Oben dabei?

Oben dabei?

Der FC St. Pauli gehört sicher nicht zu den heißesten Aufstiegsanwärtern auf den Aufstieg. Aber unter bestimmten Voraussetzungen ist vieles möglich.

Es ist eine inzwischen oft widerlegte These, dass die Bundesligaabsteiger in der Folgesaison automatisch die großen Favoriten auf den Aufstieg sind. Ausnahmen bestätigen diese Regel. Wenn Clubs wie Stuttgart, Köln, Bremen oder jetzt Wolfsburg absteigen, dann sind das Betriebsunfälle, die mit entsprechenden Mitteln repariert werden können. So wie es der VfL Wolfsburg aktuell macht: Es wird ein Kader zusammengestellt, bei dem ein Nicht-Aufstieg aufgrund seiner individuellen Qualität einer epischen Blamage gleichkommen würde.

So einen Kader hat der FC St. Pauli in dieser Saison ganz sicher nicht beisammen. Es fehlen einfach die finanziellen Mittel, um einen Kader zusammenzustellen, der ohne Wenn und Aber aufstiegsreif ist. Aber wohin geht die Reise des FCSP in der Saison 26/27? Graues Tabellenmittelfeld? Kann bei gutem Verlauf, wenn die eigenen Ideen aufgehen, sogar ein Wort in Sachen Aufstieg mitgeredet werden? Oder muss sogar nach unten geschaut werden?

Mathias Rasmussen (FC St. Pauli) beim Testspiel gegen Deportivo A Coruna am Millerntor, 01.08.2026. // (c) Stefan Groenveld
Mathias Rasmussen beim Testspiel am letzten Wochenende. // (c) Stefan Groenveld

FC St. Pauli wagt den Neuanfang

Zwar geht die Saison für den FC St. Pauli bereits diesen Sonntag los, von einem fertigen Kader kann aber nicht gesprochen werden. Vielmehr werden noch Spieler gehen und, als Folge dessen, neue Spieler kommen. Und da es sich dabei um „Hochkaräter“ wie Eric Smith und Joel Fujita handelt, ist davon auszugehen, dass die Neuzugänge mehr als Ergänzungsspieler sein werden.

Umbruch noch voll im Gang

Diese noch offenen Planstellen sind natürlich nicht optimal. Schöner ist es, wenn der Kader bereits zu Beginn oder früh in der Vorbereitung beisammen ist. Vor allem in diesem Sommer, wo ein neuer Trainer und eine neue Liga einen starken Umbruch im spielerischen Bereich verlangen. Aber die Situation ist, wie sie ist. Mit den WM-Fahrern konnte – egal ob sie bleiben oder nicht – sowieso noch nicht richtig geplant werden zu Saisonbeginn. Das war bereits vor dem länger klar. Und Fujita machte trotz Wechselabsichten in der Vorbereitung einen hochprofessionellen Eindruck, dürfte das auch in den Pflichtspielen machen, so lange er da ist. Entsprechend sind diese offenen Planstellen kein so großes Problem, wie es vielleicht wirken mag.

Kader ist in Teilen stark besetzt…

Welche Qualität der Kader des FC St. Pauli besitzen kann, zeigt sich in den Mannschaftsteilen, in denen alle Planstellen besetzt sind. Die erste Reihe der Innenverteidigung mit Ando, Nemeth und Mathisen sollte höchstes Niveau in der 2. Liga darstellen. Dieses braucht es aber auch, um den für Innenverteidiger durchaus fordernden Spielstil des FCSP unter Rapp gerecht werden zu können. Aber die Saison ist lang, es wäre blauäugig, davon auszugehen, dass die erste Reihe auch immer einsatzfähig sein wird. Mit Dźwigała, Ritzka und Robatsch sowie Westphal ist der Kader auch dahinter gut, wenngleich nicht herausragend gut besetzt. Gleiches gilt aktuell für das zentrale Mittelfeld. Das Duo Rasmussen und Fujita besitzt höchstes Zweitliganiveau. Allerdings kann mit Fujita nicht langfristig geplant werden, ebenso nicht mit Smith. Entsprechend ist die jetzige Situation zwar positiv, aber eben nicht von Dauer. Es ist unklar, wie schnell und ob die Neuzugänge Klein und Thordarson das notwendige Niveau erreichen. Aufgrund der noch zu erwartenden Abgänge ist damit zu rechnen, dass auf dieser Position noch jemand kommt.

