Mit dem VfL Wolfsburg empfängt der FC St. Pauli am Millerntor den Top-Favoriten auf den Aufstieg. Der Vorbericht über Pfiffe und Chancen, wie der erste Saisonsieg gelingen kann.
(Titelfoto: Stefan Groenveld)
Wenn der FC St. Pauli am Samstagabend den VfL Wolfsburg empfängt, dann ist das nicht nur das Aufeinandertreffen von zwei Bundesliga-Absteigern, sondern auch das Wiedersehen von Hauke Wahl und dem Millerntor. Die Reaktionen auf diese Rückkehr dürften ganz unterschiedlich ausfallen. Einige freuen sich, dass ein Spieler wieder zurückkehrt, der drei Jahre lang ein Mitgrund war, dass der Verein sportlich große Erfolge feierte und der dem Kader eine menschliche Komponente verlieh. Andere freuen sich nicht auf diese Rückkehr, weil sie genau diesem Spieler vorwerfen den FC St. Pauli einzig zugunsten von viel Geld verlassen zu haben. Dabei ist es möglich beide Seiten zu akzeptieren, ohne sich unvereinbar gegenüber zu stehen. Ich jedenfalls freue mich auf die Rückkehr von Hauke Wahl ans Millerntor – und bin trotzdem enttäuscht, dass er, ausgerechnet!, nach Wolfsburg gewechselt ist.
FC St. Pauli: Wer kann spielen, wer fehlt?
Mit Mathias Pereira Lage und Gísli Þórðarson fallen weiterhin zwei Spieler mit langwierigen Verletzungen aus. Zudem könnte auch Branimir Hrgota fehlen. Der Offensivspieler plagt sich mit Problemen an der Ferse herum, hatte damit auch schon letzte Woche zu tun. Nun hat er am Donnerstag nur individuell trainiert. Marcel Rapp verwies in der Pressekonferenz zwar darauf, dass Hrgota am Freitag ins Training zurückkehren könnte, aber das Fragezeichen hinter einem Einsatz des Routiniers ist ziemlich groß.
VfL Wolfsburg: Wer kann spielen, wer fehlt?
Die Verletztenliste beim VfL Wolfsburg ist aktuell ziemlich lang, rollen wir das mal von hinten nach vorne auf: Torhüter Timo Wellenreuther steht aufgrund einer Knieverletzung aktuell nicht zur Verfügung. In der Abwehr fehlen Aaron Zehnter (Trainingsrückstand nach verpasster Vorbereitung), Rogério (Muskelverletzung, bereits seit mehr als einem Jahr verletzt) und Mathys Angély, der im Spiel gegen Cottbus die Gelb-Rote Karte gesehen hat. Zudem fehlt auch weiterhin Saël Kumbedi, der aber wohl kommende Woche zurückkehren wird, wie Trainer Tobias Strobl auf der Pressekonferenz erklärte.
Im zentralen und offensiven Mittelfeld fehlen dem VfL Wolfsburg zwei Spieler, die in fittem Zustand Bundesliganiveau (Christian Eriksen) oder mindestens Topniveau in der zweiten Liga (Aster Vranckx) verkörpern. Bence Dárdai wird hingegen wieder in den Kader zurückkehren, kündigte Strobl an. Ähnlich wie Hrgota klagt auch Neuzugang Fraser Hornby über Probleme an der Ferse. Er wird den Wolfsburgern ebenfalls fehlen. Macht insgesamt acht Spieler, die gegen den FCSP ausfallen werden. Ganz schön viele.
Was hat der VfL zu bieten?
