Zu den Vorfällen in Rostock

Zu den Vorfällen in Rostock

Das Auswärtsspiel des FC St. Pauli bei Hansa Rostock wird noch lange nachhallen. Grund dafür ist aber nicht die enttäuschende Leistung des FCSP auf dem Rasen bei der 0:1-Niederlage. Es sind, wie es zu befürchten war, die Geschehnisse abseits des Platzes. Hilfreich kann jetzt nur eine gewissenhafte Aufarbeitung sein, bei der vieles hinterfragt werden muss.

An oberster Stelle, weil es das wichtigste ist:
Gute Besserung an all jene, die sich bei den Vorfällen rund um das Spiel verletzt haben und verletzt wurden. Damit meine ich nicht nur die physischen, sondern auch die psychischen Verletzungen. Die bisher veröffentlichten Erlebnisberichte sind nicht viel weniger als erschütternd und zeichnen ein erschreckendes Bild. Angesichts der Geschehnisse muss man fast schon froh sein, dass nicht noch viel Schwerwiegenderes passiert ist.

Aber was genau ist passiert?

Das gilt es jetzt möglichst gut zu dokumentieren. Der Fanladen hat dazu aufgerufen, Gedächtnisprotokolle anzufertigen. Eine Anleitung, wie ein Gedächtnisprotokoll zu verfassen ist, findet ihr hier. Auch die Braun-Weisse Hilfe unterstützt diesen Aufruf.
Wichtig: Dies soll möglichst zeitnah geschehen und es soll auch nicht mit denen der Mitfahrer*innen verglichen werden.

Wie wichtig solche Gedächtnisprotokolle sind, zeigte die Aufarbeitung der Vorfälle auf der Auswärtsfahrt nach Bielefeld. Auch anhand der aufgezeichneten Gedächtnisprotokolle wurde eine gutachterliche Stellungnahme der Vorfälle verfasst und auf Grundlage dieses Gutachtens stellt der FC St. Pauli ein knappes halbes Jahr nach den Vorfällen Strafanzeige gegen die polizeiliche Einsatzleitung. Anfang dieses Jahres wurde dann klar: Der „Bielefelder Kessel“ war rechtswidrig.
Einige Berichte aus der Fanszene über die Vorfälle in Rostock gibt es bereits:

Wir fassen jetzt an dieser Stelle nicht noch einmal zusammen, was berichtet wurde. Das haben bereits sämtliche regelmäßig über den FC St. Pauli berichtenden Medien getan. Und das ist gut so. Denn viel zu oft wurden in der Vergangenheit Polizeiberichte einfach nur übernommen. Das macht die Geschehnisse nicht besser und es heilt auch keine Wunden schneller. Aber es sorgt dafür, dass auch die Personen, die den FC St. Pauli nicht als Teil der aktiven Fanszene verfolgen, mitbekommen, dass „die werden schon was gemacht haben“ als Erklärung schlicht falsch ist. Vielmehr verschafft es Gehör. Es sorgt dafür, dass viele Menschen solche Dinge besser einordnen können.

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Gehör verschaffen

Gehört werden. Da sind wir beim nächsten Punkt, der seit den Vorfällen diskutiert wird. Denn obwohl sehr zeitnah z.B. in den Sozialen Medien klar wurde, dass es in und vor dem Gästeblock zu schrecklichen Szenen gekommen ist, äußerte sich der Verein vorerst nicht. Es ist völlig klar, dass es in solchen Fällen nicht möglich ist innerhalb kürzester Zeit eine differenzierte Sichtweise in den Vereinsmedien zu präsentieren. Aber eine kurze Notiz, dass dem Verein bewusst ist, dass da etwas passiert und die eigenen Fans Probleme haben, die wäre auch noch am Samstagabend, ohne Details und Abstimmung, möglich gewesen. Natürlich braucht es keine „Live-Berichterstattung“.

