Es ist Krisenstimmung beim FC St. Pauli. Der Rückstand auf das rettende Ufer ist angewachsen. Trotzdem kein Grund, alles über den Haufen zu werfen.
(Titelfoto: Stefan Groenveld)
Ein Kommentar von Tim
Wenn die Bundesligasaison ein Boxkampf wäre, dann hätte der FC St. Pauli beim Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach einen sportlichen Tiefpunkt erreicht. Der Gegner kam zu Treffern, der FCSP überhaupt nicht. In der Folge schaffte es das Team zumindest die Deckung hochzuhalten, sich defensiv zu stabilisieren, nicht mehr so viele Treffer zu kassieren. Der Preis: Die eigenen Offensivbemühungen kamen gänzlich zum Erliegen. Seit Wiederbeginn nach der Winterpause ist der FC St. Pauli wieder mutiger im Spiel nach vorne, ist besser geworden, hat sich in den Kampf hineingearbeitet. Doch nun gab es beim Auswärtsspiel in Augsburg einen Niederschlag, dieser wirkt auf viele nicht nur wie ein verlorenes Spiel. Der FC St. Pauli wurde auf die Bretter geschickt, ist angezählt. Ob, und falls ja, wie und wie schnell er wieder aufstehen kann, wird nun entscheidend sein.
Jetzt schon aufgeben? Warum sollten wir das tun?
Egal, wie das mit dieser Saison für den FC St. Pauli nun weitergeht, eines ist sicher: Der Club wird die Saison beenden. Es wird aufgrund von Frust, Enttäuschung und bitterer Erkenntnis, ja selbst bei Aussichtslosigkeit, keine vorzeitige Abmeldung vom Spielbetrieb geben. Wenn also vom FCSP verlangt wird, dass er sich doch bitte zumindest mit Würde aus der Bundesliga zu verabschieden hat, dann bedeutet es nicht, dass man bereits nach 20 Spieltagen bei vier Punkten Rückstand auf das rettende Ufer aufgibt. Denn genau das ist doch der springende Punkt: Zwar sind 14 Zähler nach 20 Spieltagen die Quote eines Absteigers, ganz eindeutig, die Situation ist äußerst bescheiden. Aber abgestiegen ist der FC St. Pauli eben noch nicht. Warum also bereits jetzt aufgeben? Das (öffentliche) Akzeptieren der Unterlegenheit, bevor überhaupt klar ist, dass man wirklich chancenlos ist – das wäre wirklich würdelos.
Genau deshalb kann zwar von außerhalb festgestellt werden, dass es beim FC St. Pauli an Qualität mangelt, aber man wird das nicht von sportlich verantwortlichen Personen hören. Sowieso ist die Frage nach der Qualität des FC St. Pauli ja eine, die erst nach Ende einer Saison beantwortet werden sollte. In der Vorsaison war die Qualität im Kader nicht viel höher, vielleicht sogar niedriger. Der Klassenerhalt wurde trotzdem geschafft. Wie das gelang? Ein Schlüssel zum Klassenerhalt war das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, der FCSP trat selbstbewusst auf, auch nach Niederlagenserien, obwohl der Großteil der Spiele verloren ging. Warum also jetzt ein Team schlechtreden, wenn Selbstvertrauen doch so einen entscheidenden Beitrag zum Klassenerhalt beitragen kann?
Der Trend ist positiv
Zumal es guten Grund gibt, gerade jetzt nicht aufzugeben. Der FC St. Pauli ist nach der Winterpause zu zwei Punkten aus fünf Spielen gekommen. Ja, das ist mies und zu wenig, um die Klasse zu halten. Spielerisch ist das Team aber klar besser geworden. In den Spielen gegen Köln und Mainz vor der Winterpause gab es zwar jeweils einen Punkt, offensiv war es aber nicht weniger als ein Offenbarungseid, den der FC St. Pauli ablegte. Es war zu diesem Zeitpunkt völlig unklar, wie der FCSP, außer mit Glück, zu Torerfolgen kommen möchte. Nun ist hingegen ein Plan erkennbar. Der mag zwar recht simpel sein und nicht dafür sorgen, dass die Gegner reihenweise vor Angst erstarren – aber es ist deutlich mehr als zuvor und auch deutlich mehr, als zum Beispiel der FC Augsburg am Wochenende zu bieten hatte.
Entsprechend ist es auch verwirrend, wenn ausgerechnet jetzt, nachdem sich Fortschritte erkennen lassen, die Entlassung von Trainer Alexander Blessin gefordert wird. Nachdem das Team zuletzt in Sachen Intensität und Einsatz überzeugen konnte, gegen Leipzig einen Laufrekord aufstellte und gegen Augsburg das klar bessere Team war. Es gab in dieser Saison Momente, in denen der Großteil der Argumente sicher eher für als gegen eine Trainerentlassung gesprochen haben. Doch gerade jetzt ist es umgekehrt. Dass vorne Chancen nicht genutzt und hinten einfachste Fehler gemacht werden, das mag zum Teil auch mit der Arbeit eines Trainers zusammenhängen, aber eben nicht primär.
