St.Pauli ist die einzige Möglichkeit

Nun ja. Wir hatten eine andere Vorstellung des Tagesverlaufs. Aber Scheiße passiert. Darf natürlich nicht, schon gar nicht im Derby. Passiert trotzdem. Bleibt Scheiße.
Is‘ so. Ändert trotzdem nichts daran, dass die Überschrift natürlich weiterhin gilt.
Unser Derbynachbericht, von Tim und Maik.

Tragik ist wie Liebe – ohne Happy End (Teil 1, von Maik)

Die Vorfreude war greifbar. Seit Tagen, überall. Ein Kribbeln in der ganzen Stadt, weil dieses Derby versprach anders zu werden als all die Derbys der letzten Jahrzehnte. Ein Treffen auf Augenhöhe, mit der Chance dem Nachbarn ganz gehörig in die Aufstiegssuppe zu spucken.
Und bei uns eben nichts zu verlieren – aber alles zu gewinnen.
Jedoch: Es kam anders.

Donnerstag war eine Delegation von USP bei der Mannschaft, um ihnen all die Dinge mit auf den Weg zu geben, die man vor so einem Spiel hören will, um befreit aufspielen zu können. Sich für die geile Saison belohnen, in einem Heimspiel, mit einem brennenden Stadion. Rausgehen, warmmachen, Spaß haben – und dann die Vorstadt weghauen, wenn möglich.

Samstag dann abends gespannte Vorfreude im ganzen Viertel. Bei den Fußballfrauen in der Feldarena (leider verloren), bei den Handballfrauen in der Budapester Straße (gewonnen), bei der Millerntor Brigade im 1910e.V.-Museum, vorm Jolly, vorm Clubheim. Geschätzt waren da gut 1.500 Leute auf den Beinen, mit einem fantastischen Sprachengewirr aus allen möglichen Ländern. Es blieb alles ruhig, allerdings gab es noch ein wunderschönes Foto auf dem Südkurvenvorplatz.

(c) USP

Am Spieltag dann das große Brummen rund ums Stadion. Schon sehr früh war es unglaublich voll, sowohl vorm als auch später im Stadion. Alles war angerichtet für die historische Chance, den Stadtmeistertitel am Millerntor zu verteidigen oder im besten Fall eben zu erneuern.

Auf den Rängen ging es noch gut los. Sowohl vor dem Spiel als auch beim „Aux Armes“ hatte man das Gefühl, da könnte heute alles passen. Chapeau auch an den Verein und die Stadionsprechercrew für die Idee „Wer wird Deutscher Meister?“ als Gästelied zu spielen. Bei entsprechendem Spielverlauf hätte das der Hit des Tages werden können.
Doch dann… war irgendwie alles weg.

Die erhoffte Leichtigkeit, mit der die Jungs ins Spiel gehen sollten – mit dem Gefühl, nur gewinnen zu können, nichts zu verlieren zu haben. Weg.
Die Stimmung. Auf der Süd, ja. Ansonsten? Weg.
Selbst im Gästeblock war es eher ruhig – zu sehr sah alles nach einer Wiederholung des Hinspiels aus und ein 0:0 stand durchaus im Bereich des Möglichen.
Von uns kam nach vorne gar nichts, vom HSV lange zumindest nichts Zwingendes – bis es dann halt diesen Standard gab, der bei uns alles zum Einsturz brachte, was bis dahin noch mühsam zusammengehalten wurde.

Intro der Süd – 1.Halbzeit

Nun bin ich kein Fußballexperte und werde es auch nicht mehr, Tim (siehe Text im Anschluss) kann das viel besser.
Und natürlich sind Gelbe Karten als solche auch kein Qualitäts- / Mentalitätsmerkmal, aber wenn ich spielerisch einfach keinen Zugriff kriege, dann muss ich halt mal dazwischenballern – und sei es nur, um die zunehmende Lethargie auf den Rängen wieder in positive Energie umzuwandeln.
(Timo Schultz hat dies bei uns im Podcast mal sehr schön dargestellt, dass sowas sehr wohl auch zur Taktik gehören kann und man derartige Rollen innerhalb des Teams verteilt – zumindest, wenn man bei einem Verein spielt, bei dem die Zuschauer ein Faktor sind.)

