Zum Saisonauftakt zeigte der FC St. Pauli einige gute Abläufe in der Offensive, doch er war auch anfällig in defensiven Umschaltmomenten. Wie kann der FCSP diese Anfälligkeit in den Griff bekommen?
(Titelfoto: Stefan Groenveld)
Die Zeit rennt. Bereits am Freitag dürfte der FC St. Pauli in Kiel maximal gefordert werden. Denn der kommende Gegner ist wirklich richtig gut, wenn es um Umschaltmomente geht. Also genau in dem Bereich, den Marcel Rapp als größtes Problem der FCSP-Defensive gegen Fürth ausgemacht hatte. Der FCSP-Cheftrainer betonte aber, dass es sich dabei weniger um strukturelle Dinge handelt: „Es war nicht so, dass wir zu wenig Leute in der Restvereidigung hatten, es waren verschiedene Themen.“ Das macht Hoffnung, dass der FCSP in den nächsten Wochen weniger oft Gegentore in solchen Situationen bekommt. Denn mehrere Fehlerquellen bedeuten eben auch, dass der FC St. Pauli nun nicht alles auf den Kopf stellen muss, sondern sie einzeln angehen kann, eventuell einfach dadurch, dass individuelle Laufwege angepasst werden. Doch die vielen Kleinigkeiten die aktuell in Umschaltmomenten nicht passen, könnten durchaus mit einem größeren Thema zusammenhängen.
Mehr Offensivpräsenz, mehr Defensivprobleme
Denn es darf nicht ignoriert werden, dass der FC St. Pauli diesen Weg ganz bewusst wählt. Bereits in der ausführlichen Analyse des Spielstils von Teams unter Marcel Rapp gab es einen Themenbereich mit der Überschrift „Knackpunkt Restverteidigung“. Rapp präferiert einen mutigen Offensivfußball, denkt primär offensiv. Das hat seinen Preis: Das Team ist generell anfälliger für Konter. Wäre das nicht so, dann würden ja alle Teams so offensiv spielen. Entsprechend ist es wenig überraschend, dass es zum Saisonstart beim FC St. Pauli genau in diesem Bereich noch Nachholbedarf gibt. Und es ist auch wenig überraschend, dass die defensiven Umschaltmomente der neuralgische Punkt des FCSP-Fußballs werden können. Aber worauf ist in defensiven Umschaltmomenten eigentlich zu achten? Also in der Spielphase, die von vielen als die wichtigste angesehen wird?
Defensive Umschaltmomente sind definiert als die Phase nach einem Ballverlust, in dem sich ein Team noch nicht wieder in seiner Defensivordnung zusammengefunden hat. Wenn die Außenverteidiger bei Ballbesitzweit vorne stehen, aber gegen den Ball neben den Innenverteidigern, dann ist völlig klar, dass sie nach Ballverlusten erstmal wieder in Position kommen müssen. Genau diese Phase, dieses Umschalten von Offensive auf Defensive, das ist kritisch, weil Teams in dieser Phase unorganisiert sind und die Gefahr besteht, dass sie Räume öffnen, die besser geschlossen bleiben, wenn man ohne Gegentor bleiben möchte. Um diesem Chaos ein wenig Ordnung zu geben, arbeiten viele Teams mit ähnlichen und recht simplen Prinzipien:
Kernprinzipien in defensiven Umschaltmomenten
Das erste Prinzip ist der volle Druck auf den ballführenden Spieler, nachdem ein Ball verloren ging. So kann dieser nicht so einfach umschalten. Das ist eine Technik, die zum Beispiel im Eishockey viel offensichtlicher ist: Nachdem ein Team den Puck gewonnen hat, wird dieser oft hinter dem eigenen Tor gesichert. Einer der Gegenspieler macht sich dann zumeist auf, um Druck auf den Goalie zu machen. Erfolgreich ist das in den allermeisten Fällen nicht. Aber es machen trotzdem alle. Warum? Weil sich die anderen vier Spieler gen Auswechselbank aufmachen, das Team einmal durchgetauscht wird und sich im Anschluss in seiner Defensivformation zusammenfindet. Auch im Fußball gibt es diesen Ablauf, wenngleich ohne personelle Wechsel. Nach Ballverlust wird der ballführende Gegenspieler direkt unter Druck gesetzt, meist nach dem Prinzip: Wer diesem Spieler am nächsten steht, erzeugt Druck auf ihn. Fertig ist die simpelste Form des Gegenpressings. Je nachdem, wie Teams dieses designt haben, sind dann mehrere Spieler damit beauftragt, Druck auf den Ball und die dem Ball nahestehenden Spieler zu erzeugen. Andere Teams fokussieren sich eher darauf, mit wenigen Spielern primär die vertikalen Passwege zu schließen, um keine Möglichkeit für lange Bälle zu eröffnen.
