Süßer die Hells Bells nie klingen

Siege gegen unsympathische Vereine haben immer etwas Besonderes. Insbesondere dann, wenn deren Anhängerschaft sich im Stadion und davor so richtig daneben benimmt. Hab ich nun auch nicht anders erwartet.

(Nachtrag: Natürlich sind hiermit nicht alle 2.800 Gästefans gemeint. Gerade den korrekten Magdeburgern viel Erfolg bei der nötigen Aufarbeitung.)

Ich will mich hier aber gar nicht lange mit Hohlbirnen aus Magdeburg abärgern. Es ist nämlich Weihnachtszeit. Zeit für die Familie. Dachte wohl auch Blogkollege timbo und lud gleich vier Verwandte ein, um mit uns in G1 zu stehen. Während er selbst über das AFM-Radio andere vollsabbelte, übernahm ich das bei der Verwandtschaft. Schön war, dass ich dadurch als „St. Pauli-Experte“ erster Ansprechpartner für meinen Stiefcousin (Patchwork-Familie, es ist kompliziert) war. Mit großen Augen verfolgte er vor Anpfiff die Choreo auf der Süd und war durchaus beeindruckt, dass so wenig Magdeburger so einem Lärm machen konnten. Wenn bei uns auch mal 98% mitmachen würden, dann wäre das wohl ein kleines Weihnachtswunder.

Wie auf den Rängen, war auch auf dem Platz die Magdeburger Leistung zu Beginn deutlich stärker. Als nach 10 Minuten Mats und Ryo die Seiten tauschten, konnte man zum ersten Mal so etwas wie Offensive von unserer Seite sehen. So richtig Druck konnten wir in dem 4-2-3-1 nicht aufbauen. Wie schön, dass wir Marvin Knoll in unseren Reihen haben. Sein Freistoß ist absolute Weltklasse und ausgerechnet Kapitän Nehrig netzt ein. Es könnte immerhin sein letztes Spiel am Millerntor gewesen sein.

Mein kleiner Nebenmann stand strahlend auf dem Sitzplatz und ich musste an meinen ersten Besuch am Millerntor denken. Bei Scharpings Führung gegen den FSV Zwickau 1995 bekam ich zur Begrüßung eine komplette Bierdusche ab. Und ratet, wer diesmal in den Genuß einer vollen Ladung gekommen ist? Richtig. Ich.

Leider sorgte die Führung nicht dafür, dass wir besser wurden. Der Ausfall von Henk brachte zudem die ganze Mannschaft durcheinander. Noch bevor Diamantakos kommen konnte, fangen wir in Unterzahl den Ausgleich. Und an dieser Stelle müssen wir dringend mal über ein Concussion Protocoll wie in der NFL sprechen. Ich vertraue den Vereinsärzten zwar dahingehend, dass Sie Zander befragt haben, ob er weiterspielen kann und will, doch ziemlich offensichtlich stand er neben sich – auch beim 1-1. Kein Wunder! Der Ellenbogencheck von Müller hat schließlich ganz schön geklingelt. Grundsätzlich werden alle Spieler weiterspielen wollen, wenn man sie fragt. Es liegt an der Trainerbank, die Gesundheit der Spieler zu schützen. Zander war nicht mehr Einsatzfähig! Ein schlimmeres Beispiel ab es letztes Jahr auf Schalke. Da musste sich erst mehrfach auf dem Platz übergeben werden, bevor die Bank reagierte.

Bis zum Pausenpfiff waren wir dann völlig von der Rolle. Das wurde in Halbzeit zwei durch ein Umstellen auf 4-1-4-1 behoben. Nehrig übernahm dabei den offensiveren Part und das lag ihm. An den Zahlen für Ballbesitz änderte das allerdings wenig. Ganze 36% stehen da am Ende auf unserer Seite. Wer aber glaubt, dass viel Ballbesitz eine Aussagekraft für guten oder besseren Fußball hat, sah lange keinen Zweitligafußball mehr. Außerdem sind Ausfälle von Buchtmann, Neudecker, Henk und Dudziak nicht mal eben so aufzufangen. So sind wir zwar nicht die bessere Mannschaft, aber dafür gnadenlos effektiv. Viel Gutes läuft dabei über Bernd Nehrig. Eben auch das vorentscheidende 3-1. Das ganze Stadion schrie den Kapitän an, nach links rauszuspielen – schön, dass er sich anders entschieden hat.

Der Rest der 93 Minuten ist dann viel Gesang. Im Stadion lief nach Abpfiff ein Mix aus „Auld lang syne“ und „You´ll never walk alone“. Viele in G1 nutzten das für Abschiedsgrüße in Richtung Gästeblock („Go home, you scum! Go home!“). Einmal mehr hat sich eine Fanszene bei uns völlig daneben benommen. Vor dem Spiel wurde sich beim Jolly schon mal ein schöner Tag gewünscht und danach versuchen die Gäste in den Heimbereich der Nord zu gelangen. In diesem Sinne: Go home you scum!

Wir landeten anschließend über verschiedene Stationen (Clubheim-Zoo-Jolly-Kurhaus) durchnässt, aber mit vietnamesischem Essen in meiner Küche. Trotz falscher Jackenwahl bei Regen und bierdurchnässter Klamotten darunter, fror in zu keinem Zeitpunkt. Im Nachhinein betrachtet ist das allerdings auch kein Weihnachtswunder, sondern eher die angeschmissene Saufheizung gewesen.

Trotzdem wird mir warm ums Herz, wenn ich daran denke, dasswir die letzten drei Spiele gewonnen haben und zur Abwechslung mal keineAbstiegsangst unterm Tannenbaum liegt.

//flippa

Es schrieben bereits:

Stefan Groenveld: Gelungener braun-weißer Abschied von 2018 (auch hier bei uns muss immer wieder viel Arbeit in das Verhalten der eigenen Leute im Stadion investiert werden…)

BeebleBlox: Adventschießen. Vier zum vierten

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