Unter Marcel Rapp hat sich der FC St. Pauli sichtbar weiterentwickelt. Wie positiv diese Entwicklung ist, wird in den nächsten Wochen erkennbar sein.
(Titelfoto: Stefan Groenveld)
Anhand der Ergebnisse lässt sich noch nicht so richtig einordnen, wie die Saison für den FC St. Pauli verlaufen wird. Auf einen punktemäßig eher mittelprächtigem Start (zwei Punkte aus drei Spielen), folgten fünf Zähler aus den letzten drei Partien. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie die Stimmung rund ums Millerntor wäre, wenn nicht kurz vor Spielende gegen Wolfsburg der Siegtreffer gelungen wäre – oder wenn der FCSP verdientermaßen mindestens eine weitere Partie gewonnen hätte. Die Saison ist noch derart jung, dass auch jetzt noch alles möglich zu sein scheint. Der Saisonstart des FC St. Pauli hatte jedenfalls durchaus Potenzial sich zu einer richtigen Negativ-Serie auszuweiten. Auf der anderen Seite zeigte sich das Team in den letzten Partien stark verbessert. Nun kann es natürlich in beide Richtungen weitergehen, wenngleich der Trend eher nach oben als nach unten zeigt. Möglich ist durchaus auch, dass wir im Saisonverlauf noch beide Phasen erleben werden und somit bereits recht früh Planungssicherheit für die folgende Saison herrscht, weil sich früh ein Tabellenplatz im Ligamittelfeld abzeichnet.
Der FC St. Pauli 26/27 lässt sich nicht in ein Korsett zwängen
Wie auch immer die Saison nun verlaufen wird, der FC St. Pauli zeigte sich in den bisherigen Spielen runderneuert. Die Spielphilosophie und die taktischen Herangehensweisen unterscheiden sich unter der Leitung von Marcel Rapp deutlich von all dem, was man in den beiden Bundesligajahren vom FCSP zu sehen bekam. Das ist in gewisser Hinsicht normal, schließlich nimmt der FC St. Pauli in der zweiten Liga eine ganz andere Rolle ein als in der Bundesliga. Aber auch im Vergleich zum FCSP unter Fabian Hürzeler und Timo Schultz zeigt sich: Es hat sich ganz schön viel geändert. Das dürfte auch weiterhin passieren. Sogar Spiel für Spiel, was an sich schon herauszuheben ist. So sehr, dass sich der FC St. Pauli 26/27 nicht in ein Korsett zwängen lässt, wie es in den Vorjahren immer der Fall gewesen ist. Die ersten sieben Pflichtspiele unter Marcel Rapp haben gezeigt, dass der FCSP an Wandlungsfähigkeit gewonnen hat.
Wie anders der Fußball des FC St. Pauli unter Marcel Rapp ist, hatte ich gehofft in den Zahlen zu finden. Doch das ist gar nicht so leicht. Ehrlich gesagt habe ich mich auf der Suche nach Unterschieden ziemlich verheddert in den Zahlen. Aus dem Vergleich zur Vorsaison wurde ein Vergleich zu beiden Bundesligajahren. Weil Bundesliga und zweite Liga aber ein anderes Anspruchsdenken des FC St. Pauli beinhalten, wurde auch die Aufstiegssaison 23/24 hinzugezogen. Die ist aber aus vielerlei Hinsicht ein Ausreißer nach oben. Daher habe ich die Spielzeit 22/23 hinzugefügt, die aber eine krasse Veränderung in Form eines Trainerwechsels beinhaltete. Weshalb auch die Saison 21/22 mit der jetzigen verglichen wird. Und nun habt ihr eine Idee, warum dies mein erster Artikel seit mehr als einer Woche ist…
Schauen wir uns also mal die Zahlen etwas genauer an. Aufgesplittet in zwei Tabellen findet ihr einige Zahlen zur Torgefahr und zum Passspiel.
