Der Fall Christian Eriksen – Gespräch mit Sozialforscher Dr. Udo Baer

Der Fall Christian Eriksen – Gespräch mit Sozialforscher Dr. Udo Baer

Beim EM-Spiel gegen Finnland brach Dänemarks Christian Eriksen ohne Gegnereinwirkung zusammen und musste auf dem Spielfeld reanimiert werden. Schlimme Bilder, die selbstverständlich nicht per TV in Millionen Haushalte übertragen werden sollten. Die Mitspieler formten einen Sichtschutz um die Maßnahmen, das Spiel war für zwei Stunden unterbrochen und wurde dann doch doch fortgesetzt. „The show must go on“? Die UEFA rechtfertigt sich damit, dass die Spieler das ja auch wollten. Mal abgesehen von der Frage, ob dem wirklich so war, beschäftigte uns auch die Frage, ob man ihnen diese Entscheidung überhaupt überlassen darf – und sprachen darüber mit Sozialforscher Dr. Udo Baer.
(Titelbild: Tomi Hänninen via Imago Images / OneFootball)

Was war passiert?

Es lief die 43. Spielminute in Kopenhagen, als Christian Eriksen sich dem einwerfenden Mitspieler näherte und ohne Fremdeinwirkung in der Vorwärtsbewegung zusammenbrach. Wer die Bilder gesehen hat, dürfte schnell realisiert haben, dass hier etwas Schlimmes passiert sein musste.
Das Spiel wurde zunächst unterbrochen, Ärzte und Sanitäter eilten herbei und die Mitspieler bildeten einen menschlichen Sichtschutz. Darüber, wie die TV-Regie reagierte und was an Bildern in Europas Haushalte übertragen wurde, kann man eigene Artikel schreiben und dies ist auch schon geschehen, soll hier und heute aber nicht Thema sein. Gleiches gilt selbstverständlich auch für Videos und Bilder aus dem Stadion selbst, wo Menschen in Extremsituationen live gefilmt und die dazugehörigen Bilder auf sozialen Netzwerken teils fleißig geteilt wurden.

Wie wurde reagiert?

Das Spiel wurde zunächst unterbrochen. Beide Teams blieben auf dem Feld, die Schiedsrichter sprachen mit den Team-Verantwortlichen. Erst nachdem viele bange Minuten verstrichen waren und Eriksen offenbar wieder bei Bewusstsein war, verließ zunächst das finnische Team und kurze Zeit später auch Dänemark den Innenraum. Um 19.45h (etwa eine Stunde nach der Unterbrechung) gab die UEFA dann bekannt, dass das Spiel nach Absprache mit beiden Teams um 20.30h fortgesetzt werden würde.

Darf man traumatisierten Menschen diese Entscheidung überlassen?

Diese Frage war dann wohl eine der meistgestellten am gestrigen Abend. „Man hätte die Spieler vor sich selbst schützen müssen!“ ist die eine Seite der Antwort, „Vielleicht hilft ihnen das Weiterspielen aber auch bei der Verarbeitung“ die andere.
Wir haben Dr. Gabriele Frick-Baer und Dr. Udo Baer kontaktiert, Dr. Udo Baer war dankenswerterweise sehr schnell bereit, unsere Fragen zu beantworten. Gemeinsam mit seiner Ehefrau betreibt er (u.a.) qualitative Sozialforschung im Bereich traumatischer Erfahrungen. Auf ihn aufmerksam wurden wir über seinen Artikel „In Männerwelten darf es kein Trauma geben?“ aus dem August 2017, in dem er sich mit dem Anschlag auf den Teambus von Borussia Dortmund beschäftigte.

MillernTon: Hallo Herr Dr. Baer, vielen Dank für Ihre Zeit.
Schon kurze Zeit nach dem Vorfall um Christian Eriksen wurde das Spiel fortgesetzt. Ist dies aus Ihrer Sicht die richtige Entscheidung?

Dr. Udo Baer: Aus meiner Sicht ist dies falsch und unverantwortlich. Das können auch nicht die Traumatisierten entscheiden, sondern dafür müssen andere die Verantwortung übernehmen.

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MT: Laut übereinstimmenden Berichten gab es Kontakt zwischen Eriksen und seinem Team. Eriksen wollte, dass das Spiel fortgesetzt wird. Hätte es trotzdem abgesagt werden sollen? 

Dr. Udo Baer: Ja, hätte es. Zum Traumaschock gehört, dass man in seiner Entscheidungsfähigkeit eingeschränkt ist. Da heißt es bloß noch erstarren, kämpfen, fliehen. Viele Männer wie Eriksen und bestimmt einige andere Spieler sind dann im Modus „kämpfen“. Was gut tut, sind dann Pausen, Reden, Trösten, Entlasten…

MT: Viele Mitspieler und Gegenspieler haben mit ansehen müssen, wie Eriksen auf dem Platz reanimiert wurde. Ist es Menschen möglich, kurz nach so einem Erlebnis sportliche Höchstleistungen zu erreichen bzw. rationale Entscheidungen zu treffen?

Dr. Udo Baer: Nein. Auch wer Zeuge eines traumatischen Geschehens ist, wird meist traumatisiert. Das war deutlich zu sehen und zu spüren. Wir Menschen haben die Fähigkeit zum Mitgefühl und spüren die Not anderer, als wäre es unsere eigene.

MT: Wie reagieren Menschen auf solch traumatische Erfahrungen?

