Mit Samuel „Sam“ Klein hat der FC St. Pauli seinen ersten Neuzugang der kommenden Saison verkündet. Was kann vom zentralen Mittelfeldspieler erwartet werden?
(Titelfoto: FC St. Pauli)
Das ist auch mal eine Art und Weise, mit der Handlungsfähigkeit ausgedrückt werden kann. Unabhängig von der Ligazugehörigkeit verkündete der FC St. Pauli Anfang Mai den ersten Transfer für die kommende Saison. Sam Klein kommt von Brisbane Roar ans Millerntor. Wie wichtig seine Rolle auf dem Platz sein wird, dürfte auch davon abhängen, in welcher Liga der FCSP in der Spielzeit 26/27 spielt.
The Story So Far
Sam Klein, geboren im März 2004, wuchs in Gympie im australischen Bundesstaat Queensland auf. Der Ort im Osten des Landes liegt, für australische Verhältnisse, in der Nähe von Brisbane, der drittgrößten Stadt Australiens. Dorthin wechselte Klein dann auch, nachdem er zuvor für die Gympie Diggers und Sunshine Coast FC in der Jugend aktiv war. Bei Brisbane Roar schaffte Klein dann auch den Durchbruch, feierte Anfang 2022 sein Debüt in der A-League. Doch darauf folgte erstmal keine weitere Spielzeit, die Karriere von Klein verlief nämlich bis hierhin nicht ganz geradlinig.
Australien – Europa – dann Durchbruch in Australien
Denn 2023 endete seine Zeit in Brisbane vorerst. Sam Klein, der auch norwegische Wurzeln besitzt, versuchte seine Karriere in Skandinavien fortzusetzen. Das klappte aber nicht wie gewünscht und wir sind sehr interessiert daran, Klein irgendwann mal danach zu fragen, wie diese Phase so war. Anfang 2024 kehrte er nach Australien zurück, spielte bei den Gold Coast Knights, einem Club, der südlich von Brisbane und in der zweiten australischen Liga zu Hause ist.
Seine Leistungen dort machte Brisbane Roar wieder auf ihn aufmerksam, im September 2024 kehrte er zurück und nach einigen Kurzeinsätzen erkämpfte sich Sam Klein ab Anfang 2025 einen Stammplatz dort, erzielte in 19 Ligaspielen fünf Treffer, seinen ersten übrigens an seinem 21. Geburtstag. Auch in der nun beendeten Saison war Klein Stammspieler und zeigte mit vier Treffern erneut, dass er weiß, wo das gegnerische Tor steht (schaut euch doch einfach mal alle seine Tore in der A-League an). Mit diesen Leistungen machte er den FC St. Pauli auf sich aufmerksam. Sein nun bald ehemaliger Arbeitgeber Brisbane Roar erklärte, dass der FCSP eine „signifikante“ Ablösesumme für Sam Klein bezahlt, dessen Vertrag noch bis 2027 lief und dass der Club zudem eine Weiterverkaufsbeteiligung vereinbart habe.
Das sagt der Experte
Um Sam Klein und seine Fähigkeiten etwas besser kennenzulernen, haben wir mit Petar Petrov gesprochen. Petar arbeitet in beratender Funktion im Scouting und der Talentsuche. Er hat unter anderem für Brisbane-Konkurrent Wellington Phoenix FC in so einer Funktion gearbeitet, kennt die A-League und die dort kickenden Spieler entsprechend sehr gut. Wir haben ihm ein paar Fragen zu Sam Klein gestellt.
Moin Petar, Sam Klein wechselt zum FC St. Pauli. Denkst Du, dass dieser Wechsel liga-unabhängig passt?
Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich, obwohl in den Medien bereits Gerüchte über diesen möglichen Transfer kursierten, nicht wirklich damit gerechnet habe, dass Klein so einen großen Sprung auf Anhieb wagen würde. Er hat zwei sehr solide Spielzeiten hinter sich und war in in dieser Zeit wohl Brisbanes beständigster Spieler – was angesichts der schwachen Leistungen des Vereins zwar keine große Leistung ist, aber dennoch ist er gut gewesen. Meiner Meinung nach könnte ein möglicher Abstieg von St. Pauli ein besseres Szenario für seine persönliche Entwicklung sein. Denn ich glaube nicht, dass er derzeit ein fertiger Spieler auf Bundesliganiveau ist. Körperlich ist er, anders als die meisten jungen australischen Spieler, auf einem sehr guten Niveau, aber technisch gibt es Probleme, die weniger auffallen würden, wenn er stattdessen in der 2. Bundesliga spielen würde.
Klein spielt im zentralen Mittelfeld. Welche Position dort passt am besten zum ihm?
