Unter der Woche ist der FC St. Pauli auswärts in Wolfsburg gefordert und trifft dort auf ein Team, das zwischen Anspruch und Wirklichkeit wankt.
(Titelfoto: Stefan Groenveld)
Auf das durch das Wetter erzwungene freie Wochenende folgt für den FC St. Pauli nun der inoffizielle Abschluss der Hinrunde – das Nachholspiel steht ja noch aus. Der VfL Wolfsburg erwartet den FCSP und ist nach der jüngst erlittenen deutlichen 1:8-Niederlage in München sicher auf Wiedergutmachung aus. Zur Vorbereitung auf das Spiel sei das Gespräch von Jutta mit Dennis vom „Wölferadio“ empfohlen.
Interner Test statt gegen Hoffenheim
Statt eines Pflichtspiels gab es für den FC St. Pauli „nur“ ein internes Testspiel, wie Alexander Blessin auf der Pressekonferenz am Montag berichtete. Es hätte aber einen externen Gegner geben können, denn die TSG Hoffenheim klingelte vergangenen Freitag in Person von Frank Kramer (Sportdirektor in Hoffenheim) bei Blessin durch, in der Hoffnung einen Testspielgegner zu finden. Doch es war alles zu kurzfristig, der FCSP sagte ab.
FC St. Pauli: Wer kann spielen, wer fehlt?
Das pflichtspielfreie Wochenende hat dem FC St. Pauli zumindest in einem Bereich geholfen. Denn die zuvor angeschlagenen Martijn Kaars und Louis Oppie dürften nun in noch besserer körperlicher Verfassung sein, als sie es am Samstag gewesen wären. Allerdings gab Blessin zu bedenken, dass beiden auch ein wenig Spielzeit am Samstag gutgetan hätten. Diese könnte nun in Wolfsburg immerhin etwas länger ausfallen.
Sinani und Irvine füllen Lazarett
Fehlen werden dem FC St. Pauli in Wolfsburg hingegen die langzeitverletzten David Nemeth und Andréas Hountondji. Und leider auch Danel Sinani. Den Offensivspieler plagt eine lädierte Wade, wie Blessin auf der PK berichtete. So sehr, dass der FCSP-Cheftrainer auch ein dickes Fragezeichen hinter einem Einsatz in Dortmund machen musste: „Er wird die Woche komplett aussetzen, denke ich.“
Kurzfristig kommunizierte der FC St. Pauli auch, dass Jackson Irvine fehlen wird. Der FCSP-Kapitän muss erneut wegen Problemen am linken Fuß aussetzen, jener Fuß, der ihn bereits im Vorjahr zur einer monatelangen Pause zwang.

(c) Stefan Groenveld
VfL Wolfsburg: Wer kann spielen, wer fehlt?
Aufseiten des VfL Wolfsburg fehlt eine Reihe von Spielern, was aber angesichts des verhältnismäßig großen Kaders kaum Probleme verursacht. Angreifer Jonas Wind fehlt bereits seit Monaten aufgrund einer Oberschenkelverletzung, Offensivkraft Bence Dárdai wird ähnlich lange von Knieproblemen geplagt. Dann fehlen mit Rogério (bereits seit Sommer 2024) und Joakim Maehle (Schulterverletzung) zwei Linksverteidiger, sowie mit Jenson Seelt (krank) ein durchaus wichtiger Spieler in der Innenverteidigung.
Wieder mit an Bord ist Mohamed Amoura, der vor wenigen Tagen vom Afrika-Cup zurückgekehrt ist. Alexander Blessin, der Amoura aus seiner Zeit bei Union Saint-Gilloise kennt, hatte erklärt, dass Spieler nach solchen Turnieren auch gerne mal in ein kleines Loch fallen. Amoura hingegen, so erklärte es Wolfsburg-Trainer Daniel Bauer, sei in guter Verfassung zurückgekehrt und werde auf jeden Fall am Mittwoch im Kader stehen.
