssen, als er Anfang 2024 mit Fortuna Düsseldorf zum Pokal-Viertelfinale am Millerntor antrat und es ihm dabei gelang, das Aufbauspiel des FCSP dank taktischer Umstellungen lahmzulegen. Das darf gerne am Sonntag nicht der Fall sein.

Fokus auf Umschaltmomente, aber allgemein zu wenig Torgefahr

Egal, welche Umstellungen es unter Thioune nun geben wird (Blessin: „Wir haben uns auf beides vorbereitet.“), der Kader von Werder Bremen ist einer, der in Umschaltmomenten besonders stark ist. Mit Spielern wie Mbangula und Njinmah hat das Team viel Tempo und kann Gegnern mit Kontern wehtun. Blessin: „Sie sind im Umschaltspiel sehr, sehr gefährlich. Da müssen wir extrem aufpassen, dass wir da möglichst wenige Chancen und Konter zulassen.“
Dieser Fokus der Bremer auf Kontersituationen dürfte auch damit zusammenhängen, dass es schlicht an anderen Optionen fehlt. Basti (Weserfunk) hat im „Vor dem Spiel“-Gespräch ausführlich dargestellt, dass es Werder Bremen an einer echten Neun mangelt und dieses Fehlen schon einen deutlich negativen Einfluss auf das Spiel der Bremer hat.

Unter anderem zeigt sich die Problematik der fehlenden echten Neun auch daran, dass Werder Bremen bisher erst 22 Treffer in dieser Saison erzielt hat, was die drittschwächste Offensive der Liga bedeutet. Blessin erklärt, dass dieses Problem wohl auch unter Thioune Bestand haben könnte: „Sie erarbeiten sich viele Chancen, aber die Qualität der Chancenverwertung stellt ein Problem dar.“
Bester Torschütze der Bremer ist daher kein Offensivspieler, sondern Sechser Jens Stage, der bisher sechsmal traf. Das war er auch schon in der Vorsaison, als Stage insgesamt zehn Treffer erzielte. Entsprechend sollte der FC St. Pauli ein besonderes Augenmerk auf den 27-jährigen legen. Blessin: „Er ist ein Spieler, der sehr gerne nachrückt, zweite Bälle aufnimmt, einen guten Abschluss und einen guten Riecher hat. Da ist er sehr präsent und da müssen wir natürlich extrem aufpassen.“

Hamburg, Deutschland, 05.08.2023, Fussball, 2. Bundesliga - Daniel Thioune, Trainer von Fortuna Düsseldorf - Copyright: Stefan Groenveld
Der SV Werder Bremen ist bereits der vierte Club, der mit einem Cheftrainer names Daniel Thioune am Millerntor antritt. Erinnerst Du dich an die anderen drei? // (c) Stefan Groenveld

Mögliche Aufstellung

Aufseiten des SV Werder Bremen muss erst einmal überlegt werden, ob das Team mit einer Dreier- oder Viererkette spielen wird, ehe man sich Personalfragen stellt. Aufgrund der personellen Engpässe in der Innenverteidigung deutet vieles auf eine Viererkette hin, was auch zu mindestens einer Veränderung auf der Außenbahn führen könnte. In der Innenverteidigung dürfte neben Kapitän Marco Friedl der erst kürzlich genesene Niklas Stark beginnen (bei dem Blessin aber hinterfragte, ob er wirklich 90 Minuten spielen kann). Zuletzt agierte Justin Njinmah auf der rechten Schienenposition (als Teil einer Fünferkette), dürfte dort aber nicht in einer Viererkette spielen, weil diese mehr defensive Qualitäten verlangt. Fraglich ist zudem die Besetzung der Angriffsposition (Blessin betonte, dass es auch zwei Angreifer geben könnte). Marco Grüll, Keke Topp oder vielleicht sogar Samuel Mbangula kämen infrage. Winter-Neuzugang Jovan Milosevic hingegen kam zuletzt viel weniger zum Einsatz, konnte nicht überzeugen.

