Glaube… Liebe! Hoffnung?

Glaube… Liebe! Hoffnung?

Egal wie, der FC St. Pauli muss in den nächsten Partien punkten. Muss er deshalb die bisherige Spielidee über den Haufen werfen? Und wie finden wir die Hoffnung wieder?
(Titelfoto: Stefan Groenveld)

Es ist sicher nicht einfach, als Spieler des FC St. Pauli optimistisch und mutig zu bleiben. Merken wir ja an uns selbst. Die Niederlage in Heidenheim hat bei vielen das Gefühl ausgelöst: Jetzt steigen wir auch noch direkt ab. Und wenn uns das schon so geht, wie geht es wohl der Mannschaft des FC St. Pauli? Da wir uns die Antwort sicher alle ausmalen können, schließt daran direkt die nächste Frage an: Wie kann der FCSP wieder Mut fassen für die letzten Spiele? Ich probiere mal eine andere Art von Text, bin ganz ohne Idee gestartet, wo dieser mich hinführt. Vielleicht finde ich ja am Ende Hoffnung, vielleicht nicht, mal schauen.

Die Form spricht klar gegen den FC St. Pauli

Auch wenn wir uns immer mal wieder gerne in die Tasche lügen, um selbst etwas mehr Hoffnung zu schöpfen, um motiviert zu sein, so muss man einfach festhalten: Die aktuelle Form, die Kadersituation mit verletzten Schlüssel-Spielern und auch die bisher gezeigten Leistungen in dieser Saison sprechen gegen den FC St. Pauli. Das größte Problem dürfte aber sein, dass eine extrem negative Dynamik zu beobachten ist. Das Team durchlebt eine Phase, in der einfachste Dinge nicht mehr klappen, in der das Selbstbewusstsein komplett flöten zu gehen scheint. Das, was wir in Heidenheim gesehen haben, dürfte uns bekannt vorkommen. Aus der Hinrunde nämlich, als der FC St. Pauli neun Spiele in Folge verlor und zwischendrin jegliche Bundesligatauglichkeit vermissen ließ. Sehr schlecht ist, dass sich das Team nun in einer ähnlichen Situation wiederzufinden scheint. Gut ist aber, dass das Team gezeigt hat: Es kann sich aus diesem Negativstrudel befreien. Aber wie?

Das ist tatsächlich der wohl schwierigste Part in der aktuelle Situation. Denn mitten in der Niederlagenserie der Hinrunde rief Alexander Blessin vor dem Spiel in Freiburg eine neue Marschroute aus: Der Fokus sollte wieder mehr auf eine stabile Defensive gelegt werden. Das Team hatte sich damals in acht von neun Ligaspielen jeweils mindestens einen Gegentreffer gefangen (durchschnittlich zwei Gegentreffer pro Partie, seitdem sind es 1,6). Etwas später konnte der FC St. Pauli die Niederlagenserie dann endlich beenden.

Fokusverschiebung auf Offensive? Schwierig

Was sich aber nicht geändert hat: Der FCSP war sowohl vor dieser Fokusverschiebung und ist nun auch danach das offensiv schwächste Team der Liga, wenn es nach erzielten Treffern geht. Diese Schwäche kommt aktuell mit nur drei Treffern aus den letzten sieben Spielen (alle nach Standards) mindestens so deutlich zum Vorschein, wie kurz vor dem Freiburg-Spiel der Hinrunde, da hatte der FCSP gerade mal einen Treffer in sechs Spielen erzielt. Ist es nun also Zeit, dass Alexander Blessin erneut eine Fokusverschiebung ankündigt, hin zu offensiverem Fußball? So einfach ist es nicht – und das aus mehreren Gründen.

