Ziemlich verfahren / Der DFB und die Rojava-Choreo

(Titelbild: Stefan Groenveld)
DFB stellt Verfahren gegen Rojava-Choreo ein. Das ist eine gute, nein, es ist die einzig richtige Nachricht, die in dieser Sache vermeldet werden konnte. Und es braucht vielleicht trotzdem noch ergänzende Worte.

Der DFB hat sich also dazu entschieden, das eingeleitete Verfahren gegen den FC St.Pauli aufgrund der Solidaritätsbekundungen von Fans für Rojava einzustellen. (Wir schrieben unsere Gedanken dazu schon kurz und knapp letzte Woche in die Lage.)
Es fällt uns schwer dafür lobende Worte zu finden, sonst müssten wir demnächst auch euphorisch in Frankfurt anrufen und dazu gratulieren, dass sie es immer wieder schaffen zu atmen.
Mag sein, dass es da politischen Druck seitens des türkischen Verbands gab. Mag auch sein, dass dieser da noch andere Verbände (UEFA/FIFA) eingeschaltet hat und der politische Druck auf den DFB dadurch enorm erhöht wurde. Aber das Verfahren dann auch tatsächlich einzuleiten und seitens der Ankläger ernsthaft eine Geldstrafe überhaupt in Erwägung zu ziehen, geschweige denn zu fordern… nein, da kann man nicht „Gute Entscheidung“ zu sagen, es war die einzig Mögliche.

So, damit ist der erste Impuls raus. Kommen wir nun zu einem etwas nüchternem Blick. Es ist nämlich gar nicht mal so trivial, wie man denkt. In den Durchführungsbestimmungen des DFB findet sich nämlich folgender Passus (danke an flo für das raussuchen):
VII. Verbote
1. Den Besuchern des Stadions ist das Mitführen folgender Gegen stände untersagt:
a) rassistisches, fremdenfeindliches, extremistisches, diskriminierendes, rechts- bzw. linksradikales Propagandamaterial, auch dann, wenn es strafrechtlich nicht relevant ist;
b) politische und religiöse Gegenstände aller Art, einschließlich Banner, Schilder, Symbole und Flugblätter

Ob wir es wollen oder nicht, der DFB (und übrigens auch die FIFA) untersagt hiermit quasi jedwede politische Äußerung im Stadion. Und eben solche hat es nach Ansicht anderer mit der Solidaritätsbekundung gegeben, weshalb die Eröffnung eines Verfahrens durchaus eine rechtliche Grundlage hätte (die Betonung liegt auf hätte). Wir können jetzt trefflich streiten, ob das Banner überhaupt „politisch“ ist oder nicht viel eher eine Selbstverständlichkeit, ansonsten müsste man mit den Schriftzügen „Kein Mensch ist illegal“ auf der Nord und „Kein Fussball den Faschisten“ auf der Gegengerade wohl demnächst das Stadion schließen. Nur scheinen Verbände da eine andere Sichtweise zu haben und man muss das vielleicht mal ganz grundsätzlich klären lassen. Und verstieß der DFB mit der „Rote Karte gegen Rechts“- und ähnlichen grundsätzlich erst mal positiven Aktionen und jetzt dem „Holocaust-Gedenktag“, an dem man seit 16 Jahren teilnimmt, nicht auch selbst gegen diese Statuten?
Tja… man weiß es nicht. Aber somit ist der DFB entsprechend auch „gezwungen“ aktiv zu werden, wenn z.B. andere Verbände auf so eine Aktion, wie sie bei uns im Stadion stattgefunden hat, aufmerksam machen. Die Sache ist also etwas schwieriger als man zu Beginn vermuten würde. Klar, eine Einstellung des Verfahrens ist immer noch die einzig richtige Entscheidung.
Das Problem für den DFB: Mit dieser Argumentation lassen sich an jedem Spieltag der Bundesligen so etwa 40-50 Verfahren eröffnen. Und da muss sich der DFB ernsthaft fragen, ob er wirklich dieses Fass aufmachen will. Auch hier also wieder keine „gute“ sondern die einzig richtige Entscheidung seitens des DFB.

In der Presseerklärung des DFB stolpert man über die Ausführung:

„Dabei wurde insbesondere berücksichtigt, dass der Zweitligist eine Spende an die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ geleistet hat“.

Quelle: DFB

Der FCSP schreibt in seiner Mitteilung:

Generell unterstreicht der FC St. Pauli freiwillig seine Solidarität mit betroffenen Menschen in Krisenregionen und spendet eine selbstbestimmte Summe an den Verein Ärzte ohne Grenzen e.V.