Befreit wie nie in dieser Saison
Wie der FC St. Pauli in der Vorsaison die Klasse gehalten hat? Es könnte auch damit zusammenhängen, dass ziemlich schnell die Erwartungen an die Saison klar gewesen sind. Selbst die letzten Träumer*innen konnten nach drei Niederlagen zu Saisonbeginn auf das eine große Ziel mit dem Namen „Klassenerhalt“ eingeschworen werden. Das war nach dem Start in diese Spielzeit sicher anders und inzwischen dürfte der beste Bundesliga-Saisonstart in der Geschichte des FC St. Pauli als eine Bürde verstanden werden. Weil er Erwartungen schürte, die das Team einfach nicht bedienen konnte.
So ist der jetzige Niederschlag, der bei vielen das Gefühl hinterließ, dass die Saison bereits jetzt endgültig gelaufen ist, vielleicht auch eine Art Befreiung. Eine Befreiung von Erwartungen. Und wie wir alle wissen, sind Kämpfer*innen im Ring dann am gefährlichsten, wenn sie angeschlagen sind. Wenn sie sich in einer vermeintlich ausweglosen Situation befinden, die Niederlage quasi besiegelt scheint. Genau das, eine „Wir haben nichts zu verlieren“-Mentalität, wäre jetzt auch beim FC St. Pauli notwendig. Und wenn damit die Punkte/die nächste Runde gewonnen werden, dann kann die Dynamik plötzlich eine Freundin des FC St. Pauli sein.
Klingt nach Durchhalteparolen? Pah, klingt vielmehr nach „jetzt erst recht!“ Mag sein, dass es am Ende nicht reicht für den Klassenerhalt. Aber dann wurde zumindest alles versucht.
Forza!
// Tim
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Okay, falls mein Kommentar mit den ersten Absätzen adressiert werden sollte, hier nochmal klargestellt: Ich hatte die Trainerdiskussion begonnen und die Schleife zum „würdevollen Abstieg“ gemacht, um anzudeuten, dass ich eben nicht kampflos absteigen will. Eben weil ich will, dass wir als Verein kämpfen und das nicht über uns ergehen lassen. Von daher stimme ich halt absolut damit überein, dass Aufgeben keine Option ist, ich plädiere aber eben zu anderen Mitteln.
Ob meine Idee richtiger ist? Wer weiß das schon zu diesem Zeitpunkt. Letztlich: Absolut Tim, Aufgeben ist nicht, alles was geht und jeden mitreißen, der da unten gerade parkt 🙂
Danke Tim!!!
Nachdem ich mich mit dem Abstieg bereits abgefunden hatte und meine Motivitation aufgrund dieser „Erkenntnis“ und der vielen Spiele innerhalb kürzester Zeit in der dunklen, kalten Jahreszeit mittlerweile gegen Null tendiert, haben mich Deine Worte wieder richtig heiß gemacht und ich habe Bock, den Rest der Saison zu supporten und die Mannschaft zu feiern. Scheiß auf Ergebnisse! Wenn wir so weiterspielen, gehen wir mit Würde in die zweite Liga! Forza FCSP!
Danke Tim. Aufgeben ist nicht. Wenn das Klick kommt, dann ist wieder alles drin. Und wenn nicht, ist der FCSP nicht für immer weg und ich sowieso nicht.
War heute auch eine gerne wieder zu hörende abwechslung mit Nike auf der PK. 💪🏼
Bist mein Verein,
Und du wirst es auch für immer bleiben,
Denn ganz egal,
Was auch geschieht,
Wir werden immer bei dir sein.
Forza FCSP 🤎🤍
Moin Tim, natürlich ist Aufgeben genauso wenig eine Option wie ein Trainerwechsel, aber ich möchte dir zum Vergleich der Qualität der jetzigen Mannschaft mit der der letzten Saison widersprechen. Fußballerisch ist die heutige Truppe stärker, aber nicht was die mentale Stärke betrifft. Das Team der letzten Saison zeichnete sich durch mannschaftliche Geschlossenheit und große Zuversicht, was die eigenen Fähigkeiten betraf, aus. Diese positive Einstellung sehe ich momentan nicht, sondern mehr Passivität, Zaghaftigkeit, kein Vertrauen auf die eigenen Stärken und wenig Mut und aktives Agieren. Diese Kompetenzen fasse ich als mentale Stärke – oder eben „Schwäche“ zusammen. Hinzukommen Defizite hinsichtlich der Konzentration über die gesamte Spielzeit. ( auffällig viele Gegentore fallen kurz vor der Halbzeit und dem Spielende – außerdem werden hochkarätige Torchancen oft vergeben). Es steht ja immer wieder der Satz „Spiele werden im Kopf entschieden“ im Raum. Vielleicht ein Ansatzpunkt im Trainingsbereich, den Hebel im Kopf anzusetzen…
Einfach Glaube und Hoffnung entfachen.
Glaube, *Liebe*, Hoffnung und eigentlich ja auch Geduld.