Branimir Hrgota (FC St. Pauli) beim Testspiel gegen Deportivo A Coruna am Millerntor, 01.08.2026. // (c) Stefan Groenveld
Einer der Neuzugänge: Branimir Hrgota. // (c) Stefan Groenveld

…aber es gibt noch Fragezeichen

In der Offensive ist vor allem die Verletzung von Ceesay extrem bitter. Er dürfte andernfalls auf Spielzeit gekommen sein, mindestens zu Saisonbeginn. Aber auch Kaars scheint bereit zu sein, in der zweiten Saison im FCSP-Trikot durchzustarten. Er zeigte in den Testspielen gute Leistungen. Beim letzten Test bekam man auch endlich einen ersten positiven Eindruck von Hrgota, nachdem er in den Testspielen davor nur bedingt überzeugen konnte. Mit Hara, Jones und Banks gibt es im Kader zudem gleich drei Spieler, die in der zweiten Liga ebenfalls besser zurechtkommen könnten. Das ist aber alles andere als sicher, es könnte daher sein, dass sich in der Offensive des FCSP plötzlich Ende August noch Bedarf entwickelt. Sowieso ist insgesamt noch nicht abzusehen, wie gut diese Offensive unter Rapp und in der zweiten Liga zurechtkommen wird. Die Voraussetzungen zu glänzen sind unter der Leitung von Rapp jedenfalls gegeben. Die Testspiele haben klar gezeigt, dass das Team offensiv wesentlich gefährlicher ist als unter Leitung von Blessin. Das weckt Hoffnung und Vorfreude.

Ein großes Fragezeichen gibt es auf den Außenbahnen. Durch den Abgang von Saliakas wird Pyrka auf die rechte Seite wechseln – zumindest, solange Neuzugang Jansson dort keine Option ist. Louis Oppie konnte in den Testspielen, wie auch in der Vorsaison auf der linken Abwehrseite nicht so wirklich überzeugen und daher ist unklar, ob er die ihm zugedachte Rolle ausfüllen kann oder nicht, die Anlagen dazu hat er eigentlich. Da die Außenberteidiger unter Rapp eine besonders große Bedeutung haben, wäre es extrem wichtig, dass diese Positionen gut besetzt sind, um erfolgreich zu sein.

Neue Führungsstruktur

Wahl, Mets, Vasilj und Irvine sind bereits weg, Smith könnte noch folgen. Der FC St. Pauli verliert in diesem Sommer seine komplette Führungsachse. Der Mannschaftsrat wurde komplett neu besetzt, mit Nemeth gibt es einen neuen Kapitän, seine Stellvertreter sind Neuzugänge. Der FCSP wagt den kompletten Neuanfang, ordnet die Führungsstruktur im Kader komplett neu. Auch deshalb, weil man in der letzten Saison von der alten Führungsachse enttäuscht gewesen sei, wie aus dem Verein zu hören ist.

Für einen Club, der einen Abstieg aus den Klamotten schütteln muss, ist das sicher ratsam, die Führungsstruktur im Kader neu zu ordnen, sogar eine Art Neuanfang zu wagen. Die bisherigen Führungsspieler sind allesamt aus dem Aufstiegskader 23/24, nun soll ein Kader entwickelt werden, der perspektivisch wieder aufsteigen kann. Dazu braucht es neue und gewissermaßen unbelastete (klingt negativer, als es gemeint ist) Gesichter.