Ich muss diese Woche oft an Dapo Afolayan denken, oder besser gesagt, an seine Worte kurz nach Ende der Vorsaison („Wir sollten rausgehen und Spiele gewinnen wollen, nicht nur versuchen, sie nicht zu verlieren. Das ist ein großer Unterschied.“) – und warum sie irgendwie am Kern des Problems vorbeigehen. Denn es besteht durchaus die Gefahr, dass diese Worte auf eine Ebene mit jenen von Abdoulie Ceesay gestellt werden, der kürzlich – in einem allerdings nicht autorisiertem Interview, wie das Abendblatt (€) am Mittwoch berichtete – sagte: „Um ehrlich zu sein, ist unser Spiel für mich etwas schwierig, besonders als zentraler Stürmer. Die Formation, die wir verwenden, ist für Stürmer schwierig.“
Aber es ist keineswegs so, dass der FC St. Pauli Spiele nicht mutig spielt. Das Gegenteil ist sogar der Fall. Schaut euch doch mal an, wie die Teams aus Köln, Berlin, Mainz und Heidenheim kicken. Da wird fast jeder Ball hoch nach vorne gebolzt, Hauptsache kein Risiko. Der FCSP ist hingegen daran interessiert, den Ball in geordneten Bahnen nach vorne zu bekommen. Dass es nicht funktioniert, ist das Problem, nicht aber der fehlende Wille und der Mut, das zu tun.

Alles gefällig, aber es fehlt der Punch

Denn der FC St. Pauli spielt eigentlich einen ganz gefälligen Ballbesitzfußball. Was fehlt, was zu oft nicht gelingt, ist der Übergang in die wirklich heiße Zone. Das Team spielt die zehntmeisten Pässe aller Bundesligisten. Mit einer Passrate (gespielte Pässe pro Ballbesitzphase) von 15,2 reiht sich das Team auf Platz vier zwischen Bayern, Leverkusen, Stuttgart und dem BVB ein. Die siebtmeisten Pässe ins letzte Drittel (auf den Plätzen 1-6 liegen die Clubs, die auch in der Ligatabelle auf 1-6 liegen) zeugen ebenfalls davon, dass der FCSP in Ballbesitzphasen ganz gefällig ist. Aber es wird zu wenig daraus gemacht, weniger als zwei Drittel dieser Pässe kommen beim Mitspieler an (Platz 16). Und trotz dieser hohen Ballbesitz- und Passzahlen ist der FC St. Pauli Schlusslicht, wenn es um Ballkontakte im gegnerischen Strafraum geht. Das passt nicht zusammen. Und da kommen wir vielleicht doch noch zum Thema Mut. Denn es liegt nicht nur an der Ungenauigkeit der FCSP-Spieler, dass Pässe in den gegnerischen Strafraum nicht ankommen. Es liegt auch daran, dass der Strafraum zu selten ausreichend besetzt ist. Was sicher an schlechter Abstimmung liegt, aber teilweise eben auch darauf zurückzuführen ist, dass sich nicht genügend Spieler an den Angriffen beteiligen. Ist das ein Problem fehlenden Mutes? Oder Ausdruck der notwendigen Rationalität?

Zurück zum „Nicht-Gewinnen-Wollen“: Alexander Blessin sagte bereits mehrere Male, dass es ihm lieber ist, wenn ein Spiel 0:0 ausgehe, als ins hohe Risiko zu gehen, um ein Spiel zu gewinnen. Auch in der aktuellen Situation weicht er davon nicht wirklich ab, erklärte auf den Pressekonferenzen vor Köln und Heidenheim jeweils sinngemäß, dass es Abwägungssache sei, wie sehr man bei engen Spielständen ins Risiko gehe. Ein klares „Ein Unentschieden ist uns nicht genug, wir spielen voll auf Sieg“ gab es von ihm bisher nicht zu hören. Für Liebhaber*innen von Strafraumszenen, viel Drama, mehr Toren und sicherlich auch hohen Niederlagen (zumindest wirkt das wahrscheinlicher als hohe Siege) sind diese Worte von Blessin sicher total unsexy. Klar ist aber auch, dass der FC St. Pauli durch die Punktgewinne gegen Union und Köln überhaupt auf Rang 16 steht. Ob da mit mehr Risiko auch mehr Punkte rausgesprungen wären, ist natürlich die Frage, die alle umtreibt und auf die wir nie eine Antwort bekommen werden. Wie so oft im Fußball fehlt die Gegenprobe, um wirklich fundierte Aussagen zu treffen.

