Buchrezension: „St.Pauli. Another Football is Possible“

Ein neues Buch über den FC St. Pauli? – Leg es zu den anderen! Oder doch nicht?

Am Dienstag, 20.Oktober, erscheint ein neues Buch über den FC St. Pauli. Mal wieder, möchte man meinen. Genauer gesagt erscheint jedoch die englische Übersetzung des bereits 2017 auf Spanisch veröffentlichten Buches: „FC St. Pauli“ von Natxo Parra und Carles Viñas. Das nun veröffentlichte Exemplar in englischer Sprache erhebt den Anspruch, insbesondere die erweiterte internationale Leser*innenschaft über die Geschichte und den Geist des „Cult clubs“ zu informieren, der erfolgreich den Versuchungen des modernen Fußballs widersteht. Es umfasst nebst eines Vorwortes von Deniz Naki und einer Einleitung rund 241 Seiten über den Verein im Laufe der Zeit. Der Millernton hat es bereits für Euch gelesen und sagt Euch, ob und für wen sich die Lektüre lohnen könnte.

Bibliographische Informationen: Parra, Natxo/ Viñas, Carles (2020). “St. Pauli. Another Football is Possible.” London: Pluto Press.
Bestellen könnt Ihr das Buch übrigens am besten direkt bei PlutoPress als Paperback (eBook gibt es dann gratis dazu) oder als reines eBook. Mit dem Code BRAUNWEISS20 erhaltet Ihr 20% Rabatt.
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(Die Verlosung ist rum, Glückwünsch an Luquer, Knurri & Mel.)

Zuerst einmal gefällt, dass der Titel dieser englischen Übersetzung offenbar nicht der Abscheulichkeit des typischen deutschen Sachbuchformats eines catchy titles und einer dann irgendwie sich selbst beantwortenden Frage folgt. Stattdessen trägt das Buch den simplen Titel “St. Pauli“ und den ebenso vielversprechenden Untertitel „Ein anderer Fußball ist möglich.“ (Im deutschen würde das Buch vermutlich mit dem Titel: „Einzigartiger Kultclub St. Pauli. Wie ein Verein aus Hamburg einen anderen Fußball ermöglicht“ erscheinen…). Das Buch startet dann in der vertrauten Herangehensweise eines informierten Sachbuchs, durch chronologische Aufarbeitung. Es ist in insgesamt fünf Teile gegliedert, die von den Anfängen des Vereins im 19. Jahrhundert, dem Verein unter dem Hakenkreuz, den Anfängen der Freibeuter*innen der Liga in den 1980er Jahren, Tribünen mit aufkeimendem politischen Bewusstsein und schließlich der wachsenden Attraktivität eines politischen Vereins über die Landesgrenzen hinweg berichten.

Was steht drin?

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Natürlich können und wollen wir hier nicht den gesamten Inhalt des Buches widergeben, schließlich soll das Buch ja auch noch seine Käufer*innen finden. Ein paar Dinge, die den Inhalt aber ganz gut widerspiegeln, werden wir hier trotzdem kurz schildern.

So lernt man denn beim Lesen auch einiges über die Anfänge des „englischen Sports“ in Deutschland, der zunächst noch als moralisch verwerflich keine Mehrheiten hinter sich versammeln konnte. Ebenfalls wird der Ursprung und die Geschichte Hamburgs und dann konkreter St. Paulis erörtert. Detailliert arbeiten die Autoren so heraus, wie St. Pauli maßgeblich durch den Hafen und die damit verbundenen Jobs als Arbeiter*innenstadtteil im 19. Jahrhundert erwacht, während diejenigen, die es sich leisten können, in die Elbvororte verziehen. Das ist für mit dem Viertel Vertraute natürlich nicht viel Neues; der internationalen Leserschaft, die vielleicht nicht ganz mit dem Lokalkolorit und der Geschichte Hamburgs vertraut ist, mag es jedoch sinnvolle Hintergrundinformationen über Land und Leute und politische Vergangenheiten des Stadtteils eröffnen. Auch dass Fußball im Verein auf St. Pauli bereits weit vor 1910 gespielt wurde, nämlich im St. Pauli Turnverein, bleibt natürlich nicht unerwähnt.