Intro der Süd – 2.Halbzeit

Kommen wir also zu dem, womit ich mich etwas besser auskenne: Drumherum.
Die Choreos zu Beginn auf allen Tribünen: Großartig. (Okay, das mit der Blockfahne in der Nord ignorieren wir besser.)
Pyro-Show vor dem Spiel und zur 2.Halbzeit: Fantastisch.
(Ja, klar, kann man anders sehen… dann aber bitte auch keine Profilbilder in sozialen Netzwerken oder den Bildschirmhintergrund mit Pyrotechnik im Stadion, sonst wird das Eis dünn.)
Ich gehe stark davon aus, dass die Geldstrafe vom DFB hier vom Verein im Budget eingeplant ist und sich da auch niemand ernsthaft drüber beschwert. Dies öffentlich evtl. anders zu formulieren, mag der Außenwirkung geschuldet sein. Wobei auch hier noch zwischen dem Zeitpunkt vor dem Spiel / in der Halbzeit und während dem Spiel inkl. Spielunterbrechung fein unterschieden werden müsste.
Pyro während des Spiels ist dann eben etwas heikler, fand ich aber immer noch im Rahmen, zumindest solange davon nichts auf den Rasen fliegt und (ganz offensichtlich) auch keinerlei Verletzungsgefahr für irgendjemanden besteht. Würde ich persönlich nicht hochhalten, ist aber auch kein Weltuntergang. Und wäre es dabei geblieben, würden wir die Diskussion über „das Drumherum“ wohl heute auch kaum führen müssen.

Fangen wir mit „der Süd“ an: Vor Anpfiff machte sich da im Bereich zur Gegengeraden hin ein schwarzer Block breit, sämtlichst (wie schon am Vorabend) mit roten Tüchern ausgestattet. Wer sich da nach den Gründen für diese Uniformierung fragt, hat vielleicht die Meldung gelesen, dass HSV-Fans (irrtümlich) einem eigenen Fan auf die Fresse gehauen haben, weil sie ihn für einen St.Paulianer hielten. Und da eben Gruppen aus ganz Europa da waren, ist es sicher sinnvoll, sich so zumindest einigermaßen zuordnen zu können.
Besagte Gruppe sorgt dann wohl auch für den Diskussionsanlass, dem wir uns als Fanszene in den nächsten Wochen stellen müssen (siehe auch: MagischerFC Blog).
Das Derby ist was anderes als andere Spiele, insofern ist klar, dass hier auch die Grenzen des Erlaubten / Akzeptierten weiter verschoben sind als sonst. Diverses Pimmelgefechte auf Tapeten, wer hier nun in welcher Situation wie vor wem weggerannt ist, gehört wohl dazu. Ist nicht mein Niveau, könnte ich absolut gut auch weiterhin drauf verzichten, verletzt aber dann auf der anderen Seite ja auch maximal die, die sich solche Diskussionen zu Eigen machen.
Und wenn man mit ein bisschen Abstand drauf schaut, könnte man Letzteres auch über den mit viel Tamtam ausgebreiteten Lappen an HSV-Utensilien sagen. Trotzdem ist genau dies die Grenze, die für mich dann zu viel überschritten wurde und ich hoffe, dass wir sowas auch weiterhin nicht nötig haben und diesen Teil der Ultra-Kultur auch zukünftig anderen Vereinen überlassen. War das jetzt ne einmalige Aktion, weil Derby? Dann hoffen wir mal, dass sich die Wege der Clubs wieder ein paar Jahre lang nicht kreuzen werden.
Trotzdem muss das intern für die Süd thematisiert und angesprochen werden, wird es aber auch.
(Nachtrag: Klare Worte auch vom Fanclubsprecherrat.)

