Am Freitag reist der FC St. Pauli zu Holstein Kiel. Dort muss er sich mit hohen Temperaturen auseinandersetzen und Lösungen gegen den „Walter-Ball“ präsentieren, um erfolgreich zu sein.
(Titelfoto: Stefan Groenveld)
Es wird heiß am Freitag in Kiel. Solltet ihr auswärts fahren, dann berücksichtigt bitte die Hitze und bereitet Euch entsprechend vor. Aufgrund der zu erwartenden Temperaturen hat Holstein Kiel vermeldet, dass es ausnahmsweise erlaubt ist, pro Person eine 0,5L-PET-Flasche Wasser mit ins Stadion zu nehmen.
FC St. Pauli: Wer kann spielen, wer fehlt?
Abdoulie Ceesay, Mathias Pereira Lage und seit Neuestem leider auch Gísli Thórdarson fallen für die Partie in Kiel aus. Auch Connor Metcalfe wird nicht dabei sein können, wie Marcel Rapp auf der Pressekonferenz erklärte: „Connor hat zwar wieder mit der Mannschaft trainiert, aber es kommt noch zu früh mit einem Kaderplatz.“
Sam Klein wird hingegen wieder dabei sein können und dürfte auf der Bank Platz nehmen.
Ein neuer Torwart wird noch nicht mit auf der Bank sitzen, erklärte Rapp. Zwar machte der FCSP-Cheftrainer kein Geheimnis daraus, dass der FC St. Pauli noch einen neuen Torhüter hinter Ben Voll sucht, doch zumindest in Kiel wird dieser noch nicht Teil des Kaders sein.
Holstein Kiel: Wer kann spielen, wer fehlt?
Kiel-Trainer Tim Walter berichtete auf der Pressekonferenz, dass es beim KSV keine neu verletzten Spieler gibt. Linksverteidiger John Tolkien wird nach überstandener Verletzung (die ihn die WM kostete) erstmals wieder dabei sein. Am Mittwoch hat Holstein Kiel zudem die Leihe von Niko Takahashi bekanntgegeben. Der Linksverteidiger wird ebenfalls im Kader stehen, so Walter.
Was haben die Kieler Störche zu bieten?
Zum Saisonauftakt gab es für Holstein Kiel ein 2:2 bei Darmstadt 98 und nach Abpfiff überwog klar der Ärger über dieses Ergebnis. Schließlich hatten die Kieler lange Zeit mit 2:0 in Führung gelegen und das Spiel erst am Ende aus der Hand gegeben. Tim Walter erklärte am Mittwoch, dass er mit der Spielweise seines Teams insgesamt sehr zufrieden gewesen sei, kurz nach Abpfiff hatte er sich noch eher ungehalten über die Entstehung eines Gegentreffers gezeigt (im Video ab Minute 3:00).
Junger Kader zusammengehalten
Holstein Kiel war letzte Saison zu Beginn der Rückrunde in den Tabellenkeller abgerutscht. Trainer Marcel Rapp wurde entlassen, Tim Walter übernahm und nach einem Stotterstart konnte sich Kiel dank eines starken Zwischenspurts in gesicherte Tabellenregionen retten. Nun wurde dieser junge Kader (der drittjüngste der Liga) im Sommer zusammengehalten. Einzig Umut Tohumcu, Leihgabe aus Hoffenheim, hat den Club verlassen. Mit Spielern wie Guillermo Balzi wurde dieser Kader nun punktuell verstärkt, das Grundgerüst aber zusammengehalten. Das ist eine extrem gute Ausgangsposition, um eine erfolgreiche Saison zu spielen, wie Rapp erklärt, als er über den Kieler Kader spricht: „Der Kader war letztes Jahr schon gut. Es gibt viele junge Spieler, die sind jetzt ein Jahr weiter, was man auch an der Art und Weise sieht, wie sie spielen. Es kamen noch ein paar richtig gute Spieler dazu. Daher ist das ein sehr, sehr guter Kader.“

// Copyright: Stefan Groenveld
Erneut „Walter-Ball“ in Kiel
