55 Minuten überleben, dann All-in

55 Minuten überleben, dann All-in

Der FC St. Pauli holt trotz langer Unterzahl und Rückstand einen Punkt gegen Energie Cottbus und darf darauf stolz sein.
(Titelfoto: Stefan Groenveld)

Dass Fußballspiele stark von Entscheidungen der Spielleiter*innen abhängig sind, ist hinlänglich bekannt. Der FC St. Pauli kann nach dem Spiel gegen Energie Cottbus ein weiteres Lied davon singen. Der frühe Platzverweis für Tomoya Andō warf den Matchplan des FCSP über den Haufen, oder? Nein. Das Team von Marcel Rapp ist den Grundprinzipien des Matchplans auch in Unterzahl treu geblieben und konnte so noch zum verdienten Ausgleich kommen.
(Und damit rein in einen Rückenschmerzen-bedingt eher kurzen Bericht eines Spiels, das eigentlich viel Aufmerksamkeit verdient hat, weil es viel über das Team und die Prinzipien des Trainers verrät.)

Starker Start, leider unbelohnt

Hätte, ja hätte der FC St. Pauli das durchziehen können, was er in den ersten 15 Spielminuten gezeigt hat, dann wäre das vermutlich ein dunkler Sonntagnachmittag für Energie Cottbus geworden. Der FCSP präsentierte sich mit einem ganz ähnlichen Fokus wie in der Partie gegen den VfL Wolfsburg: Nach Ballgewinn wurde möglichst schnell und konsequent vertikal gespielt. Das sorgte für eine hohe Fehlerquote, aber auch für viele potenziell gefährliche Situationen.

Auch das Pressingverhalten des FC St. Pauli war zu Spielbeginn recht ähnlich wie gegen Wolfsburg. Erneut bewegte sich Niang auf die rechte Außenbahn, während sich Fujita links positionierte und der Gegner insgesamt sehr hoch und früh gestört wurde. Allerdings agierte hinter Ceesay nicht das Duo Rasmussen/Metcalfe, wie noch in der Vorwoche. Metcalfe positionierte sich weiter vorne, neben Ceesay. Es war also eher eine Art 4-1-3-2 (mit Smith erneut als alleinigem Sechser) als das gegen Wolfsburg praktizierte 4-1-4-1. Dieses Pressing sorgte für viele Ballverluste der Cottbuser zu Spielbeginn, die in viele Umschaltsituationen des FCSP mündeten.

Auf Platzverweis folgt kurze Schwächephase

Doch dann kam die Szene, die dem Spiel eine für Energie Cottbus positive Wende gab: Tomoya Andō leistete sich innerhalb weniger Minuten zwei folgenschwere Patzer, die jeweils eine, auch wenn ich das während der Partie nicht wahrhaben wollte, berechtigte Gelbe Karte nach sich zogen. Nach gerade einmal 20 Spielminuten stand der FC St. Pauli also plötzlich nur noch in Unterzahl auf dem Rasen.
Der FCSP reagierte auf diesen Platzverweis erst einmal mit der Auflösung der Sechser-Position. Smith nahm die Andō-Position ein, Metcalfe zog sich zusammen mit Rasmussen tiefer zurück, was dazu führte, dass Energie Cottbus in den ersten Minuten in Überzahl massiv viel Ballbesitz hatte. In dieser Phase änderte sich am Grundprinzip des FC St. Pauli, dem schnellen und vertikalen Spiel nach Ballgewinnen, wenig. Aber es fehlten die Ballgewinne in vielversprechenden Positionen. Genau genommen waren die zehn Minuten nach dem Platzverweis bis zur Einwechslung von Ritzka (für Niang) in der 29. Minute die einzige Phase, in der es dem FCSP an Mut fehlte – und in der er entsprechend am verwundbarsten war.