Das zweite Prinzip ist das Schließen von kritischen Räumen, also meist des Defensivzentrums. Auch hier gibt es vom Grundprinzip leicht abweichende Mechanismen, aber die Idee ist immer die gleiche: Wenn das Zentrum geschlossen ist, dann wird das Tempo des Konters irgendwann nachlassen, weil der Gegner ja in Richtung Tor möchte und nicht an die Eckfahne. Beim FC St. Pauli unter der Leitung von Fabian Hürzeler gab es eine interessante wie simple Umsetzung dieses Prinzips: Bei Ballverlusten lief Philipp Treu (sofern er nicht der ballnächste Spieler war) einfach immer im Vollsprint ins Defensivzentrum und schloss so diesen kritischen Raum.
Das dritte Prinzip ist etwas, was sicher viele schon gehört haben: So schnell wie möglich so viele Spieler wie möglich hinter den Ball bekommen. Entsprechend ist extrem wichtig, dass nach Ballverlusten mit höchster Intensität gearbeitet wird. Dabei wird vernachlässigt, als Spieler schnellstmöglich in die eigene Defensivposition zurückzufinden, Priorität hat es hinter den Ball zu kommen, egal auf welcher Position man dann landet. So kann es sein, dass Mittelstürmer schonmal links hinten in den Zweikampf gehen. Das sieht mal chaotisch aus, aber es entspricht der Umsetzung dieses Prinzips.
Aber auch schon vor einem Ballverlust sollte ein Team darauf vorbereitet sein, dass dieser mal passieren wird. Eine schlechte Positionierung im Moment des Ballverlustes lässt sich oft während des Umschaltmoments nicht mehr wettmachen. Auch hier spielen viele Teams mit einem einfachen Prinzip: Mindestens zwei (meist ein Innenverteidiger und ein Sechser), lieber drei Spieler überqueren nie die Balllinie, befinden sich also immer hinter dem Ball. Bei manchen Teams gibt es ausgewählte Spieler, die diese Rolle immer einnehmen, bei anderen wird das flexibel gehandhabt.
Radikale Veränderung der Spielphilosophie
Diese Grundprinzipien helfen dabei, sich für defensive Umschaltmomente zu organisieren. Gerade das letzte Prinzip ist das, was sich im Vergleich zwischen Blessin und Rapp verändert hat. Denn der FC St. Pauli hat unter Blessin die Angriffe mal mit fünf, manchmal nur vier Spielern durchgeführt. Unter Rapp sind es sechs, teilweise sogar sieben. Entsprechend ist das Team generell anfälliger für gegnerische Konter. Und unter diesen Voraussetzungen mag es zwar immer unterschiedliche Gründe geben, warum die gegnerischen Konter gefährlich wurden. Aber die generelle Ausrichtung forciert auch, dass kleine Fehler wie falsche Entscheidungen und Laufwege oder Unaufmerksamkeiten härter bestraft beziehungsweise von Gegnern leichter ausgenutzt werden können.
Ein Plädoyer für eine defensivere Ausrichtung ist das aber nicht. Denn zwar werden defensive Umschaltmomente herausfordernder und es gibt sicher auch das ein oder andere Gegentor mehr aus solchen Situationen heraus. Aber der FC St. Pauli ist viel gefährlicher in der Offensive, wenn mehr Spieler am Angriff beteiligt sind. Es ist also eine grundlegend andere Spielphilosophie, aber auch hierbei geht es darum, eine Art Balance zu finden.
Wie kann der FC St. Pauli nun also sein Verhalten in defensiven Umschaltmomente verbessern? Die gesammelten Erfahrungen dürften bereits viel wert sein. Es ist zu hoffen, dass mit jeder Situation dazugelernt wird und das Team die veränderten Prinzipien unter Rapp immer besser umsetzen kann, zumal die drei Innenverteidiger so zuvor noch nie zusammengespielt haben.
Diesen wurde übrigens nach dem ersten Spieltag ein Tempo-Defizit nachgesagt, vor allem Marcus Mathisen. Deshalb einmal der Hinweis, dass Mathisen der viertschnellste FCSP-Spieler am ersten Spieltag gewesen war, was den Top-Speed angeht (dieser Wert hat keine Aussagekraft über die Handlungsschnelligkeit, auch klar). Natürlich war Ricky-Jade Jones schneller, Louis Oppie und Arek Pyrka lagen sogar ligaweit auf den ersten beiden Plätzen. Und wo wir gerade bei Laufwerten sind: Insgesamt war die Laufbilanz eher unterdurchschnittlich. Der FC St. Pauli ist insgesamt wenig gelaufen am Sonntag (Platz 15 bei den Laufdistanzen, 16 bei den intensiven Läufen, 16 bei den Sprints), da darf gerne mehr kommen. In den meisten anderen Stadien war es am Wochenende nämlich ähnlich heiß wie am Millerntor. Allerdings reichte diese eher schwache Bilanz, um den Gegner in diesen Kategorien zu schlagen. Fürth ist nämlich noch wesentlich weniger aktiv gewesen (Platz 18 in allen Kategorien).
