(N)Olympia? Referendum in Hamburg

(N)Olympia? Referendum in Hamburg

Bis zum 31. Mai können die Hamburger*innen darüber abstimmen, ob sich Hamburg für die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 bewerben soll. Wir schauen uns dies genauer an.
Foto: Stefan Groenveld

Worum geht es?

Termin

Bis zum 31. Mai 2026 sind die Wahlberechtigten der Freien und Hansestadt Hamburg aufgerufen, ihre Stimme für oder gegen eine Bewerbung Hamburgs für die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele der Jahre 2036, 2040 oder 2044 abzugeben. Wahlberechtigt sind alle Einwohner*innen Hamburgs mit deutscher Staatsangehörigkeit ab 16 Jahren am Wahltag, die seit mindestens drei Monaten in Hamburg leben.
Eine Briefwahl wird empfohlen, aber auch an diversen Abstimmungsstellen kann bereits seit dem 5. Mai und noch bis zum 31. Mai abgestimmt werden. Im Gegensatz zu Bürgerschafts- oder Bundestagswahlen ist man bei dieser Wahl nicht an ein vorgegebenes Wahllokal gebunden.

Referendum

Eine einfache Mehrheit der abgegebenen Stimmen dafür oder dagegen reicht aus. Ein erfolgreiches Referendum für die Bewerbung allerdings ist es zusätzlich nur dann, wenn mindestens ein Fünftel der bei der letzten Bürgerschaftswahl Wahlberechtigten mit „Ja“ stimmt. Dies wären laut Statistikamt Nord etwas über 260.000 Stimmen.
Erste (vorläufige) Ergebnisse sollen am Wahlabend bereits ab 18.30h verfügbar sein.

Mitbewerber

Ein erfolgreiches Referendum bedeutet noch lange nicht, dass Hamburg auch tatsächlich ins finale Rennen geschickt wird. Deutschland (genauer: der Deutsche Olympische Sportbund, DOSB) hingegen wird sich sicher für die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 bewerben. Es ist sogar möglich, dass man bei einer dieser Bewerbungen der einzige Bewerber sein wird, Olympia also in einem dieser Jahre ziemlich sicher in Deutschland stattfinden wird.
Allerdings sind neben Hamburg auch Berlin, München und die Rhein-Ruhr Region im Rennen. In München und NRW haben die Referenden bereits mit je etwa 66% eine Zustimmung zur Bewerbung ergeben, in Berlin verzichtet der Senat auf ein Referendum.

Der DOSB hat eine Evaluierungskommission eingesetzt. Am 26. September 2026 soll auf einer Mitgliederversammlung entschieden werden, mit welchem Bewerber man sich beim IOC bewerben wird. Das Ergebnis des Referendums soll in die Entscheidung mit einfließen.
Eine Entscheidung des IOC über die finale Vergabe wird frühestens für 2027 erwartet.

Rahmenbedingungen

Die Grundaussagen der Hamburger Bewerbungs-Befürworter*innen lassen sich in etwa so zusammenfassen, wie es jüngst ein User auf BlueSky formulierte: „Du willst Weltfrieden und bist gegen Hunger und Armut weltweit? Bis zum 31. Mai für Olympia stimmen! (Oder du bist ein Nazi!)“.
Alles wird toll, wirklich alles.

Hier einige Statements aus der Pressekonferenz der Konzeptpräsentation (gegendert wird dort generell nicht):

  • Spektakuläre Sportstätten, kurze Wege, Innovationen und Nachhaltigkeit
  • Die größten Gewinner der Spiele: 1,9 Millionen Hamburger
  • Für mehr Tempo in Sachen Barrierefreiheit
  • Mehr Grün für alle
  • Dauerhaft positive Effekte für die zukünftige Mobilität in der Stadt und die gesamte Metropolregion
  • Wenig Einschränkungen im Stadtgebiet während der Spiele
  • Olympischer Verkehr in Hamburg CO2-frei
  • Olympia als Chance für den Hauptbahnhof
  • Olympische Mobilität, die bleibt
  • Klimapositive Spiele