Womit wir bei Dir wären, meine geliebte Gegengerade.
Echt jetzt? Derby, Stadtmeisterschaft… und mal abgesehen vom „Wer wird Deutscher Meister?“ und „Aux Armes“ ist das Lauteste was zustande kommt ein „Wir sind St.Pauli – und Ihr nicht!“ gegen die eigene Kurve? Mittelfinger gegen die Süd bei einem 0:3-Zwischenstand, während der Support in den Stunden vorher absolut überschaubar war?
Ja, der Push vom Team kam auch nicht wirklich, aber dann muss man in so einem Spiel halt auch mal in Vorleistung gehen… sind wir nicht, fertig.
Aber dann sollten wir bitteschön auch die Fresse halten, wenn es um andere Tribünen und deren Umgang mit dem Derby geht. Das kann man dann gerne nach dem Spiel oder irgendwann thematisieren, aber doch nicht während der Nachbar noch im Stadion ist und sich eins feixt. Haben wir gar keine Selbstachtung mehr?
Personen, die im Block 2 über 90 Minuten schweigend dem Schauspiel beigewohnt haben und deren größte körperliche Aktivität es bis dahin war das Smartphone zu zücken und Choreo / Pyro zu fotografieren, werden plötzlich zu energiegeladenen Maschinen, kriegen den Mund auf und schreien wütend mit doppelt gereckten Mittelfinger die eigenen Ultras an, sie mögen sich verpissen und/oder die Fresse halten?
Alter, geht Ihr mir auf die Eier… „Kernkompetenz Fresse halten“ habt Ihr ja bestens vorher zur Schau gestellt, aber Ihr wollt dann anderen erzählen, dass sie keine St.Paulianer sind? Eben die, die sich in den Nächten vorher darum gekümmert haben, dass die HSVer nicht sämtliche unserer Läden entglasen oder wieder das Steinwappen in Schwarz-Weiß-Blau anmalen? Völlig richtig, müsst Ihr Euch nicht drum kümmern, passt schon. Aber dann erzählt denen, die eben genau dies tun, auch nicht, sie seinen keine St.Paulianer.
Ich finde das auch nicht alles geil, was da gestern passiert ist (siehe oben), aber ich bin mir umgekehrt sicher, dass „die“ alle genauso viel Herzblut in diesen Verein investieren wie wir alle.
Und ja, dieses Herzblut habt Ihr hoffentlich auch… also lasst es uns wieder positiv für den Verein verwenden (bspw. an Abenden wie diesem) – und nicht, um uns ausgerechnet während des Derbys zu zerfleischen.

(Nachtrag, Mittwoch, 13.März.
Mit dem Abstand von zwei weiteren Nächten möchte ich folgendes ergänzen:
Natürlich ist der Protest gegen Scheiße die passiert nicht „schlimmer“ als die Scheiße selbst. Ich schreibe dann aber lieber über „meinen“ Einflussbereich, also die Gegengerade, als über die Süd. Zumal ich der eine saubere Aufklärung aufgrund vorhandener Strukturen auch so zutraue bzw. die von außen jetzt eh genug Druck haben. Sowohl Struktur als auch Druck fehlt der GG hingegen.

Im Stadion war zudem für mich relativ klar, dass der überwiegende Teil des hasserfüllt Mittelfinger wedelnden Mobs nicht eine differenzierte Abwägung der Vorfälle in der Süd zum Anlass für den Protest nahm, sondern sich hier nur mal wieder enthemmt der Unmut über „die Ultras“ entlud.
Jeder, der dies beruhigt von sich weisen kann, möge sich den oben verteilten Schuh dann bitte auch nicht anziehen.
Und wie man das alles mit etwas mehr zeitlichem Abstand auch in ruhigere Worte fassen kann, könnt Ihr jetzt beim
Magischen FC nachlesen. Uns war es wichtig, zeitnah etwas dem aufziehenden Social Media- und Boulevard-Pöbel entgegenzusetzen, da ist die ein oder andere Formulierung vielleicht auch schärfer ausgefallen als nötig.
Und jetzt: Miteinander reden, weitermachen.
Wir tun dies auch, kommenden Dienstag werden Vertreter von USP bei uns im Podcast zu Gast sein.)

