„On the Road again“

The Celtic Football Club – Rangers Football Club 2:1

Völlig abgehetzt und viel zu spät trafen wir von der Arbeit am Security Check-In ein. Leichte Panik in den Augen, weil das Gate in 20 Minuten schließen sollte und die Mitarbeiter des Flughafens bereits ein Feierabendtempo an den Tag legten. Direkt vor uns versuchte zudem ein Herr, der sichtlich viel Wert auf sein Äußeres legte, eine große Dose Haarspray durch den Check-In zu bekommen und zeigte sich überaus genervt, als sich dies als unmöglich herausstellte. Wir ließen jegliche Empathie vermissen. Ein paar schlechte Witze später waren wir durch die Schleuse.

Wir landeten in Edinburgh („Edinbra“) und beschlossen bereits vorab, dort eine Nacht zu verweilen, bevor es am Freitag nach Glasgow gehen sollte. Es war der große Hunger, der uns zur einzigen falschen Entscheidung des Wochenendes trieb. Man kann durchaus gute Erfahrungen mit schmierigen Imbissen machen. Doch in diesem Laden – offenbar mit sehr schlechtem Geschmack und leicht von Fett und sonstigem Dreck zu befreiendem Inventar eingerichtet – wurde der bereits seit Tagen fertig frittierte Fisch in Essig ertränkt. Als ob er dadurch wieder zum Leben würde! Schlimmer noch; wir versuchten durch Nachfragen nach Mayonnaise wenigstens die, ebenfalls mit reichlich Essig beglückten Chips zu retten. Das dicke GARLIC auf der Tube wurde von uns erst erkannt, nachdem das Zeug auf dem Essen landete. Trotzdem konnte die Stadt bei uns punkten. Mit Bier und geselliger Atmosphäre. Auf dem Weg zum Schloss am nächsten Tag, entdeckten wir dann Interessantes an der Ampel:

Well, fuck you!

Immerhin erinnerte uns diese freundliche Grußbotschaft, warum wir hier waren. Der Spielplan wollte es so, dass wir innerhalb kurzer Zeit an zwei Derbys teilnehmen konnten. Vor drei Wochen hatten wir Besuch aus Schottland zu Gast. Und ebendieser Gast  hatte uns schon vor einiger Zeit Tickets für das Glasgower Derby organisiert. Wir machten also so etwas wie einen Schüleraustausch. Die Flugzeiten und insbesondere –kosten, machten einen Hinflug am Samstag (nach dem Heimspiel gegen Duisburg) unmöglich. Doch bereits vor zwei Jahren konnten wir gemeinsam mit dem Fanclub Glasgow St. Pauli das Spiel gucken. Wer die Jungs und Mädels nicht kennt, sollte das bei Gelegenheit mal nachholen. Neben der gemeinsamen Leidenschaft, den FCSP zu verfolgen, unterstützen sie mit Einsatz von viel Herzblut einige soziale Projekte.

Wir freuten uns auf ein Wiedersehen und waren froh aus der Bahn in Glasgow („Glesga“) auszusteigen. Wir waren etwas früh dran und bevor wir nach West End fuhren, verweilten wir noch kurz in zwei Pubs in Gallowgate in denen wir beim letzten Mal heftig versackt waren. Im McChuills hatten wir sogar Zeit für drei Runden Pool. Und ich würde diese wahrlich unnütze Nebeninformation nicht mitteilen, wenn ich nicht alle drei Runden für mich entschieden hätte.

Mit der U-Bahn ging es zum Crossing the Rubicon zu Glasgow St. Pauli. Uns empfing Craft Beer, endlich gute Fish and Chips und herrliche Gesellschaft zum „genießen“ des Heimspiels. Dem ausführlichen Bericht von Blogkollege Tim ist nicht viel hinzuzufügen. Ein Mix aus Enttäuschung über eine verpasste Chance wieder oben anzuklopfen (die Ergebnisse von Samstag bestätigten uns) und einkehrende Beruhigung, dass das Spiel der Mannschaft nicht mit dem der letzten beiden Punktspiele vergleichbar war, machte sich breit. Glücklicherweise traf unser Gastgeber kurz vor Ende der 90 Minuten aus London ein und wir bekämpften das Aufkommen schlechter Gefühle mit dem Besuch eines Konzerts (Neon Waltz) und einem zweiten Besuch an diesem Tag im McChuills. Sahnige Pints Guinness vom Fass und gute Musik – Glasgow zeigte sich von der besten Seite. Auf dem Rückweg konnten wir uns noch einen Absacker an unserer Bahnstation genehmigen. Kaum angekommen, wurde uns Whisky von einem redseligen Mann ausgegeben. Wir gestanden unserem Gastgeber später, dass wir „roughly 30 %“ von ihm verstanden haben. Ob das nun am Alkohol oder am Akzent lag, sei mal dahingestellt.