Und hier die Punkte, die zumindest als eventuell nicht ganz so positiv mit aufgeführt oder als Risiko indetifiziert wurden:
[Ende der Liste]

Schaut man dann auf die Seite von NOlmypia-Hamburg.de, so gibt es da allerdings doch einiges. Um in ähnlich einfachen Stichworten präsent zu sein, hat man unter anderem diese Liste aus 13 Schlagworten erstellt. Relativ einfach werden die doch eigentlich positiv besetzten Punkte Fairplay, Teamgeist, Ehrenamt, Transparenz, Bezahlbarer Wohnraum, Wirtschaftsimpuls, Umweltverbund, Naturräume, Sporttreiben, Sportstätten, Teilhabe, Barrierefreiheit und Sichere Sportveranstaltungen wahlweise widerlegt oder zumindest stark relativiert.

Das IOC

Der Vergleich drängt sich auf: Das IOC sei genauso korrupt und schlecht wie die FIFA.
Der ehemalige IOC-Präsident Thomas Bach ist inzwischen ausgeschieden, Nachfolgerin ist die ehemalige Schwimmerin Kirsty Coventry aus Simbabwe. Bei allen von Bach gemachten Fehlern kommt er aus meiner Sicht an die Durchtriebenheit von Gianni Infantino trotzdem nicht heran. Aber dies darf auch wirklich nicht der Maßstab sein, ohnehin klar.
Das IOC benimmt sich als Verband zumindest sehr ähnlich wie die FIFA. Man streicht die Gewinne gerne ein, lässt sich von Steuerzahlungen großflächig befreien und die Länder und Ausrichterstädte auf den Kosten größtenteils sitzen.

Weitere Kritikpunkte gibt es genug, beispielsweise den Umgang mit Russland. Zwar ist das Land noch suspendiert, allerdings dürfen Einzelsportler unter neutraler Flagge starten und Sanktionen gegen Russlands Verbündeten Belarus wurden gerade erst aufgehoben.
Schlagzeilen hatte bei den Winterspielen auch IOC-Präsidentin Coventry geliefert, als sie persönlich den ukrainischen Skeleton-Fahrer Wladyslaw Heraskewytsch zur Teilnahme mit einem anderen Helm bewegen wollte, nachdem ihm eine Teilnahme mit seinem eigentlichen Helm mit Gedenken an ukrainische Kriegsopfer vom Verband verboten worden war (Sportschau). Sie blieb erfolglos, gab anschließend ein tränenreiches Interview.
Auch die verpflichtenden Geschlechtertests für Sportlerinnen (Sportschau) sorgen für massive Kritik, unter anderem wurde dies auch bei der Infoveranstaltung im Clubheim von FCSP RollerDerby-Spielerin Sophie Läßle angeführt.

Dafür oder Dagegen? Es gibt viel zu bedenken.

Neutralitätsgebot?

Beginne wir mit der Frage, ob man als Stadt, die sich für Olympia bewerben will, die ganzen negativen Dinge der Kritiker*innen in der eigenen Hochglanzpräsentation zwingend zeigen muss. Hamburg hat sich (vertreten durch den Rot-Grünen Senat und sicher auch mit wohlwollender Unterstützung der CDU) offensichtlich dafür entschieden, dies nicht zu tun. Dies sieht man nahezu in der kompletten Kommunikation nach außen, insbesondere in der großflächigen Plakatierung der gesamten Stadt. Wenn das schöne Bild dann mal gestört wurde, wie jüngst beim Marathon, war der Umgang mit Kritik teils sehr unsouverän.
18 Millionen Euro Steuergeld sind für die Kampagne verwendet worden. Das Hamburg Journal (3min) hat sich der der Frage angenommen, ob der Senat nicht neutraler bleiben müsse.

