Buchrezension: D10S – Maradona – Ein Leben zwischen Himmel und Hölle

Buchrezension: D10S – Maradona – Ein Leben zwischen Himmel und Hölle

Der Blog wird hier normalerweise von Tim und Maik bespielt und je nach Thema schaut ja auch mal die ein oder andere Buchrezension vorbei. Als der VERLAG DIE WERKSTATT aber ein Buch über Diego Maradona ankündigte war klar, dass es in unserem Kreis nur eine Person geben könnte, die diese Rezension schreiben kann: Justus!
Also, auf geht’s.

Diese Rezension muss wohl mit einem Bekenntnis beginnen: Ich bin Fan! In meinem Habitus scheint das so angelegt zu werden, dass ich einfach gerne Fan von etwas bin: vom FCSP, von Maradona, von Bands, von Musikern. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich mal an einem Abend nach einem St. Pauli – Spiel und einem Konzert (für mich immer noch die Definition von einem Super-Tag: Fußball und Konzert hintereinander) zu meinen besten Kumpels gesagt habe: „Ist doch scheiße, ich guck mir immer nur Sachen an, die andere gut können: Musik und Fußball, ich kann nichts, was sich andere Leute angucken würden.“
Ich gebe zu, da waren schon ein paar Biere geflossen, aber ich wurde beruhigt, dass das ja nun erstens nicht so außergewöhnlich und zweitens auch nicht Schlechtes sei. Da habe ich meinen Frieden damit geschlossen. Vor einiger Zeit erschien ein neues Buch von Thorsten Nagelschmidt („früher“ Nagel von Muff Potter) namens „Arbeit“ (kann ich auch empfehlen). Dazu erschienen einige Interviews mit ihm, in denen ich mich durchaus wiederfand: er betonte auch, dass er schon immer vor allem „Fan“ gewesen sei, vor allem von Punkbands.

Mein Fandasein begann im Jahr 1986 bei der WM, ich war sieben Jahre alt und investierte mein gesamtes Taschengeld in Panini-Bilder. Ich kann mich daran erinnern, dass mich „Glitzis“ am meisten interessierten, mit den Spielern konnte ich noch nicht so viel anfangen. Beim Tauschen auf dem Schulhof kam das erste Mal Maradona in mein Leben: ein älterer Schüler, den ich vom Sport kannte, sagte mir, dass er schon 2 x Maradona habe und wie toll das sei. Ich ließ mir nichts anmerken, wusste aber nicht, wovon er redete. Nach der WM war ich dann schlauer. WAS FÜR EINE WM!!! Geil!

Danach hatte ich ein Maradona-Poster von Puma über meinem Bett, das ich bei Puma bestellt habe und mir per Post zugeschickt wurde. Jahrelang war Puma deswegen meine Sportmarke, erst mit diesen Schuhen mit der dünnen Sohle und dem Sponsoring von Ferrari/Schumacher ging das zurück, aber ich schweife „leicht“ ab.
Um mich war es also geschehen und ich hielt Maradona die Treue bis heute. Bei WMs halte ich es mit der argentinischen Nationalmannschaft und ich gucke immer noch, wie Neapel so steht, obwohl mich eigentlich WMs und der italienische Fußball gar nicht mehr interessieren.

Nun aber zum Buch, bevor das hier ein kompletter Seelenstriptease wird:
Ich lese, gucke und höre aus eben genannten Gründen ziemlich viel über Maradona, aber wenn der Werkstatt-Verlag ein Buch dazu verlegt, bin ich mehr als gespannt, ist er für mich doch ein Garant für Qualität. Und so ist das Buch auch schick aufgemacht mit vielen Fotos und man könnte es sich problemlos auf seinen Coffee-Table legen, wenn man denn einen hätte bzw. momentan überhaupt Besuch bekäme. Aufgeteilt ist das Buch in 15 unterschiedlich lange Kapitel, wovon im Vorfeld vor allem das Interview mit seinem Mitspieler Jorge Valdano für Aufsehen sorgte, da dieser darin beschreibt, dass Diego im Training die „Hand Gottes“ geübt habe. Spannend.
Spannender in diesem Interview finde ich aber, dass Valdano auch die Unterscheidung zwischen „Diego“ und „Maradona“ macht. Dieses wurde mir zum ersten Mal im Film „Diego Maradona – Rebell, Held, Gott“ aus dem Jahr 2019 bekannt, hier geht es vor allem um seine Jahre in Neapel. „Diego“ ist sozusagen sein privates Ich, während „Maradona“ die Kunstfigur ist, die vor den Massen irgendwie funktionieren muss. Spannend, dass das ein Mitspieler ebenso aufmacht. Ebenso spannend, wie bewundernd er von Maradona in der Kabine und von seiner Großzügigkeit spricht, er sei ein Spieler, der sich nur in der Gemeinschaft wohl fühle. Wenn ich mal Gemeinschaft brauche und keine habe (momentan also häufiger) gucke ich immer das hier und mir geht das Herz auf:

(aus diesem Film: Maradona di Kustirca)

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Gespannt war ich auch auf das Interview mit Rudi Völler, den ich als Spieler bei Werder damals absolut super fand. Später dann eher nicht mehr so 😉 Dieses Interview ist aber tatsächlich absolut banal und bleibt komplett an der Oberfläche, schade.

Neben einem bereits erschienenen und gekürzten Text von Oliver Birkner (Kicker) zu Diegos Zeit in Neapel, wo Birkner auch über Diegos Verflechtungen in die Welt der Camorra in Neapel berichtet und kritisch berichtet (hat der SSC Neapel etwa die Meisterschaft absichtlich verspielt?), bleibt es doch ein Fan-Buch mit vielen (bekannten und unbekannten) Fotos, Zeichnungen und Street-Art über Diego. Der einzige wirklich kritische Text über ihn ist gleichzeitig der Kürzeste im ganzen Buch (eine Doppelseite) und bei 15 Mitwirkenden der einzige von einer Frau, was sicherlich kein Zufall ist. Der von der Journalistin und Autorin Mara Pfeiffer (auch bekannt aus dem FRÜF-Podcast) geschriebene Text ist der Einzige, wo Diegos „politische Widersprüche, Übergriffe gegen Frauen und sexuelle Verhältnisse mit Minderjährigen“ angemerkt und nicht nur anekdotisch erzählt werden. Das setzt dem Buch doch einen kleinen Makel zu und hätte meiner Meinung nach durchaus mehr Platz verdient. Es wäre auch etwas Neues für ein Buch gewesen, so bleibt dieses leider auch aufgrund der Kürze des Textes an der Oberfläche.

Ansonsten kommt in den verschiedenen Beiträgen zu den verschiedensten Themen (Vereinswahl, Politik) immer wieder hervor, wie wichtig und einflussreich Diegos Herkunft für sein gesamtes Leben ist: er kommt aus der Villa Fiorito, einem Armenviertel Buenos Aires, und diese Wurzeln habe er nie in seinem gesamten Leben und seinem Leben in Saus und Braus vergessen. Getreu dem deutschen Sprichwort: „du kriegst die Leute aus dem Dorf, aber das Dorf nicht aus den Leuten“ (oder so ähnlich).

Diego Maradona jubelt über das Tor von Claudio Caniggia im WM-Halbfinale 1990 gegen Italien
(c) Imago Images via OneFootball

D10S ist ein Fan-Buch, viele Bilder sind bekannt, einige nicht, viele Geschichten sind bekannt, einige nicht. Natürlich darf auch das Spiel in Meppen als erstes Spiel Maradonas in Europa nicht fehlen usw. Ich hatte mich aber ja aber schon zu Beginn des Artikels als hoffnungsloser Fan geoutet und daher kann ich das Buch durchaus empfehlen, sowohl für Newbies als auch für Menschen, die schon fast alles über ihn haben, ich finde mich aber eigentlich auch schon im Vorwort von Arnd Zeigler zu 100% wieder: „Warum Diego Armando Maradona der größte Fußballer aller Zeiten ist“, hier vergleicht er Diego eher mit (Pop-)Kultur-Stars wie Presley, van Gogh, Lennon oder James Dean (dieses wird am Ende des Buches anhand von Fotos von Diego und Musikern auch noch einmal gemacht) und nicht mit Fußballern, da er „unsere Herzen berühren“ konnte.
Amen! // Justus

Hardy Grüne / Dietrich Schulze-Marmeling (Hrsg.): „D10S, Maradona, Ein Leben zwischen Himmel und Hölle“, 160 Seiten, Werkstatt-Verlag, 29,90€

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