Wie hat Kiel den Umschwung im letzten Drittel der Saison geschafft? Der Blick in die Daten gibt einen Hinweis wie das passiert ist. In der Offensive gab es kaum Veränderungen. was die Anzahl an Abschlüssen und die xG-Werte angeht. Allerdings ist es Holstein Kiel gegen Ende der Saison gelungen, deutlich weniger gegnerische Abschlüsse zuzulassen. Das hängt sicher auch mit der generellen Spielweise der Kieler unter Walter zusammen, der die kompakte Defensive seines Teams positiv erwähnte nach dem Spiel in Darmstadt. Die Defensive hat aber auch den Vorteil, dass gegnerische Teams an anderer Stelle vor Herausforderungen gestellt werden. Denn auch bei seiner inzwischen sechsten Trainerstation im Herrenbereich (die eigentlich erst die fünfte ist, er war ja schonmal in Kiel) gibt es das zu sehen, was inzwischen gerne als „Walter-Ball“ bezeichnet wird. Deshalb ist es wenig verwunderlich, dass in diesem Sommer mit Sebastian Schonlau und Faride Alidou zwei Spieler nach Kiel gewechselt sind, die unter Walter bereits beim HSV aktiv waren. Auch Jonas Meffert kennt diese Art Fußball bestens. Schauen wir uns diese einmal genauer an:
Die Spielidee von Tim Walter beruht darauf, dass die eigenen Spieler in Ballbesitzphasen extrem viel rotieren. Rapp beschreibt es als „viel Spielen und Gehen“ und ein bewusstes Freilassen oder Öffnen von Räumen durch Freilaufbewegungen, die dann kurz danach dynamisch belaufen werden. Oft sieht man Spieler in von Walter trainierten Teams, die nach einem Pass ihre Position verlassen, entweder eine Ebene weiter nach vorne laufen oder sich seitlich wegbewegen. Besonders wird das dadurch, dass das auch die hintere Viererkette macht. Das ist vor allem schwierig für gegnerische Teams, die auf Mannorientierungen setzen, oft eine große Herausforderung. Denn wenn viele Spieler ihre Position immer wieder wechseln, dann kannst Du als Gegner nicht wirklich mannorientiert verteidigen. Oft gibt es beim „Walter-Ball“ aber zwei Spieler, die ihre Position nicht oder nur sehr selten verlassen: Die offensiven Außen sind mehr oder weniger die Spieler auf dem Rasen, für die die anderen die große Rotation anstellen. Denn diese Spieler in 1-gegen-1-Duelle zu bringen, ist das primäre Ziel des „Walter-Balls“. Entsprechend sind Flanken ein gern gewähltes Mittel der Kieler, weil sie den Ball eben oft auf die offensiven Außenbahnen transportieren und dann dort haben (Rapp: „Wir erwarten eine Mannschaft, die im letzten Drittel viel flankt, darauf müssen wir vorbereitet sein.“).
„Wir werden gute Antworten haben.“
Dieser oft sehr chaotisch wirkende Spielstil kann gnadenlos erfolgreich sein, wenn die gegnerischen Teams nicht gut darauf eingestellt sind. Eine raumdeckende Spielweise empfiehlt sich in vielen Bereichen und Situationen, aber nicht in allen. Auf alle Muster und Spielsituationen kann man sich nicht einstellen, das Chaos und die Dynamik sorgen dafür, dass Teams von Tim Walter offensiv eigentlich immer Gefahr erzeugen können. Aber nicht nur mit dem Ball, sondern auch aus dem Spiel gegen den Ball heraus können die Kieler Tore erzielen. Rapp: „Es ist eine Mannschaft, die auch nach Ballgewinnen schnell gefährlich werden kann. Da müssen wir uns drauf einstellen, müssen ein gutes Mindset haben.“