Dr. Udo Baer: Man fällt „aus der Welt“. Viele beschreiben es auch als „Abgrund“. Der Organismus ist überfordert, die Menschen sind im Schock und es geht nur noch um den Überlebensmodus. Die Wirkung hält an. Insbesondere Männer versuchen, das zu überspielen und „durchzuhalten“. Das kann oberflächlich eine Zeitlang gelingen, hat dann aber mittel- bis langfristige Folgen. Insbesondere im Männer-Fußball wird das unterschätzt, beispielsweise auch die Wirkung schwerer Verletzungen auf Mitspieler.

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MT: Welches Vorgehen wäre bei diesem Vorfall aus Ihrer Sicht angemessen gewesen?

Dr. Udo Baer: Zeit lassen. Das Spiel abbrechen und psychologische Helfer hinzuziehen, zumindest später. Was die einzelnen Menschen benötigen, ist dann sehr unterschiedlich. Manche brauchen ihre Ruhe, andere müssen darüber reden, Gefühle zeigen, sich austauschen, schimpfen, trösten und sich trösten lassen. In jedem Fall sollte man niemanden allein lassen.

MT: Vielen Dank für Ihre Zeit, Dr. Baer.

Klar ist: Wir waren nicht dabei und können und sollten uns daher kein abschließendes Urteil erlauben.
Die ersten Statements der UEFA ließen auch die Interpretation zu, dass man nur für die Spieler das Spiel fortgesetzt hätte – was aber der Einschätzung von Dr. Baer zufolge auch nicht hätte passieren dürfen. Spätere Statements des Dänischen Trainers Kasper Hjulmand und insbesondere von Torwart-Legende Peter Schmeichel (Vater von Kasper Schmeichel, der gestern im Tor stand) hingegen deuten zudem eher in die Richtung, dass es für das Team gar keine wirkliche Wahl gab – und wenn doch, dann eben nur die zwischen Fortsetzung am gleichen Abend oder am nächsten Mittag.

Wenn man sich an die Statements der BVB-Spieler beim Anschlag auf den Teambus im April 2017 (auf der Anreise zu einem CL-Heimspiel) in Erinnerung ruft, so war auch da die UEFA die treibende Kraft, die unbedingt ihren Wettbewerb durchsetzen wollte, mit allen Mitteln – was die Spieler zunächst mit sich machen ließen (das Spiel wurde am Folgetag ausgetragen), später aber stark kritisierten, wie bspw. Roman Bürki hier in einem Interview mit einem Schweizer Medium.

Klar, ein Abbruch des Spiels hätte erhebliche Schwierigkeiten für den weiteren Turnierverlauf mit sich gebracht, keine Frage – aber muss man dann sowas nicht auch einfach mal akzeptieren und zulassen? Natürlich sind wir alle froh, dass Christian Eriksen sich glücklicherweise auf dem Weg der Besserung befindet. Aber in diversen Gesprächen kamen ernsthafte Zweifel daran auf, dass die UEFA bei einem schlimmeren Verlauf deutlich anders reagiert hätte. Und auch, wenn wir dies hoffentlich nie herausfinden müssen, so ist es doch schon sehr vielsagend, dass man Sportverbänden heutzutage so ein Verhalten absolut zutraut.

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Praktischer Vorschlag für die gestrige Situation:
Spielabbruch.
Am Folgetag kann man dann das weitere Vorgehen beraten, vielleicht dann auch schon mit weiteren Informationen zum gesundheitlichen Zustand von Christian Eriksen. Das abgebrochene Spiel könnte jetzt z.B. mit 0:0 gewertet werden und beide Teams entscheiden dann für sich, ob sie am weiteren Turnierverlauf noch teilnehmen.
Wie bitte? Dies ist in den Regularien so nicht vorgesehen?
Tja, und genau da liegt dann vielleicht das Problem. Spätestens die Pandemie hat gezeigt, dass es immer wieder unvorhersehbare Situationen gibt, in denen neue Lösungen gefunden werden müssen. Und vielleicht wäre das dann für gestern auch eine sinnvollere Möglichkeit gewesen, die man nach einem Spielabbruch dann heute im gemeinsamen Gespräch mit beiden Teams in aller Ruhe hätte besprechen können.

Die Überhöhung des Fußballs (von der auch wir uns natürlich nicht freimachen können) sorgt dafür, dass man Fragen wie „Ja, aber was wird dann mit dem Turnier? Es gibt doch TV-Verträge und Sponsorengelder?“ überhaupt zulässt, statt einfach mal zu sagen: „Ja und? Es geht hier gerade um traumatische Erlebnisse und Menschenleben, was interessiert mich da so ein Turnier und das Geld von Firmen?“

// Tim & Maik

Links:
Deutschlandfunk – „Players – Der Sportpodcast“ (10min)
Sportschau zur Spielfortsetzung: Pro & Contra
Süddeutsche (Kommentar): „Niemand sollte im Schockzustand Fußball spielen müssen

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4 thoughts on “Der Fall Christian Eriksen – Gespräch mit Sozialforscher Dr. Udo Baer

  1. Danke für den Artikel!

    Brot und Spiele – Geschichte wiederholt sich einfach…

    Siehe auch München Olympia…

    Und Geld regiert die Welt

    Mir fallen noch so einige Sprüche ein…

    ps. Interessant wäre mal Doping Kontrollen im Fussball einzuführen

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