Für den FC St. Pauli steht eine Umstellung an: Nach drei Partien gegen destruktive Gegner aus den Abstiegsregionen kommt mit dem balldominanten 1. FC Nürnberg eines der besten, wenn nicht sogar das beste Team der Liga ans Millerntor.
(Titelfoto: Peter Boehmer)
Der Tabellenzweite reist zu einem Team, das seit sechs Partien ungeschlagen ist. Zwar ist der FC St. Pauli aktuell nicht so richtig drin im Aufstiegskampf und der 1. FC Nürnberg schwimmt ein wenig im Schatten hinter Hertha BSC und dem VfL Wolfsburg (was ich nicht ganz gerechtfertigt finde) – aber an diesem Sonntag findet ein echtes Top-Spiel am Millerntor statt!
FC St. Pauli: Wer kann spielen, wer fehlt?
„Heute habe alle Spieler trainiert, die letzte Woche auch zur Verfügung gestanden haben“, erklärte Marcel Rapp auf der Pressekonferenz am Freitag. Das bedeutet, dass der FC St. Pauli weiterhin auf Rony Jansson, Mathias Pereira Lage und Gísli Þórðarson verzichten muss, sich aber ansonsten über einen prall gefüllten Kader freuen kann. Der Cheftrainer des FCSP betonte zudem, dass man die lange Zeit zwischen den beiden Partien (neun Tage) gut genutzt habe und das Team „gut vorbereitet“ sei.
1. FC Nürnberg: Wer kann spielen, wer fehlt?
Die Ausfallliste beim 1. FC Nürnberg ist ebenfalls nicht wirklich lang. Mit Mikayil Faye, Adriano Grimaldi und Kristian Mandic fehlen dem Club drei Spieler, die in dieser Saison ohnehin noch keine so große Rolle spielten. Die zwei anderen Ausfälle schmerzen dafür umso mehr: Zum einen fehlt mit Finn Becker ein ehemaliger FCSP-Spieler, der zu Saisonbeginn aus meiner Sicht DER wichtigste Spieler des Teams war. Das zeigen auch die Zahlen, denn der FCN hat keine der vier Partien ohne Becker auf dem Rasen gewinnen können. Zudem hat Nürnberg mit Mohamed Alì Zoma einen Spieler in seinen Reihen, der schlicht viel zu gut für die 2. Bundesliga ist und der mit sieben Ligatreffern ebenfalls großen Anteil am Erfolg der Franken hat. Auch er wird am Sonntag fehlen. Der Beweis, dass der FCN diese beiden Ausfälle auffangen kann, steht aktuell noch aus, zumindest ergebnistechnisch.
Was hat der FCN zu bieten?
Die Entwicklung die der 1. FC Nürnberg in den letzten Jahren genommen hat, ist beeindruckend. Dem Club ist es nicht nur gelungen, die extrem kritische Finanzlage in den Griff zu bekommen, sondern auch Stück für Stück die Qualität im Kader derart zu erhöhen, dass sich nun ein Fenster geöffnet hat, in dem ein Bundesligaaufstieg möglich scheint. Beeindruckend ist das vor allem deshalb, weil der FCN in den letzten drei Jahren seine besten Spieler (Uzun, Brown, Tzimas, Jander, Jeltsch, Castrop, Gruber) für sehr, sehr viel Geld verkauft hat und so die leeren Kassen füllte – und der Kader aktuell trotzdem leistungsstärker als vor drei Jahren ist.
Entsprechend ist der jüngst vermeldete Abgang womöglich einer der heftigsten: Sportvorstand Joti Chatzialexiou, unter dessen Leitung der Kader sich so gut entwickelt hat, wird es zu Eintracht Frankfurt ziehen. Doch auch wenn dieser Abgang sehr schmerzhaft ist, Chatzialexiou hat dem/der Nachfolger*in ein gut bestelltes Feld hinterlassen. Der 1. FC Nürnberg hat in dieser Saison, trotz der langfristigen Ausfälle von Zoma und Becker, das Zeug aufzusteigen.