Was machen wir jetzt mit dem Rest der Saison?
Weitermachen, immer weiter. Im besten Falle gemeinsam.
Denn: St.Pauli ist die einzige Möglichkeit. // Maik

Doch eines ist wirklich sicher, dass die Tragik St.Pauli kennt (Teil 2, von Tim)

Ich hatte auch Kribbeln im Bauch. Das musste es sein, dachte ich, das muss das Derbyfieber sein. Oder aber es war die schleichende Ankündigung des fiesen Magen-Darm-Keims, der es sich seit gut einer Woche bei meiner Familie zuhause gemütlich gemacht hat und nach für nach jeden von uns niederstreckt. Mich aber (noch) nicht. Bei mir war es tatsächlich das Derbyfieber. Hatten ich mir doch dieses Mal tatsächlich etwas ausgerechnet. Der hsv nicht in Form. Wir mit ’nem kleinen Lauf. Und auch die Tabellensituation sprach für ein ausgeglichenes Duell. Es wurde keines. Auf vielen Ebenen nicht. Auf dem Platz nicht. Auf den Trainerbänken nicht. Und zu guter Letzt auch auf den Rängen nicht. Aber der Reihe nach.

Ich hatte es in der Derby-Vorschau geschrieben: Beim hsv hängt vieles davon ab, ob die Außenverteidiger mit auf die Sechserposition einrücken oder nicht. Letztendlich tat es nur der rechte Außenverteidiger Sakai. Das lag daran, dass ich mit meinen Mutmaßungen über eine mögliche Aufstellung daneben lag. Der hsv reagierte mustergültig auf die übliche Aufstellung des FCSP und stellte neben Mangala mit Janjicic einen zweiten Sechser auf. Zusätzlich durfte Özcan im Mittelfeld ran. Holtby und Jatta saßen zunächst auf der Bank. Der FCSP für mich etwas überraschend mit Allagui für Möller Daehli (ebenso niedergestreckt wie meine Familie) und, für mich noch viel überraschender, Neudecker für den gegen Paderborn defensiv starken Sobota.

Das Mismatch der Formationen (sofern ich das im Stadion mit meiner Aufregung beurteilen konnte, ich habe noch kein Re-Live des Spiels gesehen) wurde eigentlich bereits nach weniger als zwei Minuten klar, als sich der hsv das erste Mal in seiner Formation zusammenfand. Er baute in einem 2-3-4-1 auf. Mit Bates und van Drongelen in letzter Reihe. Davor eine Dreierreihe mit dem von außen eingerücktem Sakai, Janjicic in der Mitte und Mangala auf der linken Seite. Der linke Außenverteidiger Santos (was 1 Fußballer) tummelte sich hingegen mit Hunt, Özcan und Narey in der Viererreihe davor und damit fast auf einer Höhe mit Lasogga. Dies führte beim 4-4-2 Pressing des FCSP zu einer fatal schlechten Stellung: Dadurch, dass van Drongelen und Bates ungestört aufbauen konnten (nein, hier bitte nicht darüber aufregen, dass sie es tun konnten, denn wir hatten bereits gegen Aue festgestellt, dass ein hohes Pressing beim FCSP nicht die beste Option ist mit diesen beiden Stürmern), ergaben sich zwangsläufig Anspielstationen dahinter. Warum? Weil zwei Spieler (Allagui, Meier) nicht drei Spieler (Sakai, Janjicic, Mangala) dauerhaft in ihren Deckungsschatten halten konnten. Die erste Pressingreihe des FCSP verpuffte also quasi komplett. Und wenn es geplant war, dass der hsv die erste Reihe überspielt und dann erst der Zugriuff von allen sEiten erfolgt, dann ist er nicht aufgegangen. Und dementsprechend wurden die Probleme weiter nach hinten gereicht. Der FCSP reagierte auf die hohe Positionierung von Santos mannorientiert, d.h. Myaichi ließ sich mit in die letzte Reihe fallen. Zusätzlich waren Buchtmann und Knoll von Özcan und Hunt tief gebunden. Dadurch konnte die erste Reihe relativ zuverlässig überspielt werden und der Spieler im Ballbesitz konnte meist aufdrehen bzw. wurde direkt vorwärtsgerichtet angespielt. Wenn Hunt sich dann noch ab und an die Bälle etwas tiefer abholte, dann hatte der hsv eine Überzahl im Zentrum generiert. Und durch diese Überzahl fehlte dem FCSP meist der Zugriff, sie kamen häufig schlichtweg nicht in die Zweikämpfe und dadurch zu Ballgewinnen in den, für ihr Umschaltspiel, so wichtigen Zonen. Das erklärt auch, warum der FCSP nicht eine einzige gelbe Karte gesehen hat – sie kamen das gesamte Spiel einfach nicht in die Zweikämpfe. Belege? Der FCSP hat laut Whoscored.com 19 Tackles in diesem Spiel bestritten. Gegen Ingolstadt waren es 29, gegen Paderborn 36. Und in beiden Spielen agierte der FCSP in fast identischer Formation.