Fair wäre aber in jedem Fall gewesen, wenn man die zum Referendum aufgerufenen Wahlberechtigten neutral über die zu treffende Entscheidung vorab hätte informieren wollen, inklusive der kritischen Stimmen. Wenn man dem Olympia-Beauftragten Steffen Rülke im eben verlinkten Videobeitrag zuhört, so sei genau das ja auch die Aufgabe des Senats – zu informieren. Dass aber nun auch kritische Stimmen beim Versand der Unterlagen mit berücksichtigt werden durften, ist nur der Unterschriftensammlung von NOlympia zu verdanken, die dafür 19.423 Unterschriften sammelte. Ansonsten hätte das zum Referendum gehörige Informationsheft (pdf) wohl anders ausgesehen und die ganzen bunten Auftaktseiten mit den tollen Sharepics hätten, ohne die Gegenargumente ab Seite 22, wohl für sich gestanden.

Sportliches Highlight, once in a lifetime

Der große Vorteil bei der konkreten Austragung von Olympischen Spielen liegt für mich auf der Hand. Als sportbegeisterter Mensch hat wahrscheinlich jede*r von uns schon fasziniert die Übertragungen von Sommer- und Winterspielen im Fernsehen verfolgt. Solch eine Dichte an sportlichen Höchstleistungen direkt vor Ort und live verfolgen zu können, ist für mich erstmal eine tolle Sache.
Ich bin Sportfan. Ich erfreue mich an Livesport vor Ort sogar noch viel mehr als vor dem Fernseher. Und ich kann auch nachvollziehen, dass es für Sportler*innen (insbesondere für diejenigen außerhalb der ganzjährigen Aufmerksamkeit wie beim Profifußball der Männer) das absolut Größte sein muss, bei Olympia teilzunehmen. Wenn man dies als Sportler*in dann auch noch im eigenen Land oder sogar der eigenen Stadt machen darf – umso schöner.

Dies ist ein emotionaler Punkt, der für mich deutlich mehr Gewicht hat als viele der genannten positiven Punkte. Der aber vielleicht auch schwerer greifbar ist und bei anderen Menschen komplett anders ausfallen mag. Doch er darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es eben auch viele sachliche Gründe für und gegen die Ausrichtung eines solchen Events gibt – auf die man ohne diesen emotionalen Blickwinkel schauen sollte.

Finanzkonzept

4,9 Milliarden Euro Einnahmen, 4,8 Milliarden Euro Ausgaben – bleiben 100 Millionen Euro Gewinn! Wie fantastisch ist das denn, bidde? Entnommen sind die Zahlen dem Finanzkonzept der Bewerbung. Laut Andy Grote (SPD) sei dies sogar „sehr konservativ“ kalkuliert.
Die Erfahrung der letzten Jahre und Jahrzehnte dürfte allerdings gezeigt haben, dass Olympische Spiele keinen Gewinn für die ausrichtende Stadt abwerfen.

Die Aufdröselung der einzelnen Berechnungen hierfür überlasse ich aber gerne anderen – zum Beispiel NOlympia-Hamburg.de, die bei „Finanzkonzept auf dem Prüfstand“ wenig überraschend auf deutlich andere Zahlen kommen.
Auch der Faktencheck des Abendblatts (€) kommt zu anderen Ergebnissen, weist unter anderem auf in den 4,8 Milliarden Euro nicht inkludierte Posten wie „den Ausbau von ÖPNV oder die Ertüchtigung vorhandener Sportstätten und Verkehrsanlagen“ hin. Das neue Olympiastadion fehlt in der Kalkulation sogar komplett. Der Senat verweist darauf, dass man dem HSV ja ohnehin ein neues Stadion bauen müsse und „es daher nicht ins Olympia-Budget gehöre“ – dazu später mehr.