Sonntagmittag äußerte sich der Verein dann zu den Vorfällen, nach Rücksprache mit dem Fanladen, der sich zu den zeitlichen Abläufen jetzt auch nochmal auf Twitter äußerte. Auch hier gilt natürlich, dass ein Tweet niemandem im Kessel hilft, die Vorfälle nicht besser macht und keine Wunden schneller heilt. Aber es verschafft Gehör. Und spätestens nach den Vorfällen in Bielefeld, als sich der Verein ebenfalls nicht zeitnah positionierte, hätte erwartet werden dürfen, dass man dafür sensibilisiert ist. Besonders dann, wenn der FC St. Pauli in Rostock antritt. Der Fanladen hat in solchen Situationen verständlicherweise besseres zu tun und hat auch keine Medienabteilung, vielleicht steht er dann auch gerade nicht zur Absprache zur Verfügung. Für ein kurzes Statement der Solidarität hätte es aber wohl keinerlei Abstimmung bedurft. Es gibt viele Fans, die daraus Unterstützung ziehen, und sei es dann eben auf der Rückfahrt im Sonderzug.

Nebenbei sorgt sowas dann auch für ein Gemeinschaftsgefühl. Denn wenn der FC St. Pauli in fremden Stadien der Liga auftritt, dann tritt er mit seinen Spielern auf dem Platz, seinem Funktionsteam auf der Bank und seinen Fans auf der Tribüne an. So und nicht anders sollte es sein. Dass dies ein zu romantischer Gedanke ist, ist uns auch klar. Aber es wäre schön, wenn sich Mühe gegeben wird, dieses Gefühl zu erschaffen bzw. aufrecht zu erhalten.

Aber wichtiger und nachhaltiger als der schnelle Tweet ist dann natürlich, was genau am Ende offiziell kommuniziert wird: Die Stellungnahme des Vereins, wie sie heute erschien – und die benötigt natürlich Zeit der Absprache und Klärung. Im Idealfall klappt aber natürlich beides (Auszüge daraus gibt es weiter unten im Text zu lesen).

Rostock, Deutschland 02. April 2022: 2. BL - 2021/2022 - FC Hansa Rostock vs. FC St. Pauli Fankurve, Fans, Fanblock, Hansa Rostock im Hintergrund St. Pauli
Im Stadion in Rostock stehen die aktiven Fanszene des Heim- und der Gästeteams auf einer Tribüne.
(Fotostand/Voelker/via Imago Images/via OneFootball)

Die Ansetzung – ein Problem

Zurück zu den Vorfällen, denn bei all der Kritik an fehlenden Äußerungen darf der Fokus nicht verloren werden: Menschen wurden verletzt. Der Fanladen schreibt es deutlich: „(…) in Rostock ist es nicht nur zu Angriffen auf St. Pauli-Fans sondern auch zu verschiedenen Polizeieinsätzen gegen Fans des FC St. Pauli gekommen, bei denen Mitreisende durch Polizist*innen verletzt und drangsaliert worden sind.

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Es ist klar, dass ein Spiel zwischen Hansa Rostock und dem FC St. Pauli kein „normales“ Fußballspiel ist. Umso verwunderlicher war, dass dieses Spiel unter Flutlicht ausgetragen wurde. Das soll gar nicht relativieren. Die Historie der Spiele hat gezeigt, dass es auch schon bei Tageslicht zu schweren Vorkommnissen kam. Trotzdem dürfte es, wenn überhaupt, nur wenige geben, die der These widersprechen, dass Flutlichtspiele das größere Potenzial für solche Vorfälle haben. Entsprechend klang bereits vor dem Spiel das Echo: Oke Göttlich kritisierte die Ansetzung deutlich und eigentlich alle fragten sich, warum gerade dieses Spiel abends stattfinden muss, zumal vonseiten der Polizei nach dem letzten Aufeinandertreffen gefordert wurde, dass solche Spiele eben nicht mehr abends stattfinden. Aber anscheinend ging es bei der Ansetzung dann eher um TV-Quoten, wie die Aussagen im NDR zeigen.

