Ein später Punkt gegen den Angstgegner (Das Glas ist halbvoll)

Ein später Punkt gegen den Angstgegner (Das Glas ist halbvoll)

Framing. Schon mal gehört? In anderen Zusammenhängen, sicherlich. Je nach dem wie eine Botschaft formuliert wird, beeinflusst sie den Empfänger unterschiedlich. Und ein „später Punkt gegen den Angstgegner“ ist dann eben die „Glas halbvoll“-Formulierung für das heutige Spiel. „Nur ein Punkt für den Vorletzten!“ wäre dann die „Glas halbleer“-Formulierung gewesen – und wir wollen jetzt mal herausarbeiten, wieso wir erstere Variante gewählt haben.
(Titelbild: Oliver Hardt/Getty Images via OneFootball)

Die Aufstellung

In Tims Vorbericht zum Spiel und dem Artikel zur Torwartdiskussion waren die heutigen vier Wechsel allesamt schon abzusehen gewesen, aber der Vollständigkeit halber:

Svend Arvid Stanislaw Brodersen beginnt im Tor für Robin Himmelmann. 23 Jahre alt, mit vier Jahren beim FCSP angefangen, kurze Unterbrechung beim ETV und dann wieder für den FCSP aktiv. Wie formulierte es jemand so schön? Man möchte einfach, dass es für ihn funktioniert. Eine 4:1-Niederlage in Köln und eine 2:1-Niederlage in Kiel standen bisher in seiner 2.Liga-Vita.

Leart Paqarada, Finn Ole Becker, Igor Matanovic und Boris Tashchy starten außerdem im Vergleich zu Braunschweig für Daniel Buballa, Kevin Lankford, Simon Makienok und Maximilian Dittgen. Von der „Welpenattacke“ die Tim vorher erträumt hatte, fehlt also nur der später noch eingewechselte Lukas Daschner.

Die 1.Halbzeit

Es passt alles. Aggressivität, mutiger Spielaufbau nach vorne, Ideen, Spritzigkeit. Eine „Hundertprozentige“ für Philipp Ziereis per Kopf nach zwei Minuten.
Und dann schnappt sich Finn Ole Becker den Ball, lässt mit einem Antritt den ersten Gegenspieler aussteigen – und spielt einen Katastrophenfehlpass, verliert beim Zurücklaufen die Orientierung und Aue führt mit 1:0. Der erste Ball auf das Tor von Brodersen, unhaltbar flach ins Eck.
Fuuuuuck! (So ungefähr lesen zumindest unsere Lippenlesefähigkeiten das, was Beckers Mund Sekunden später in Großaufnahme formt.)

Katastrophenfehlpass vorm 0-1, aber ansonsten (endlich mal!) überzeugend: Finn Ole Becker
(Photo by Oliver Hardt/Getty Images/via One Football)

Ein Wirkungstreffer.
Und es kommt noch schlimmer, Ziereis greift sich an die Leiste und muss wenig später ausgewechselt werden. Ich (Maik) muss zu meiner Schande gestehen, dass ich heute aus logistischen Gründen (Grünkohlessen bei Mama) auf Sky angewiesen war – und bei Buballas Einwechslung zeigt sich der Reporter dann „gespannt, wie er jetzt auf dem Platz auf diese Ausbootung reagiert“.
Alter Schwede… Reporterbashing ist in etwa so schlimm wie Schiedsrichterbashing, aber jetzt mal ernsthaft! WAS! SOLL! DER! DENN! MACHEN?!?!?!
„Oh, meine Damen und Herren, sie glauben nicht, was hier gerade passiert. Der soeben eingewechselte und zuvor ausgebootete Daniel Buballa hat sich gerade bei einem Auer Konter auf den Boden gesetzt und in der Nase gebohrt! Und schon im folgenden Angriff rollte er den roten Teppich aus, den er unter seinem Trikot versteckt hatte und deutete dem Stürmer aus dem Erzgebirge an, dass dieser freie Fahrt hätte!“

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Der ausgebootete Daniel Buballa nimmt den Ausgleich eher unbeteiligt zur Kenntnis //
Foto: Peter Boehmer

Meine Fresse! Sorry. Weiter geht’s.
Oder auch nicht, weil Wirkungstreffer. Es dauert relativ lange, bis wir diesen abschütteln können und abgesehen von gefälligem Spiel im Mittelfeld (sowohl Becker als auch insbesondere Benatelli fungieren als Ballverteiler und machen dies sehr gut) entwickeln wir leider nichts nach vorne, zumindest nichts gefährliches. Erst in den letzten fünf Minuten vor der Pause ist der Rucksack abgelegt, Tashchy nimmt einen Ball im Strafraum fantastisch an und lupft ihn über Männel – und leider am Tor vorbei. Auch Finn Ole Becker kann aus zwölf Metern leider nicht verwandeln.

Ein Spiegelbild der bisherigen Saison.
Spielerisch drei Schritte nach vorne im Vergleich zum Spiel in Braunschweig – Ergebnistechnisch leider im Gleichschritt zu den letzten Spielen.

Die 2.Halbzeit

Auch in der zweiten Halbzeit braucht der FCSP etwas Anlauf. Aber dafür knallt er dann so richtig rein. Etwa ab Minute 60 erspielt sich der FCSP vor allem häufig direkt durch das Zentrum gut ein halbes Dutzend guter Chancen. Den Start machte Igor Matanovic, der freistehend am glänzenden Männel scheiterte (59.). Es folgten Tashchy (61.), Buballa (63.), wieder Matanovic (69.) und zu guter Letzt Kyereh, der den Ball an den Pfosten knallte (73.). Beide Matanovic-Chancen übrigens durch Becker sehr schön herausgespielt.

