Die Entdeckung der Untätigkeit

Die Entdeckung der Untätigkeit

Das Transferfenster beim FC St. Pauli schloss sich so leise, wie es sich geöffnet hat: Kein Spieler ist neu dazu gekommen, zwei haben den Verein verlassen, einer wird im Sommer folgen. Nach durchaus wilden Transferphasen der letzten Jahre tut diese Ruhe auch mal gut. Oder doch nicht?
(Titelbild: Peter Böhmer)

Ein offenes Transferfenster lädt zum Träumen ein: Bahnt sich da vielleicht ein großer Transfer bei meinem Klub an? Ein Wechsel mit solch einer Strahlkraft, dass Gegner in Ehrfurcht erstarren und Fans bereits Flüge in die Fußballhauptstädte Europas buchen können? Hinter der nächsten Vollzugsmeldung könnte sie stecken, die große und glorreiche Zukunft!

Ich gebe zu, dass auch ich da immer drauf hoffe. Ich hoffe immer, dass der FC St. Pauli einen echten Königstransfer tätigt und sich damit so gut verstärkt, dass sportlicher Erfolg quasi unvermeidbar ist. So muss ich dann ehrlich zugeben, dass auch ich ein wenig enttäuscht bin, wenn es keine Transfer-Meldungen über Zugänge beim FC St. Pauli gibt und sich das Transferfenster damit quasi unberührt schließt. Aber von was genau habe ich da eigentlich geträumt?

Verstärkung? Ja, bitte! Aber wo?

Die gewünschten Königstransfers gab es nämlich bereits: Vor mehr als 18 Monaten kamen Guido Burgstaller und Daniel-Kofi Kyereh, die die FCSP-Offensive auf ein neues Level gehoben haben. Ebenfalls vorletzten Sommer kam Leart Paqarada zum FC St. Pauli und brachte auf die Position des linken Außenverteidigers so viel Qualität mit, wie sie sonst niemand in der Liga hat. Letzten Sommer holte der FCSP dann mit Marcel Hartel einen „echten“ Spielmacher, der von der ersten Minute an das Prädikat „unverzichtbar“ bekam. Auch Jakov Medić kam letzten Sommer und entwickelte sich, wenn auch wohl nicht direkt so eingeplant, zum echten Königstransfer.

Da also innerhalb der letzten zwei Jahre wahnsinnig viele Lücken im Kader geschlossen werden konnten, muss ich mich bei dem Wunsch nach weiteren Verstärkungen unweigerlich fragen: Auf welcher Position hätte es noch eine Verstärkung gebraucht? Denn von den Verantwortlichen wurde zuletzt immer klar kommuniziert, dass es nur Transfers geben werde, wenn diese das Team auch gleich noch auf ein anderes Level heben. Ich sehe da aktuell nicht viele Positionen, auf denen das jetzige Level nicht bereits zur Spitze der 2. Bundesliga zählt.

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Sie haben beide ein wenig gebraucht, aber spätestens seit einem Jahr sind Guido Burgstaller und Leart Paqarada unverzichtbar beim FC St. Pauli.
(c) Peter Böhmer

Keine Neuzugänge? Ja, aber auch keine krassen Abgänge!

Entsprechend habe ich am Ende der letzten Transferperiode auch nicht mehr auf tolle Neuzugänge gehofft, sondern darauf, dass niemand mehr den FC St. Pauli verlassen würde. Denn sicherlich hatte der ein oder andere Klub in der Winterpause Bedarf auf der Zehner-Position gesehen oder hatte sich nach einem linken Außenverteidiger umgeschaut. Die verwegene Hoffnung auf den Monster-Transfer des 1910-Tore-Hulk während eines offenen Transferfensters hätte sich auch ganz schnell in einen wahren Albtraum verwandeln können, wenn ein zentraler Baustein das Team verlassen hätte (Hallo Paderborn!). Das tat sie nicht und das ist eine gute Nachricht, die man auch als solche erkennen muss.

Trotzdem bleibt nun irgendwie das Gefühl, dass da vielleicht doch die ein oder andere Verstärkung hätte geholt werden können, wenn nicht gar müssen. Denn rundherum um den FC St. Pauli scheinen sich alle weiteren Aufstiegskandidaten signifikant verstärkt zu haben. So ist zumindest das Gefühl. Aber schaut man genauer hin, dann trifft das eigentlich nur auf Schalke 04 zu. Ja, auch der HSV hat sich einen neuen Spieler geholt. Aber Nürnberg? Darmstadt? Werder? Heidenheim? Die haben alle niemanden geholt. Eigentlich ballerten gestern nur aus Sandhausen Stakkato-artig die Transfer-News raus.

Wer gibt dir die Garantie, dass das Team damit besser wird?