Heatmaps der Ballaktionen von Sakai (oben) und Santos (unten). Während Sakai beim hsv als Sechser im Spielaufbau agierte, rückte Santos häufig mit vor, vor allem in Halbzeit eins.

Der hsv hatte die tiefe 4-4-2 Formation des FCSP also geknackt. Welche Umstellung hätte helfen können? Hätte Myaichi seine Position gehalten, so hätte der FCSP in letzter Reihe Mann-gegen-Mann verteidigen müssen. Einzig die Rolle von Neudecker war etwas in der Schwebe. Der hatte weder Zugriff auf Sakai, noch wurde er dauerhaft von Narey gebunden, da dieser recht starr seine Außenposition hielt und von Buballa gut erreichbar war. Es hätte also vielleicht ein 5-4-1 gebraucht, damit der Zugriff im Zentrum vorhanden gewesen wäre. Das wäre die variante maximale Sicherheit gewesen. Oder aber das Spiel des hsv wird komplett gespiegelt und bereits die Innenverteidiger werden aggressiv angelaufen. Das wäre die Variante Risiko (siehe 2.Halbzeit). Aber da die Fünferkette gegen Köln ja so gnadenlos nicht funktionierte, war das ehrlich gesagt auch keine Option. Von der Grundformation wurde der FCSP hier womöglich ausgecoacht. Hätte der hsv nicht mit zwei nominellen Sechsern agiert, sondern nur mit einem und stattdessen Holtby eingesetzt, dann wäre der Plan möglicherweise aufgegangen. Trotzdem konnte der FCSP einige vielversprechende Umschaltsituationen generieren, die aber meist an eigener Ungenauigkeit scheiterten. Es gab also dieses enorme Mismatch, aber es war nicht so, dass der FCSP in Halbzeit eins komplett chancenlos geblieben wäre. So aber war es eine erste Halbzeit zum Vergessen, der hsv wirkte klar überlegen und ging nicht unverdient durch ein Kacktor in Führung.

Der hsv im 2-3-4-1 bei eigenem Ballbesitz. Der FCSP eigentlich mit einem klassischen 4-4-2. Doch die Mannorientierung und hohe Positionierung von Santos sorgten dafür, dass es eher ein 5-3-2 wurde und somit sehr schwierig für den FCSP.

Mit dem 0-1 musste der FCSP dann in der zweiten Halbzeit mehr riskieren und tat dies auch. Endlich möchte man meinen, aber es zeigte sich schnell warum dieses Risiko in der ersten Halbzeit vermieden wurde. Der FCSP attackierte in klarem 4-4-2 (flach) nun früher und konnte so den geordneten Aufbau des hsv gut stören. Es entstand dadurch zu Beginn der Halbzeit unglaubliches Chaos auf dem Platz. Aber der hsv reagierte gut auf diese Umstellung seitens des FCSP und agierte diszipliniert mit einer Viererkette in der Defensive und weniger Ausflügen von Santos. Durch das nun höhere Attackieren des FCSP ergaben sich aber zwangsläufig mehr Räume für den hsv, die dieser zu bespielen wusste. Nun ist es auch leider so, dass der hsv sich vor allem bei Mangala bedanken kann, dass er dieses Spiel in Halbzeit zwei schnell entscheiden konnte, da dieser sich ein ums andere Mal aus kniffligen Situationen, wo der FCSP eigentlich guten Zugriff auf ihn hatte, befreien konnte. Der Typ ist einfach ein richtig guter Fußballer. Und natürlich spielte die etwas offensivere Stellung des FCSP in die Karten von Bakery Jatta, der dann seine Geschwindigkeit nutzen konnte. Sowohl dem 0-2, als auch dem 0-3 gingen Angriffe über die nahezu offene linke Seite des FCSP voraus (dies ist ausdrücklich keine Kritik an Kalla!), also Angriffen über die Seite von Santos/Mangala/Jatta. Situationen, die es bei der tiefen Staffelung des FCSP in Halbzeit eins nicht gegeben hätte. Spätestens das 0-3 hat dann auch den imaginären Stecker gezogen. Die höhere Positionierung des FCSP ist aber dennoch die richtige Reaktion gewesen. Die Chancen zum 1-1 (Myaichi, 46.) oder zum 1-2 (Allagui, 56.) waren durchaus vorhanden.

