Zweite Halbzeiten lagen dem FC St. Pauli zuletzt nicht. Ist es mehr als nur ein Trend? Und falls ja, was sind die Gründe dafür, dass der FCSP nach Wiederanpfiff so oft Probleme hat?
(Titelfoto: Stefan Groenveld)
Alexander Blessin hat dieses Thema höchstselbst auf den Tisch gelegt. Nach der 0:5-Niederlage des FC St. Pauli gegen den FC Bayern München erklärte der FCSP-Chefcoach in kleiner Runde: „Wir haben in den letzten drei Spielen von der Leistung her in der zweiten Halbzeit nachgelassen. Da müssen wir drüber nachdenken und reden, was passiert ist.“ Wer den MillernTon bereits etwas länger verfolgt, weiß genau, dass wir das als Einladung und/oder Herausforderung betrachten, so eine Aussage mal genauer unter die Lupe zu nehmen.
Seit 300 Minuten wartet der FC St. Pauli auf Treffer in zweiter Halbzeit
Joel Fujita wird es in diesem Moment herzlich egal gewesen sein, für wie lange das jetzt das letzte Mal gewesen ist, er wusste da ja auch noch nicht, als er seinen ersten Treffer für den FC St. Pauli erzielte. Am 22. Februar war das, Heimspiel gegen Werder Bremen, Fujita traf zum 2:1 in der 70. Minute. Das war der letzte Treffer des FCSP in der zweiten Halbzeit, in den folgenden rund 300 Minuten Spielzeit kam keiner mehr hinzu. Blessins Eindruck, dass der FC St. Pauli zuletzt in zweiten Halbzeiten nicht mehr so richtig gut zurechtkommt, kann zumindest anhand dieser doch schon recht langen Durststrecke bestätigt werden. Aber ist es Pech, dass der FCSP bereits so lange auf einen Treffer in der zweiten Halbzeit wartet? Oder ist es schon länger ein Spielabschnitt, der dem Team nicht so gut passt? Und falls ja, warum?
Da der letzte Treffer des FC St. Pauli in einer zweiten Halbzeit bereits rund 300 Minuten her ist, könnt Ihr euch sicher vorstellen, dass das alles nicht so richtig rosig läuft. Tatsächlich ging in den letzten vier Spielen (München, Union, Freiburg, Gladbach) die zweite Halbzeit jeweils verloren und in den beiden Partien davor fielen gar keine Tore (Frankfurt, Hoffenheim) im zweiten Abschnitt. Das ist schon insgesamt ein negativer Trend, vor allem basierend auf den erzielten Treffern. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der FCSP die gesamte Saison über oft Probleme in der zweiten Halbzeit hat, nicht erst seit einigen Wochen. Das zumindest zeigen die tiefergehenden Statistiken.
Offensive unterscheidet sich nicht zwischen Halbzeiten – das ist nicht gut
Der FC St. Pauli hat in dieser Saison bisher elf Treffer in der ersten und 14 Treffer in zweiten Halbzeiten erzielt, ist also, abgesehen von den letzten 300 Minuten, erfolgreicher in der zweiten Hälfte einer Partie als in der ersten. In den xG-Werten bildet sich die höhere Anzahl an Treffern aber nicht ab, er liegt im Schnitt bei einem schwachen Wert von etwa 0,5 pro Halbzeit, die Pause ändert daran nichts. Alles gut also? Hmmm, nein…
Denn ein gleichbleibender Wert bedeutet nicht, dass der FCSP nicht trotzdem schwächer als die Konkurrenz ist in der zweiten Halbzeit. Ein Blick in die Daten von Wyscout und ein wenig Hin- und Hergerechne zeigt: In der Bundesliga steigen die xG-Werte der Clubs in der zweiten Halbzeit im Vergleich zur ersten in dieser Saison durchschnittlich um rund 25 Prozent. Ein gleichbleibender Wert ist unüblich, neben dem FC St. Pauli ist das nur noch bei der TSG Hoffenheim und Leipzig der Fall – beide haben allerdings pro Partie einen etwa doppelt so hohen xG-Wert wie der FCSP.