Unter Klose und Chatzialexiou zum Aufstiegskandidaten
Fünf Siege gab es für das von Miroslav Klose trainierte Team aus den ersten sechs Partien. Nur Hertha BSC konnte da noch einen drauflegen. Zuletzt gab es dann aber zwei Unentschieden, darunter mit dem 4:4 gegen den VfL Wolfsburg das womöglich beste Zweitligaspiel der Saison 26/27, und zuletzt die erste Saisonniederlage gegen den 1. FC Kaiserslautern. Macht drei sieglose Ligaspiele in Serie. Ist der FCN also gar nicht so gut wie noch zu Saisonbeginn? Der Blick in die Zahlen und auch die Spiele selbst zeigen das Gegenteil: Der 1. FC Nürnberg hätte gut und gerne alle drei Spiele gewinnen können, war gegen Cottbus und Kaiserslautern klar das bessere Team mit den besseren Gelegenheiten. Das spricht also nicht dafür, dass der FCN derart von Becker und Zoma abhängig ist, dass ihre langfristigen Ausfälle die Aufstiegschancen zum Einstürzen bringen. Nein, der 1. FC Nürnberg ist auch weiterhin eines der Top-Teams der 2. Bundesliga.
Die Zahlen zu der im letzten Satz aufgestellten These sind ziemlich eindeutig: Der FCN hat den dritthöchsten xG-Wert aller Zweitligisten, die zweitmeisten Ballkontakte im gegnerischen Strafraum und die zweitmeisten Schüsse auf das gegnerische Tor. Nürnberg ist insgesamt ein sehr balldominantes Team, was sich am höchsten Ballbesitzanteil der zweiten Liga ablesen lässt. Im letzten Drittel versucht es der Club oft aus einem klaren 4-2-3-1 heraus mit Dribblings auf den Außenbahnen. Kein Zweitligist geht häufiger ins Dribbling als der FCN, wenngleich sich hier das Fehlen von Zoma in den letzten Partien schon ein wenig bemerkbar gemacht hat. Marcel Rapp erklärt, dass die Nürnberger Spielweise auch sehr flexibel ist, angepasst auf die Spieler, die auf dem Platz stehen: „Nürnberg spielt einen super Fußball. Sie sind total spielaktiv, sind gegen den Ball präsent. Sie haben viele gute Spieler, die sie in gute Räume bringen. Sie spielen nicht immer gleich, sondern je nachdem welcher Spieler spielt, da hat man das Gefühl, dass sie immer ein bisschen was anpassen.“
Gegen den Ball arbeitet das Team vor allem sehr intensiv, die drittmeisten Defensivaktionen pro Minute gegnerischen Ballbesitzes zeigen das klar an. Der niedrige PPDA-Wert zeugt zudem von einem sehr hohen Pressingverhalten des Teams. Der FCN verteidigt zudem oft stark mannorientiert, nicht selten über den gesamten Platz. Damit unterscheidet sich das Team extrem von den letzten Gegnern des FC St. Pauli, wie Rapp erklärt: „Sie werden anders auftreten. Viel 1-gegen-1, viel hohes Pressing. Ob uns das entgegenkommt, werden wir dann sehen. Grundsätzlich ist es nicht so einfach, gegen uns 1-gegen-1 zu verteidigen. (…) Wir sind darauf gut vorbereitet.“
Mehr als Zoma und Becker
Bei all dem berechtigtem Fokus auf die hohen Qualitäten von Zoma und Becker darf zudem nicht vergessen werden, dass es im Kader des FCN noch einige weitere Spieler gibt, die im Spiel mit dem Ball sehr, sehr gut sind. Mittelstürmer Piet Scobel steht bereits bei fünf Saisontreffern und schreibt aktuell eine recht ähnliche Geschichte wie vor einigen Jahren Elias Saad beim FC St. Pauli. Denn Scobel hatte im Trikot des ETV in der Oberliga auf sich aufmerksam gemacht, wagte Anfang 2025 dann den großen Sprung nach Nürnberg. Dort dauerte es weniger als ein Jahr, bis er erstmals in der zweiten Liga auflief und kurz danach auch seine ersten Treffer erzielte. Zudem ist das zentrale Mittelfeld mit Adam Markhiev und Leihgabe Javier Fernández extrem gut besetzt. Besonders die Kreativität des Teams in Offensivaktionen hat mich in dieser Saison beeindruckt. Das Team hat unter der Leitung von Klose klare Strukturen und Abläufe, ist innerhalb dieser aber sehr kreativ, um Räume zu finden oder zu öffnen. Es macht wirklich großen Spaß, der FCN-Offensive in dieser Saison beim Fußballspielen zuzuschauen.