Von der langen Ausfallliste sollte man sich aber nicht täuschen lassen. Denn auch trotz dieser Ausfälle hat der VfL Wolfsburg klar den besten Kader der 2. Bundesliga. Es ist ein Kader mit so hoher individueller Qualität, wie es ihn in der 2. Bundesliga womöglich noch nie gegeben hat. Der Wiederaufstieg ist damit Pflicht, aber die ersten Spiele haben gezeigt, dass dieser alles andere als ein Spaziergang wird. Zum Auftakt gab es ein 0:0 gegen den 1. FC Kaiserslautern (der FCSP ist übrigens das einzige Team, das in dieser Saison überhaupt schon einen Treffer gegen den FCK erzielt hat), gefolgt vom 1:0-Erfolg gegen Hannover, dem mühsamen Weiterkommen im Pokal (nach Elfmeterschießen gegen Altglienicke) und dem deutlichen, aber lange sehr offenem 5:2 gegen den KSC. Zuletzt verspielten die Wolfsburger eine 3:0-Führung gegen Energie Cottbus, die Partie endete 4:4.
Starker Kader, mutiger Trainer – aber noch läuft nicht alles nach Plan
Der VfL Wolfsburg mag zwar aufgrund der hohen individuellen Qualität im Kader in der zweiten Liga herausragen, doch die Ergebnisse zeigen das (noch) nicht. Der Blick in die Daten zeigt aber, dass besonders die offensiven Abläue bereits ganz gut zu sitzen scheinen. Kein Team hat mehr Schüsse abgegeben als der VfL. Allerdings lassen die Wolfsburger aktuell viele Chancen zu, die sechstmeisten Abschlüsse der Liga um genau zu sein. Es ruckelt also alles noch ein wenig unter Neu-Trainer Tobias Strobl, der mit seinem innovativen Ansatz des Aufbauspiels der zweiten Bundesliga einen herrlich bunten Farbtupfer verleiht, der mehr Aufmerksamkeit verdient:
Strobl hat bereits beim SC Verl in der dritten Liga gezeigt, dass er mit seinen Teams gerne einen auf das Zentrum fokussierten Fußball in der Eröffnung spielen lässt, der sich erst im letzten Drittel auf die Außenbahnen fokussiert. Dort finden sich dann mit Fabian Reese und Alexander Bernhardsson zwei Spieler, die Marcel Rapp sehr gut aus seiner Zeit als Kiel-Trainer kennt („Sie sind sehr gute Spieler, wahrscheinlich mit die besten der Liga“). Situativ werden in vielen Spielfeldzonen immer wieder Rauten gebildet, mit denen durch oder um Pressinglinien und Blöcke des Gegners kombiniert werden soll. Lange und hohe Bälle sieht man in Wolfsburg ähnlich selten wie in Kiel, beide Teams spielen zwar die sechst- bzw. siebtmeisten Pässe der Liga, aber die wenigsten langen Bälle. Das Team von Strobl versucht auch unter hohem Druck stets eine flache Spieleröffnung und Weiterführung. Das Positionsspiel ist sehr fluide, die Dynamik extrem hoch, äußerst unterhaltsam und schwer zu verteidigen. Aber gerade aufgrund der sehr mutigen Positionsdynamiken birgt dieser Spielstil natürlich auch ein gewisses Risiko in der Restverteidigung, wie man unter anderem beim wilden 4:4 gegen Cottbus sehen konnte. Wer mehr über den Spielstil erfahren möchte, der/dem empfehle ich sehr diesen wahnsinnig ausführlichen Artikel über Strobls Spielidee in Verl: Totale Diagonaliät
Wenig(er) Ballbesitz erwartet & Fokus auf Umschaltmomente
Was werden wir also für ein Spiel am Millerntor zu sehen bekommen? Vermutlich eines, bei dem beide Teams konsequent den Weg nach vorne suchen. Marcel Rapp ist sich jedenfalls sicher, dass der FC St. Pauli anders gefordert sein wird als letzte Woche:
„Wir hatten in Bielefeld viel Ballbesitz, weil der Gegner tief stand. Wolfsburg wird nicht so tief verteidigen, es wird ein offeneres Spiel, wo wir auch mal eine Umschaltchance haben werden.“ Klar ist, dass der FCSP, wie auch alle anderen Gegner des VfL Wolfsburg in dieser Saison bisher, wohl nicht verhindern kann, dass Wolfsburg zu Torgelegenheiten kommt. Aber er kann versuchen das Treiben der VfL-Offensive so gut es geht zu stören. Am besten so, dass dabei auch die ein oder andere eigene Gelegenheit herausspringt. Rapp: „Es wird Phasen geben, in denen Wolfsburg den Ball hat und längere Zeit nicht mehr hergibt. Darauf müssen wir uns vorbereiten und das müssen wir annehmen.“ Grundsätzlich ist eine ähnlich chancenreiche und intensive Partie zu erwarten, wie es sie für den FC St. Pauli in Kiel gab. Mit viel Druck des Gegners, aber klaren Torchancen auf der eigenen Seite. Werden diese effizient genutzt, dann kann der FCSP dem VfL Wolfsburg richtig wehtun.

