Jeremy Dudziak, Du Sohn einer St.Pauli-Fanin

Das Schwierige in der heutigen Zeit ist ja, dass es kaum noch „Grau“ gibt, sondern immer nur Schwarz und Weiß. Okay, im Musikbereich gibt es noch die „Grauzone“, aber das ist ein ganz anderes Thema.
Fußballfans sind Freiwild (pun intended) für Öffentlichkeit, Medien und Polizei, man kann unwidersprochen an ihnen herumtesten, Bürgerrechte streichen und auch sonst alles Mögliche ziemlich unwidersprochen tun.
Und wenn sie dann mal was machen, was nicht so ganz ins bürgerliche Verständnis passt, so ist es meist „
eine neue Dimension“. Drunter geht’s nicht, wäre ja auch langweilig und klickt nicht gut genug.

So also wurde beispielsweise die wirklich sehr vernünftige Diskussionsveranstaltung „(M)ein Verein“ in den „klassischen“ Medien auf Details runtergebrochen, die an jenem Abend eher Randbemerkungen in einer (für dieses emotionale Thema) ziemlich ruhig, respektvoll und konstruktiv geführten Diskussion waren.
(Weitere Betrachtung des Abends: MagischerFC Blog)
Ein Sponsor ist von Bord gegangen (womöglich sogar einer, der noch gar nicht an Bord war, sondern noch an Land und erst später vielleicht mal zusteigen wollte) und ein paar Business-Seats wurden gekündigt.
So what? Wer bei allen Verdiensten, die Verein und Fanszene in den letzten Jahrzehnten in gesellschaftlichem Engagement erworben haben, seine Beteiligung überdenkt, weil da ein Mal was passiert ist, was bei anderen Vereinen jedes Wochenende passiert und dies auch noch tut, bevor das Vereinsintern aufgearbeitet wurde – der hätte vielleicht eh nicht so gut gepasst und dann ist es auch nicht schade drum.
Insgesamt aber halt ein Abend, der nicht so richtig zu reißerischen Schlagzeilen führte – da muss doch noch mehr gehen?

Und so stürzte man sich dann halt am Wochenende auf eine Tapete, die vor Spielbeginn in Kiel gezeigt wurde:

JD8: Traurig sieht die Mutti ein – ihr Sohn ist jetzt ein Rauten$chwein

Grüße an die Mama von Jeremy Dudziak, die einst bei seiner Verpflichtung zugab, Sympathien für den FCSP zu haben.
Und erneut: „Eine neue Dimension!“
Ach du meine Güte…
Tja, in der wie vielten Dimension man sich inzwischen befindet wird schwierig zu recherchieren sein, ein dreistelliger Bereich erscheint mir aber wahrscheinlich.

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Um das mal nüchtern festzuhalten:
Ich hätte diese Tapete weder gemalt noch hochgehalten. Der Text ist mir etwas zu plump und für mich wäre es beispielsweise besser gewesen, das jetzt erst mal komplett zu ignorieren und bei seiner Verabschiedung beim letzten Heimspiel statt „You’ll never walk alone“ zu singen einfach mal kollektiv mit Schweigen zu grüßen. Kann ja aber auch noch zusätzlich passieren.
Ich hätte auch die HSV-Utensilien beim Derby nicht präsentiert.
Ist beides eher nicht so meins.

Und doch: Das ist bei Weitem keine neue Dimension.
Und es ist halt auch irgendwie kein so sonderlich smarter Move des Spielers in der Situation vor dem Derby, als beide Vereine noch gegeneinander um den Aufstieg stritten, die Verhandlungen über einen Wechsel zu finalisieren. Da könnte ich mir auch deutlich drastischere Statements vorstellen.
Will sagen: „United we stand, divided we fall“ gilt hier immer noch, mit ganz großem Herz an Südkurve und aktive Fanszene, und sowohl die Vorfälle in der Süd beim Derby als auch jene Tapete vom Samstag sind von Personen zu verantworten, die diesen Verein absolut und ganz tief in ihrem Herzen tragen und die ich jederzeit gerne an meiner Seite habe.
Ich muss das nicht alles geil finden, was die machen, aber die machen immer noch tausend mal mehr richtige Sachen als die ganzen Wutpaulis die sich jetzt wieder echauffieren und sonst nichts tun.
(Und natürlich: Es gibt auch genug Personen, die die Tapete jetzt völlig zurecht kritisieren. Es kommt halt auch immer ein bißchen auf das „Wie“ an und wie die Person sich sonst beteiligt und verhält. Jetzt einfach nur draufschlagen und sonst nichts tun ist halt zu billig und wenig konstruktiv.)

Hinzu kommt natürlich auch noch die komplett frustrierende sportliche Entwicklung der letzten Wochen. Hätten wir das Derby gewonnen und in den Spielen danach gepunktet, wären wir jetzt ganz oben und so eine Entscheidung hätte man vielleicht mit noch mehr Augenzwinkern zur Kenntnis genommen. Auch das fließt sicher in die Entstehung so einer Tapete mit rein.

Ich halte nichts davon, Dudziak jetzt groß zu bepöbeln oder auszupfeifen. Solange er unser Trikot auf dem Platz spazieren trägt, hat er meine Unterstützung.
Und danach spielt er dann halt beim anderen Hamburger Zweitligisten, soll er halt, passt schon.
Viel Spaß, Jeremy. Wirst Du brauchen.

Was ich uns allen wünschen würde: Weniger Aufgeregtheit in solchen Dingen.
Und weniger Aufgeregtheit in den Medien würde ich mir erst recht wünschen, der Wunsch ist wohl nur leider vergebens. // Maik