Mit Emil Gazdov holt der FC St. Pauli einen talentierten dritten Torhüter – ein Detail des Transfers lässt Interpretationsspielraum.
(Titelfoto: FC St. Pauli)
Nachdem mit Tomoya Andō ein Innenverteidiger zum FC St. Pauli wechselte, verpflichtete der Club mit Emil Gazdov nun einen Torhüter. Gazdov wird vorerst die offene Position des dritten Torhüters im Kader besetzen. Diese ist durch den langfristigen Ausfall von Simon Spari vakant geworden. Doch wie es danach für Gazdov und den FCSP weitergeht, dürfte extrem spannend werden.
The Story So Far
Emil Gazdov wurde im September 2003 in Kanada, genauer in North Vancouver, British Columbia, geboren. Er besitzt auch einen bulgarischen Pass, was ihn dazu berechtigt, auch für die U23 des FC St. Pauli zum Einsatz zu kommen. 2017 wechselte Gazdov in das Nachwuchs-Team der Vancouver Whitecaps, war dort bis 2020 aktiv, ehe er seinen ersten Profivertrag bei Pacific FC (ebenfalls in Kanada) unterzeichnete.
Von dort ging es im Sommer 2020 per Leihe nach Nürnberg in die U19. Laut den einschlägigen Portalen kam er dort in seinen zwei Jahren nicht zum Einsatz. Das änderte sich jedoch nach seiner Rückkehr zu Pacific FC: Im Sommer 2022, Gazdov war 18 Jahre alt, feierte er sein Debüt im Herrenbereich gegen einen Club namens Valour FC in der kanadischen Premier League. In der Folgesaison war Gazdov bereits Stammkeeper des Clubs. Das war auch in der Saison 2024 der Fall, in der Gazdov zum Torhüter der Saison gewählt wurde.
Zwei Jahre in Nürnberg, Durchbruch in Kanada
Die logische Konsequenz dieser Entwicklung: Clubs aus höheren Ligen wurden auf Emil Gazdov aufmerksam. Im Februar 2025 wechselte er zu CF Montreal in die MLS. Dort kam er aber bis zum Sommer nicht über die Rolle des dritten Torhüters hinaus, schaffte es nur dreimal in den Spieltagskader. Im August folgte die Leihe zurück in die kanadische Premier League zu Valour FC, wo er bis zum Saisonende noch auf sieben Einsätze kam. Nun folgt die nächste Leihe, Emil Gazdov wagt erneut den Sprung über den großen Teich nach Deutschland, dieses Mal zum FC St. Pauli.
Und dieser Schritt ist für Emil Gazdov sehr groß, das zeigt bereits der Vergleich der Stärken der Ligen. Denn die kanadische Premier League ist von der Qualität her längst nicht so stark einzuschätzen wie die Bundesliga. Auch nicht wie die zweite oder dritte Liga. Laut Opta Power Ranking ist die Stärke der kanadischen Premier League unter den Regionalligen in Deutschland einzuordnen, liegt im Ranking zwischen der ersten Liga Libyens und der zweiten Schottlands auf Rang 149.
Das sagen Scoutingberichte
Leistungen von Torhütern einzuschätzen ist nicht so wirklich meine Sache. Ich maße mir zwar immer mal wieder an zu behaupten, „den muss ein Bundesliga-Torwart halten, den nicht“, aber darüber hinaus, was das Einschätzen von individuellen Fähigkeiten angeht, verlasse ich mich gerne auf Zahlen und auf Einschätzungen von richtigen Expert*innen. Das Problem: Die kanadische Premier League ist auf der Karte des Weltfußballs ein eher unbedeutendes Licht. Entsprechend ist die Datenlage für Emil Gazdov sehr schmal bis nicht aussagekräftig. Doch dass ein damals 21-jähriger als Torhüter der Saison ausgezeichnet wurde, hat den Vorteil, dass Scoutingportale auf Emil Gazdov aufmerksam geworden sind. Bei targetscouting gibt es ein ausführliches Profil und auch Torwart-Experte Aidan Reagh hat sich mit Gazdov befasst.
Gute Tor-Verteidigung, klare Entwicklungsfelder
Basierend auf diesen beiden Berichten ist Emil Gazdov ein Torhüter, dem durchaus eine Karriere in Top-Ligen zugetraut werden kann. Allerdings nur dann, wenn es ihm gelingt, sich in seinen Entwicklungsfeldern signifikant zu verbessern. Eines davon benannte Reagh sehr klar: Gazdov ist zwar in der Torverteidigung gut, allerdings ist seine Positionierung mangelhaft, wie unter anderem in einem Video in dem Bericht gezeigt wird. Wie subjektiv solche Berichte sind, zeigt dann der Vergleich: Denn bei targetscouting wird die Positionierung von Gazdov bei der Torverteidigung als eine seiner Stärken benannt. Das könnte aber auch daran liegen, dass er sich in diesem Bereich schnell und stark verbessert hat.