| TORGEFAHR | eigener xG | gegn. xG | eigene Schüsse | gegn. Schüsse | Kontakte 16er | gegn. Kontakte 16er |
| 26/27 (Rapp) | 1,4 | 1,4 | 12,5 | 12,0 | 16,0 | 18,7 |
| 25/26 (Blessin) | 1,0 | 1,7 | 9,5 | 11,6 | 14,3 | 18,7 |
| 24/25 (Blessin) | 1,1 | 1,4 | 10,3 | 10,3 | 16,0 | 17,9 |
| 23/24 (Hürzeler) | 1,7 | 1,2 | 14,8 | 8,6 | 22,5 | 12,2 |
| 22/23 (Schultz/Hürzeler) | 1,5 | 1,1 | 14,3 | 10,4 | 21,3 | 14,1 |
| 21/22 (Schultz) | 1,5 | 1,6 | 13,1 | 11,8 | 20,6 | 18,4 |
Mehr Torgefahr – auf beiden Seiten
In den ersten sechs Ligaspielen unter Marcel Rapp kommt der FC St. Pauli auf einen durschnittlichen xG-Wert von 1,4 pro 90 Minuten. Dieser Wert ist deutlich höher als jener aus den beiden Vorjahren (1,0 bzw. 1,1). Auch die Anzahl an Abschlüssen ist gestiegen, von 10,3 und 9,5 auf 12,5. Im Vergleich zu den Jahren unter Hürzeler und Schultz ist der Wert aber niedriger, vor allem die Aufstiegssaison ragt heraus (xG: 1,7, Abschlüsse: 14,8). Auffällig ist, dass die Anzahl an Ballkontakten im gegnerischen Strafraum nicht gestiegen ist im Vergleich zu den beiden Bundesligajahren, trotz des höheren xG-Wertes und mehr Abschlüssen. Das spricht zum einen für ein effizientere Ummünzung der Präsenz im gegnerischen Strafraum in Abschlüsse. Im Vergleich zu der Ära Schultz/Hürzeler ist die Anzahl der Ballkontakte im gegnerischen Strafraum aber sehr gering, was dann widerum ausdrückt, dass das Team (noch) nicht so torgefährlich wie gewünscht ist.
Nicht gering ist die Anzahl der gegnerischen Ballkontakte im Strfraum des FC St. Pauli in der aktuellen Saison. Sie ist nämlich genau so hoch wie in der Vorsaison – und damit so hoch wie sonst nicht innerhalb der letzten fünf Saisons. Zudem hat der FCSP in den sechs Spielen dieser Spielzeit bisher durchschnittlich 12 gegnerische Abschlüsse zugelassen, was der Höchstwert im untersuchten Zeitraum ist. Auffällig ist beim Blick auf die Zahlen, wie defensivstark der FC St. Pauli unter der Leitung von Fabian Hürzeler gewesen ist. Die Zahlen der bisherigen Spielzeit passen sehr gut zu den visuellen Eindrücken. Der FC St. Pauli konnte unter Rapp bisher erst ein einziges Mal die Null halten. Das mag in gewisser Weise zur grundsätzlich eher auf die Offensive ausgerichteten Spielidee von Rapp passen, muss es aber nicht, wie der 47-jährige in der Aufstiegssaison mit Holstein Kiel zeigte, als das Team sich hinter dem FCSP die zwitwenigsten Gegentreffer fing.
Der Blick auf die Zahlen zeigt insgesamt: Offensiv hat der FC St. Pauli zugelegt, ist aber nicht da, wo er in den letzten Jahren seiner Zweitligazugehörigkeit gewesen ist. Defensiv hat sich nicht ganz so viel geändert im Vergleich zu den zwei Jahren in der Bundesliga.
