Rot-Weiss Essen hat rechtsextreme Fans in seinen Reihen, das Problem ist riesengroß. Doch rund um den Verein formiert sich Widerstand, der Unterstützung und Aufmerksamkeit verdient.
(Titelfoto: Lars Baron/Getty Images/via OneFootball)
Wenn der FC St. Pauli in der ersten Runde des DFB-Pokals am Sonntag bei Rot-Weiss Essen zu Gast ist, dann werden sich die Blicke ganz sicher nicht nur auf das Spielfeld richten. Was nicht damit zusammenhängt, dass ein langweiliges Fußballspiel zu erwarten ist. RWE hat letzte Saison denkbar knapp den Sprung in die 2. Bundesliga verpasst, entsprechend dürfte der Klassenunterschied geringer ausfallen, als manche/r erwarten mag.
Nein, der Blick richtet sich auch deshalb neben den Rasen, weil es bei RWE eine Vielzahl an rechtsextremen Fans gibt. Und das derart prominent im Fanblock, dass davon ausgegangen werden muss, dass es sich hierbei nicht um einen kleinen Kreis von Personen handelt. Vielmehr hat Rot-Weiss Essen ein ausgewachsenes Problem mit seinen Fans.
Etliche rassistische Vorfälle bei RWE
Die Liste der Vorfälle ist fürchterlich lang, ein Auszug: 2023 wurden eigene Spieler rassistisch beleidigt. Ende Dezember 2024 wurde während einer Schweigeminute aufgrund des Anschlags in Magdeburg „Deutschland den Deutschen“ gerufen. In einem Bericht des ARD-Magazins Monitor erklärt ein Fan von RWE: „Bei fast jedem Spieltag hört man rassistische Ausrufe, sieht man rechte Szenekleidung, Hitler-Grüße oder die Aussage ‚Sieg Heil‚.“ Vor nicht einmal zwei Wochen konnte sich auch außerhalb des Fanblocks ein Bild davon gemacht werden, als der RWE in Saarbücken zu Gast war. Dort feierte, eingefangen von TV-Kameras, ein Fan im Gästeblock den RWE-Treffer durch Zeigen des Hitlergrußes. Nach einem Spiel gegen Cottbus letztes Jahr schallten rassistische Gesänge (u.a. „Hey, was geht ab? Wir schieben euch alle ab!“) durch das Stadion. Laut WDR stimmten rund 100 Fans diese an, es handelt sich also nicht um eine Kleingruppe. Wie verbreitet rassistisches Gedankengut ist, zeigte sich auch bei der Aktion „Essen ist bunt“, die der Verein im Frühjahr 2025 ins Leben rief und dazu mit Sondertrikots auflief. Die Reaktion in den Sozialen Medien könnt ihr euch sicher vorstellen. Diese Aufzählung könnte noch gefühlt unendlich fortgeführt werden. Und dabei wurde von sexistischen Vorfällen („Keine Weiber in den ersten Reihen“, sexistische Gesänge gegen Fabienne Michel) hier gar nicht berichtet.
Keine Frage, Rot-Weiss Essen hat ein massives Problem mit Teilen seiner Fanszene. „Wir sehen bei uns am Standort Essen, dass es eine emporkommende junge Generation von Rechten gibt, die in die bereitgelegten Spuren von den älteren Hooligans zum Beispiel treten“, erklärt der Insider im „Monitor“-Beitrag, in dem auch davon berichtet wird, wie Rechtsextreme versuchen, mehr Einfluss in den deutschen Fankurven zu erlangen. In Essen ist das offensichtlich gelungen, rechtsextreme Fans scheinen sich dort derart wohl und sicher zu fühlen, dass sie ihre Gesinnung offen zur Schau stellen. Der Verein gibt haufenweise Erklärungen ab, betont, dass Rassismus und Sexismus nichts im Stadion und bei RWE zu suchen haben, bleibt aber wirkungslos. Kritiker*innen werfen ihm Handlungsunfähigkeit und fehlende Konsequenz bei der Umsetzung der Stadionordnung vor. Auf Drittliga-Niveau fehlen aber auch die Mittel, um dieser Entwicklung wirkungsvoll entgegenzutreten, wie im Monitor-Beitrag erklärt wird.
Was tun?
Nicht pauschalisieren, sondern stabile Menschen unterstützen
Von außen draufhauen ist die Methode, die oft gewählt wird. „RWE? Das sind doch die mit der Nazi-Fanszene. Find ich scheiße! Alle und alles.“ Das ist eine einfache wie gefährliche Haltung. Weil sie der Sache nicht gerecht wird. Denn natürlich gibt es auch in der RWE-Fanszene stabile Menschen, die sich dagegen wehren, dass ihre Farben von Rechtsextremen getragen werden. Pauschalisieren ist da genau der falsche Weg, denn er spaltet. Weil die stabilen Menschen dann von mehreren Seiten angegriffen werden, obwohl sie Unterstützung und Solidarität benötigen.
Es ist leicht, als Fan des FC St. Pauli mit dem Finger auf andere zu zeigen und zu sagen: „Ey, du hast da Nazis in deiner Fanszene – kümmere dich mal drum, ansonsten bist du auch scheiße.“ Was es aber bedeutet, sich aktiv gegen solche Leute im eigenen Fanblock zu stellen (vor allem in dem Wissen, dass dort mehr als nur ein paar davon stehen), wissen sicher die wenigsten jener Leute, die im Kern Hamburgs leben und dort ins Stadion gehen. Am Millerntor kannst du ohne Probleme offen gegen Nazis sein, in anderen Stadien verlangt es Mut und Courage. Ziemlich viel. Der Insider aus dem Monitor-Beitrag berichtet von Personen, die dafür im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Stadion geprügelt werden. Ob man sich aus der Ferne oder nächster Nähe Rechtsextremen entgegenstellt, macht also einen riesengroßen Unterschied.