Die Erhöhung der xG-Werte in zweiten Halbzeit in der Bundesliga ist normal, sie kann auch in anderen Ligen beobachtet werden. Auch wenn es regionale Unterschiede gibt, so nimmt die Zahl an Torraumszenen insgesamt zu, je länger das Spiel dauert. Dass es in der zweiten Halbzeit mehr davon gibt, ist die Regel im Weltfußball, wie unter anderem Studien von Carling & Dupont (2010) und Feng et al. (2024) zeigen. Das hängt mit der abnehmenden Laufleistung der Spieler zusammen, die Kołodziejczyk et al. (2023), dargestellt haben. Weniger Laufbereitschaft und mehr Ermüdung führt interessanterweise zwar dazu, dass mehr Abschlüsse zugelassen werden (was ja logisch ist), aber die Anzahl an eigenen Abschlüssen wird nicht in dem Maße negativ beeinflusst. Das hängt auch damit zusammen, dass Teams gegen Spielende mehr Risiko gehen, also noch die berühmte Schluss-Offensive starten. Solche Spielphasen führen zu mehr Abschlüssen, auf beiden Seiten. Und ohne das zahlenmäßig genau aufdröseln zu können, möchte ich behaupten: Genau diese Schlussoffensive fehlt dem FC St. Pauli oft.

St. Pauli fängt sich zu viele Gegentreffer nach Wiederanpfiff
Der Blick auf die Zahlen der Gegner des FC St. Pauli zeigt dann das, was man auch erwarten kann: Es gibt eine Steigerung in den xG-Werten in der zweiten Hälfte (allerdings ist sie gering: von 0,8 auf 0,9). Auch die Zahl an gegnerischen Abschlüssen nimmt zu (von 8,2 in der ersten auf 9,4 in der zweiten Halbzeit). Extrem auffällig und problematisch ist die Anzahl an Gegentreffern. In ersten Halbzeiten hat der FCSP in dieser Saison insgesamt 18 Tore gefangen, in zweiten Halbzeiten sind es 32. Einzig bei Borussia Dortmund gibt es einen höheren Anstieg an Gegentreffern (von neun auf 20 – also insgesamt in beiden Halbzeiten zusammen weniger als der FCSP in der zweiten). Das Hauptproblem dürfte hiermit identifiziert sein.
Nach dem Spiel gegen den FC Bayern München monierte Alexander Blessin, dass es seinem Team mit Beginn der zweiten Hälfte nicht gelungen sei, „die richtige Höhe“ zu finden. Der FC St. Pauli stand insgesamt zu tief, wurde auch etwas zu passiv. Ein Muster, das wir auch aus den Spielen davor kennen. Womit wir angekommen wären bei der Suche nach den Gründen dafür, dass der FCSP in der zweiten Hälfte oft nicht mehr zu seinem Spiel findet. Denn es mag banal klingen, wenn das Team nicht mehr in der richtigen Höhe das gegnerische Team erwartet. Die Auswirkungen können aber fatal sein. Weil der Gegner nicht mehr richtig gestört werden kann, der richtige Moment für den Zugriff fehlt. Das sorgt auf der einen Seite dafür, dass mehr Gefahr für das eigene Tor entsteht, aber auch weniger für das des Gegners. Denn wenn es durch eine falsche Höhe weniger Ballgewinne oder nur welche in den falschen Zonen des Spielfelds gibt, dann fehlt es auch an Entlastung und an Offensivmomenten. Plötzlich fehlt es also an elementar wichtigen Dingen im Spiel des FC St. Pauli.
