1000 Wochen im Jahr Hamburger DOM!

1000 Wochen im Jahr Hamburger DOM!

Der Sommerdom auf dem Heiligengeistfeld ist erstmals fünf Wochen lang. „Weil sich das so viele gewünscht haben“, sagt man. Doch diesen Wunsch darf man zumindest mal hinterfragen.
Titelfoto: Stefan Groenveld

Der DOM ist bekanntlich ein Reizthema für viele FC St. Pauli-Fans. Ja, Bilder bei Flutlichtheimspielen mit dem Riesenrad im Hintergrund sind ein sehr gern gewähltes Motiv – auch von uns, siehe Titelbild. Und natürlich wird es Fans geben, die vor oder nach einem Heimspiel mal gemütlich über den DOM schlendern. Insbesondere mit Kindern mag das sogar eine sehr angenehme (wenn auch kostspielige) Kombination sein.

Doch da ist natürlich auch die andere Sichtweise. Eine, die auf den DOM abschätzig schaut, wie man es in der Gesellschaft sonst eher vom Blick auf Fußballfans kennt.
Der DOM nervt. Es ist voll im Stadtteil, voll rund ums Stadion, noch viel voller als sonst. Die Einlasssituation an der Gegengeraden ist schon ohne DOM schwierig, mit DOM aber an der Grenze zu gefährlich. Ähnliches gilt für den Abmarsch nach Abpfiff – möge da bitte nie eine Paniksituation aufkommen. Die U-Bahnen sind noch voller als sonst. Auch die An- und Abreise zu Fuß oder mit dem Fahrrad ist viel nerviger als sonst, weil PKWs die Straßen des Stadtteils zusätzlich verstopfen. (Von einer ja auch sonst ohnehin nicht empfehlenswerten PKW-Anreise fang ich gar nicht erst an.)
Zur normalen Laufzeit des DOMs kommt auch noch die wochenlange Auf- und Abbauphase mit weiteren Behinderungen. Und ohnehin: Wie viele der Anwohner*innen wirklich Fans des DOMs sind, hat wohl noch keine Umfrage ergründet.

Hinzu kommt die für ein temporäres Volksfest eher ungewöhnliche Häufigkeit. Dreimal im Jahr für je vier Wochen, plus Auf- und Abbau. Kein Wunder, dass für viele gefühlt öfter DOM als kein DOM ist.
Gegenbeispiele: Der Bremer Freimarkt ist beispielsweise ein komplettes Happening und immer voll – vielleicht auch, weil er nur an drei Wochenenden (also gut zwei Wochen lang) stattfindet, ein Mal im Jahr. Ähnliches gilt für die Cannstatter Wasen in Stuttgart und natürlich auch das Münchner Oktoberfest. Wären diese drei Veranstaltungen auch noch so beliebt, wenn sie (wie der DOM) dreimal im Jahr und über die (bisher) vier Wochen stattfinden? Man weiß es nicht, Zweifel sind aber angebracht.

Sommerdom: 2026 erstmals fünf Wochen lang

Insofern mag es für Erstaunen gesorgt haben, dass der Sommerdom 2026 nicht nur vier sondern sogar fünf Wochen dauern soll. Der NDR aber beispielsweise schreibt: „Der Sommerdom im XXL-Format: Viele Besucherinnen und Besucher hatten sich eine Verlängerung gewünscht, wie bei einer Abfrage im vergangenen Jahr herausgekommen war.“ Das Abendblatt (€) zitiert Melanie Leonhard (SPD), Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Innovation, nahezu identisch: „Viele Gäste haben sich eine zusätzliche Sommerdom-Woche gewünscht.“
Ja, gut – da kann man dann natürlich nichts machen. Wenn es denn der Wille des Volkes ist…
Zumindest dieses und nächstes Jahr soll es (beim Sommerdom) jetzt in der um eine Woche verlängerten Version ausprobiert werden, danach will man mit den Schausteller*innen Bilanz ziehen.

Aber denken wir mal kurz drüber nach. Wie mag diese Umfrage wohl abgelaufen sein, so ganz konkret?
Wurde da vielleicht beim Olympia-Referendum noch eine weitere Frage gestellt, ganz ergebnisoffen für alle Hamburger*innen: „Wie viele Wochen lang wünschen sie sich den Sommerdom?“ Und da kam dann die „fünf“ als Mittelwert oder am häufigsten genannte Zahl bei raus? Wohl eher nicht, es wird ja schon nur von „Besucher*innen“ geschrieben, die sich die Zusatzwoche gewünscht hätten.
Also wurden nur die DOM-Besucher*innen selbst befragt. Aber wie genau und wie ergebnisoffen war da wohl die Frage?

„Sind auch sie für den Weltfrieden?“

Okay, ganz so suggestiv wie hier in der Zwischenüberschrift war es dann doch nicht. Aber dank einer Anfrage über „Frag den Staat“ kann man zumindest nachlesen, wie dieser „Wunsch“ der „vielen Besucher*innen“ denn nun wirklich formuliert wurde.
(Und ja, kleiner Sidestep zwischendurch: „Frag den Staat“ ist genau jene Möglichkeit, die Alexander Dobrindt gerne beschränken oder abschaffen würde. Mehr Infos.)

Zunächst einmal zur Frage, wie repräsentativ die Umfrage denn ist: Online wurden insgesamt gut 2000 Menschen rund um den Sommerdom 2024 und den Winterdom (November / Dezember 2024) befragt, die Umfrage dauerte im Schnitt zwischen acht und neun Minuten und enthielt 28 bis 32 Fragen. Über 90% der Befragten gaben dabei Hamburg, Schleswig-Holstein oder Niedersachsen als Wohnort an, etwa 65% kamen demnach aus Hamburg.

