Der FC St. Pauli musste sich diese Woche vor dem DFB-Kontrollausschuss erklären, nachdem Rot-Weiss Essen die „Nazi-Schweine“-Rufe beim DFB-Pokalspiel angezeigt hatte. Nun hat RWE erklärt, warum es zur Anzeige kam.
(Titelfoto: Christof Koepsel/Getty Images/via Onefootball)
Das DFB-Pokalspiel zwischen Rot-Weiss Essen und dem FC St. Pauli beschäftigt alle Beteiligten inzwischen länger als ihnen vermutlich lieb ist. Denn wie bereits Ende letzter Woche berichtet, hat der DFB-Kontrollausschuss die Vereine in gleich zwei Fällen zu einer Stellungnahme aufgefordert. In einem Fall geht es um die von Rot-Weiss Essen angezeigten „Nazi-Schweine“-Rufe aus dem Gästeblock, was mit den immer wieder auftretenden rechtsextremen Vorfällen rund um RWE-Spiele, aber auch ganz konkret während der Partie mit dem gezeigten Hitlergruß von einer Person nahe am Gästeblock, zusammenhängen dürfte. Warum aber hat Rot-Weiss Essen die „Nazi-Schweine“-Rufe angezeigt?
Rot-Weiss Essen antwortet auf MillernTon-Anfrage
Wir haben am Dienstag eine Anfrage an Rot-Weiss Essen gesendet und dabei um Antworten zu zwei Fragen gebeten:
1. Warum wurden die „Nazi-Schweine“-Rufe angezeigt? Welches konkrete Vergehen wird dem Anhang des FC St. Pauli vorgeworfen?
2. Der FC St. Pauli hat erklärt, dass ihm Bildmaterial vorliegt von einer Person, die am Gästeblock stand und den Hitlergruß gezeigt hat. Ist RWE bereits vor der Anzeige der Rufe in Kenntnis über diesen Vorfall gewesen?
Am Mittwoch gab es Antworten von RWE:
Zu den Ermittlungen des DFB-Kontrollausschusses äußern wir uns nicht, weil es ein laufendes Verfahren ist.
Wir nehmen die Kritik und die damit verbundenen Fragen sehr ernst. Für Rot-Weiss Essen ist klar: Sexismus, Diskriminierung und insbesondere rechtsradikales Gedankengut haben in unserem Verein keinen Platz. Wo gegen unsere Grundsätze verstoßen wird, werden wir konsequent und mit aller gebotenen Härte handeln.
Gleichzeitig können und wollen wir nicht akzeptieren, dass Rot-Weiss Essen oder die große Mehrheit unserer Mitglieder und Fans aufgrund des Fehlverhaltens Einzelner pauschal in eine bestimmte politische Ecke gestellt werden. Unser Verein ist vielfältig, und genau diese Vielfalt wollen wir weiter stärken.
RWE wehrt sich gegen Pauschalisierung
Rot-Weiss Essen erklärt also, dass man sich gegen Pauschalisierungen wehrt, nicht möchte, dass RWE-Fans allesamt in „eine bestimmte politische Ecke gestellt werden.“ Das ist in gewisser Weise nachvollziehbar. Nahezu jeder große Profifußballclub hat eine mindestens halbwegs heterogene Anhängerschaft, in der auch viele politische Sichtweisen abgebildet sind. Dass stabile RWE-Fans kein Bock haben sich als „Nazi-Schwein“ bezeichnen zu lassen, ist verständlich. Dass die Rufe aus dem Gästeblock aber deshalb angezeigt wurden, ist trotzdem bemerkenswert.
Denn zum einen ist es in Fußballstadien ziemlich normal, dass sich Fanblöcke Beleidigungen und Verunglimpfungen hin- und herschleudern (schaut Euch doch mal die Tapete genauer an, die im Heimbereich gezeigt wurde während der Partie). Dass Dinge in Rufen und auf Tapeten provokativ sein können und grundsätzlich auch komplexe Zusammenhänge nur verkürzt dargestellt werden (können), ist allen klar, die sich regelmäßig in Fußballstadien bewegen. Auch klar ist: Je provokativer, umso mehr Aufmerksamkeit generiert eine Aktion.
Die Frage ist: Zieht man sich diesen Schuh an oder nicht? Wenn stabile RWE-Fans „Nazi-Schweine“-Rufe aus dem Gästeblock hören, fühlen sie sich dann angesprochen? Oder wissen sie genau, dass diese Rufe in Richtung der Nazi-Schweine gehen, die es zweifelsohne in der Fanszene von Rot-Weiss Essen gibt? Anderes Beispiel: Wenn jemand bei einer Schweigeminute „Deutschland den Deutschen“ ruft und ein Großteil des Stadions im Anschluss „Nazis raus!“ (so wie in Essen geschehen), wer fühlt sich dann angesprochen? Richtig, nicht die Personen im Stadion, die keine Nazis sind. Bedeutet umgekehrt: Wer sich den Schuh „Ich wurde von St. Pauli-Fans als Nazi-Schwein beleidigt!“ ernsthaft anzieht, der/dem könnte er dann wohl auch passen.