Fernab von der Positionierung bringe Emil Gazdov aber alles mit, um ein richtig guter Torhüter zu werden. Denn mit 1,94m sei er sehr groß, dazu aber auch sehr agil und dynamisch, komme zum Beispiel schnell nach unten, um Bälle zu verteidigen. Beim Blick auf die Highlight-Videos der Jahre 2023 und 2024 fällt diese Agilität durchaus auf (das Thema mit der Positionierung übrigens auch). Ebenfalls schnell sei er, wenn es darum gehe, den Raum vor dem Tor zu verteidigen. Auch wenn es ihm im Bereich des „Rauslaufens“ noch an Erfahrung fehle, so könne er sehr schnell Situationen einschätzen. Gleiches gelte für die Verteidigung von hohen Bällen.
Fehlende Erfahrung wird in beiden Scoutingberichten auch als Grund angeführt, warum Emil Gazdov nicht wirklich eine große Hilfe im Aufbauspiel ist. Zwar seien sein erster Kontakt und seine technischen Fähigkeiten gut, aber unter Druck werde er unruhig, spiele dann viele lange Bälle, die oft keine Abnehmer fänden.
Veränderungen auf Torwart-Position stehen an
Mit Emil Gazdov kommt also ein Torhüter zum FC St. Pauli, der bereits in jungen Jahren einiges an Erfahrung im Herrenbereich sammeln konnte. Aber er hat noch einige Entwicklungsfelder, in denen er sich verbessern muss, um auch im deutschen Ligafußball mithalten zu können. Entsprechend stellt die jetzige Leihe für ihn eine große Chance dar, sich in den relevanten Bereichen zu verbessern – und damit Werbung in eigener Sache zu machen. Gelingt ihm das, könnte sich seine Zeit beim FC St. Pauli verlängern.
Denn der FC St. Pauli hat Emil Gazdov bis Saisonende ausgeliehen, besitzt aber zudem eine Kaufoption. Sollte es nach diesem halben Jahr also den Eindruck geben, dass Gazdov dem FCSP auch längerfristig weiterhelfen kann, so wäre der Schritt zum langfristigen Vertrag ein leichter. Vorerst geht es aber erst einmal darum die Rolle des dritten Torhüters beim FC St. Pauli einzunehmen. Ob diese auch bedeutet, dass er regelmäßig in der U23 zum Einsatz kommt, wird man sehen. Sicher ist aber, dass man beim FCSP nach der Erfahrung aus der Vorsaison, als im Herbst plötzlich der vollständige Kollaps auf der Torhüter-Position drohte, kein Risiko eingehen möchte.
Besonders die Kaufoption finde ich interessant. Denn sie wirft bereits jetzt im Winter ein Schlaglicht auf das, was im Sommer bevorstehen könnte. Es darf nicht vergessen werden, wie gut die Situation im Tor des FC St. Pauli ist. Mit Nikola Vasilj ist einer der besten Keeper der Bundesliga zwischen den Pfosten (in Sachen Tor-Verteidigung laut fbref sogar der beste). Hinter ihm ist mit Ben Voll jemand, der mit starken Leistungen gezeigt hat, dass auch er bereit ist für einen Stammplatz in einem Bundesliga-Team. Es wäre sehr bemerkenswert, wenn der FCSP, liga-unabhängig, auch in der Folgesaison mit diesen beiden Torhütern im Kader unterwegs wäre. Entsprechend ist die jetzige Leihe von Emil Gazdov samt vereinbarter Kaufoption durchaus auch ein Hinweis darauf, dass die Luxus-Situation im Tor des FC St. Pauli befristet ist – und dass die Verantwortlichen sich dessen bewusst sind und sich darauf vorbereiten. Die nun vereinbarte Leihe ist somit für alle Seiten eine Chance, auch über den Sommer hinaus.
Herzlich Willkommen am Millerntor, Emil Gazdov!
// Tim
Alle Beiträge beim MillernTon sind gratis. Wir freuen uns aber sehr, wenn Du uns unterstützt.
MillernTon auf BlueSky // Mastodon // Facebook // Instagram // Threads // WhatsApp // YouTube