Kadersituation erschwert Anpassungen

Was aber durchaus wahrscheinlich ist: Hätte der FC St. Pauli personell aus den Vollen schöpfen können, dann wären mehr Punkte, dann wäre vermutlich auch ein offensiverer Ansatz drin gewesen. Das Fehlen von Ricky-Jade Jones, der sich einen Tag nach Schließung des Winter-Transferfensters eine Verletzung zuzog, die sein Saisonende bedeutete, wiegt deutlich schwerer als erhofft. Zumal Winter-Neuzugang Taichi Hara aktuell gar keine Rolle spielt und nun auch noch Dauerbrenner Mathias Pereira Lage ausfällt. Es fehlt dem FCSP in der Offensive einfach an Optionen. Das Team hat einen Großteil der Rückrunde ohne echten Mittelstürmer in der Startelf bestritten, auch weil Hountondji lange fehlte, der erst jetzt wieder fit zu sein scheint, und Kaars einfach mit der Bundesliga nicht zurechtzukommt. Würdet ihr euch angesichts dieser personellen Situation eher für eine offensivere oder defensivere Spielweise entscheiden? Der Fokus auf die defensive Stabilität mag etwas uninspiriert wirken, aber eben auch rational. Auch wenn die Gegenprobe fehlt, kann ich den aktuellen Ansatz des FC St. Pauli nachvollziehen.

Aber zum jetzigen Zeitpunkt ist all das völlig egal. Wir sind da, wo wir sind. Wie wir da hingekommen sind, spielt erstmal keine Rolle. Macht man ja in anderen akuten Krisensituationen auch nicht. Oder was macht Ihr, wenn Ihr merkt, dass Euch mitten auf der Straße die voll bepackte Einkaufstüte reißt? Hinsetzen und überlegen, was da falsch gelaufen ist? Analysieren, warum Ihr das Gewicht des Gemüses oder die spitzen Kanten der Plastikverpackung unterschätzt habt? Nein, Ihr versucht, den Inhalt der Einkaufstüte erstmal zu retten, die Vollkrise in Form von zermanschten Tomaten auf der Straße abzuwenden. Für Analysen bleibt danach Zeit, jetzt geht es erstmal darum die Krise zu bewältigen, den Einkauf irgendwie über die Straße zu bekommen, notfalls, indem die Milchtüte auf der Nase und das Gurkenglas auf dem Fuß jongliert wird. Für den FC St. Pauli gilt also: Erstmal den GAU namens Abstieg vermeiden. Irgendwie. Was genau da alles gerade nicht funktioniert, können wir uns – nein, wir müssen es sogar ganz dringend – hinterher anschauen. Und das dann hoffentlich ohne zermanschte Tomaten.