Faninitiative „Rot-Weisse Solidarität“ gegen Diskriminierung
Daher gilt es die zu stärken, die genau das machen. In Cottbus, in Chemnitz, in Essen, wo auch immer. Dort müssen jene unterstützt werden, die mit verschiedenen Aktionen darauf aufmerksam machen, dass diese Clubs mehr sind als der Verein mit Rechtsextremen im Fanblock, die vom Rest akzeptiert, teilweise sogar geschützt werden. So zum Beispiel die Faninitiative „Rot-Weisse Solidarität“, die sich für eine diskriminierungsfreie Fankultur rund um RWE einsetzen. Wir haben mit ihnen gesprochen.
Moin „Rot-Weisse Solidarität“! Seit wann gibt es Euch und warum habt ihr Euch zusammengefunden?
Rot-Weisse Solidarität (RWS): Wir sind ein Zusammenschluss von RWE-Fans, der sich im April 2025 mit dem Ziel gegründet hat, über grenzüberschreitendes und diskriminierendes Verhalten im Kontext Fußball aufzuklären und sich für eine solidarische, respektvolle Fankultur rund um ihren Verein Rot-Weiss Essen einsetzt. Darüber hinaus haben uns individuelle Beweggründe motiviert, aktiv zu werden, denn einige von uns mussten in der Vergangenheit bereits Diskriminierung, Drohungen und/oder Gewalt im Kontext Fußball erleben. Zudem wollten wir eine Anlaufstelle für alle Fans schaffen, die unsere Werte teilen und sich dafür einsetzen wollen.
Warum gab/gibt es die Notwendigkeit Eurer Arbeit bei RWE?
RWS: Wenn man sich den Torjubel nach dem ersten Tor in Saabrücken genau anschaut, zeigt dies sehr eindrucksvoll, warum unsere Arbeit nötig ist… Weiterhin haben wir feststellen müssen, dass es bisher wenig Raum für RWE-Fans gibt, die sich eine respektvolle und diskriminierungsfreie Gemeinschaft im Stadion wünschen. Zudem ist es uns wichtig, ein Bewusstsein für Diskriminierung und die Probleme bei uns im Verein (z.B. sexistische Flyer, rassistische Gesänge nach Cottbus-Spiel, Hitlergruß in Saarbrücken…) zu schaffen und darüber hinaus Bildungs- sowie Aufklärungsarbeit zu leisten. Hierbei ist anzumerken, dass wir uns als unabhängiges Organ verstehen, das Druck auf den Verein ausübt, damit gesellschaftliche Verantwortung nicht dem Kommerz zum Opfer fällt. Generell kann man sagen, dass wir verhindern möchten, dass das Stadion weiter von Rechten eingenommen wird. Wir wollen den Fans, die diesen Frust ebenfalls schon lange spüren, eine Perspektive geben und ihnen vermitteln, dass sie sich weder machtlos noch allein mit ihren Problemen fühlen müssen.
Wie ist das Echo auf Eure Arbeit von Seiten unterschiedlicher Fans/Fangruppen?
RWS: Bisher ist das Feedback auf unsere Arbeit überwiegend positiv. Sowohl in den Sozialen Medien als auch rund um unsere Veranstaltungen. Aus diesem Support können wir viel Kraft ziehen, die uns hilft, in einem oft sehr ernüchternden Kampf weiterhin aktiv zu bleiben und stets an unserem Ziel festzuhalten. Leider waren wir in der Vergangenheit allerdings auch mit Gewalt, Einschüchterung und einer breiten Palette an diskriminierendem Verhalten, in und um das Stadion konfrontiert.
Steht ihr auch im Kontakt mit Vereinsverantwortlichen? Werdet Ihr als Hilfe oder als Störer*innen wahrgenommen?
RWS: Wir haben uns bei Vorfällen immer wieder an den Verein gewandt. Allerdings besteht derzeit keine aktive Zusammenarbeit. Nichtsdestotrotz sind wir jederzeit für Gespräche offen. Es ist uns bei allem, was wir machen, wichtig, in unserer Struktur unabhängig zu bleiben. Wie der Verein uns wahrnimmt, können wir nicht eindeutig beantworten, da er uns dies bisher nicht konkret gespiegelt hat.
Wie kann man Euch und Eure Arbeit unterstützen?
RWS: Am besten kann man uns unterstützen, in dem man unsere Veranstaltungen besucht, uns auf Insta folgt (darüber wird viel bekannt gegeben) und darüber hinaus diskriminierende Vorfälle jeder Art nicht ausschließlich uns, sondern sowohl an den Verein als auch die MediF (Meldestelle für Diskriminierung im Fußball) weiterleitet. Dadurch steigt der Druck und den braucht es nun mal auch, damit Vereine wie RWE aus den Puschen kommen.
Was erwartet ihr für das Spiel am Sonntag?
RWS: Rechte Kackscheiße. Und ein knackiges 3:0 für unseren RWE.
Vielen Dank für die Antworten und für Eure Arbeit!
Es ist beschissen, dass sich Rechtsextreme in einem Fußballstadion so sicher fühlen, dass sie ihre rechte Gesinnung so offen zur Schau stellen, wie es bei Rot-Weiss Essen der Fall ist. Dagegen kann nur entschieden und vor allem nur gemeinsam vorgegangen werden. Unterstützt solche Initiativen wie die Rot-Weisse Solidarität! Der Kampf gegen Rechtsextremismus sollte nicht durch Vereinsfarben getrennt werden. Zeigt damit, dass wir mehr sind. Zeigt euch solidarisch. Vereinsübergreifend.
Nazis raus aus den Stadien!
// Tim
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