Was seine Rolle angeht, ist Sam das, was man als „Box-to-Box“-Mittelfeldspieler bezeichnen würde. Er ist ein zentraler Mittelfeldspieler im wahrsten Sinne des Wortes. Ja, er stürmt gerne nach vorne und ist sehr gut darin, im Strafraum aufzutauchen, aber er ist kein „10er“ und eigentlich nicht besonders gut darin, Bälle in diesem Raum zu bekommen. Wenn ich ihn mit einem Spieler vergleichen müsste, der den St. Pauli-Fans bestens bekannt ist, dann wäre das Jackson Irvine. Ironischerweise weisen die beiden Australier in Bezug auf ihr Profil viele Gemeinsamkeiten auf. Ähnlich wie Irvine ist Klein kein Spieler, der besonders viele Pässe spielt oder gerne tief im Spielfeld annimmt. Er kann als Teil einer Doppelsechs spielen, fühlt sich aber nicht wohl in der Rolle des Hauptspielmachers.
„Brisbanes beständigster Spieler“
Was sind seine Stärken auf dem Feld?
Er ist hervorragend darin, erste und zweite Bälle zu gewinnen, ist aber selten derjenige, der den Ball anschließend weiter nach vorne bringt. Klein zeichnet sich vor allem durch seine Fähigkeit aus, im und um den Strafraum herum aufzutauchen und präzise abzuschließen, sei es aus dem Spiel heraus oder nach Standardsituationen. Sein Timing und sein Abschluss machen ihn besonders gefährlich bei Hereingaben oder umkämpften Bällen. Er ist kein besonders eleganter Dribbler, kann den Ball aber effektiv in den freien Raum tragen und Gegner ausspielen, insbesondere wenn er mit Schwung vorstößt.
Und in welchen Bereichen kann er sich noch verbessern?
Er wird wahrscheinlich sowohl seine Stärken als auch seine Schwächen verbessern müssen, unabhängig davon, in welcher deutschen Liga er in der nächsten Saison spielt. Aber der Bereich, in dem er sich meiner Meinung nach besonders verbessern muss, ist seine Fähigkeit, den Ball zu halten und seine Ballberührungen beziehungsweise Pässe effektiver zu gestalten. Er hat eine sehr niedrige Passquote (75,2 % laut Opta) für einen Mittelfeldspieler und bereitet selten nennenswerte Torchancen durch Pässe vor (0,09 xA pro 90 Minuten). Er geht manchmal etwas schlampig mit dem Ball um, besonders in tieferen Bereichen, und ist nicht der Typ Spieler, den man unter Druck vor dem eigenen Tor anspielen möchte.
Es ist ein großer Schritt für Sam Klein, als australischer Fußball nach Europa zu wechseln. Welche Besonderheiten bringt er mit? Gibt es Fähigkeiten, die australische Fußballer auszeichnet?
Ja, das ist ein riesiger Schritt nach vorne für Sam. Connor Metcalfe zum Beispiel, der bei St. Pauli spielt, galt vor seinem Wechsel nach Deutschland weithin als eines der größten Talente Australiens und als einer der besten Mittelfeldspieler der A-League. Das trifft auf Klein nicht zu, der zwar hoch gehandelt wird, aber in einer Zeit, in der der Talentpool im australischen Mittelfeld so groß ist wie seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr, nicht als garantierter zukünftiger Socceroo gilt. Eine Sache, die Klein gegenüber anderen jungen Mittelfeldspielern in der A-League auszeichnet und die ihm bei seinem Wechsel nach Deutschland definitiv helfen wird, ist seine körperliche Stärke und sein robuster Körperbau. Das war bei australischen Spielern, die aus der A-League ins Ausland gewechselt sind, nicht immer der Fall. Klein ist in dieser Hinsicht wahrscheinlich eine Ausnahme, und ich glaube, dass seine körperliche Leistungsfähigkeit einer der Gründe ist, warum St. Pauli ihn ins Visier genommen hat. Ich glaube, dass der Übergang nicht ganz reibungslos verlaufen wird. Aber wenn er sich gut einlebt und Zeit zur Entfaltung bekommt, kann ich mir gut vorstellen, dass Sam Klein im Millerntor-Stadion zu einem weiteren australischen Helden wird.
Vielen Dank für die ausführliche Einschätzung, Petar!

Kopfballstark, torgefährlich, gute Vororientierung
Es dürfte nicht lange dauern, bis irgendwann in den Medien rund um den FC St. Pauli Überschriften der Marke „Klein ganz groß“ zu lesen sein werden. Das hat zwei Gründe, wie unter anderem das Videostudium zeigt: Zum einen ist Sam Klein tatsächlich sehr groß. 1,92m sind für einen Spieler auf seiner Position ungewöhnlich. Diese Körpergröße weiß er einzusetzen. Kein anderer Spieler auf seiner Position führte in den letzten beiden Saisons der A-League mehr Kopfballduelle als Klein. Der zweite Grund hängt teilweise auch direkt mit seiner Kopfballstärke zusammen: Sam Klein ist torgefährlich, traf in den letzten zwei Saisons auch einige Male per Kopf. Diese Präsenz in der Luft ist etwas, was dem FC St. Pauli sicher guttun würde. Gleiches gilt für die Torgefahr, denn diese fehlt in der aktuellen Saisons von der Doppelsechs nahezu komplett. Mit Sam Klein bekommt der FCSP den zentralen Mittelfeldspieler der A-League, der diese Saison die meisten Schüsse abgegeben hat.