| PASSSPIEL | Ballbesitz, % | erfolg. Pässe, % | Ballverluste | Flanken | Pässe ins Angriffsdrit., % | prog. Pässe, % |
| 26/27 (Rapp) | 45,7 | 79,8 | 121,8 | 17,8 | 13,7 | 16,7 |
| 25/26 (Blessin) | 42,5 | 80,0 | 122,3 | 13,9 | 13,2 | 17,9 |
| 24/25 (Blessin) | 44,5 | 81,9 | 110,8 | 14,2 | 12,5 | 17,6 |
| 23/24 (Hürzeler) | 57,3 | 86,7 | 97,5 | 16,4 | 10,2 | 14,2 |
| 22/23 (Schultz/Hürzeler) | 55,4 | 83,2 | 114,4 | 18,1 | 11,3 | 16,4 |
| 21/22 (Schultz) | 53,3 | 81,8 | 119,5 | 14,3 | 11,9 | 17,7 |
Mehr Risiko, mehr Flanken, aber (noch) nicht genug Ertrag
Beim Blick auf das Passspiel zeichnen die Zahlen ein etwas anderes Bild: Der FC St. Pauli ist unter Marcel Rapp auch weiterhin kein dominantes Team, hat durchschnittlich nur rund 46 Prozent Ballbesitzanteile und verzeichnet die zweitmeisten Ballverluste. Allerdings ist hier ein Muster klar erkennbar. Denn der prozentuale Anteil an Pässen ins letzte Drittel ist in den bisher absolvierten sechs Ligaspielen so hoch wie sonst nie gewesen, wenn man diesen mit den fünf Vorsaisons vergleicht. Auch die niedrige Passquote (unter 80 Prozent in 26/27) deuten an, was viele sicher auch beim Anschauen der Spiele wahrgenommen haben: Der FC St. Pauli geht unter Marcel Rapp viel mehr und öfter ins Risiko. Unter Blessin kam die hohe Anzahl solcher Pässe (und auch die höchsten Quoten bei langen Bällen) oft durch Risikoarmut zustande, lange Bälle hatten oft den Charakter eines Befreiungsschlags. Nun steckt aber ein mutiges Offensivkonzept dahinter, was unter anderem an der Positionierung der Spieler erkennbar ist. Kein anderer Zweitligist hat in dieser Spielzeit bisher mehr Pässe ins Angriffsdrittel gespielt als der FCSP, keiner mehr Schnittstellenpässe, das Risiko bzw. die hohen Quoten an Fehlpässen und Pässen nach vorne sind das Produkt der Spielidee von Marcel Rapp.
Entsprechend zeigen diese Zahlen dann doch recht eindeutig, das sich beim FC St. Pauli unter Marcel Rapp einiges geändert hat. Während Alexander Blessin und Fabian Hürzeler gebetsmühlenartig betonten, wie wichtig ein Fokus auf eine stabile Defensive sei (und dies ja auch teilweise gelang), wird unter Rapp mutiger nach vorne gespielt. Das hat einen Preis, der sich in Form verhältnismäßig vieler gegnerischer Abschlüsse äußert, sorgt aber auch dafür, dass der FCSP in der Offensive wieder deutlich gefährlicher ist als in den beiden Bundesligajahren. Der Vergleich der Jahre und allgemein der Vergleich der Zahlen zeigt aber auch, dass dieser Plan noch nicht so richtig aufzugehen scheint. Der FC St. Pauli ist zwar gefährlicher in der Offensive geworden, aber nicht auf dem Niveau der Jahre 2021-2024. Da das Team aktuell aber zu viele gegnerische Abschlüsse zulässt, ist die Bilanz des FCSP ausgeglichen, nicht mehr und nicht weniger. Der FC St. Pauli ist also im Tabellenmittelfeld aktuell ganz gut aufgehoben.
Eine Sache wird dann anhand der Daten noch sehr deutlich: Der FC St. Pauli fokussiert sich unter der Leitung von Rapp wieder deutlich mehr auf Durchbrüche auf den Außenbahnen. Von diesem Plan hatte auch Alexander Blessin in der Vorsaison gesprochen. Doch die 13,9 Flanken pro Partie (25/26) zeigen, dass dieses Vorhaben letzte Saison im Vergleich zur aktuellen Spielzeit (17,8) viel seltener gelungen ist. Das hängt ziemlich eindeutig mit der höheren Präsenz in vorderster Reihe zusammen. Denn auch unter Blessin schoben die Außenverteidiger so aggressiv und mutig vor, wie nun teilweise unter Rapp. Doch es steht eben ein Mittelstürmer mehr auf dem Rasen. Das sorgt für mehr Präsenz in der Box und entsprechend auch mehr Flanken (allerdings (noch) nicht für mehr Ballkontakte im gegnerischen Strafraum).