Samstag früh wartete bereits das nächste touristische Highlight auf mich. Ein Besuch im schottischen Aldi. Klingt auf den ersten Blick wenig interessant, doch um einen Einblick in das zu erhalten, was dort so auf den Teller kommt, gibt es keinen besseren Weg. Reichhaltig kann man es nennen. Genau das war für uns auch dringend notwendig. Schließlich stand eine Whisky-Tour in der Auchentochan-Distillery an („Ockentoschän“ – ich habe einige Zeit dafür gebraucht). Vor der Abfahrt besuchten wir noch den Milburn Park, welcher grad von einem uralten Platzwart gekreidet wurde. Das Stadion ist die Heimat vom Vale of Leven FC, welcher irgendwo in den Tiefen des schottischen Ligensystems zu finden sein müsste. Unser Gastgeber lotste uns aber hierher, weil hier und in den umliegenden Dörfern Ende des 19. Jahrhunderts Schottlands bester Fußball gespielt wurde. Vale of Leven FC, Dumbarton FC und Renton FC waren damals das Maß aller Dinge und sammelten Trophäen. Im deutlich heruntergekommenen aber charmanten Milburn Park suchten wir vergeblich nach einer passenden Übersetzung für das Wort „Buffplatzromantik“.

Mit viel schottischen Charme geleitete uns anschließend der Guide durch die Distillery und irgendwie schafften wir es nach der einstündigen Tour über zwei Stunden in der dunklen Bar zu verweilen und uns quer durch die Vielzahl an Sorten zu probieren. Im Tageslicht (es war 15 Uhr) wankten wir dann sichtlich angeschossen in Richtung Glasgow. Auf dem Weg half ein wiederholt sehr reichhaltiges Essen, um wieder etwas auf die Beine zu kommen. Dazu gab es eine kleine Portion Haggis zum probieren (frittiert, na klar!), womit dann auch diese schottische Spezialität abgehakt werden konnte. Geschmacklich für mich vergleichbar mit einer Pfälzer Leberwurst. Von beiden Nahrungsmitteln werde ich aber kein Fan.

Es zog uns anschließend ins Grace´s. Eigentlich ein „Sport Pub“ gefüllt mit reichlich Fernsehern, heute mit reichlich Celts in guter Stimmung. Überlaute Musik wurde durch die Gesänge der Anwesenden untermalt. Wir trafen hier unseren Mann mit den Tickets. Eigentlich ist mir dieses Celtic/Irish Rebel-Ding nach kurzer Zeit häufig etwas zu viel, aber zur Einstimmung für das Spiel am nächsten Tag war es genau das Richtige. Wir trafen anschließend noch kurz die Hayes Bhoys aus London im Connollys und nahmen (glücklicherweise) die letzte Bahn in Richtung Schlafplatz.

Wie die Tage zuvor holte mich mein Biorythmus viel zu früh aus dem Bett. Ein weiteres reichhaltiges Frühstück folgte und schließlich ging es nach Renton. Mit dem gemieteten Bus des Renton Celtic Supporters Club ging es in Richtung Celtic Park. Müsste ich noch eine falsche Entscheidung vom Wochenende nennen, so ist es sicherlich IRN BRU+Vodka im Bus. Kurzfristig hilfreich, langfristig hinterließ das Zeug ein flaues Gefühl im Magen – und das obwohl die Rezeptur für IRN BRU mittlerweile angepasst werden musste, weil das Zeug zu viel Zucker beinhaltete(!).

Gestärkt ging es ins Stadion. Unsere Plätze waren direkt neben dem Gästeblock und hätten an diesem Tag nicht besser sein können. Grundsätzlich ist ein Vergleich zum Millerntor kaum möglich, was die Gesänge und Mitmachquote im Celtic Park angeht. Nun ist dieses Spiel aber auch immer noch etwas Besonderes. „Immer noch“, weil es eben nicht mehr das „Old Firm“ ist. DIE Glasgow Rangers gibt es nicht mehr. Ein Beispiel: Ein blaues (Luft)Schloss steht seit 139 Jahren und da die verschiedenen Könige nicht mit Geld umgehen können, verrottet das Ding und bricht vollständig zusammen. Wir nennen das Königreich mal „Rangers Football Club plc (Public Limited Company)“. Und eben diesen Football Club gibt es nicht mehr. Er wurde im Zuge des Insolvenzverfahrens aufgelöst. Nun kommt ein neuer König, wir nennen ihn mal Sevco Scotland Limited. Er nimmt ein paar der alten Brocken, packt eine ganze Menge neue Steine dazu, und baut das Schloss wieder auf. Anschließend wird es blau angemalt und der Name in The Rangers Football Club Limited geändert. Sieht gleich aus, hat dieselben Anhänger, dasselbe Stadion, aber ist nicht derselbe Club.