Infrastruktur

An- und Abreise (Fernverkehr)

Schauen wir mal auf die Verkehrszahlen der größten deutschen Flughäfen (Quelle: Flughafenverband) für das gesamte Jahr 2025:

  • Frankfurt: 63,2 Mio Passagiere
  • München: 43,4 Mio Passagiere
  • Berlin: 26,1 Mio Passagiere
  • Düsseldorf: 21,0 Mio Passagiere
  • Hamburg; 14,8 Mio Passagiere
  • Köln: 10,1 Mio Passagiere

Etwa 11,2 Millionen Menschen waren 2024 bei den Spielen in Paris (Quelle: Mobilitätskonzept). Ähnliche Zahlen dürfte man für die Spiele in Deutschland erwarten. Klar, nicht alle kommen per Flugzeug, aber eben doch ein großer Teil, insbesondere aus dem Ausland. Dies ist für den Hamburger Flughafen nicht zu stemmen, weshalb im Mobilitätskonzept schon die Drehkreuze Frankfurt, München und Kopenhagen mit aufgeführt werden, ebenso wie Flughäfen ohne Drehkreuzfunktion, namentlich Berlin, Düsseldorf, Hannover, Bremen und Lübeck.
Unschwer an obigen Zahlen abzulesen, dass Hamburg hier gegenüber München und Berlin sowie der Kombination aus Düsseldorf und Köln bereits einen klaren Standortnachteil hat.

An- und Abreise (ÖPNV)

Für den Hamburger ÖPNV verspricht das Konzept selbstverständlich, dass alles schneller und besser wird. Hamburger*innen werden spöttisch einwenden, dass es ja eh kaum mehr schlimmer werden kann und sehr wahrscheinlich wird der ÖPNV tatsächlich von Olympia langfristig profitieren. Allerdings sind viele Projekte ohnehin bereits geplant und würden auch ohne Olympia realisiert werden (müssen).
Hierzu „Die Linke“: „Für den notwendigen Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs wird Olympia nicht benötigt. Das zeigt sich auch daran, dass keine neuen Planungen vom Senat vorgelegt werden, sondern nur die bereits beschlossenen.“

Ein Pluspunkt im Konzept sind sicher die erwähnten kurzen Wege. Mit dem Heiligengeistfeld und dem Volkspark gibt es zwei große Zentren, die wie wir wissen mit dem Fahrrad bequem erreicht werden können.

Unterkünfte

Es braucht nicht viel Fantasie, um sich Hotels und AirBnB als große Gewinner einer erfolgreichen Bewerbung vorzustellen. Mit 1,9 Millionen Übernachtungsgästen aus dem In- und Ausland (mit und ohne Ticket) wird im Mobilitätskonzept gerechnet, es wird von zwei Übernachtungen im Durchschnitt ausgegangen. In Paris waren es durchschnittlich drei Nächte, doch das „geringere touristische Angebot“ macht diesen geringeren Ansatz „plausibel“, wie es heißt.

Laut Pressemitteilung der Stadt Hamburg lag die Auslastung der Hotels in Hamburg 2025 bei durchschnittlich 77 Prozent – die höchste Auslastung aller großen deutschen Städte. Insgesamt gab es 16,5 Millionen Übernachtungen. Wenn man nun jene oben erwarteten 1,9 Millionen Übernachtungsgäste mit durchschnittlich zwei Übernachtungen dazu nimmt – dann kann man sich recht leicht ausrechnen, dass das herausfordernd wird und es wohl weitere Hotelkapazitäten dringend benötigt. Zudem dürfte bei einem Jahresschnitt von 77% die Auslastung im Sommer ohnehin deutlich höher liegen, was das Problem weiter verschäft.

Sportstätten

Einmal vorab zur Info das Sportstättenkonzept (pdf).

