ZIS Statistik 2017/2018

Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) berichtet seit einigen Jahren über die Sicherheitslage bei Fußballspielen in Deutschland, Ligenübergreifend.

Jüngst kam die Presseerklärung der ZIS zur abgelaufenen Saison heraus, mit der Überschrift „Keine Entwarnung in Sachen Fußball und Gewalt – Gewaltbereite Ultraszene zeigt hohen Organisierungsgrad bei Störungen„.
In der Presseerklärung wird die Zahl der verletzten Personen aufgeführt (1.213, im Vergleich zu 1.226 in der Vorsaison), es wird auf 6% weniger Polizei-Einsatzstunden hingewiesen und die Zahl der erfassten Straftaten hat sogar ein Minus von 13% (6.921 statt 8.023). Einziger Anstieg in den Zahlen der Presseerklärung betrifft die Stadionverbote (die von den Vereinen ausgesprochen werden), die von 922 auf 1.121 (plus 21%) angestiegen sind.

Schauen wir also auf die Überschriften der Medien, die diese Presseerklärung aufgreifen:

  • „Gewalt im Fußball bleibt großes Problem“ (Deutschlandfunk)
  • „Polizei sieht weiter ein Gewaltproblem im Fußball“ (WAZ)
  • „Weniger Verletzte & mehr freiheitsentziehende Maßnahmen“ (Faszination Fankurve)
    (Letzterer ist offensichtlich auch der einzige, der den kompletten Bericht gelesen hat und die Zahlen etwas einordnet.)

Folgender Satz wurde dann auch gerne übernommen:

„Jeder Verletzte ist für uns einer zu viel. Gewalt bei Fußballspielen ist weiterhin ein Problem.“
ZIS-Leiterin Heike Schultz

Gut, der erste Satz als solcher ist natürlich richtig, gilt aber wohl für jede Freizeitaktivität und natürlich auch für alle anderen Situationen des Alltags. Er gilt für den Straßenverkehr, das viel zitierte Oktoberfest und natürlich auch für Gewalt an Schulen oder am Wochenende auf der Reeperbahn.

Etwas abenteuerlich wird es dann, wenn man sich den kompletten Bericht anschaut und dort einige dieser Zahlen interpretiert werden:

Die Anzahl erfasster Straftaten sank in der vergangenen Saison von 8.023 auf 6.921 (minus 13 Prozent). „Diese Entwicklung ist zu einem großen Teil den Ligakonstellationen zuzurechnen und belegt keinen Rückgang von strafrechtlich relevantem Verhalten“, erläutert Schultz. So hatte die nach langen Jahren einmalige Zugehörigkeit der Vereine Hannover 96 und VfB Stuttgart in der 2. Bundesliga (Saison 2016/17) dort zu einer Sonderentwicklung geführt, die nach dem Aufstieg beider Vereine in die Bundesliga (Saison 2017/18) wieder entfiel.

Bedeutet konkret, dass die Zahl im letzten Jahr also unverhältnismäßig hoch war, weil diese beiden Rowdyclubs in der 2.Liga aus Frustration so rumgerockert haben – und nach deren Wiederaufstieg ist nun also wieder Normalmaß erreicht, korrekt?
Schauen wir also mal in den Vorjahresbericht (ebenfalls Punkt 5.2, Strafverfahren):

Im Berichtszeitraum wurden im Bereich der beiden Bundesligen und der 3. Liga insgesamt 8.023 Strafverfahren eingeleitet (7.773), davon 6.564 durch die einsatzführenden Dienststellen der Polizeien der Länder und 1.459 durch die Bundespolizei. Dieser Zuwachs um insgesamt 250 Ermittlungsverfahren entspricht einem Anstieg von ca. 3,2 Prozent. Auch hier steht den Anstiegen in den Spielorten der beiden Bundesligen ein deutlicher Rückgang in der 3. Liga gegenüber.

Ach guck… also auch im Vergleich zur Saison bevor 96 und der VfB die 2.Liga verwüstet haben gibt es einen Rückgang von 7.773 auf 6.921 und damit immer noch >10%? Die jetzt angeführte „Sonderentwicklung“ findet dort nicht einmal Erwähnung?
Liest sich im aktuellen Bericht dann doch irgendwie anders – hätte aber sonst zur Überschrift vielleicht nicht so gut gepasst.