Und just als man dachte „Herrje, jetzt macht halt mal ein Tor draus!“, liegt bei zunehmend offenerer Stellung im Verbund mit dem dritten Auer Kontakt nach einem Ballverlust der Ball im Netz. Zwar meinte der Schiedsrichter-Assistent eine Abseitsstellung gesehen zu haben, aber es wurde direkt in der ersten Wiederholung klar, dass hier der VAR überstimmen wird. 0-2 oder „wie man aus einer guten Leistung das Minimale rausholt“.
Diese drei Ballkontakte in Serie waren übrigens das erste Mal seit der 65.Minute, dass Erzgebirge Aue zwei Pässe hintereinander an den Mitspieler brachte (Quelle: Whoscored.com). Das sagt viel über die Dominanz des FCSP aus, aber eben auch über die Effektivität.

Wow, Igor Matanovic. Jetzt noch treffen und dann geht es durch die Decke!
(Photo by Oliver Hardt/Getty Images/via OneFootball)

Aber während sogar ich (Tim) vor dem Rechner sitzend einen Satz anfange mit „Wenn Du solche Spiele verlierst…“, werden Knoll, Dittgen und Makienok eingewechselt. Das macht sich sofort bezahlt: Nur drei Minuten nach dem zweiten Tor von Aue gleicht Dittgen nach einer Ecke aus (erstes Tor nach Ecke diese Saison – Gegentore bisher nach Ecke: 0). Beteiligt sind alle drei Spieler, die kurz zuvor eingewechselt wurden: Knoll flankt, Simon verlängert, Max drückt ihn über die Linie.

Und kurz vor Schluss ist es wieder ein Standard von Knoll, der den Ausgleich bringt. Erst trifft Lawrence das zweite Mal für den FCSP den Pfosten, aber endlich steht beim zweiten Ball auch mal jemand goldrichtig: Simon Makienok erzielt das 2-2. Durchatmen.

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Zwar wird danach noch alles versucht, aber letztendlich bleibt es beim Unentschieden. Und auch wenn der FC St. Pauli hier sicher von einem moralischen Sieg sprechen darf, ganz am Ende wird es Erzgebirge Aue sein, die sich nach diesem Spiel als Sieger eines Punktes fühlen, den sie nie und nimmer verdient haben.
Der FC St. Pauli spielt richtig guten Fußball gegen ein Team, das dafür bekannt ist schönen Fußball zerstören zu können. Das hat Aue nicht geschafft. Aber sie haben trotz drückender Überlegenheit des FCSP (expected Goals 2.9 – 0.6!!!) einen Punkt am Millerntor geholt.

Trotzdem sind die Erkenntnisse aus dem Spiel positiv: Leart Paqarada überzeugte auf der linken Abwehrseite, das Zentrum mit Zalazar, Becker und Benatelli scheint sich zur Stammformation aufzuschwingen, Igor Matanovic ist eines der größten Sturmtalente, die je beim FCSP gespielt haben (wenn er denn weiter so spielt).
Mir persönlich noch wichtiger ist die Erkenntnis, dass Max Dittgen, wenn er frisch und unverbraucht in der zweiten Halbzeit ins Spiel kommt (wie auch gegen Osnabrück) wohl am stärksten ist. Gleiches gilt wohl für Simon Makienok, der im System „Brechstange“ ein benötigter Turm sein kann.

Glas halbvoll, dank Makienok.
(Photo by Oliver Hardt/Getty Images via OneFootball)

Das Fazit

„Zum Leben Zuwenig zum Sterben Zuviel“ heißt es oft. Und natürlich ist so eine Aussage am 11.Spieltag völliger Quatsch, zumal bei drei Punkten Rückstand auf den Nichtabstiegsplatz und einem Spiel beim abgeschlagenen Tabellenletzten vor der Brust.
Vor dem Spiel hätte sicher niemand einen Punkt akzeptiert, in der 78.Minute nach dem VAR-Entscheid hat aber wohl keine*r mehr auf diesen Punkt zu hoffen gewagt. Und während man von allen statistischen Werten her von zwei verlorenen Punkten sprechen muss, muss man vom Spielverlauf her damit natürlich leben.

Wir haben jetzt in zwölf Pflichtspielen zehn Mal zwei oder mehr Tore kassiert – das ist schlichtweg Wahnsinn. Außerdem haben wir die beiden fehlenden Spiele mit 0:1 verloren. Wir haben aber auch in den letzten zehn Minuten jetzt schon drei Mal einen Zwei-Tore-Rückstand aufgeholt (Bochum, Darmstadt, Aue). Es fehlt also weder an Moral noch an Kondition. Und wir haben sowohl Chancen aus dem Spiel heraus (die wir nur leider nicht verwandeln) als auch heute zwei Tore nach Standards erzielt.

Für uns ist das Glas also halbvoll – jetzt müssen wir aber in Würzburg und gegen Düsseldorf dies auch mal auf dem Punktekonto nachweisen, damit der Weihnachtsbaum nicht doch noch in Flammen steht.

// Tim & Maik

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One thought on “Ein später Punkt gegen den Angstgegner (Das Glas ist halbvoll)

  1. Schöner Bericht, Danke.
    Auch ich habe eine bärenstarke Leistung gesehen, in der die Körperspannung, im Zusammenspiel mit einem, äh, wesentlich verbessertem Ball, gestimmt hat.

    Vielleicht zu trivial, aber hinzufügen möchte ich noch, dass offensichtlich von der Bank nachgelegt werden kann!
    Wenn das Niveau gehalten werden kann, dann mache ich mir keine Sorgen.

    Auch ein Brodersen, der Ruhe, Sicherheit und Konzentration ausstrahlte; Respekt, das hatte ich nicht gedacht.
    Bin tatsächlich ein wenig, äh, euphorisiert! 🙂

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