„Holding Six“ fehlt im Kader
Eine große Hilfe bei defensiven Umschaltmomenten könnte ein Spieler sein, den es aktuell im Kader nicht wirklich gibt: Eine „Holding Six“, ein Sechser also, der primär vor der Abwehrkette agiert, dessen Hauptaufgabe es ist, Räume zu sichern. Letzte Saison hatte der FC St. Pauli mit James Sands einen sehr guten Spieler für diese Position, in dessen Abwesenheit nahm Jackson Irvine diese Rolle ein. Nun sind beide aber nicht mehr da, der FC St. Pauli startete mit Joel Fujita und Matti Rasmussen als Doppelsechs in die Saison, die beide ihre Stärken eher nicht als „Holding Six“ haben (Eric Smith, Sam Klein und Connor Metcalfe übrigens auch nicht).
Abhilfe könnte hier, zumindest von den Anlagen her, Neuzugang Gísli Thórdarson schaffen. Doch der wird diese Rolle erstmal nicht einnehmen können. Für sehr lange Zeit. Der FC St. Pauli teilte am Dienstag-Nachmittag mit, dass Thórdarson sich im Abschlusstraining vor dem Saisonauftakt eine „schwere muskuläre Verletzung im Oberschenkel“ zugezogen habe. Diese werde nun operativ behandelt. Es ist mit einer langen Ausfallzeit zu rechnen. Ach du Scheiße! Gute Besserung!
Grundsätzlich gut, aber Kleinigkeiten passen (noch) nicht
So wird der FC St. Pauli beim Spiel in Kiel erstmal ohne echte „Holding Six“ auskommen müssen und wird die Trainingswoche sicher damit verbringen, sich die Umschaltszenen noch einmal genau anzuschauen und die Details zu verbessern. Weil eine Anpassung des großen Ganzen eben dazu führen würde, dass das Team in der Offensive viel weniger präsent ist.
Dieser Weg – welcher in gewisser Weise auch akzeptiert, dass der Gegner eher zu Treffern kommt – ist aber davon abhängig, dass der FC St. Pauli in der Offensive nicht nur präsent ist (die 22 Flanken waren mit Abstand die meisten aller Zweitligaclubs am ersten Spieltag), sondern die sich bietenden Chancen auch effizient nutzt. Das hat am vergangenen Sonntag noch nicht so richtig gepasst, aus 22 Ballkontakten im gegnerischen Strafraum und einem xG-Wert von 1,7 (FotMob) darf gerne mehr herausspringen, als nur ein Treffer.
Auch in der Offensive geht es beim FC St. Pauli um Kleinigkeiten. Marcel Rapp zeigte sich nach dem Spiel gegen Fürth grundsätzlich zufrieden mit der Offensivleistung seines Teams, sieht aber Potenzial für Verbesserungen bei den „Kleinigkeiten“, wie zum Beispiel der Positionierung der Spieler. Grundsätzlich, so der FCSP-Cheftrainer, sei er aber zufrieden damit, wie das Team des FC St. Pauli gegen Fürth aufgetreten sei: „Die Mannschaft wollte 90 Minuten nach vorne spielen, wollte ein Tor machen. Daher sind wir, glaube ich, auf einem richtigen Weg. Aber das Ergebnis ist nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben.“ Entsprechend gibt es einiges zu tun in den nächsten Wochen, um nicht nur mit den Auftritten des Teams, sondern auch mit den Ergebnissen zufrieden zu sein. Rapp: „Es ist unsere Aufgabe der nächsten Wochen, dass wir weiter diese Spielkontrolle aufrechterhalten – und dass wir nicht so viele Konter kriegen.“
Von der Offensive muss also unbedingt noch mehr Torgefahr ausgehen und in defensiven Umschaltmomenten muss das Team stabiler werden. In beiden Bereichen sieht Rapp Kleinigkeiten, die es nun zu verbessern gilt. Gelingt das, dann stellt sich eine positive Balance für den FC St. Pauli ein.
// Tim
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Tim, danke für diese starke Theoriestunde. Da hab ich echt mal Basics dazugelernt.
Und ich habe keine Sorgen, dass der FCSP dieses System erfolgreich umsetzen wird. Forza