Sehr detailgetreu wird dann auch die Geschichte des FCSP von seinen Anfängen als bourgoiser Verein, der Fußball unter dem Hakenkreuz, sowie der Fußball vor Einführung der Bundesliga und die 1960er und 1970er Jahre nachgezeichnet und über wichtige Persönlichkeiten im jeweiligen Kontext berichtet. Dennoch: so richtig Fahrt nimmt das Buch natürlich erst dann auf, wenn in den bewegten 1980er Jahren, der revolutionäre Impuls der Hafenstraßenbesetzer*innen und damit auch die Totenkopf-Fahne Einzug auf die Tribünen am Millerntor erhalten und diese Tatsachen zeitgeschichtlich eingeordnet werden. So berichten die Autoren wissenschaftlich informiert über die gesellschaftspolitische Dimension von Hausbesetzungen sowie die deutsche Anti-Atomkraftbewegung. Fortan galt der FC St. Pauli als anderer Entwurf eines Fußballvereins bzw. St. Pauli-Unterstützer*innen als andere Typen von Fans innerhalb der Fußballlandschaft, auch wenn dieser Status erst noch – teilweise gegen den Willen der bis dato etablierten Fans – durchgesetzt werden musste. Nicht umsonst gab es schließlich den sogenannten Hafenstraßenblock auf der Gegengerade, eben weil hier noch Platz war und bestehende Fangruppierungen hier nicht verdrängt werden mussten. Denn die standen damals bekanntlich ja noch auf der Nördkurve (sic!). Ob es dieser charmante Übersetzungsfehler auch in die am Dienstag erscheinende Ausgabe geschafft hat, bleibt abzuwarten. Uns lag zur Rezension lediglich die zur Korrektur vorgesehene Druckfahne vor und dieser Begriff, der sich so konsequent durch das Buch zieht, lockte beim Lesen jedes Mal ein Lächeln hervor. In den folgenden Kapiteln wird anschließend die voranschreitende Demokratisierung des Clubs und seiner Abteilungen beschrieben sowie das soziale Engagement der Fanszene und einiger Spieler (Stichwort: Benny Adrion und Marius Ebbers) erörtert.

Ein weiterer wichtiger Aspekt wird im Buch dann mit dem Aufkommen der Ultra-Bewegung beschrieben, das eine weitere Zäsur auf den Tribünen des Millerntors darstellte. Sorgfältig wird dabei die Entstehung der Ultra-Gruppierungen im italienischen Kontext vorgestellt, deren politischen Verflechtungen dargelegt und geschildert, wie sich diese dann in die Variante als Ultra Sankt Pauli am Millerntor formierten. Sehr aufschlussreich.

Ebenfalls hervorgehoben wird, dass der FC St. Pauli mit durchschnittlich 30% weiblicher Unterstützerinnen im Stadion weltweite Spitzenwerte einnimmt. Was für uns eher selbstverständlich erscheint, wird von den Autoren durch das klare anti-sexistische Bekenntnis der Fanszene erklärt, das neben anti-faschistischen, anti-homophoben und anti-rassistischen Attributen hervorgehoben wird. Dass dieses anti-sexistische Engagement auch bis heute noch aktiv auf den Tribünen durchgesetzt werden muss, wird hingegen nicht erwähnt. Dennoch folgerichtig widmet sich dann auch das 17. Kapitel dem Frauenfußball am Millerntor von seinen Anfängen bis zur aktuellen Situation (zwar bis dato mit nur einem Fanclub, auch wenn es derer ja heute mindestens zwei gibt!).