Was hat der VfL zu bieten?
Ohne die genauen Etats und Saisonziele zu kennen, dürfte folgende Behauptung zutreffend sein: Bei keinem anderen Club der Bundesliga geht die Schere zwischen Aufwand und Ertrag in den letzten Jahren so weit auseinander wie bei den Wolfsburgern. Auf dem Papier (und sicher auch auf dem Konto) spielt da Jahr für Jahr ein Kader, der regelmäßig im internationalen Geschäft zugegen sein müsste. Die Realität: Platz zwölf, Platz acht, Platz elf und Platz zwölf lauten die Platzierungen der letzten Bundesligajahre. Aktuell steht Wolfsburg in der Liga auf Platz 14, hinkt somit den eigenen Ansprüchen erneut meilenweit hinterher.
Simonis schon wieder weg
Dieses Hinterherhinken fordert seine Opfer. Und das leichteste Opfer im Profifußball ist bekanntermaßen der Trainer. So geschehen in Wolfsburg: Nachdem Ralph Hasenhüttl bereits kurz vor Ende der Vorsaison entlassen wurde (Daniel Bauer übernahm interimsweise), übernahm mit Paul Simonis ein junges Gesicht den Posten. Der 40-jährige kam mit der Empfehlung von einem Jahr Erfahrung als Cheftrainer in den Niederlanden (welches sehr erfolgreich war), scheiterte dann aber in Wolfsburg – er wurde Anfang November entlassen. Erneut übernahm Daniel Bauer interimsweise, er wurde dann aber kurz vor Weihnachten dauerhaft befördert.
Die Gründe für die Entlassung von Simonis dürften vielschichtig sein. Blessin vermutet ungewohnt offen, dass es einige Quelereien in Wolfsburg gegeben haben könnte: „Er hat nicht so oft mit allen kreativen Spielern gespielt, sondern musste sich immer entscheiden. Dadurch waren vermutlich die in der Hierarchie vermeintlich oben stehenden Spieler sauer, sodass es intern auch ein paar Probleme gab.“
Das Global Soccer Network hatte im Oktober anhand einiger Zahlen gezeigt, dass die Ideen des Trainers nicht wirklich zum Kader passen.
Leichte Verbesserung, aber Anfälligkeit in Defensive bleibt bestehen
Nun haben sich die sportlichen Leistungen unter Daniel Bauer aber etwas verbessert. „Sie haben es verstanden, als Team zu agieren“, erklärt Blessin. Das äußert sich in Form von Ergebnissen: Sieben Zähler holte Wolfsburg unter der Leitung von Bauer, in den zehn Spielen unter Simonis waren es acht Zähler. Das klingt nicht nach einem sonderlich großen Unterschied, unter Berücksichtigung der Gegner (unter Bauer spielte das Team gegen u.a. gegen Bayern, Leverkusen und Frankfurt) wird aber deutlich, dass es zumindest eine positive Tendenz gibt.
Ein ganz generelles Problem ist aber auch mit Cheftrainer Bauer weiterhin präsent. Denn unter dem neuen Trainer gelang es bisher kein einziges Mal, ein Spiel ohne Gegentor zu beenden. Sowieso gelang das dem VfL bisher erst einmal – beim 1:0-Auswärtserfolg im Volksparkstadion, bei dem man allerdings 27 Schüsse zugelassen hatte (xG: 2,8), also er mit mehr Glück als Verstand die Null hielt.
Es ist daher relativ klar, wo der VfL Wolfsburg anfällig ist: Nur zwei Clubs in der Bundesliga haben bisher einen höheren xG zugelassen, nur drei haben mehr Schüsse zugelassen. Auch wenn Blessin mehrfach auf der PK darauf hinwies, dass die 1:8-Niederlage gegen Bayern „nichts verfälschen“ dürfe, so muss man festhalten: Der VfL Wolfsburg hat ein Defensivproblem.