Neuverpflichtungen im Winter sind ohnehin eine schwierige Angelegenheit. Denn es fehlt einfach eine richtige Vorbereitung. Deshalb müssten neue Spieler immer sofort, ohne viel Vorbereitung, gut ins Team passen. Das kann eigentlich nur dann der Fall sein, wenn es eine deutliche Lücke im Kader gibt (beim FCSP eher nicht der Fall) oder aber der Spieler stellt technisch, spielerisch und taktisch ein deutliches Upgrade dar. Wie wahrscheinlich ist es, dass solche Spieler im Winter auf dem Transfermarkt zur Verfügung stehen? Spieler, die sofort einsatzbereit sind und ein signifikant höheres Level mitbringen als die im eigenen Kader? Der Kreis an potenziell interessanten Spielern dürfte sehr klein gewesen sein.

Eric Smith kam letzten Winter ans Millerntor und sorgte trotz wenig Spielzeit dafür, dass der FCSP die Kurve noch bekam in einer bis dahin gruseligen Saison.
(c) Peter Böhmer

Doch eine Möglichkeit hätte es wohl gegeben, solche Spieler auch im Winter zu verpflichten. Es hätte aber vermutlich einen erheblichen finanziellen Aufwand bedurft, um sie zu bekommen. Gerade hier stellt sich dann eine ziemlich wichtige Frage: Hätte man gerade jetzt ein finanzielles Risiko eingehen sollen? Hätte der FC St. Pauli jetzt im Winter alles auf eine Karte setzen sollen, da man dem Aufstieg so nahe ist, wie lange nicht mehr? Nicht wenige würden diese Frage mit einem klaren „Ja, gerade jetzt!“ beantworten. Denn das Titelfenster ist erst einmal nur diese Saison offen. Man mag nicht darüber nachdenken, aber es scheint bereits jetzt klar, was mit einigen der „Unverzichtbaren“ im Kader passieren wird, sollte der FCSP nicht aufsteigen. Entsprechend sollte alles daran gesetzt werden in dieser Saison aufzusteigen.

Zwo, Eins – Risiko?

Aber wie hoch wäre denn das finanzielle Risiko? Das kann natürlich nur verlässlich abgeschätzt werden, wenn man die Zahlen kennen würde. Sicher ist aber, dass die jetzige Situation mit einer erneuten massiven Beschränkung der Zuschauerzahlen nicht dafür sorgt, dass die Kasse prall gefüllt ist. Da hilft auch der Einzug ins Pokal-Viertelfinale und ein Spieler weniger auf der Gehaltsliste wenig. Der Verlust von etwa 700.000 Euro pro Geisterheimspiel kann nur ganz schwer aufgefangen werden. Durchaus möglich, dass die Kalkulation vor der Saison die jetzigen Spiele mit solch massiven Beschränkungen nicht vorgesehen hat. Das würde den finanziellen Spielraum für Transfers arg einschränken oder besser gesagt ihn komplett einstampfen und ist vielleicht genau der Punkt, der letztlich dafür sorgte, dass nun kein Transfer getätigt wurde.

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Ich kann hier jetzt noch viel hin und her überlegen, aber es ändert ja nichts daran, dass das Transferfenster nun geschlossen ist. Vielleicht gab es auch intensive Bemühungen um Spieler, deren Transfers aber dann letztlich nicht realisiert werden konnten. Es würde mich aufgrund der diversen und sehr defensiven Aussagen von Timo Schultz und Andreas Bornemann bzgl. Transfers im Winter zwar wundern, wenn da richtig viel versucht wurde, aber es wäre auch schön blöd gewesen, wenn man nicht zumindest mit offenen Ohren und Augen unterwegs gewesen wäre.
Ich kann aber auch einfach mal akzeptieren, dass der FC St. Pauli einen richtig guten Kader hat. Einen Kader der, anders als z.B. im Vorjahr, keine Verstärkungen benötigt, um oben mit dabei zu sein. Denn dass dieses Team in dieser Zusammensetzung zu Leistungen eines potenziellen Aufsteigers fähig ist, hat es in der Hinrunde gezeigt.

Vertraut dem Kader des FC St. Pauli! – Er ist sehr gut.
(c) Peter Böhmer

Interner vs. externer Konkurrenzkampf

Dieser leistungsstarke Kader, dieses, ja doch irgendwie auch zarte Pflänzchen von funktionierendem Team-Gefüge in einem Haifischbecken für Individualisten, muss ja auch gepflegt werden. Neuzugänge könnten dazu führen, dass so ein Gefüge empfindlich gestört wird. Klar, das sind Fußballer gewohnt und das müssen sie auch abkönnen. Aber warum sollte man ein Team einem solchen Stresstest unterziehen, wenn es nicht zwingend notwendig ist? Warum nicht lieber den eigenen Kader noch einmal stärken, indem man ihm das Vertrauen schenkt und keine weiteren Spieler verpflichtet? Vielleicht ist das ja auch ein wichtiges Zeichen, welches das Team noch stärker machen kann.