Weitere Aufmerksamkeit erhalten dann auch die vielfältigen internationalen Fanclubs des FC St. Pauli, die im Buch an Beispielen speziell aus England, Schottland, Irland und Spanien vorgestellt werden. Was aus Enttäuschung über den mehr und mehr kommerzialisierten Fußball im jeweiligen Heimatland entstand, trägt mit vielfältigem karitativem Engagement mittlerweile sehr begrüßenswerte Früchte und regt zu Nachahmungen an.

Wie ist das Buch einzuordnen?

Das Werk verfolgt bei seiner Darstellung prinzipiell einen dualen Ansatz. Neben der zeitgeschichtlichen Dimension der Stadt Hamburg und des Stadtteils St. Pauli wird auch stets die sportliche Geschichte des Clubs mit abgebildet. So werden die Geschichten namhafter Figuren am Millerntor nachgezeichnet, sowie das eher moderate sportliche Abschneiden des Vereins in den verschiedensten Ligen im Lauf der Jahrzehnte beschrieben. Da das Buch in spanischer Sprache bereits 2017 erschien, endet es in seiner Darstellung mit Ewald Lienen als Trainer, auch der Derbysieg von 2011 wird natürlich noch als einzigartiges Ereignis nach 30-jähriger Durststrecke beschrieben…

Generell muss man über das Buch anmerken, dass es eher einer wissenschaftlichen Publikation gleicht, denn einem simplen Sachbuch. Sämtliche Darstellung erscheinen breit recherchiert und sind mit vielfältigen Quellennachweisen versehen. Was einerseits sehr zu befürworten ist, weil die mitunter in Fußnoten fortgeführten Seitenstränge ausführlich mit Quellenverweisen versehen sind, stört andererseits dennoch mitunter den Lesefluss ein wenig. Wer darüber hinaus sämtliche Fußnoten aufmerksam liest, wird sich zuweilen über die doch erheblichen Redundanzen wundern. Aber Redundanzen sind ja bekanntlich auch von didaktischem Nutzen 😉

Für wen eignet sich das Buch?

Wer meint schon alles über den Verein zu wissen, bisher aber noch kein Buch über den Verein gelesen hat, wird sicherlich noch den ein oder anderen Sachverhalt entdecken, der überrascht. Somit lohnt sich das Buch auch für langjährige Supporter*innen. Ob es mit seinem Detailwissen jedoch auch solcher Leser*innen zu Fans machen wird, die bisher nichts oder nur wenig über den Verein wussten, ist ob der Detailfülle des Werkes fraglich, weil die vielfältigen Informationen teilweise auch erschlagend wirken können. Beim Lesen habe ich mich zudem gefragt, ob das Buch eigentlich weitestgehend deskriptiv bleibt, der wissenschaftliche Anspruch schreit doch förmlich nach etwas mehr analytischer Einordnung. Doch genau die erfolgt am Ende im Epilog auf sehr befriedigende Weise, wenn der moderne Fußball kritisch analysiert wird und mit der Marxschen Entfremdung, Habermascher Refeudalisierung der öffentlichen Sphären sowie der kulturellen Hegenomie von Gramsci in Zusammenhang gebracht und mit einer würzigen Kritik des Neoliberalismus versehen wird. Das hat dann auch den soziologischen Nerd (Nörd!) in mir beruhigt. Daher kann ich guten Gewissens eine klare Leseempfehlung aussprechen. Auch der Verein erhält mit diesem Buch ein zukünftiges Standardwerk, das sich sehr zur Vermittlung der Werte des Vereins für nicht-deutschsprachige Spieler eignet und vielleicht bei künftigen Neuverpflichtungen einfach mit in den Spint in der Kabine gelegt werden sollte, damit es zukünftigen Spielern besser ergeht als einst Andreas Boller 1992 (um diesen Hinweis verstehen zu können, empfiehlt sich insbesondere die Lektüre von Kapitel 9…). // Arne

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