Olympisches Dorf

Das Abendblatt (€, 13.05.2026) hat sich mit dem Plan des Olympischen Dorfes auf der Trabrennbahn Bahrenfeld beschäftigt, wo eigentlich die „Science City“ geplant war. Etwa 15.000 Athlet*innen könnten dort untergebracht werden. Da Anforderungen an temporäre Unterkünfte für Sportler*innen und spätere, dauerhafte Wohnungen sehr unterschiedlich sind, müssten dies dann umgewandelt werden und würden Wohnraum für etwa 9000 Personen schaffen.

Und die bisher doch eher überschaubare Verkehrsanbindung? Das Abendblatt schrieb: „Die Anbindung per S-Bahn käme in diesem Fall vielleicht ein Jahrzehnt früher. Nach den bisherigen Plänen soll erst ab 2040 mit dem Bau eines Bahntunnels begonnen werden. Im Falle der Spiele müsste die Bahn 2040 schon fahren.“
Okay… Bauvorhaben dieser Größenordnung sind terminlich in Hamburg zumindest nicht immer ganz pünktlich, just sayin‘.

Spannend dabei auch, dass die Jahreszahl 2036 gar nicht mehr auftaucht. Nur ein Versehen?
Dazu passend ein Artikel der taz, der eine Ausrichtung der Spiele bereits 2036 als wenig realistisch erscheinen lässt. Bewerben will man sich dafür aber trotzdem.

Volkspark – Neues Leichtathletikstadion

Kommt mit auf eine Beispiel-Tour für „positives Formulieren“. Der Status des Leichtathletikstadions wird im Sportstättenkonzept mit „Bestehende Wettkampfstätte (temporär ertüchtigt)“ beschrieben. Das ist der gleiche Status, wie er beispielsweise beim aktuellen Stadion des HSV oder des Millerntors angegeben wird.
Seid Ihr denn jüngst mal im Volkspark zufällig über ein dort herumstehendes Leichtathletikstadion für 60.000 Menschen gestolpert? Nein, ich auch nicht. Vielleicht aber ja auch nur eine unachtsame Formulierung oder ein Schreibfehler, denn im Text steht: „Diese Arena wird zu den Olympischen und Paralympischen Spielen errichtet und für die Leichtathletikwettbewerbe genutzt.“

Anschließend ist die Umwandlung in ein reines Fußballstadion „mit einer noch größeren Zuschauerkapazität“ geplant. Der HSV erklärt sich dankenswerterweise bereit, das Stadion anschließend für seine Heimspiele zu nutzen. Daher werden Nord- und Südtribüne auch „zunächst temporär erstellt und im Nachgang zurückgebaut, so dass die endgültigen Tribünen hinter den Toren möglichst nah an das Spielfeld heranrücken.“
Puh, könnte ganz schön teuer werden, oder? Als Kostenpunkt steht im Konzept (check notes)… oh… „tbd“. Wenn man solche Posten bewusst aus der Kalkulation rauslässt, kommt man halt auch besser auf 100 Millionen Euro Gewinn, clever. Insbesondere wenn man bedenkt, dass derartige Projekte aktuell schon mal im Milliardenbereich (The Athletic (€)) landen.

Bisheriges Volksparkstadion

Das bisherige Volksparkstadion soll in ein Schwimmbad mit zwei Wasserflächen umgewandelt werden. 22.000 Menschen dürfen die Schwimmwettbewerbe verfolgen, etwa 7400 Plätze gibt es am zweiten Becken für die Wasserspringen-Wettbewerbe.
Anschließend baut man die Schwimmbecken temporär wieder zurück, damit der HSV dort weiterhin seine Heimspiele ausrichten kann, bis er in das dann nochmal umgebaute ehemalige Leichtathletikstadion umzieht.
Und danach? Hmmm… tja… also so genau steht das noch nirgends. Eine weitere Nutzung als Stadion ist zumindest denkbar, auch wenn der HSV selbst schon anmerkte, dass die Instandhaltungskosten dann vielleicht zu hoch seien.