Wahl (und Smith?) vor Startelf-Rückkehr

Beim FC St. Pauli kündigen sich durch die Rückkehr von Eric Smith und Hauke Wahl mehrere Veränderungen in der Startelf an. Nicht in der Startelf wird Mathias Pereira Lage stehen, das hat Blessin auf der Pressekonferenz bereits angekündigt. Bei Wahl und Smith ist das aber wahrscheinlicher. Wahl dürfte, wenn er wirklich voll einsatzfähig ist, Adam Dźwigała aus der Startelf verdrängen. Ob er dann als zentraler Innenverteidiger (dann würde Tomoya Andō nach rechts ausweichen) oder als rechter Innenverteidiger spielt, ist nicht ganz klar. Die nicht wirklich vorhandene Kopfballstärke der Bremer Angreifer spricht für einen Einsatz Wahls im Zentrum.

Bleibt noch die Frage wo Eric Smith spielt, wenn er in die Startelf zurückkehren sollte. Also eigentlich ist die Frage eher, wen er verdrängt, wenn er auf der Sechs zum Einsatz kommt. Denn die Innenverteidigung wäre mit dem Trio Wahl-Andō-Mets durchaus gut besetzt, sodass Smith vorrücken könnte. Dort spielten aber zuletzt Jackson Irvine und James Sands und sorgten für Stabilität (zumindest gegen Stuttgart). Ob da wirklich einer der beiden rausrotieren wird? Wenn, dann vermutlich Irvine. Blessin betonte auf der PK, wie wichtig es ist, dass man von der Bank nach 60, 70 Minuten noch Qualität bringen kann. Irvine hatte genau diese Qualität bei seinen Einwechslungen oft gezeigt.

Verdrängt Fujita Angrrifer Kaars?

Zudem gibt es auch weiter vorne Fragezeichen. Denn Joel Fujita steht vor einer Rückkehr in die Startelf. Ob Blessin deshalb aber auf Danel Sinani oder Matti Rasmussen verzichten wird? Denkbar wäre auch, dass Sinani die zentrale Offensivposition einnimmt, zumal Martijn Kaars zuletzt nicht wirklich überzeugen konnte als Angreifer. Das würde dann bedeuten, dass der FC St. Pauli in vorderster Reihe über technische Fertigkeiten verfügt, aber das Tempo für Tiefenläufe fehlt. Eine schwierige Situation. Ich rechne jedenfalls damit, dass Wahl, Smith und Fujita allesamt in die Startelf zurückkehren

Keine Frage – und da sollte auch niemand um den heißen Brei herumreden – es ist ein extrem wichtiges Spiel für den FC St. Pauli. Es geht gegen einen direkten Konkurrenten, an dem man mit einem eigenen Sieg vorbeiziehen kann, sodass man die direkten Abstiegsplätze verlassen würde. Das motiviert sicher extrem, kann aber auch zu dem führen, was wir vor ein paar Wochen am Millerntor zu sehen bekamen, als bei der Stadtmeisterschaft die Angst vor einer Niederlage jegliche Offensivbemühungen auffraß und das Spiel 0:0 ausging. Das war damals „Grütze“, wie Blessin sagte. Dieses Mal auch?
„Wir wollen das Spiel gewinnen, das ist klar. Die Frage ist natürlich – fünf Minuten vor Schluss, 0:0 – was will man? Geht man auf Alles oder sagt man, dass auch ein Punktgewinn etwas bringen kann?“ Blessin erklärte, dass er sich in so einer Situation auf sein Bauchgefühl verlassen möchte. Ich persönlich hoffe, dass sich fünf Minuten vor Schluss im Bauch von Blessin bereits ein ganz anderes Gefühl, ein wohlig-warmes, ausgebreitet hat: Das des sicheren Sieges.

Forza!
// Tim

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