Anfälliger in der Defensive, aber mehr Torgefahr

Nicht mur im Kader ist diesen Sommer einiges passiert, sondern auch im taktischen Bereich. Mit Marcel Rapp hat ein Trainer übernommen, der eine offensivere Spielidee präferiert als Alex Blessin sie in den letzten zwei Jahren pflegte. Diese grundsätzliche Änderung der Philosophie ist nicht einfach umzusetzen. Eine Sommervorbereitung ist sicher zu kurz, um das zu schaffen. Es muss damit gerechnet werden, dass der FC St. Pauli ungewollt auch mal ins „alte System“ zurückfällt. Damit hatte Blessin zu Beginn seiner Zeit auch zu kämpfen. Rapp wird es ähnlich gehen, wenngleich es natürlich ein Vorteil ist, dass die Führungsstruktur im Kader neu aufgestellt wurde und es dadurch sowieso alles nach Neuanfang riecht.

In dem Testspielen zeigte sich bereits deutlich, was diese Veränderung der Spielidee mit sich bringt. Der FC St. Pauli erzielte in jedem der sechs absolvierten Testspiele mindestens einen eigenen Treffer – aber blieb auch kein einziges Mal ohne Gegentreffer. Oft wurde das Team ausgekontert, weil es insgesamt sehr hoch und mutig positioniert war. Entsprechend dürften die defensiven Umschaltmomente über Wohl und Wehe der Saison entscheiden. Denn Torgefahr erzeugt das Team auf jeden Fall. Gelingt es dem FC St. Pauli nun, die Umschaltmomente besser in den Griff und eine Balance hinzubekommen, dann wird es eine gute Saison.

Ein klarer Aufstiegsfavorit – und dahinter?

Kann der FC St. Pauli mit diesen in Teilen bereits stark besetzten Kader und der neuen Spielidee um den Aufstieg mitspielen? Vorsicht ist geboten, es ist nicht davon auszugehen, dass alles easy laufen wird. Denkt mal dran, wie die Situation im Aufstiegsjahr gewesen ist und vergleicht sie mal: Damals hatte das Team unter Hürzeler alle Testspiele in überzeugender Manier gewonnen, die meisten zu Null. Nun sitzt es im Kader an vielen Ecken und Enden noch nicht perfekt und die taktischen Umstellungen sitzen offensichtlich auch noch nicht sattelfest. Der FCSP wird noch ein paar Wochen brauchen, um die Vorbereitung abzuschließen. Blöd nur, dass diese erweiterte Vorbereitung bereits einige Pflichtspiele umfasst.

Aber nur, weil der FC St. Pauli spielerisch und mit seinem Kader noch nicht da ist, wo er hinnöchte, bedeutet das nicht automatisch, dass der Saisonstart in die Hose gehen wird. Das wohl größte Fragezeichen ist nämlich, wie sich die anderen Clubs schlagen. Beim Blick auf die Clubs, die ein Wörtchen um den Aufstieg mitreden, sticht nur der VfL Wolfsburg heraus. Wer kommt dahinter? Darmstadt, Kaiserslautern, Kiel, Nürnberg, Hannover und Heidenheim vielleicht? Das sind alles Teams, die ihre großen und kleinen Baustellen haben, deren Grundniveau aber hoch ist. Genau in diese Riege ist auch der FC St. Pauli einzuordnen. Die Frage in den kommenden Wochen und Monaten wird sein, wie gut der neugeordnete Kader zueinander findet und ob die Balance im Spielsystem gelingt.

Die Pause nach dem Abstieg tat gut, ebenso gefällt der Neuanfang, der in Kader und auf der Trainerbank vollzogen wird. Die Erwartungen sollten aber nicht zu hoch sein. Um aufzusteigen müssen die leisten der Ideen aufgehen und hier und dort braucht es auch einfach Glück in Form von Ergebnissen, aber auch ausbleibenden Verletzungen. Und die zweite Liga ist bekanntlich gnadenlos, nicht selten mussten Absteiger in den letzten Jahren viel weiter nach unten schauen, als ihnen lieb war und als sie vor der Saison dachten. Entsprechend demütig, aber eben auch selbstbewusst sollte die Spielzeit angegangen werden. Und auch wenn es mal kleine oder größere Tiefs geben wird: Die Vorfreude auf die kommende Saison ist vorhanden.

// Tim

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