// (c) Stefan Groenveld
Mögliche Aufstellung
Tobias Strobl erklärte, dass der freie Platz in der Viererkette entweder von Jonas Adjetey oder Cleiton eingenommen werden wird. Weitere personelle Veränderungen sind denkbar, vor allem, wenn man die enorme individuelle Qualität im Kader berücksichtigt. Obwohl die Verletztenliste relativ lang ist, zählen Spieler wie Mattias Svanberg, Yannick Gerhardt und Muhammed Damar aktuell nicht einmal zum Stammpersonal. Es ist deshalb zwar nicht egal, welche Startelf Strobl ins Rennen schicken wird. Aber es kann nicht damit gerechnet werden, dass personelle Veränderungen in der Startelf etwas an der hohen Qualität ändern.
Ceesay und Metcalfe drängen in die Startelf
Beim FC St. Pauli ist mit zwei personellen Veränderungen zu rechnen. Nun ist es endlich soweit und Abdoulie Ceesay wird aller Voraussicht nach endlich, endlich, endlich seinen ersten Startelfeinsatz im Trikot des FC St. Pauli feiern. Nachdem er in den letzten fünf Pflichtspielen jeweils als Joker traf und nun wieder fit genug ist (wie er selbst im Interview mit der MOPO (€) erklärte), dürfte ein Platz in der Startelf für ihn freigemacht werden. Rapp betonte, dass Ceesay grundsätzlich auch als Ersatz für Hrgota infrage käme. Ich rechne aber damit, dass er Martijn Kaars ersetzen wird. Denn sollte Hrgota ausfallen, dann würde am ehesten Connor Metcalfe auf diese leicht nach hinten abgesetzte Offensivposition passen. Rapp erklärte auf der PK, dass Hrgota und Metcalfe ähnliche Qualitäten haben: „Beide sind sehr stark zwischen den Linien, haben einen guten Abschluss und können den letzten Pass spielen“, während Ceesay seine Stärken sehr klar im Strafraum, beim Tiefgang und teilweise sogar mit dem Rücken zum Tor besitzt und damit eben sehr wertvoll für den FCSP sein wird – aber eben nicht auf der Hrgota-Position.
Der FC St. Pauli möchte am 5. Spieltag unbedingt den ersten Sieg der Zweitligasaison einfahren. Damit das gelingt setzt Marcel Rapp nicht nur auf die Spieler auf dem Rasen, sondern auch die Fans auf den Rängen: „Wir spielen abends unter Flutlicht, wir können auf das Stadion setzen. Es liegt an uns, den Leuten zu zeigen, dass wir gerade am Anfang in den Zweikämpfen präsent sind. Auf das Stadion können wir uns verlassen.“ Die Unterstützung vom Millerntor-Stadion wird der FC St. Pauli auch brauchen, denn mit dem VfL Wolfsburg hat er eine extrem schwere Aufgabe vor der Brust.
Forza!
// Tim
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Mal völlig unabhängig von Hauke Wahl: Man könnte natürlich auch auf die Idee kommen, einfach jeden Spieler der Mannschaft auszupfeifen, die uns vor gerade einmal einem halben Jahr in die zweite Liga geschossen hat, anschließend provokant vor der Gegengerade gefeiert hat und nun mit absurden Millionenbeträgen um sich wirft, um sich den Aufstieg zu erkaufen.
Aber vielleicht bin das auch einfach nur ich.
Deal