Zurück zur Eingangsfrage: Wie kann der FC St. Pauli nun in den nächsten Spielen punkten? Viel Raum für personelle Veränderungen gibt es nicht. Vielleicht ist das aber auch nicht so schlimm, wie es sich gerade anfühlt. Denn dieses Personal hat den FC St. Pauli dahin gebracht, wo er jetzt steht. Ich weiß genau, dass diese Feststellung sowohl positiv als auch negativ gelesen werden kann. Aber wir müssen aufpassen, denn die Grenze zwischen Krisenmodus und wirkungslosem Aktionismus ist fließend. Der FCSP war in dieser Saison (und auch der letzten) immer dann erfolgreich, wenn es ihm gelang, defensiv stabil zu stehen. Scheibenschießen sind extrem selten und noch seltener erfolgreich. Nur zweimal seit Sommer 2024, also in bisher 75 Spielen, erzielte der Gegner zwei oder mehr Treffer und gewann nicht gegen den FC St. Pauli. Würdet ihr also genau jetzt in dieser Saisonphase eine offensivere Herangehensweise ausrufen, in dieser Phase etwas probieren? Klar, es kann nicht so weitergehen wie beim Heidenheim-Spiel. Aber vielleicht so wie gegen Köln und mit etwas mehr Glück? Das wirkt auf mich vielversprechender, als das Überbordwerfen von Überzeugungen, um mit einer, Entschuldigung, nicht erstliga-reifen Offensivreihe und bisher zu selten funktionierenden Offensividee, besonders gegen ein von Urs Fischer trainiertes Team, ins offene Messer zu laufen.

Mutmacher Heimbilanz

Hmm, so ein richtiger Mutmacher für neun Punkte aus den kommenden drei Spielen ist dieser Text wohl nicht. Es ist eben nicht einfach, optimistisch und mutig zu bleiben, hatte ich ja schon geschrieben. Aber der FC St. Pauli ist weder abgeschlagen Tabellenletzter, noch steht ihm eine komplett unmögliche Aufgabe bevor. Mut macht mir persönlich unsere Heimbilanz. Von den letzten neun Partien am Millerntor gingen nur zwei verloren, vier endeten Remis, drei wurden gewonnen. Wenn wir also an unserer Spielidee der Saison festhalten, wieso sollten wir dann unsere Heimstärke verlieren? Macht das Mut? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es gerade alles etwas schwer fällt. Aber es hat ja auch niemand gesagt, dass es leicht werden würde in dieser Saison. Das Gegenteil war sogar der Fall. Und so lange es die Chance gibt, so lange lohnt es sich, dafür zu kämpfen. Was wäre denn das für eine Aktion, wenn wir jetzt, auf dem Relegationsplatz stehend, schon aufgeben? Was ich ganz sicher weiß, dass es bei mir immer zwei Richtungen gibt, in die sich die Gefühlslage bis zum Anpfiff zuspitzen kann: Entweder finde ich Dinge, an denen ich mich hochziehen kann, Dinge, die mich hoffen lassen und sehr motivieren. Oder es wird so wie diese Saison gegen Stuttgart, als wir keine Chance hatten und die nutzten, als sich bei mir vor Anpfiff eine Art trotziger Optimismus breitmachte.

Diese Phase in der Saison ist ziemlich hart, ich leide ziemlich – und da geht es sicher nicht nur mir so. Ich denke sowieso jeden Tag an den FC St. Pauli, ist ja auch mein Job. Aber aktuell noch ein bisschen mehr. Das ist dann vielleicht doch etwas, was zumindest mich motiviert. Denn das emotionale Tal zeigt: Ich hänge an diesem Verein. Ganz schön doll. Manchmal wird das ja alles etwas lockerer, manchmal sind die Gedanken auch mal längere Zeit woanders. Aber jetzt gerade?
Auch für die vielen kritischen Stimmen, die überall zu hören und zu lesen sind, gilt, dass sie von Personen stammen, die emotional an den Verein gebunden sind. Und vermutlich werden auch sie, ganz genauso wie ich, am Sonntag zum Anpfiff doch wieder Hoffnung fühlen. Wartet nur ab, sie kommt, ganz bestimmt…

// Tim

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One thought on “Glaube… Liebe! Hoffnung?

  1. Wenn mir die Tüte reißt, dann versuche ich mich mit einer Behelfslösung (Interimstrainer) in den nächsten Laden zu retten, um dort eine neue Tüte (neuer Trainer) zu erwerben, damit der Inhalt (Klassenerhalt) nach Hause gebracht wird. 🤷🏻

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