Auf der anderen Seite schreckt in mir alles hoch, wenn es darum geht, dass dem Kader viel Vertrauen geschenkt wird und er scheinbar mit Samthandschuhen angefasst wird. Denn ich erinnere mich mit Schaudern daran zurück, dass dies auch eine Art Nährboden für die „Wohlfühloase“ gewesen ist, von der sicher alle froh sind, dass sie nun nicht mehr existiert (also, hoffentlich). Sicher ist: Nur wenn der Konkurrenzkampf im Team hoch bleibt, wird es auch Höchstleistungen geben. Die Verantwortlichen müssen also die gesunde Mitte finden. Es scheint als haben sie sich dafür entschieden, dass der jetzige Kader genug Druck untereinander erzeugt.

Natürlich hätte ich ihn gerne gehabt, den einen Transfer bei dem es von Fans anderer Vereine voller Ehrfurcht verfasste Kapitulationsverkündungen gibt. Gründe dafür, dass ein solcher Transfer nicht stattfand, gibt es genügend: Fehlende finanzielle Mittel, das fehlende Angebot oder die Idee, alles so zu belassen, wie es ist.
So ist die jetzige Transferphase sicher eine der ruhigsten, die es in den letzten Jahren beim FC St. Pauli gab. Becker wechselt im Sommer, Coordes und Knoll haben neue Klubs – das war es schon und diese Ruhe ist auch mal irgendwie ganz schön.
Doch ob das Vorgehen richtig ist, entscheidet natürlich erst der Rest der Saison.

//Tim

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6 thoughts on “Die Entdeckung der Untätigkeit

  1. Moin Tim,
    Ja, du hast wohl recht, das wir nicht wirklich aktiv werden mussten, aber einen Daniel Ginczek hätte ich trotzdem gerne wieder bei uns begrüßt. Wenn Burgi mal länger ausfällt und auch Kofi’s Genesung auf sich warten lässt, haben wir ganz vorne leider ein Vakuum. Und Daniel ist im besten Alter, will es allen nochmal zeigen und hat als letztes bei uns zweistellig genetzt. Aber warscheinlich hätten wir gegenüber D’dorf auch finanziell nicht die besseren Agumente gehabt….

    1. Moin Jan,
      ja, den hätte ich auch gerne beim FC St. Pauli gesehen. Aber ist das eine Perspektive für Ginczek, Back-up für Kofi und Burgstaller? Ich habe Ähnliches beim Wechsel von Philipp Klement nach Paderborn gedacht. Das sind Spieler, die nicht aus der 1. Liga kommen, um als Back-up zu fungieren. Der FC St. Pauli kann da einfach nicht die richtige Perspektive bieten, finde ich, was Transfers dann noch schwerer macht. Andersrum würde solche Transfers dann auch bedeuten, dass Kofi/Burgi auf der Bank sitzen, wenn alle fit sind (was in der Hinrunde der Fall war). Burgi und Kofi auf der Bank?!

  2. Berlin Berlin wir fahren nach Berlin auch wenn es nur das Viertelfinale bei Union ist.Aber zum Finale in der gleichen Stadt sind es nur noch 2 Pokal-Runden Träumen ist erlaubt.
    Forza St.Pauli.

  3. Moin Tim, ich freue mich immer wieder hier von Dir zu lesen, wenn ich mir Unseren Etat in Liga Zwo anschaue, haben wir damit in dieser Saison so ziemlich alles erreicht. Wir spielen endlich mal wieder gemäß Unserer Mittel absolut schönen und (mehr oder weniger) erfolgreichen Fußball. Rund ums Millerntor passt eigentlich für mich daher gerade Alles, bis auf die leeren Ränge!!!. Das habe ich die letzten Jahre auch schon ganz anders erlebt, da gab es ohne Ende Angsthasenfussie am Millerntor und viele (un)kritische Stimmen. Sogar mein „Klassenziel“ haben wir schon in der Hinrunde (so gut wie) erreicht. Von daher ist für mich gerade alles Suppie und auch die nächsten SPIELE, egal wie die für Uns ausgehen werden, ändert da jetzt nichts mehr dran. Hauptsache, jetzt kein „BuLi Druck“ und/oder („Hätte hätte …“). Gerade solch ein Transferwahnsinn wie von den „Radkappen“ mit einem NvdA und Unserm FOB und dem „MilliardärsHobbyVerein“ zeigen mir, was das für ein sch… Geschäftsmodell ist. Ich finde es schlimm, dass Wir in diese inflationäre Strukturen für nen möglichen sportlichen Erfolg involviert sind und dieses hier nicht (oder ohne Widerspruch) diskutieren. Ohne notwendige faire Strukturen, für mich erstmal NIX BuLi! Forza Sankt Pauli
    PS Oder, ist das jetzt vielleicht zu romantisch von mir?!

  4. Immerhin haben wir ein paar Neue für die U23 verpflichtet woran ich mich so in Winterpausen auch nicht wirklich erinnern kann, vielleicht überrascht ja einer von denen…

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