Natürlich hat der „Walter-Ball“ auch Schwächen. Viele Rotationen bedeuten, dass eine gute Abstimmung notwendig ist. Gerade, da Walter eine offensive Positionierung im Spielaufbau bevorzugt, können Fehler im Aufbauspiel sehr, sehr schmerzhaft sein. Seine Teams sind daher in defensiven Umschaltmomenten anfälliger als andere. Hier dürfte der FC St. Pauli also mehr Chancen sehen als gegen Fürth. Rapp betonte in Bezug auf die Spielweise der Kieler selbstbewusst: „Wir werden gute Antworten haben.“ Sowieso dürfte sich die Partie von der gegen Fürth deutlich unterscheiden, da Kiel eben auch den Ball haben möchte und mutig nach vorne spielt. Was für ein Spiel erwartest du, Marcel Rapp? „Das liegt an uns, wie wir auftreten. Es ist nicht so, dass wir unbedingt mehr Ballbesitz haben wollen. Es geht darum, was wir damit machen. Wir können auch weniger Ballbesitz haben und ein gutes Spiel machen.“
Mögliche Aufstellung
Dass John Tolkien nach seiner Rückkehr direkt wieder in die Startelf rückt, darf bezweifelt werden, sein letztes Pflichtspiel hat er vor vier Monaten bestritten. Auch bei Neuzugang Takahashi scheint direkt ein Einsatz von Beginn an eher unwahrscheinlich. Gehen wir also einfach mal davon aus, dass sich an der Startelf der Kieler nichts verändern wird. Und gerne gebe ich noch zu bedenken, dass besonders die drei Offensivspieler Balzi, Harres und Bernhardsson in diesem Kieler Team zu beachten sind. Es sind drei ganz unterschiedliche Spielertypen. Harres ist mehr der klassische Mittelstürmer, Bernhardsson ein dynamischer Außenbahnspieler und Balzi zeigte gegen Darmstadt als radikaler Zehner eine ziemlich beeindruckende Leistung. Das wird eine große Herausforderung für die Hintermannschaft des FC St. Pauli.

KSV: Weiner – Sekine, Nekic, Zec, Parduzi – Meffert – Bernhardsson, Davidsen, Balzi, Kaprálik – Harres
FCSP: Voll – Nemeth, Mathisen, Andō – Pyrka, Fujita, Rasmussen, Oppie – Kaars, Jones, Hrgota
Ist Ricky-Jade Jones eine Option?
Auf Seiten des FC St. Pauli erscheint ebenfalls durchaus möglich, dass die gleiche Startelf wie am ersten Spieltag ins Rennen geschickt wird. Allerdings gibt es eine Position, auf der sich eine Veränderung vielleicht anbietet. Auf die Frage, wie zufrieden er mit dem Offensiv-Trio beim Fürth-Spiel gewesen sei und wo er noch Potenzial sehe, erklärte Rapp: „Es geht immer um Positionierungen. Das war okay, wir haben uns Chancen dadurch erarbeitet. Aber wenn wir uns noch besser positioniert hätten, dann hätten wir noch viel mehr Chancen haben können. Deswegen war das in Ordnung aber mit Luft nach oben.“
Das bedeutet natürlich nicht zwangsläufig, dass es auch zu einer personellen Veränderung in der Offensive kommen wird. Allerdings gab der FCSP-Cheftrainer zu bedenken: „Man muss immer sehen, gegen wen wir spielen. Passen die Drei dann oder muss man vielleicht ein anderes Profil aufstellen? Das sind die Fragen, die wir uns immer stellen werden.“ Ein Team wie Holstein Kiel, welches sehr mutig im Aufbauspiel agiert lässt üblicherweise viel grüne Wiese in seinem Rücken frei. Das könnte ziemlich gut zu den Fähigkeiten von Ricky-Jade Jones passen, der die Kieler allein schon mit seinem Tempo richtig stressen kann. Daher tippe ich darauf, dass Jones anstelle von Taichi Hara in der Startelf stehen wird.
Nicht nur in Kiel allgemein sondern auch auf dem Rasen dürfte es am Freitagabend heiß werden. Wenn der FC St. Pauli in den letzten Jahren bei Holstein Kiel angetreten ist, dann waren die Spiele immer sehr unterschiedlich, aber nie langweilig. Da mit Marcel Rapp und Tim Walter zwei Trainer aufeinandertreffen, die mutigen Fußball favorisieren, darf auch diesen Freitag damit gerechnet werden, dass vor beiden Toren einiges los sein wird. Darauf können wir uns freuen.
Forza!
// Tim
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