Die Einwechslung von Ritzka war nötig, weil Energie Cottbus es genau richtig machte gegen ein Team in Unterzahl: Der Ball wurde viel horizontal gespielt. So lange, bis sich das 4-4-1 des FC St. Pauli so sehr auf eine Seite bewegte, dass auf der anderen Platz war. Etliche Flanken und 1vs1-Situationen auf den Außenbahnen (vor allem auf der rechten Seite des FC St. Pauli) waren die Folge. Und vermutlich, weil die FCSP-Spieler hier immer wieder Probleme mit der Zuordnung hatten, die Innenverteidiger sich (zu) weit aus dem Zentrum auf die Außenbahn bewegten, entschied sich Marcel Rapp mit seinem Team dazu, auf eine Fünferkette umzustellen. Ritzka nahm die linke Innenverteidiger-Position ein, der FC St. Pauli agierte fortan an nur noch mit einem Dreier-Mittelfeld. Lange Bälle auf Ceesay und schnelles Nachschieben der eigenen Spieler sorgte trotz der Unterzahl ein paar Mal für Gefahr. Energie Cottbus hatte zwar viel Ballbesitz, doch bis auf eine Chance durch Hannemann (stark pariert von Ben Voll) sprang nicht wirklich viel dabei heraus.

Nur ein Traumtor bricht FCSP-Defensive

Doch gerade nachdem der FC St. Pauli das erste richtige Ausrufezeichen mit dieser Spielweise gesetzt hatte (der Abschluss von Ceesay stellte aber leider kein Problem für den FCE-Torhüter dar), ging das Heimteam in Führung. Nicht durch das gekonnte Ausspielen der Überzahl, sondern durch ein Traumtor, welches man wohl auch mit einem Spieler mehr auf dem Rasen nicht anders verteidigt hätte. FCE-Offensivspieler Justin Butler nahm einen Ball kurz vor dem FCSP-Strafraum mit dem Rücken zum Tor an, ließ diesen ein wenig zur Seite prallen und feuerte ihn dann aus der Drehung unhaltbar ins Tor. Ein toller Treffer, den ich, wenn er von einem FCSP-Spieler erzielt worden wäre, mit überschwänglichen Lobeshymnen und etlichem Kitsch abgefeiert hätte. Stattdessen aber: Scheiße. Auswärts. Unterzahl. 0:1 hinten. Puuuh…

Doch der FC St. Pauli legte sich einen Plan zurecht, um aus diesem Spiel vielleicht doch noch etwas Zählbares herauszuholen, was nicht „Hauptsache, wir zerhauen uns nicht das Torverhältnis“ heißt. Mit Wiederanpfiff war von der Fünferkette aus dem zweiten Abschnitt der ersten Hälfte nur noch situativ etwas zu sehen. Smith agierte nun wieder eine Position weiter vorne, der FCSP entsprechend in einem 4-4-1. Nur wenn Cottbus auf den Außenbahnen im letzten Drittel in Ballbesitz war, ließ sich Smith zwischen die Innenverteidiger fallen (um so das Rausschieben der anderen Kettenspieler auf die ballnahe Seite zu ermöglichen). Dieses Verhalten zeigte die gewünschte Wirkung: Energie Cottbus hatte zwar weiterhin viel mehr Spielanteile, erwirtschaftete daraus bis zum Ende in der zweiten Halbzeit aber nur fünf Abschlüsse, der FCSP hatte nur einen weniger.

Matchplan geht auch in Unterzahl auf

Auch weiterhin blieben tiefe Bälle des FC St. Pauli gefährlich. Ich bin nicht ganz sicher, wem ich hier einen größeren Vorwurf machen möchte, werde aber natürlich auf der einen Seite Gnade walten lassen, weil der FCSP noch zum verdienten Ausgleich kam. Aber zum einen hat der FCSP wirklich etliche Kontersituationen aufgrund von Ungenauigkeiten nicht zu Ende spielen können. Auf der anderen Seite hat Energie Cottbus seine Überzahl wirklich richtig, richtig schlecht ausgespielt. Allein die Tatsache, dass der FCSP in Unterzahl(!) rund ein Dutzend Mal in Umschaltmomenten sich in Gleich- oder situativ in Überzahl auf das Cottbuser Tor zubewegte, ist ein Umstand, der mich als Trainer oder Fan des Clubs (was ich mir nicht vorstellen kann…) hätte explodieren lassen. Nicht ganz so sehr zur Weißglut, weil noch der Ausgleich fiel, treibt mich der Gedanke, dass für den FC St. Pauli in dieser Partie, trotz Unterzahl sogar noch viel mehr möglich gewesen wäre, wenn, ja wenn diese Situationen auch nur einen Deut besser ausgespielt worden wären. Aber gut, am Ende kann man zufrieden mit dem Ergebnis und trotzdem enttäuscht sein. Das ist so etwas wie der perfekte Umstand, um noch besser zu werden, weil es weiter anspornt.