0-4 ist dann das Endergebnis (und ich frage mich immer noch, was Santos vor dem 0-4 auf der halbrechten Seite zu suchen hatte). Das tut an vielen Stellen weh. Und als wäre das nicht genug, müssen wir uns leider auch noch über uns selbst unterhalten:

Ich muss erstmal klarstellen: Ich liebe Pyro. Es sieht einfach wunderschön aus, wenn da ne Choreo mit Pyro untermalt wird. Ich würde wohl niemals selbst so eine Fackel im Stadion anzünden, da ich viel zu großen Schiss habe erwischt zu werden. Ich finde aber es ist eine angemessene Form des Supports. Und ich möchte die folgenden Zeilen daher gerne klar von der Diskussion Pyro ist toll/scheiße trennen. Aus meiner Sicht waren die Spielunterbrechungen von Brych teilweise nicht angemessen. Klar, wenn der halbe Platz zugeräuchert wurde, dann muss der Rauch erstmal verziehen und es muss eine Unterbrechung her. Aber muss ein Spiel wirklich unterbrochen werden, weil im Block ein paar Fackeln leuchten? Ich verstehe nicht, welche Gefahr/Beeinträchtigung auf das Spiel oder die Spieler oder für Stadionbesucher da dann vorliegt. Aber vermutlich gibt es da ein Regelwerk an das sich auch ein Schiedsrichter halten muss, ich habe keine Ahnung.

Doch ich möchte auch Grenzen bei der Nutzung von Pyrotechnik ziehen. Leuchtspurmunition (oder allgemein Pyrotechnik), die auf dem Platz niedergeht, ist zum Beispiel so ein Fall. Das geht nicht. Böller übrigens genauso. Einfach zu laut und unvorhersehbar. Da sehe ich auch nicht den gleichen Effekt in der Unterstützung des Supports wie bei Fackeln oder Rauchtöpfen. Und da möchte ich ganz persönlich eine klare Grenze ziehen.
Eine weitere Grenze bei der Nutzung von Pyrotechnik würde ich dann auch ziehen, wenn ein Spiel in Richtung Abbruch tendiert. Ob es jede/r mit der Gefahr der Nutzung von Pyrotechnik nun auch so sieht wie der Schiedsrichter, ist dabei völlig zweitrangig. Und wenn ich einen Wunsch bei der Nutzung von Pyrotechnik äußern dürfte, dann würde ich mir wünschen, dass diese auch tatsächlich in einer Choreographie genutzt wird und nicht vereinzelt. Vor allem nicht, wenn es bereits Ansagen eines drohenden Spielabbruchs gab.