Viel Kreativität & kein Abstiegskandidat
Womit die Wolfsburger aber eigentlich kein Problem haben sollten, ist das Erspielen von guten Gelegenheiten. Zumindest ist das Personal dafür vorhanden (und unter Bauer auch auf dem Platz). Das Offensivtrio bestehend aus Christian Eriksen, Lovro Majer und Kevin Wimmer ist in Sachen individueller Qualität beeindruckend und zeigte zuletzt auch ein verbessertes Zusammenspiel. Dazu hat in Abwesenheit der Top-Stürmer Amoura und Wind mit Dzenan Pejcinovic ein Wolfsburger Eigengewächs auf sich aufmerksam gemacht (vier Treffer). Da kommt also was zu auf den FC St. Pauli.
Aber wohin wird die Reise des VfL Wolfsburg gehen in dieser Saison? Mit einem Sieg kann der FCSP in der Tabelle sogar vorbeiziehen, der VfL steckt also ziemlich tief drin im Abstiegssumpf. Aber ist er auch ein Abstiegskandidat? Blessin: „Tabellarisch sieht es momentan so aus, dass man es sagen könnte. Aber ich selber zähle die Wolfsburger nicht dazu. Weil die Qualität einfach zu groß ist, das haben sie in den Partien vor dem Bayern-Spiel gezeigt. Also glaube ich nicht, dass sie am Ende damit etwas zu tun haben werden. (…) Aber ich kann mich auch irren.“

// (c) Stefan Groenveld
Mögliche Aufstellung
Unter Daniel Bauer gibt es einen Stamm in der Startelf des VfL Wolfsburg, der aus sieben Spielern besteht. Fraglich ist nur, ob Amoura direkt wieder in die Startelf kommt (ich vermute nicht), Svanberg oder Gerhardt neben Arnold die Doppelsechs bekleiden (ich tippe auf Gerhardt), Fischer oder Zehnter auf links verteidigen (ich tippe auf Zehnter) und Jenz weiterhin in der Innenverteidigung startet. Möglich ist also vieles, zumal die Englische Woche vermutlich auch eine Rolle bei der Besetzung der Startelf spielen wird, wie Bauer auf der PK vor dem Spiel erklärte.
Vier Veränderungen beim FC St. Pauli zu erwarten
Ebenfalls etwas unklar ist die personelle Situation beim FC St. Pauli. Im Vergleich zum letzten Testspiel sind sicher zwei Veränderungen zu erwarten: Joel Fujita wird anstelle von Danel Sinani in der Startelf stehen. Zudem muss der Ausfall von Jackson Irvine kompensiert werden. Hier dürfte Connor Metcalfe die wahrscheinlichste Option sein.
Das bedeutet, dass es vier personelle Wechsel gegenüber dem Mainz-Spiel vor Weihnachten geben wird: Neben dem Ersatz für Irvine wird Eric Smith anstelle von Adam Dźwigała auf dem Platz stehen (Nimm das, Du „War es sein letztes Spiel für St. Pauli?“-Berichterstattung!), Lars Ritzka wird Louis Oppie auf der linken Seite ersetzen und Ricky-Jade Jones dürfte sein Startelfdebüt für den FCSP feiern (und damit den verletzten Hountondji ersetzen).
So fährt der FC St. Pauli personell leicht angeschlagen zum VfL Wolfsburg, aber nicht mutlos. Blessin erklärte: „Wir wissen, wo ihre Stärken liegen“, betonte, dass er den FCSP „gut aufgestellt“ sehe und das man sich „ein paar Lösungsansätze“ erarbeitet habe, um die Wolfsburger vor Probleme zu stellen und etwas Zählbares aus diesem Auswärtsspiel mitzunehmen. Denn auch wenn alle direkten Konkurrenten (und da zähle ich die Wolfsburger dazu) am vergangenen Wochenende ganz im Sinne des FC St. Pauli gespielt haben, so muss dieser natürlich auch seine eigenen Hausaufgaben erledigen: Schnellstmöglich Punkte holen.
Forza!
// Tim
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