Schlusslicht bei den Spielerwechseln
Ein weiteres Thema rückt unweigerlich in den Fokus, wenn oft ein Leistungsabfall in zweiten Halbzeiten beobachtet werden kann: Der FC St. Pauli hat in dieser Saison bisher 111 Spielerwechsel während der Partien vollzogen. Das ist mit einigem Abstand der geringste Wert aller Bundesligisten. Auf Platz 17 liegt Werder Bremen mit 123 Wechseln. Besser wäre es womöglich, wenn häufiger gewechselt würde. Denn Studien wie zum Beispiel die von Dilger & Vischer (2024) zeigen, dass Teams die häufig wechseln erfolgreicher sind, als jene, die seltener wechseln. Das wird mehr oder weniger direkt darauf zurückgeführt, dass eingewechselte Spieler physisch mehr leisten können (Chen et al., 2025), was sich auch in den wichtigen Parametern wie Ballgewinnen und Aktionen im Angriffsdrittel zeigt (Lorenzo-Martinez et al., 2025) Allerdings ist die Studienlage nicht so eindeutig, dass dieser Zusammenhang immer klar gegeben ist. Denn grundsätzlich können Clubs mit breiten Kadern eben auch häufiger ohne großen Qualitätsverlust wechseln. Und Clubs, die in Führung liegen, reizen auch gerne die Wechselfenster aus, Stichwort Zeitspiel. Das führt allgemein dazu, dass Clubs, die aus allerlei Gründen öfter Spiele gewinnen, auch öfter wechseln – zack, sind die Studienergebnisse verzerrt.
Trotzdem sollte allen klar sein, dass dieses Thema beim FC St. Pauli omnipräsent ist. Denkt nur mal daran, wie oft Alexander Blessin in der Rückrunde der Vorsaison betonte, wie gut und wichtig es ist, dass er viele Optionen auf der Bank hat, die er ins Spiel bringen kann. Und nun denkt mal dran, wie das aktuell aussieht. Dass der FC St. Pauli am seltensten wechselt, dürfte auch stark damit zusammenhängen, dass der Kader aufgrund von Verletzungen ausgedünnt ist und hier und da einfach auch die Qualität fehlt. Man kann es nicht nachweisen, weil es keine direkte Gegenprobe gibt, wie der FC St. Pauli wohl gespielt hätte, wenn mehr Wechsel vollzogen worden wären – aber eine Vermutung liegt nahe: Die wenigen personellen Wechsel könnten einen großen Einfluss auf die Leistungen des Teams in der zweiten Halbzeit haben.
Alexander Blessin kündigte an, dass er nun auf Ursachenforschung gehen werde, um den Leistungsabfall in den zweiten Halbzeiten wieder in den Griff zu bekommen. Das muss möglichst schnell geschehen. Denn mit dem 1. FC Köln kommt ein Team ans Millerntor, das sich mit späten Treffern auskennt. Kein Club hat mehr Treffer in der Nachspielzeit erzielt als der 1. FC Köln, der – wer hätte es gedacht – übrigens bisher die meisten Auswechslungen in dieser Bundesligasaison vollzogen hat (144). Aber lassen wir uns davon nicht blenden, denn es geht auch anders: Im Hinspiel erzielte Einwechselspieler Ricky-Jade Jones in Köln noch den Ausgleich in der Nachspielzeit. Es ist also alles möglich.
// Tim
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Würde mich interessieren, ob diese xG-Gleichheit unter Blessins RUSG ähnlich war, also von der Tendenz gleich zu sein. Auch der Vergleich zur Vorsaison ist von Bedeutung. Das würde klar auf eine taktische Begründung hinweisen und weniger auf fehlende Spielerqualität.
Lesenswert und gut herausgearbeitet. Allerdings stolpere ich schon ein wenig.
– nicht erschöpfte Wechselkontingente
– auffällig viele Gegentore nach der Halbzeit
– fehlender Zugriff und nicht finden zum Spiel nach dem Wechsel
– Fehlen elementarer Dinge nach Wiederanpfiff.
– die permanent unterdurchschnittlichen XG-Werte von teils unter 0,5 pro Spiel.
– (Eine Sache würde ich gerne erwähnen, die so nicht auftaucht. Gegnerische Trainer passen oft nach/in der Halbzeit an. Kann man die vielen Gegentore ggf. auf eine schlechte Reaktion darauf zurückführen?)
Blessin legt das Thema, welches schon länger zu beobachten ist, höchstselbst in der absoluten Crunchtime der Saison auf den Tisch und kündigt Aufarbeitung an. Besser spät als nie. Abgesehen vom Zeitpunkt, habe ich mir beim Lesen eine Frage immer wieder gestellt: Welchen Anteil haben er und ggf. das Trainerteam denn selbst daran? Das wird bestimmt Teil der eigens gemachten Aufarbeitung sein. Ich bin gespannt.