Nun. Ja. Das alles ist die einzige Möglichkeit und eh: Vielen Dank, auch für die Redax des Tages, love optimism, don’t love the other stuff.
Danke, Tim.
Klar ist bisher nur, dass es hier und jetzt eher unkommod ist.
Auf der Rückfahrt vom Leipzig-Spiel traf ich Kathrin in der Bahn, einen Punkt in der Tasche, wo noch reichlich Platz ist. Wir waren stumm einig, dass das nicht so war, wie wir den FCSP sehen wollen.
Mir entfuhr: „Verdammt! Die müssen sich mal ein Herz packen und sich trauen!“
Einfach meine Wahrnehmung einer „Bedingten Mutlosigkeit“ bei der Mannschaft.
Ich kenne bloß die Bedingungen nicht alle.
Für mich ist klar: Am Ende wird abgerechnet.
Aber erst dann.
Wenn es zum Abstieg kommen sollte, dann ist das so. Eins der Extreme eben, klingt bekannt. Das andere ist sowieso perdu, Bayern holen wir nicht mehr ein.
Bis dahin möchte ich allerdings noch ein paar richtig gute Spiele sehen, mit Mut und Chuzpe und Courage.
Forza!
Alles richtig, was Du schreibst, Tim! Auf der übergeordneten Ebene Bornemann, bin ich mir aber nicht sicher, dass wirklich alles Sinnvolle und Machbare getan wurde, um die Chancen für einen Klassenerhalt zu maximieren. Für einen Trainerwechsel zur rechten Zeit ist es nun wahrscheinlich zu spät und angesichts des mittlerweile wirklich besseren Auftretens der Mannschaft, würde es vielleicht sogar kontraproduktiv sein. Doch während der Rekord-Niederlagen-Serie wäre ein Reset auf der Ebene Trainer durchaus eine Chance gewesen – das haben uns andere verunsicherte Teams, die vorher hinter uns lagen, vorgemacht (Gladbach, Mainz und Augsburg). Möglich, dass wir hier diese Diskussion über würdevoll Absteigen nicht führen müssten, wenn damals Borne rechtzeitig gehandelt hätte.
Hat unser Sportchef alles getan, um einen drohenden Abstieg zu vermeiden? Nachdem Last-Minute-Überraschungen im Winter-Transfer-Fenster ausgeblieben sind, ist bei der schwächsten Offensive der Liga „nur“ mit Taichi Hara nachgerüstet worden. Ich hoffe ja sehr, dass er zündet und uns hilft, doch das, was wir am meisten bräuchten, einen Knipser, der die Dinger reinmacht, die jetzt noch versemmelt werden, das ist er offenbar ja auch nicht. Warum wurde nicht ein Leihspieler à la Gregoritsch geholt, bei dem man sicher sein kann, dass der weiß, wo die Bude steht? Dass man so eine Leihe nicht hinbekommen hat, sehe ich – Stand jetzt – als krasses Versagen von Bornemann an. Dabei hat er mit Leihen in weniger prekären Situationen früher durchaus Erfolg gehabt (Smith, Stejanovic, Marmoush).
Ich höre mir ja fast alle Pressekonferenzen vor und nach den Spielen an. An der Stelle ist für mich festzuhalten: St. Pauli ist medial eine journalistische Wohlfühloase – aber das gilt nicht nur für den Trainer, der woanders schon längst angezählt worden wäre. Ich finde, man darf und soll aber auch mal unbequeme Fragen aufwerfen – und dazu gehört definitiv, ob der auch von Bornemann über Jahre hart erarbeitete Aufstieg in die Bundesliga, jetzt nicht auch zu fahrlässig wieder auf‘s Spiel gesetzt wird. Denn bis auf Großklubs wie Frankfurt, Stuttgart und Bremen ist der direkte Wiederaufstieg in den letzten Dekaden kaum einem Verein gelungen.
Wenn man sich bewusst macht, dass mit Heidenheim nur ein Kader in der Bundesliga weniger „Wert“ hat als der des FCSP, ist der Tabellenplatz eigentlich ganz nüchtern betrachtet nicht verwunderlich.
Geld schießt eben Tore.
Was mich am Trainer stört ist, dass er dazu neigt, Spieler öffentlicht zu kritisieren (siehe Afolayan). Das ist sicher nicht hilfreich und was noch so hinter den Kulissen läuft oder lief. Wer weiß?
Nun läuft es sportlich etwas besser aber insgesamt reicht die Qualität halt eigentlich nicht aus, um in dieser Liga zu bestehen.
Tim hat Recht. Ich wünschte mir jetzt auch mehr aufbäumen. Mehr „nichts zu verlieren“-Modus. Mehr Emotionen. Vielleicht geht ja noch was. Andere Vereine mit ähnlich bescheidenen Ausgangslagen haben bewiesen, dass man sich auch als „kleiner“ Club in der Liga beweisen kann. Ich erwarte aber nichts mehr und hoffe nur noch, dass es am Ende reichen wird. …Eiegentlich war das Spiel gegen Augsburg ein Schritt in diese Richtung.