Polizeiliches (Fehl)Verhalten

Sicher ist das nicht der alleinige Grund, warum es zu solchen Vorfällen kam. Aber es gibt gute Argumente dafür, dass solche Spiele eben nicht abends ausgetragen werden. Bei der Aufarbeitung der Geschehnisse muss dieser große Fehler in der Ansetzung (anscheinend zugunsten von TV-Quoten) zwingend mitdiskutiert werden und hier dürfen die Personen, die das entschieden haben, nicht aus der Verantwortung genommen werden.
In der viel größeren Verantwortung steht aus der Sicht vieler die Polizei. Die Zeilen der Braun-Weissen Hilfe sind erschütternd:

Die eingekesselten Sankt Pauli Fans wurden dabei wahllos und zum Teil großflächig mit Pfefferspray, Fausthieben und Schlagstöcken von der Polizei attackiert, zudem setzte sie mehrmals den Wasserwerfer ein. (…) Als Fans nun versuchten sich von der Seite des Rostocker Heimblocks zu entfernen, wurden sie durch die Polizei unter Gewaltanwendung wieder zurück getrieben. Der polizeiliche Fokus blieb jedoch bei den Fans aus Hamburg.

Braun-Weisse Hilfe: Polizei Rostock – planlos und aggressiv

Das Verhalten der Polizei wird in sämtlichen Erlebnisberichten massiv kritisiert. Nicht nur die Gewalt gegen Fans des FC St. Pauli, wie die Braun-Weisse Hilfe schreibt, sondern auch der augenscheinlich ausbleibende Lern-Effekt sind dabei hervor zu heben. Das Rostocker Stadion ist insofern besonders, als dass die aktive Fanszene von Rostock auf der gleichen Tribüne steht, wie auch die Gästefans. Vor dem Stadion gibt es daher einen Pufferbereich zwischen Heim- und Gästeumlauf. Nun ist es bereits in der Halbzeitpause zu Würfen von Pyrotechnik und weiteren Gegenständen gekommen. Mit Spielabpfiff stand die Polizei jedoch nicht in diesem Pufferbereich, sondern im Gästebereich – und dort waren die Tore verschlossen. Warum sich die Polizei nur im Gästebereich aufhielt, muss dringend geklärt werden. Für Deeskalation sorgte es jedenfalls nicht.

Dass die Polizei in ihrem Bericht davon schreibt, dass sie „konsequent“ eingeschritten sei und durch den Einsatz des Wasserwerfers „größere Ausschreitungen“ verhindert hätte, klingt in den Ohren vieler wie blanker Hohn. Im eingangs verlinkten Bericht der Piratenbrigade wird gleich zu Beginn klargemacht, was der Polizeibericht aus Autoren-Sicht wert ist. Auch der Supportblock wählte deutliche Worte auf Facebook, wirft der Polizei „Totalversagen“ vor und betont, dass die Fans selbst dafür gesorgt hätten, dass die Situation nicht weiter eskaliert sei.
Es bleiben weiterhin viele offene Fragen und die meisten und wichtigsten richten sich an das Verhalten der Polizei.

Stellungnahme des FC St. Pauli

An diesem Mittwoch veröffentlichte der Verein dann ein Statement zu den Vorfällen in Rostock.
Gemeinsam mit Fanladen und Braun-Weisse Hilfe wurden erste Erlebnisberichte gesichtet, ausgewertet und Fakten zusammengetragen.

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Das Statement trägt wohl gemerkt nicht die Unterschrift von Fanladen und Fanhilfe, sondern kommt „nur“ vom Verein. Wir hatten in der Lage am Montag schon darauf hingewiesen, dass ein gemeinsames Statement sicher noch eindrucksvoller wäre. Da der mediale Druck aber zunahm, wollte man wohl nicht länger um einzelne Formulierungen ringen und hat es „nur“ als Verein veröffentlicht. Der Teilen der Stellungnahme durch den Fanladen in den Sozialen Medien zeigt aber, dass in den Grundsätzen Einigkeit herrscht.
Während in der Vergangenheit in solchen Fällen gerne auch mal möglichst defensiv/neutral formuliert wurde, ist die Kommunikation dieses mal sehr deutlich und unmissverständlich:

  • Der Umgang mit Gästefans ist absolut inakzeptabel und verantwortungslos gewesen.
  • Wir sprechen hier von einem Organisationsversagen auf ganzer Linie.
  • Es handelte sich um einen Angriff, bei dem mutwillig in Kauf genommen wurde, die Gesundheit von allen möglichen Fans zu gefährden. Das folgende gewalttätige Vorgehen der Polizei gegen die Gästefans war willkürlich und unverhältnismäßig.
  • Nach Abpfiff der Partie ist es außerhalb des Gästeblocks auf dem Weg zu den Shuttlebussen zu Polizeigewalt gegen unsere Fans durch den Einsatz von Schlagstöcken, Wasserwerfern und Reizgas gekommen, nachdem unsere Fans erneut von Rostocker*innen angegriffen wurden, während sie auf engstem Raum festgesetzt waren, und keine Möglichkeit hatten, dem Angriff zu entkommen, sodass Panik ausbrach. 
  • Es war an dem Abend nicht erkennbar, dass die Polizei ihrem Schutzauftrag nachgekommen ist.
  • Wir als FC St. Pauli verurteilen jegliche Form von Gewalt und stellen uns hinter die betroffenen Fans. Ihr seid nicht allein.  
    (Alles Zitate aus der Stellungnahme.)

Nachtrag, 07. April: Jetzt ist auch die Stellungnahme des Fanladens veröffentlicht worden. Daraus:

  • […] müssen wir feststellen, dass die Polizeitaktik am Gästebereich des Stadions augenscheinlich falsch war und dass viele Fans durch offenkundig unangemessene Anwendung von Gewalt durch die Polizei verletzt wurden.
  • Während der Halbzeitpause des Spiels konnten Heimfans minutenlang den Umlauf des Gästebereichs mit pyrotechnischen Artikeln sowie Farbkartons beschießen bzw. bewerfen, ohne dass die in Sichtweite mit einem großen Aufgebot postierte Polizei eingriff.
  • Im Anschluss an diese Aktion stürmte die Polizei in den Umlaufbereich des Gästeblocks und drängte die dort stehenden St. Pauli-Fans unter Anwendung von Gewalt in den Block. Da dieser gut gefüllt war, gab es einen Stau im Mundloch, so dass die Fans sich nicht weiter bewegen konnten. Trotzdem wurden sie in dieser Situation weiter mit Fußtritten und Schlägen traktiert.
  • Es wurden Wasserwerfer, Schlagstöcke und Reizgas gegen die St. Pauli-Fans eingesetzt, während diese von der Polizei auf engstem Raum festgesetzt waren und weiter dem ungehinderten Beschuss mit Pyrotechnik ausgesetzt wurden.
  • Viele St. Pauli-Fans erlebten bei diesem Einsätzen Momente der Panik und es gab zahlreiche Verletzte. Auch zwei Mitarbeitende des Fanladens wurden in Ausübung ihrer Tätigkeit durch Fußtritte bzw. den Einsatz von Reizgas  von der Polizei verletzt.
  • Der im Anschluss verfasste Polizeibericht gibt nach unserer Einschätzung die Umstände nicht korrekt wieder. Gerade die Polizei sollte nicht – und darf es gesetzlich auch nicht – Schnelligkeit und mediale Lufthoheit vor inhaltliche Korrektheit ihrer Berichte setzen. 

Wir wünschen allen verletzten Personen weiterhin gute Besserung und hoffen sehr, dass es nach diesen Vorfällen eine gründliche Aufarbeitung geben wird und der Polizeieinsatz weiter kritisch beleuchtet wird. // Maik & Tim

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2 thoughts on “Zu den Vorfällen in Rostock

  1. Vielen Dank, dass ihr immer verlässlich alles an relevanten Informationen zusammen tragt.

    Zu Recht seid ihr jetzt auch ausgezeichnet!

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