Millerntor

Unser Stadion ist für das Hockey-Turnier vorgesehen. 20.850 Sitzplätze soll es dann geben.
Eine dauerhafte Investition ins Millerntor ist laut Konzept nicht geplant. Die veranschlagten Kosten von 11,16 Mio Euro werden wohl für die Umwandlung der Stehplätze in Vario-Seats entstehen, sowie für den Bau einer kleineren, temporären Anlage auf den jetzigen Kunstrasenplätzen an der Feldstraße.
Kunstrasen ist ein weiteres Stichwort, denn für das Hockeyturnier wird ein Hockey-Kunstrasenspielfeld installiert, welches im Nachgang wieder zurückgebaut wird.

Details zum zeitlichen Ablauf sind im Konzept nicht enthalten. Auf der Infoveranstaltung des Vereins im Clubheim gab Oke Göttlich aber an, dass der Umbau sicher jeweils deutlich in die Saison vor und nach den Spielen hineinragen werde. Der FC St. Pauli wird also über einen längeren Zeitraum keine Heimspiele am Millerntor austragen können, ausstrahlend in zwei verschiedenen Saisons.
Immerhin: Ein Umzug in den Volkspark dürfte aus den gleichen Gründen keine Option sein, selbst wenn jemand auf diese verrückte Idee käme. Kiel? Bremen? Lübeck? Oder vielleicht mal ein paar Heimspiele im Ostseestadion? Man stelle sich mal vor, wir müssten in dem Sommer Relegation spielen.

Für die Vario-Seats gibt es grundsätzlich verschiedene Lösungen. Die etwas günstigere wäre die aus der Bremer Ostkurve bekannte, wo die Sitze fest verbaut sind und es auch bei der Nutzung als Stehplatz feste Reihen gibt. Ich hoffe, ich spreche für alle, dass dies niemand erstrebenswert findet.
Etwas teurer ist die in Dortmund angewandte Lösung, wo die „Gelbe Wand“ für Europapokalspiele umgerüstet werden kann, die Sitze zu jedem Spiel auf- und wieder abgebaut werden können.
Welche Lösung für das Millerntor angedacht wäre, geht aus dem Konzept nicht hervor.

Welches Millerntor denn überhaupt genau?

Noch ein kleiner, gedanklicher Einschub: Das Sportstättenkonzept geht vom Status quo und dem aktuell existenten Millerntor aus. Gut möglich, dass es im Falle einer erfolgreichen Bewerbung deutlich schneller zum vom Verein angestrebten Umbau oder Ausbau des Stadions kommt.
Dies kann logischerweise im Konzept noch nicht berücksichtigt sein.

FeldArena

Die bereits erwähnte Errichtung einer kleineren Arena auf den Plätzen an der Feldstraße für etwa 5200 Menschen ist ebenfalls für das Hockey-Turnier gedacht. Auch hier ist keinerlei dauerhafte Investition veranschlagt, die Kosten für die temporäre Arena sollen in jenen 11,16 Millionen Euro bereits inkludiert sein.
Zeitlich dürfte der Auf- und Abbau den Fußballbetrieb in der jetzigen FeldArena aber auf beiden Plätzen ebenfalls über mehrere Monate lahmlegen.

Heiligengeistfeld

Es klingt verlockend.
Die mit zahlreichen Spieler*innen des FC St. Pauli besetzten Nationalteams im Blindenfußball feiern auf dem Heiligengeistfeld ihre Teilnahme an Olympia. Wer die Begeisterung in der Stimme von Natan Werner hörte, als er im Clubheim von diesem Szenario sprach, wird ihm und allen anderen dies von Herzen gönnen.
Die Austragung den Blindenfußball-Turniers auf dem Heiligengeistfeld erscheint realistisch, hierfür würde die Beachvolleyball-Arena nach den Olympischen Spielen für die Paralympics umgerüstet werden.