Und wenn wir schon bei Details sind, die in der Presseerklärung gerne verschwiegen werden, inzwischen traditionell und seit Jahren:

1.213 Verletzte – Fakt, überall auch erwähnt.
Nicht erwähnt, weder in der Pressemitteilung noch in den Artikeln (Ausnahme: Faszination Fankurve), wohl aber in der Statistik aufgeführt:
381 dieser Verletzten sind Polizisten oder Ordner. Natürlich macht es das nicht besser, auch die sollten sich nicht in der Ausübung ihres Berufs verletzen, aber der oft nach außen getragene Eindruck Fußball sei nicht sicher, klingt halt nochmal anders, wenn man sich die Zahl der Verletzten genauer anschaut. 345 der Verletzten sind „Störer“ (Definition ZIS), 487 „Unbeteiligte“.
Und: Während (lt. ZIS) 53 Verletzungen auf Pyro zurückzuführen sind (auch hier darf man gerne wiederholen, dass dies natürlich 53 zuviel sind), sind 141 Verletzungen auf die Benutzung von „polizeilichen Reizstoffen“ zurückzuführen. Darunter 34 Polizisten, die sich quasi selbst verletzten („Pinkle auf freiem Feld nie gegen den Wind!“) oder von Kollegen verletzt wurden.

Ebenfalls nicht erwähnt (außerhalb des kompletten Berichts, den dann eben doch kaum jemand liest) wird, dass die Zahlen sich auf 2.757 Veranstaltungen beziehen (Liga 1-4), denen insgesamt ca. 21 Millionen Menschen beiwohnten (nur Liga 1-3).
Rechnet man diese Zahlen dann in den Bereich Straftaten und/oder Verletzte als Referenzwert ein, so ergibt sich ein nahezu paradiesischer Zustand von Frieden und Miteinander, der in anderen gesellschaftlichen Bereichen absolut erstrebenswert wäre.

Gleiches gilt auch für die Erfassung der beliebten „Kategorie“-Fans, nach denen bekanntlich Kategorie A der „friedliebende Fan“ ist (wobei die ZIS hier erstaunlicherweise das Wort Fan in Anführungsstriche setzt, wie auch bei den beiden anderen Kategorien, nicht aber das beschreibende Wort), Kategorie B den „gewaltbereiten/-geneigten Fan“ umfasst und Kategorie C den „gewaltsuchenden Fan“.
Lt. ZIS gibt es aktuell 13.633 Personen in dieser Zuordnung, davon 10.345 in B und 3.288 in C.

Wenn wir diese Zahlen mal als gegeben hinnehmen: Was für Lappen sind denn diese Typen?
Da gibt es knapp 14.000 Personen die pro Person wohl etwa 20 (oder mehr) Anlässe pro Saison haben, ihrer „Bereitschaft/Neigung“ oder „Suche“ nachzugehen – und dann kommen die nur auf knapp 7.000 Straftaten?! Wahrscheinlich generiert da jede Mallorca-Abschlußfahrt von Fußball-/Handball-/Hockey-Teams anteilig mehr „Output“ an Straftaten, als diese unfähigen Gewaltsucher.
Und bevor jemand meckert: 10.335 „freiheitsentziehende/-beschränkende Maßnahmen“ gab es auch noch, ändert aber an der Tendenz nichts entscheidendes.

Fazit: Natürlich ist der Fußball in Deutschland nicht gänzlich gewaltfrei – wie es die Gesellschaft eben auch nicht ist und vermutlich niemals sein wird. Ob da 2,1 Mio Einsatzstunden der Polizei nun gerechtfertigt sind, sollte der Bund der Steuerzahler mal hinterfragen.
Und ob Headlines wie die in der Presseerklärung der ZIS oder die oben erwähnte vom Deutschlandfunk tatsächlich die Realität abbilden, kann sich dann ja auch jeder selbst überlegen. // Maik

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