Fokus auf Ballbesitz oder Umschaltspiel – beides ist möglich beim FC St. Pauli
Zur Wahrheit gehört aber dazu, dass der Blick nach sechs Spieltagen noch deutlich weniger Aussagekraft besitzt, als nach Saisonende. Zudem werden Statistiker*innen Marcel Rapp sowieso nicht sonderlich gern haben. Denn der Vergleich der durchschnittlichen Werte wird nicht ansatzweise dem gerecht, was wir in dieser Saison bisher auf dem Platz bestaunen durften. Der FC St. Pauli hat nämlich deutlich an Wandlungsfähigkeit gewonnen. Die bisherigen sechs absolvierten Ligaspiele sind mehr oder weniger gerecht nach „Ballbesitz-Fokus“ und „Umschalt-Fokus“ unterteilbar. In den Partien gegen Fürth, Kaisersalutern und Bielefeld trat das Team sehr dominant und auch auf Ballsicherheit fokussiert auf, der Ballbesitzanteil lag in diesen Partien bei 58, 59 und 55 Prozent. In den anderen drei Partien (Kiel, Wolfsburg, Cottbus) hatte der FCSP nur wenig Interesse daran den Ball länger zu halten, spielte viel mehr schnell und zielstrebig nach vorne. Hier lag der Ballbesitzanteil bei 34, 37 und 29 Prozent. Der Mittelwert von 45,7 Prozent hat also eine sehr, sehr große Standardabweichung.
Hier muss ganz offen gefragt werden: Wenn sich die Herangehensweisen und daher auch die Spiele so deutlich voneinander unterscheiden, welche Aussagekraft haben dann die Mittelwerte? Wenig, ja. Aber diese Datenaufbereitung zeigt dann doch genau das, was man vor der Saison vom FCSP unter Rapp erwarten konnte: Das Team ist sehr anpassungsfähig. Mal wird ein Fokus darauf gelegt sich Chancen durch längere und kontrollierte Ballbesitzphasen zu erarbeiten. Mal wird nach Ballgewinnen viel schneller und risikoreicher nach vorne gespielt. Mal sollen sich Spieler Platz in den offensiven Halbräumen schaffen, mal sollen die Halbräume einfach überspielt werden. Mal agieren die Außenverteidiger so, als wäre der zweite Teil ihrer Positionsbezeichnung eine Beleidigung, mal sind sie nichts anderes als Verteidiger. Mal wird ein Gegner tief erwartet, ihm wird etwas Raum zum Spielaufbau gelassen. Mal wird der Gegner frühstmöglich gestört. Mal fokussiert man sich im Pressing auf das Zentrum, mal auf die Außenbahnen. Die Unterschiede der Spielweisen sind radikal und extrem, teilweise könnten sie nicht weiter auseinanderliegen. Das macht den FC St. Pauli flexibel und für Gegner schwer berechenbar.
Die Daten zeigen also, dass der FC St. Pauli aktuell noch lange nicht da ist, wo er hinmöchte, wo er anhand der Kaderqualität vielleicht auch hingehört. Aktuell lässt das Team zu viele Gelegenheiten zu. Und auch wenn die Durchschnittswerte und die geringe Anzahl an Spielen das Bild etwas verzerren mögen: Der Vergleich zu den Saisons unter Schultz und Hürzeler zeigt, dass auch in der Offensive noch Luft nach oben vorhanden ist. Marcel Rapp wird darum bemüht sein daran etwas zu ändern – das er Dinge gut und sinnvoll verändern kann, hat er bereits gezeigt. Nun wird er mit seinem Team daran arbeiten den positiven Trend der letzten Spiele fortzuführen, ob nun mit Ballbesitz- oder Umschaltfußball.
// Tim
Alle Beiträge beim MillernTon sind gratis. Wir freuen uns aber sehr, wenn Du uns unterstützt.
Das Verfassen von Kommentaren ist nur nach Registrierung möglich. Bitte bei Bedarf eine E-Mail mit Klarnamen und gewünschtem Username an Maik@MillernTon.de schicken.
MillernTon auf BlueSky // Mastodon // Facebook // Instagram // Threads // WhatsApp // YouTube