Jedoch: Wie der NDR berichtet, ist nicht nur die Tennis-Anlage am Rothenbaum zu klein für ein Tennisturnier, auch das Heiligengeistfeld könnte für Beachvolleyball, Skateboard und BMX-Freestyle zu klein sein. „Paris nutzte für diese Disziplinen den kompletten Place de la Concorde und das Marsfeld am Eiffelturm für die beiden Beachvolleyball-Courts. Eine Fläche, die in Summe viel größer ist als das Gelände zwischen Millerntorstadion und Bunker.“

Fußball?

Zugegeben, das Olympische Fußballturnier ist (völlig zurecht) nur ein klitzekleiner Randaspekt bei den Sommerspielen. Die anderen Sportarten sollen endlich mal im Vordergrund stehen. Da wir uns ja aber auf dieser Seite doch in der Hauptsache mit Fußball beschäftigen, sei der kurze Seitenblick erlaubt: Auf Seite 36 im Sportstättenkonzept werden hier die Stadien von Dynamo Dresden, Hannover 96, dem VfL Wolfsburg, dem 1. FC Magdeburg und Hansa Rostock für die Austragung angeführt.
Die Welt zu Gast bei Freunden.

Der Blickwinkel des FC St. Pauli

Vorweg muss man sagen, dass der Verein extrem um Neutralität bemüht war. Dies mag verständlich sein, weil man natürlich in Bezug auf das Millerntor in regelmäßigen Gesprächen mit der Stadt ist und auch auf das Wohlwollen von Behörden angewiesen ist. Allerdings führte es auch zu teils abstrusen Verrenkungen. Beispielsweise jüngst, als ein von der Fanszene an die Außenfassade der Gegengerade gehängtes „NOlympia“-Banner offenbar für Personen im Verein gegen die selbst auferlegte Neutralität verstieß und man sich beeilte, dort ein offizielles und professionell Bedrucktes „Olympia & Paralympics in Hamburg. Eine Chance für alle.“-Banner ebenfalls an der Seite zum Heiligengeistfeld hin zu platzieren.
Klar, kann man machen… aber muss man das auch? Ständig heißt es, beim FC St. Pauli halte man auch Widersprüche aus – und dann kann man solch eine Tapete der Fanszene nicht ein paar Tage alleine für sich stehen lassen? Insbesondere, wenn ohnehin die komplette Stadt mit den Werbeplakaten für eine Zustimmung zum Referendum zugepflastert ist? Schade.

Die Infoveranstaltung im Clubheim (siehe „Lage“ vom 24. April) bemühte sich ebenfalls sehr um Neutralität, ließ aber eben durch die auf dem Podium anwesenden Personen auch klare Meinungen zu. Es kam dabei deutlich heraus, dass es nicht „die eine Meinung“ in der Frage des Referendums im Verein gibt – und das ist auch völlig okay und gut so.

Millerntor: What’s in it for me?

Die Frage muss erlaubt sein – und um es vorweg zu nehmen, eine Antwort darauf habe ich bisher nicht gefunden. Es wurde immer betont, dass die Stadt den HSV und den FC St. Pauli in Stadiondingen gleich behandeln werde. Liest man sich das Sportstättenkonzept jetzt aufmerksam durch, so bekommt der eine Verein… ähm… nichts. Außer ein paar Vario-Seats, die im Zweifel eh niemand will.