Aber das Videostudium zeigt auch ein paar Baustellen, an denen Sam Klein unbedingt arbeiten muss. Seine Vororientierung ist gut, aber er ist niemand, der mutig das Spiel aufbaut, eher den Ball klatschen lässt, seltener aufdreht, auch wenn es die Situation ermöglicht. Anders ist es, wenn Klein mit Blickrichtung auf das gegnerische Tor den Ball erhält, dann ist sein Spiel oft sehr mutig und progressiv. Sein Zweikampfverhalten ist ausbaufähig. Das liegt nicht an der Körperlichkeit, denn Klein bringt gute Voraussetzungen für direkte Duelle mit. Nein, es fehlt ihm nicht selten am richtigen Timing, weshalb selbst in der eher groben A-League relativ oft Fouls gegen ihn gepfiffen werden. Zudem muss Sam Klein an seinem Passspiel arbeiten, auch hier ist das Timing oft ein Thema, auch das Tempo. Zudem ist, wie eigentlich für alle U23-Spieler, die Entscheidungsfindung noch ausbaufähig.
Interessant ist, dass das Gesamtpaket von Sam Klein – kopfballstark, torgefährlich, etwas ungestüm im Zweikampf, stets mutig, wenn er den Blick nach vorne hat, aber ausbaufähig in Sachen Technik und Tempo – jenem von Jackson Irvine EXTREM ähnlich ist, wenngleich es sich noch auf einem anderen Level befindet.
Überangebot im zentralen Mittelfeld
Mit Sam Klein wird ab nächster Saison also ein Spieler das Trikot des FC St. Pauli tragen, der im zentralen Mittelfeld zu Hause ist. Das sorgt für ziemlich viele Beine, die sich auf diesen Positionen wohlfühlen. Mit Jackson Irvine, Matti Rasmussen, Eric Smith, Joel Fujita, Connor Metcalfe und James Sands gibt es im Kader nicht weniger als sechs Spieler, die diese Position in der aktuellen Saison bereits bekleidet haben. Es war eh schon klar oder ist zu erwarten, aber der Transfer von Sam Klein zeigt auch noch einmal deutlich auf: Dem Kader des FC St. Pauli steht ein (möglicherweise recht großer) Umbruch bevor.
Sicher ist, dass Sam Klein eines der neuen Gesichter dieses Umbruchs wird. Wie prominent er dabei auftritt, hängt von mehreren Faktoren ab. Zum einen natürlich davon, wie schnell und gut er sich an den europäischen Fußball gewöhnt und wie schnell er seine Fähigkeiten (weiter)entwickeln kann. Zum anderen aber sicher auch davon, wie viel Spielzeit er bekommen kann, was womöglich maßgeblich davon abhängen könnte, in welcher Liga der FC St. Pauli in der kommenden Saison spielen wird.
So oder so kann sich der FCSP über einen wirklich spannenden Spielertypen freuen, der vor allem in Sachen Körperlichkeit mithalten dürfte und im Bereich Torgefahr vielleicht sogar den neuen Maßstab beim FC St. Pauli auf dieser Position setzen kann, was extrem wichtig wäre.
Herzlich willkommen am Millerntor, Sam Klein!
// Tim
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Danke für das Profil. Ich bin bei diesem Transfer noch unentschlossen. Wir wissen noch gar nichts über die nächste Saison. Weder Liga, noch Trainer oder System. Von daher finde ich es richtig, wenn ein Verein von diesen Faktoren (insbesondere Trainer) unabhängig, Spieler holt, welche aus deren Sicht ins Langzeitkonzept passen. Bin kurz über „Signifikante Ablöse“ gestolpert, hab dann aber mal Markt-und Kaderwerte und die höchsten Ablösesummen geschaut. Da sehe ich kein finanzielles Risiko. Von daher passt es. Insgesamt liest sich das nach einem Perspektivspieler 2.Liga und da bin ich dann schon etwas verwundert. ( und ich lese hier auch nicht, die oftmals vorkommende Euphorie) Klar richtig und wichtig derzeit für beide Ligen zu planen. Aber da wünsche ich mir dann schon Spieler die eher Perspektivspieler 1.Liga sind. Andererseits hat A. Bornemann uns schon öfter mit Topp Transfers überrascht. Ich hoffe, das ist diesmal wieder so und wünsche Sam, dass es einfach passt. Würde mich für alle freuen.