Rot-Weiss Essen hat die „Nazi-Schweine“-Rufe aus dem Gästeblock bei der Pokalpartie gegen den FC St. Pauli beim DFB-Kontrollausschuss angezeigt. Ein bemerkenswertes Vorgehen.
(Titelfoto: Selim Sudheimer/Getty Images/via OneFootball)
Mit 0:2 verlor der FC St. Pauli im Erstrundenspiel des DFB-Pokals bei Rot-Weiss Essen. Das Spiel hatte nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz für Schlagzeilen gesorgt. Schließlich gibt es etliche Nachweise, dass in der Fanszene von RWE einige rechtsexteme Personen sind. Entsprechend war diese Partie auch politisch aufgeheizt. Als wäre der Ärger über die 0:2-Niederlage nicht genug, müssen sich die Verantwortlichen des FC St. Pauli nun auch noch mit einem Thema befassen, das mit dem Sport selbst nichts zu tun hat.
RWE meldet „Nazi-Schweine“-Rufe dem DFB-Kontrollausschuss
Denn wie der MillernTon erfuhr, wurde der FC St. Pauli vom DFB-Kontrollausschuss zu einer Stellungnahme aufgefordert. Es geht um die „Nazi-Schweine“-Rufe, die es während der Partie aus dem Gästeblock zu hören gab. Aus dem Schreiben vom Kontrollausschuss geht demnach hervor, dass Rot-Weiss Essen diese Anzeige an den Kontrollausschuss gestellt hat. Der FC St. Pauli wird laut unseren Infos vom DFB-Kontrollausschuss gebeten bei der Identifizierung der Personen zu helfen und soll zudem die eigenen Aufklärungsbemühungen darstellen. (Wie unrealistisch diese Bitte ist, wenn nahezu der gesamte Gästeblock beteiligt war, dürfte allen klar sein.)
Der FC St. Pauli wollte auf unsere Anfrage keine Details nennen, erklärte uns aber: „Der FC St. Pauli kommentiert grundsätzlich keine laufenden Verfahren“ und bestätigte damit indirekt, dass es ein solches Verfahren gibt. Die Tatsache, dass Vorkommnisse rund um das Spiel in Essen aufgearbeitet werden, scheint der FC St. Pauli aber grundsätzlich zu begrüßen: „Wir haben kein Problem damit, dass die Vorfälle rund um das Spiel in Essen durch den DFB-Kontrollausschuss aufgearbeitet werden.“
Vorgehen von RWE wirft Fragen auf
Abgesehen von den „Nazi-Schweine“-Rufen gab es auch weitere Vorfälle, deren Schwere natürlich völlig unterschiedlich zu bewerten ist. So hatten wir in der „Lage am Millerntor“ unter anderem davon berichtet, dass es von der Tribüne in Essen in Richtung einer Mitarbeiterin des FC St. Pauli massive sexistische Beleidigungen und obszöne Gesten gab. Wie der MillernTon nun erfuhr, habe der DFB selbstständig diese Vorfälle registriert und, bereits vor der nun erfolgten Anzeige, den Heimverein um eine Stellungnahme dazu gebeten. So sollte die nun erfolgte Anzeige durch Rot-Weiss Essen unbedingt auch in diesem Kontext betrachtet werden.
Es ist in höchstem Maße befremdlich, dass Rot-Weiss Essen aufgrund der „Nazi-Schweine“-Rufe den DFB-Kontrollausschuss eingeschaltet hat, nicht nur aufgrund der sexistischen Vorfälle. Denn die Liste an rechtsextremen Vorfällen rund um Spiele von Rot-Weiss Essen ist lang und hässlich. Dass ein Verein, der ganz offensichtlich ein großes Problem mit rechtsextremen Fans in seinen Reihen hat, nun einen anderen aufgrund von Protest gegen genau diese rechtsextremen Tendenzen anzeigt, könnte durchaus auch als klassische Täter-Opfer-Umkehr betrachtet werden.
„Antifaschismus ist keine Straftat“
Auch während der Partie gab es mindestens einen ganz konkreten rechtsextremen Vorfall: Ebenfalls in der „Lage am Millerntor“ hatten wir ein Foto von einer Person veröffentlicht, die während des Spiels im Stadion am Gästeblock stand und den verbotenen Hitler-Gruß in Richtung FCSP-Fans zeigte. Der FC St. Pauli erklärt gegenüber dem MillernTon ebenfalls im Besitz entsprechenden Materials zu sein: „Uns liegt unter anderem Bildmaterial eines Hitlergrußes vor.“ Zudem seien im Stadion „zahlreiche Aufkleber mit der Aufschrift „Antifa zerschlagen“ zu sehen gewesen. Der FC St. Pauli erklärt dem MillernTon gegenüber abschließend: „Weiterhin möchten wir grundsätzlich festhalten: Antifaschismus ist keine Straftat.“
Allem Anschein nach hat sich Rot-Weiss Essen mit der Anzeige beim DFB-Kontrollausschuss dazu entschieden, sich nicht auf die Ursachenforschung zu konzentrieren, wie eine Gäste-Fanszene darauf kommen könnte „Nazi-Schweine“ zu rufen, wenn gegen Rot-Weiss Essen gespielt wird. Stattdessen wird in die andere Richtung geschaut. Dieses Vorgehen dürfte dem rechtsextremen Teil des RWE-Anhangs ganz und gar gefallen.
Dabei wäre es viel wichtiger, die stabilen Personen in der RWE-Fanszene zu unterstützen. Für diese dürfte das Vorgehen aber leider ein Zeichen dafür sein, dass Rot-Weiss Essen in die falsche Richtung Zeit und Energie investiert. Denn es ist besonders im Hinblick auf den allgemeinen Rechtsruck in Deutschland und vor dem Hintergrund aktueller Landtagswahlen ein fatales Signal, wenn gegen „Nazi-Schweine“-Rufe vorgegangen wird – und nicht gegen Nazi-Schweine.
// Tim
Alle Beiträge beim MillernTon sind gratis. Wir freuen uns aber sehr, wenn Du uns unterstützt.
Das Verfassen von Kommentaren ist nur nach Registrierung möglich. Bitte bei Bedarf eine E-Mail mit Klarnamen und gewünschtem Username an Maik@MillernTon.de schicken.
MillernTon auf BlueSky // Mastodon // Facebook // Instagram // Threads // WhatsApp // YouTube