Und die AG & Co. KGaA? Die spielt dann in einem komplett neuen Stadion mit einem größeren Fassungsvermögen als jetzt und man macht sich sogar noch die Mühe, deren existierendes Stadion für eine kurze Übergangsphase nach den Spielen nochmal zurückzubauen, damit der HSV dort schnell wieder seine Heimspiele austragen kann. Wenn das Gleichbehandlung ist, können wir ja echt froh sein, dass die anderen nicht auch noch bevorzugt werden…

Ist es möglich, dass hier nach erfolgreichem Referundum und insbesondere nach einer eventuell tatsächlichen Entscheidung für Hamburg nochmal Bewegung rein kommt? Dass das aktuelle Sportstättenkonzept eher ein Provisorium ist und final alles noch viel besser und bunter wird, als es eh schon angekündigt wurde? Oder man zumindest dem FC St. Pauli hier noch deutlich entgegenkommt?
Klar, möglich ist vieles. Aber wenn da jetzt schon so viel Papier beschrieben wurde, und eine solch große Werbemaschinerie anlief, sollte man meinen, dass auch an sowas schon mal früher hätte gedacht werden können – und es offensichtlich für den Moment einfach nicht beabsichtigt ist.
Außerdem gilt auch hier natürlich, dass ein deutlich größeres Entgegenkommen gegenüber dem FCSP die Kosten für die Steuerzahler*innen weiter deutlich nach oben schrauben würde.

Weitere Sportstätten

Die Hoffnung der Abteilungen beim FC St. Pauli (und wahrscheinlich aller Vereine in Hamburg) ist klar: Mehr Sportflächen!
Dass diese durch Olympia realisiert werden, ist zweifelsohne möglich. Allerdings beißt sich auch diese Hoffnung etwas mit dem Konzept, aus dem ich hier nochmals zitiere:

„Ein weiterer, wesentlicher Aspekt des Sportstättenkonzepts für die Olympischen und Paralympischen Spiele in Hamburg ist die Nutzung von bereits vorhandenen Sport- und Veranstaltungsstätten. Diese werden durch temporäre Wettkampfanlagen an besonders geeigneten und attraktiven, urbanen Standorten ergänzt. So wird sichergestellt, dass keine Sportstätte, für die es keinen langfristigen Bedarf in der entsprechenden Größenordnung im Hinblick auf Zuschauerkapazitäten in Hamburg gibt, ausschließlich für die Austragung von Olympischen und Paralympischen Spielen neu gebaut werden muss. Auch bei der Auswahl der Trainingsstätten wird ein Fokus auf die Nutzung bereits bestehender, adäquater Leistungs- und Breitensportanlagen gelegt.

Sportstättenkonzept, Seite 3

Nein, das klingt irgendwie doch nicht nach vielen neuen Hallen und Sportplätzen, sorry.
Immerhin dürfte die Hoffnung berechtigt sein, dass dringend nötige Reparaturen und Modernisierungen an bestehenden Sportstätten dann endlich realisiert werden. Allerdings müsste dies auch unabhängig von Olympia ohnehin ganz dringend vorangetrieben werden.

Fazit

Zwei Dinge vorweg: Vielen Dank, dass Ihr bis hierhin durchgehalten und diese nicht gerade einfache Materie mit mir durchgegangen seid. Außerdem sei mir der Hinweis gestattet, dass ich bei allen aufgeführten Punkten und den ganzen Links bei Weitem nicht den Anspruch erhebe, ein vollständiges Bild zu zeichnen. Es gibt noch viel mehr zu bedenken.

Ich bin auf die Frage „Ja oder Nein?“ zum Referendum lange mit der sehr ausweichenden Antwort „Als Sportfan bin ich dafür, als politisch denkender Mensch dagegen und als St. Pauli-Fan weiß ich es noch nicht!“ ausgekommen. Nachdem ich mich nun etwas intensiver mit dem Thema auseinandergesetzt habe, komme ich zumindest für mich zu dem Schluss, auf eine Ablehnung des Referendums zu hoffen.

Wie immer bei Wahlen gilt aber auch hier: Wichtig wäre, dass Ihr, sofern Ihr wahlberechtigt seid, dieses Recht auch wahrnehmt, egal wie Ihr die Frage für Euch beantwortet. Für die Briefwahl wird es langsam aber sicher Zeit, eine Abgabe an den Abstimmungsorten ist noch bis zum 31. Mai möglich.
// Maik

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