Trotzdem ist es das Glasgower Derby und eine Insolvenz der Glasgow Rangers hat den Konflikt zwischen katholischen Iren und protestantischen Unionisten in Glasgow nicht gelöst. Entsprechend viele Irlandflaggen und Union Jacks mit dem Wort „loyal“ sieht man im Stadion.

Die Luft knistert und ist voll mit mal einheitlichen, mal verschiedenen Gesängen auf allen Tribünen im Stadion. Celtic ist von Anfang an klar besser, auch wenn es ein recht offenes Spiel ist. Doch insbesondere bei zweiten Bällen und in Zweikämpfen behält Celtic die Oberhand. Jedwedes Gerede darüber, dass der Gegner heute nicht mehr DIE Rangers von früher sind, scheint hinfällig. Jeder Einwurf, jeder gewonnene Zweikampf sorgt wie eine Welle für weitere Anfeuerungen von den Rängen und schwappt zurück aufs Spielfeld. Dabei wird sich auch schon reichlich mit Blick in Richtung Gästefans an ebendiesen abgearbeitet. Nach einigen, teilweise hochkarätigen Gelegenheiten, die insbesondere durch starkes Umschaltspiel zustande kamen, lässt dann ein Konter alle Dämme brechen. Forrest spielt einen geklärten Ball genau in den Lauf von Edouard, welcher noch ein bisschen tänzelt, bevor er sich in unsere Herzen schießt. Der Jubel  direkt vor dem Block der Green Brigade, sorgte für einen kleinen Platzsturm.

Als dann zwei Minuten später Morelos von den Rangers vom Platz gestellt wird, schien der Siedepunkt erreicht. Die Gesänge klingelten in den Ohren und die eigenen Stimmbänder wurden komplett ausgereizt. Und doch sollten wir 75 Minuten später eines besseren belehrt werden. Scott Brown hatte zuvor in typischer Manier provoziert und in Morelos den passenden Abnehmer gefunden. „Broonie“ ist einer dieser Spieler, die du nur mögen kannst, wenn sie in deinem Team spielen. Immer wieder war er das Zentrum von Nickligkeiten und ging nach Abpfiff zum demonstrativen Feiern vor den Auswärtsblock. Das führte direkt zu heftiger Diskussion zwischen ihm und Halliday von den Rangers – mit anschließender erneuter Rudelbildung. Brown danach im Interview: „Aye, he came over to congratulate me…“. Eine absolute Legende!

Weniger legendär drohte das Spiel zu werden. Celtic spielte gegen 10 Rangers unfassbar schwach und ideenlos. Die Ausführung von Ecken und Kontern waren genauso kläglich wie am Millerntor. Und die Rangers kamen ins Spiel. Sowieso muss ich gestehen, dass die Mannschaft von Steven Gerrard den Verhältnissen trotzte. Mitte der zweiten Hälfte klingelte es dann. Da lag Abwehrspieler Boyata von Celtic bereits das erste Mal mit Schmerzen im Sechszehner. Als er später rausmusste, hatten wir schon drei Mal gewechselt…

Nun also 10 gegen 10, die Rangers klar besser im Spiel und von unserer linken Seite hagelte es Häme der Rangers-Fans. „We had it coming“, sagt man so schön. Und in diesem Moment kam dann auch das erste Mal Erkenntnis, dass man hier tatsächlich verlieren könnte. Das zweite Heim-Derby innerhalb von drei Wochen. Das durfte einfach nicht sein.

Vier Minuten vor Schluss, nachdem uns aus dem Gästeblock auf 100 verschiedene Arten zu verstehen gegeben wurde, wie sehr wir uns ficken sollen, fängt Edouard einen schwachen Rückpass ab, gibt in die Mitte zu Forrest und anschließend ist dann tatsächlich der Siedepunkt des Tages erreicht. Das der Anstoß der Rangers um einige Zeit wegen Scharmützeln zwischen den Teams verzögert wurde, habe ich nicht mal ansatzweise mitbekommen. Die Freude über den nahenden Derbysieg schien grenzenlos. Zwar hatten die Rangers noch unglaubliche Chancen auf den Ausgleich, aber das Gefühl, diesmal auf der Sonnenseite zu stehen, war da schon felsenfest bei mir zementiert.

In der Sonne strahlend wanderten wir nach dem Spiel in Richtung Zentrum, genossen ein Guinness auf den Sieg und machten uns auf den Weg nach Edinburgh. Mein Mitreisender fragte direkt nach Verlassen des Pubs, ob nun der Moment sei, den Celtic-Schal in den Rucksack wandern zu lassen. Ja, er war es. Tags drauf lasen wir in der Zeitung, dass 10 Meter von unserem Entscheidungsort drei Celtic-Fans niedergestochen wurden. Leider ist auch das Glasgow.

Der Weg nach Edinburgh ist dann nicht weiter der Rede wert. Es war bestimmt nicht das letzte Mal in Glasgow.

„Here we go, ten in a row!“

//Philip

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