Nun gut, das ist aber alles immer noch in einem Bereich mit dem ich leben kann. Muss ich persönlich nicht gut finden, kann ich aber unter Umständen mit leben. Schwieriger finde ich da aber das grundsätzliche Gebaren einiger Fans auf der Südtribüne (zur Gegengerade kommen wir dann gleich). Dieses Gebaren, das vom MagischerFC-Blog mal recht treffend als Mackertum bezeichnet wurde. Ich tat mich schon immer mit der Beleidigung der gegnerischen Teams schwer und frage mich, welchen Wert das für den Support des eigenen Teams hat bzw. wie das das eigene Team auf dem Platz weiterbringen soll. Bitte nicht falsch verstehen, gegenseitige Sticheleien gehören auf jeden Fall dazu. Aber muss sich ein beträchtlicher Teil der Südkurve wirklich die nahezu komplette zweite Halbzeit daran abarbeiten, gegnerische Fanutensilien zu präsentieren und zu verbrennen. Hinzu kommt dann noch ein ständiges Mackertum auf dem Zaun. Was ist das für ein Support? Ist das überhaupt Support oder ist das einfach nur ein Ego-Trip, der da gefahren wird? Wenn das kein Support ist, dann kann das aus meiner Sicht weg. Da hat niemand was von. Oder denkt sich irgendwer im Nachhinein „Alter, denen haben wir es so gegeben mit dem Verbrennen ihrer Sachen!“ und dass es unser Team jetzt mal so richtig nach vorn gebracht hat? Ich finde, dass hier ziemlich klar eine Grenze überschritten wurde. Wir, der FCSP, sind nicht unbedingt für solche Aktionen bekannt. Das soll bitte so bleiben.

Daher besteht Redebedarf. Und nein, dieser Redebedarf ist nicht damit getan, auf der Gegengerade zu stehen, den Mittelfinger in Richtung eigener Fanszene zu halten und diese auszupfeifen. Hier ist die Frage genauso angebracht: Was ist das für ein Support? Ja sicher, die Gegengerade kann den glorifizierten Vergleich mit ihr selbst vor 20 Jahren bei weitem nicht gewinnen. Das muss sie aber auch nicht. Wer sich jedoch unzählige Minuten mit Pfiffen und lauten Unmutsbekundungen an der eigenen Fanszene abarbeitet, der könnte diese Energie locker auch in den Support des eigenen Teams umwandeln. Stattdessen fressen wir uns hier selbst auf! Während des Derby’s… wie dämlich ist das denn!? Klar ist da Frust dabei, wenn wir im Derby 0-3 hinten liegen. Aber so undifferenzierte Scheiße a la „F*ck USP“ vor sich hinzublubbern zeugt einfach von wenig bis gar keiner Ahnung über die eigene Fanszene. Nun muss sich auch nicht jede/r im Detail mit den unterschiedlichen Fangruppen auf der Süd auskennen. Ich tue das auch nicht. Aber besonders dann sind USP-Beschimpfungen kurzsichtig und ganz grundsätzlich führen sie zu keiner Lösung des Problems. Und wer genau hingesehen hat, der hat vielleicht bemerkt, dass die kritischen Aktionen nicht aus dem Bereich kamen, in dem der vermeintliche USP-Kern üblicherweise steht. Nichtsdestotrotz ist es natürlich auch Aufgabe von USP sich mit dem zunehmenden Mackertum in der Süd zu befassen, der Kurve, in der USP sich als führende Fangruppe versteht. Nur wird so etwas eben intern geklärt und vor allem nicht während einer Stadtmeisterschaft.

Was bleibt ist die Erkenntnis, dass auf den Rängen und auf dem Rasen viel Arbeit vor uns liegt. Klar ist, dass uns dieses 0-4 noch häufiger vorgehalten wird als uns lieb sein wird. Ist ja auch nicht so, dass ein Derby mal eben jede Saison vorkommt. Und wenn wir mal ehrlich sind, dann ist die jetzige Tabellensituation leider so, dass es nicht mehr unmöglich erscheint, dass die Chance auf eine Revanche nächste Saison nicht gegeben ist. Ein Sieg in Sandhausen könnte zumindest den tabellarischen Schaden, den diese Niederlage aus rein sportlicher Sicht verursacht hat, etwas mildern. Forza!
// Tim

Links:
– Bericht und Fotos Stefan Groenveld: „Zuviel Größenwahn
– Bericht Magischer FC: „Nachdenklich
– Bericht Magischer FC: „Dann beginnen wir mal mit dem Reden
– Bericht und Fotos Zaphod Beebleblox: „Die Hölle war schon heißer
– Bericht Admit Nothing: „Derbydays
– Bericht Outside Left: „Toxic masculinity“ (English)
– Stellungnahme Fanclubsprecherrat
– Bericht Kiezkicker: „St.Pauli, wir müssen reden