Quelle: FC St.Pauli

Und hier wird die Sache noch komplexer.
In der Formulierung des DFB wird klar ein Zusammenhang hergestellt, beim FCSP wird dieser zwar nicht ganz so klar benannt, allerdings führt man diese Zahlung halt im gleichen Text mit auf – und in beiden Lesarten kann man nun fröhlich hineininterpretieren was man möchte, unter anderem natürlich auch, dass der Verein diese Zahlung als Teil eines „Deals“ geleistet hat.
Und würde das dann auch bedeuten, dass der FCSP ernsthaft eine Strafe aufgebrummt bekommen hätte, wenn er nicht im Vorwege gespendet hätte?

Für uns klingt die Sache so (natürlich alles reine Fantasie):
Der DFB wird von anderer Seite darauf aufmerksam gemacht, dass beim FCSP im Stadion eine Soliaktion stattgefunden hat, mit der man nicht einverstanden ist. Spekulation: Türkische Regierung wendet sich an Türkischen Fußballverband, der schaltet die FIFA ein, die kontaktiert den DFB.
Der DFB hat dann den Druck, dass in den eigenen Statuten klar formuliert ist, dass so etwas nichts im Stadion verloren hat (darüber wird weiterhin zu reden sein, denn das ist das eigentliche Problem). Daraufhin, weil er seine Würde schon vor Jahren im Keller erhängt hat, eröffnet der DFB ein Verfahren. Der FCSP sagt, völlig richtig, „Ihr habt sie doch nicht alle!“, verweist vermutlich auch darauf, dass es mit dieser Argumentation noch unzählige weitere Verfahren aus dieser Richtung geben würde und überhaupt, dass es nichts verwerfliches an der Soli-Aktion gibt. Daraufhin hat der DFB ein Problem, denn der politische Druck von außen scheint hoch zu sein, sonst wäre so ein Verfahren gar nicht erst eröffnet worden. Und einfach nen Sündenbock suchen und bestrafen, um der Konfrontation aus dem Weg zu gehen, hat nicht funktioniert.
Der FCSP hingegen hat keinen Bock auf ein langes Verfahren inklusive massiver Berichterstattung, die vom sportlichen Geschehen ablenkt und geht ein wenig auf den DFB zu, indem er eine Spende für Ärzte ohne Grenzen tätigt (könnt ihr übrigens hier machen). Dieser ist ausnahmsweise mal vernünftig, nimmt dieses diplomatische Geschenk des FCSP an und versucht so sein Gesicht nach außen zu wahren (was er aus unserer Sicht nicht geschafft hat). Und für diese Gesichtswahrung besteht er darauf, dass in den offiziellen Verlautbarungen die Zahlung an ‚Ärzte ohne Grenzen‘ mit erwähnt werden muss.

In einer perfekten Welt hätte man den DFB hier am ausgestreckten Arm verhungern lassen und ihm den Vogel gezeigt:

„Mach! Zieh durch den Quatsch.
4.000€ Strafe dafür zahlen wir gerne und dann könnt Ihr den Laden hier komplett dicht machen. Erstens habt Ihr dann ab sofort jede Woche 50 Verfahren und zweitens macht Ihr Euch komplett zum Löffel. Neben dem Begriff „Vollpfosten“ im Duden ist dann ab sofort das Bild dieses Gerichts abgedruckt, Ihr Lappen!
Und wenn das Urteil raus ist, spenden wir erst recht an ‚Ärzte ohne Grenzen‘.“

Quelle: Eigene Wunschvorstellung

Es wäre zu schön.
Problem: Die Folgen wären nicht wirklich absehbar. Und damit meinen wir nicht mal annähernd die finanziellen. Wir wollen hier jetzt keine Horrorszenarien ausmalen, aber der Verein hat eben auch eine gewisse Verantwortung, die hier mit einfließt. Auch die Unruhe und damit eventuelle Ablenkung vom Sportlichen ist sicher kein 100%-Argument, fließt aber wohl auch mit ein.
Wie so oft: Für Schwarz/Weiß-Diskussionen ist die Sache zu komplex.

Unterm Strich: Gute Sache, möchte man man da also eigentlich unserem Verein zurufen. Haben wir dem DFB mal eben den Arsch gerettet. Klar wäre es uns noch lieber gewesen, man hätte den ganz großen Mittelfinger rausgeholt, oder (verrückte Idee) der DFB hätte mal Rückgrat bewiesen…. aber watt willste erwarten?!

// Maik & Tim

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