„Einzelfall-Theorie“ vs. Realität
Trotzdem: Pauschalisieren ist scheiße, keine Frage. Rot-Weiss Essen schreibt in der Antwort an uns, dass man nicht „aufgrund des Fehlverhaltens Einzelner pauschal in eine bestimmte politische Ecke gestellt werden“ möchte. Es ist verständlich und auch gut so, dass nicht alle RWE-Fans mit Rechtsextremen in einen Topf geworfen werden wollen. Denn das würde ja bedeuten, dass sie Rechtsextreme in ihren Reihen tolerieren. Was stört ist die „Einzelfall-Theorie“. Denn auch wenn es sich im konkreten Fall um nur eine Person gehandelt hat, die vor dem Gästeblock den Hitlergruß zeigte: Die „Einzelfall-Theorie“ ist bei Rot-Weiss Essen nicht ansatzweise haltbar.
Denn die Meldestelle für Diskriminierung im Fußball in NRW (MeDiF-NRW) schätzt auf unsere Anfrage hin, dass sich in der Fanszene von Rot-Weiss Essen nicht einzelne, verirrte Rechtsextreme befinden. Es wird geschätzt, dass sind eine dreistellige Anzahl an Rechtsextremen dort bewegt. Diese Zahl könnte zudem aktuell stark anwachsen. Darauf deuten zumindest vorläufige Ergebnisse einer laufenden Studie von MeDiF-Projektleiter Dr. David Berchem hin, der an der Ruhruniversität Bochum unter anderem zu diesem Thema forscht. Wer also an der „Einzelfall-Theorie“ festhält, verkennt sowohl die aktuelle Situation als auch die dynamische Entwicklung. Zudem ist die Liste an rechtsextremen Vorfällen bei RWE sehr lang, hässlich und nur möglich, wenn es eine große Gruppe an Personen gibt, die rechtsextrem sind und eine weitere Gruppe, die dieses Verhalten, womöglich auch aus Angst, toleriert oder nicht entschieden dagegen vorgeht (vorgehen kann).
Rot-Weiss Essen erklärt in seinem Statement: „Für Rot-Weiss Essen ist klar: Sexismus, Diskriminierung und insbesondere rechtsradikales Gedankengut haben in unserem Verein keinen Platz.“ Sollte gegen diese Grundsätze verstoßen werden, dann „werden wir konsequent und mit aller gebotenen Härte handeln“, so der Verein. Wenn Rot-Weiss Essen also mit so viel Aufwand den „Nazi-Schweine“-Rufen nachgeht, dann wäre angesichts der klaren Aussagen auch zu erwarten, dass mindestens ähnliche Anstrengungen gegen Nazi-Schweine unternommen werden. Ansonsten wären die getätigten Aussagen nämlich nicht mehr als Lippenbekenntnisse. Im konkreten Fall mit der Person, die während der Partie den verbotenen Hitlergruß zeigte, wurde sich von RWE-Seite zumindest schonmal nach entsprechendem Bildmaterial erkundigt. Es ist zu wünschen, dass in diesem wie auch in den etlichen weiteren Fällen mit Nachdruck gearbeitet wird. Denn ob man als RWE-Fan mit „Nazi-Schweine“-Rufen Probleme hat oder nicht, dürfte vermutlich auch davon abhängen, wie sehr man sich von den Nazi-Schweinen abgrenzen kann. Das kann aber nur gelingen, wenn stabile RWE-Fans vom Verein (und auch von außerhalb!) unterstützt werden und konsequent gegen Rechtsextreme in den eigenen Reihen vorgegangen wird.
// Tim
Alle Beiträge beim MillernTon sind gratis. Wir freuen uns aber sehr, wenn Du uns unterstützt.
Das Verfassen von Kommentaren ist nur nach Registrierung möglich. Bitte bei Bedarf eine E-Mail mit Klarnamen und gewünschtem Username an Maik@MillernTon.de schicken.
MillernTon auf BlueSky // Mastodon // Facebook // Instagram // Threads // WhatsApp // YouTube
Gilt das mit der Pauschalisierung auch, wenn das halbe Stadion minutenlang „H…nsöhne“ ruft? Frage für einen Freund.
Ich gehe davon aus dass sich RWE nicht nach Bildmaterial erkundigt hat um die Person zur Rechenschaft zu ziehen sondern um zu schauen ob der Hitlergruß eindeutig ist oder der Typ nicht mit viel Phantasie nur eine Fliege verjagt haben könnte oder einem Bekannten im Stadion zugewunken.