Interessant für unsere Eingangsfrage wird es nun auf Folie 20 (pdf): Die konkrete Fragestellung lautete: „Der Hamburger Winterdom / Sommerdom dauert insgesamt 4 Wochen. Würdest du den DOM häufiger besuchen, wenn der DOM um eine Woche verlängert wird?“
Nur 47% der Winterdom-Besucher*innen antworteten mit „Ja“, beim Sommerdom waren es 52%. Und das sind nun die „vielen Besucher*innen“ aus obigem Statement? Nun, traue halt keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, alte Regel. Also hat man in der Präsentation des Ergebnisses die „Ich bin mir nicht sicher“-Antworten einfach noch dazu addiert und kommt so auf 77% (Winter) und 80% (Sommer).
Genial einfach, einfach genial!
Seriös? Nun… eher nicht so, finde ich.

Mehr DOM, mehr Mehrwert?

Für den FC St. Pauli und seine Fanszene kann ein Mehrwert aufgrund der Verlängerung des Sommerdoms wohl ausgeschlossen werden. Ob es einen echten Mehrwert für den Stadtteil gibt, ist zumindest fraglich.
Bleibt zu hoffen, dass nach der Testphase auch die Schausteller*innen jenen Mehrwert für sich nicht erkennen und dann mindestens zur alten Dauer von vier Wochen zurückgekehrt wird.

Etwa 1,3 Millionen (2025) und 1,4 Millionen (2024) Menschen sollen den Sommerdom in den letzten beiden Jahren besucht haben. Schauen wir mal, ob diese Zahl denn durch die zusätzliche Woche auch entsprechend erhöht wird, oder vielleicht doch gar nicht so viele Besucher*innen wirklich diesen Wunsch hatten.
Forza St. Pauli!
// Maik

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5 thoughts on “1000 Wochen im Jahr Hamburger DOM!

  1. Zu all den von Dir bereits genannten Punkten darf ich mich als Anwohnerin jeden Abend am DOM Eingang ansprechen lassen, wenn ich den schnellsten Weg Richtung Zuhause nehmen möchte, da ich einen Rucksack dabei habe. Der Rucksack MUSS kontrolliert werden. Das also dann jetzt noch ne Woche länger. Juh..äh, nein.
    Und nein, der Rucksack wird natürlich nicht kontrolliert, aber ich möchte nicht jeden Abend diese Diskussion führen müssen.

  2. Das Dom-Referat war früher schon „kreativ“, denn auch der traditionelle Dommarkt im Winter hat hunderte Jahre lang nur einmal im Jahr stattgefunden. 1930 wurde dann das Frühlingsfest „erfunden“. 1945 kam dann mit dem Hummelfest im Sommer die dritte Veranstaltung dazu.
    Offiziell heißen die drei Dom-Veranstaltungen noch immer Dommarkt, Frühlingsfest und Hummelfest.

    Was an der Umfrage interessiert ist, das nun erstmals Umsatzsummen bekannt wurden. Auf Basis der durchschnittlich ausgegebenen Summen ergeben sich für den Winterdom 2024 grob 66 Mio. € und für den Sommerdom 2024 grob 106 Mio. € Umsatz! Gut das nun mal Zahlen in der Öffentlichkeit sind. Da wurde bisher immer maximal gemauert.

    Das Dom-Referat gilt schon lange als eines der korruptesten Stellen der Stadt. Vor vielen Jahren wurde deswegen festgelegt dass der Leiter in kurzen Abständen ausgetauscht werden soll.
    (https://www.hamburg.de/resource/blob/1084846/d52f9383e8bfec2f3ef63c81950c88d8/05-d-betriebs-und-benutzungsordnung-fuer-das-heiligengeistfeld-data.pdf

    https://www.hamburg.de/freizeit/dom/die-gruendung-des-hamburger-sommerdoms-337350

  3. Wenn mit Zahlen argumentiert wird, rechne ich gern mal nach.
    Es sind gerade mal 0,11% der Besucher des Sommerdoms 2024 befragt worden, also etwa ein Tausendstel.
    Die Zahlen selbst wirken schlüssig, auch wenn die glatten Prozente das Bild leicht verfälschen.
    Wo aber Entscheidungen von solcher Tragweite auf der Basis von so kleinen Zahlen getroffen werden – eben mal 1.000 Menschen haben sich für eine Verlängerung ausgesprochen, ziemlich genau die Hälfte der Befragten – wirkt das doch eher wie das sprichwörtliche Feigenblatt.
    Und das auf’m Kiez.
    Honi soit qui mal y pense.

  4. Da das Thema heute viel Raum einnimmt, eine kurze Anmerkung zum Cannstatter Wasen: Hier finden zwei Feste jährlich statt, das Volksfest im Herbst dauert tatsächlich zwei Wochen plus ein Wochenende, also wie in Bremen. Dazu kommt allerdings noch das dreiwöchige Frühlingsfest im April / Mai. Bleibt in Summe natürlich trotzdem nur die Dauer eines neuen Sommerdoms plus ein Wochenende. https://de.wikipedia.org/wiki/Cannstatter_Wasen

    1. Völlig richtig, deswegen schrieb ich ja auch „ähnlich wie“, ohne das komplett aufzudröseln.
      Danke für die Ergänzung.

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