Zur Wahrheit gehört natürlich auch, dass es der FC St. Pauli in der Defensivabeit wirklich richtig gut machte. Ich weiß gar nicht, ob ich schon einmal solche krassen Zweikampfstatistiken gesehen habe, wie jene aus der zweiten Hälfte: Laut FotMob gewann der FCSP 27 Bodenzweikämpfe und damit 75 Prozent seiner Duelle (die Zahlen passen gut zu jenen von WyScout (73 %)). Cottbus mag zwar mehr Ballbesitz gehabt haben, doch sobald es ins letzte Drittel und in den Infight ging, war der FC St. Pauli einfach das viel, viel bessere Team. So (und auch mit Hilfe der Paraden von Ben Voll) gelang es dem FCSP, mit diesem knappen Ergebnis in die Schlussviertelstunde zu gehen. Und obwohl der FC St. Pauli bereits zuvor richtig gut drin war in der Partie, wurde es dann noch einmal besser.

Cottbus kommt mit All-in des FCSP nicht klar

In den 55 Minuten Unterzahl ist es dem FC St. Pauli also gelungen, nur mit 0:1 hinten zu liegen. Klar, wenn Cottbus noch so einen Sonntagsschuss losgelassen hätte wie in der 37. Minute, dann wäre diese Partie sicher verloren worden. Den gab es aber nicht. Und nun war der FCSP dort angelangt, wo er hinwollte: „Wir haben uns in der Halbzeitpause einen klaren Plan gemacht, wollten zunächst abwarten und später mehr Risiko gehen“, erklärte Martijn Kaars nach Abpfiff. Nun war es Zeit, All-in zu gehen. Marcel Rapp brachte mit Jones und Hara für Fujita und Rasmussen zwei weitere Stürmer auf den Platz, das zentrale Mittelfeld wurde mehr oder weniger aufgelöst. Damit ist Energie Cottbus überhaupt nicht klargekommen, auf die nun offensivere Aufstellung des FCSP reagierte das Heimteam gar nicht. Das führte dazu, dass plötzlich der FC St. Pauli spielbestimmend war, Chancen hatte. Eine davon nutzte Kaars zum verdienten Ausgleich. Das Risiko und die stabile Defensivarbeit machten sich bezahlt.

Nach dem Ausgleich kam auch Cottbus nochmal zu Chancen, auch Oppie hatte in der letzten Szene der Partie noch eine Einschussgelegenheit. Am Ende geht das Remis dann aber sicher in Ordnung. Und auch wenn es nur einen Punkt für den FC St. Pauli gibt, so fühlt sich dieses 1:1 wie ein kleiner Sieg an. Das geduldige Verteidigen, das Aushalten der Cottbuser Offensivbemühungen und das nicht zu späte Risiko machten sich bezahlt. Der Mut des FCSP und der gute Matchplan mit strikter Vertikalität wurden einmal mehr belohnt. Das hat richtig Spaß gemacht!

// Tim

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One thought on “55 Minuten überleben, dann All-in

  1. Ja, hätte bei einem Sieg zu zehnt natürlich noch mehr Spaß gemacht aber zu sehen wie wir (endlich! dem Trainer sei dank!) Offensive einwechseln ist schon geil.
    Ich habe nur nicht ganz verstanden warum Ceesay ausgewechselt wurde aber was soll’s, hat ja geklappt!

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