Hoffentlich aber nicht am Sonntag. Der FC St. Pauli möchte diese Nürnberger Offensive stoppen und damit seinem eigenen Anspruch gerecht werden. Zwar betont Marcel Rapp, wie gut das Nürnberger Team sei, aber erklärt eben auch selbstbewusst: „Wir sind der FC St. Pauli. Wir haben auch gute Spieler. Wir haben auch den Anspruch, dass wir gegen jeden Gegner gewinnen können. Deshalb, glaube ich, wird es ein gutes Spiel gegen einen sehr guten Gegner.“ Der FCSP-Cheftrainer ergänzte zudem, dass man sich besonders am Millerntor etwas ausrechne: „Wir haben den Anspruch, jedes Heimspiel gewinnen zu können. Dazu sind wir auch in der Lage, das liegt an uns. Wenn wir bei 100 Prozent sind, wenn wir das schaffen, dann sehe ich gute Chancen, dass wir gegen Nürnberg gewinnen.“

(Pau Barrena/Getty Images/via OneFootball)
Mögliche Aufstellung
Ob der 1. FC Nürnberg personell etwas verändern wird, ist nicht ganz klar, aber es ist damit zu rechnen. Denn das Team war unter der Woche gegen Bayer Leverkusen im DFB-Pokal gefordert (2:5 nach 2:0-Führung). Wenn, dann dürfte es zwar wohl nur auf ein oder zwei Positionen zu Veränderungen kommen, aber diese könnten entscheidend sein, weil sie das Herz der Offensive betreffen. Denkbar ist nämlich, dass Rayan Ghrieb und Piet Scobel wieder anstelle von William Bøving und Sigurd Haugen in der Offensive starten werden.
Ceesay sucht Sturmpartner
Beim FC St. Pauli gibt es auch ein paar Fragezeichen bezüglich der Startelf. Allen voran ist unklar, wer neben Abdoulie Ceesay stürmen wird. Zwar betont Rapp, dass auch Ceesay sich Tag für Tag beweisen und seinen Startelfplatz verteidigen müsse, aber angesichts seiner gezeigten Leistungen ist völlig ausgeschlossen, dass er nicht starten wird. Neben ihm begann zuletzt immer Youssoupha Niang, dessen Leistungen aber nicht ganz so überzeugend waren. Daher ist zumindest denkbar, dass entweder Ricky-Jade Jones, Taichi Hara oder Martijn Kaars neben Ceesay starten könnten. Für Jones würde das Tempo sprechen, gerade wenn es gegen einen hoch pressenden Gegner wie Nürnberg geht. Allerdings ist Tempo auch die Stärke von Niang, der zudem die Gegner besser anläuft als Jones. Für einen Einsatz von Hara spräche ebenfalls das hohe Nürnberger Pressing, da der FC St. Pauli durch ihn eine „Exit-Strategie“ (=hoher Ball auf Hara) hätte. Für Kaars spricht allgemein ein Fokus des FCSP auf Kontersituationen, wenngleich er zuletzt ebenfalls nicht überzeugen konnte. Angesichts des Gegners und der Chancen, die er gegen Darmstadt hatte, halte ich einen Startelfeinsatz von Niang für wahrscheinlich.
Zudem gibt es im zentralen Mittelfeld zwei Positionen, auf denen Veränderungen denkbar sind. Matti Rasmussen musste in Darmstadt zur Pause raus, Sam Klein kam für ihn in die Partie und der Sommer-Neuzugang macht immer weiter Druck auf dieser Position, drängt also automatisch in die Startelf. Rapp: „Sam Klein macht seine Sache gut. Es ist die Frage, wie wir es angehen: Brauchen wir einen 1-zu-1-Ersatz oder brauchen wir einen anderen Spieler? Oder spielt Matti weiter, weil er eine solide Saison spielt und immer gut trainiert?“ Ich rechne allerdings auch hier damit, dass alles so bleibt, wie es zuletzt war: Rasmussen startet und Klein wird recht früh in der zweiten Hälfte reinkommen.
Früher als zuletzt möchte sicher auch Branimir Hrgota reinkommen, der gegen Hannover und Darmstadt jeweils nur wenige Minuten auf dem Rasen stand. In beiden Partien, so mein Eindruck, hätte Hrgota mit seinen Fähigkeiten grundsätzlich helfen können. Allerdings konnte er diese Fähigkeiten zu Saisonbeginn auch nicht so richtig zeigen, als er noch Startelfspieler war. Und da Connor Metcalfe seine Sache zwischendrin richtig gut machte, zuletzt aber nicht mehr ganz so präsent gewesen ist, ist das Fragezeichen auf dieser Position verhältnismäßig groß. Doch auch hier rechne ich mit keiner Änderung.
Top-Spiel am Millerntor
Der FC St. Pauli könnte gegen den 1. FC Nürnberg also erneut mit unveränderter Startelf auflaufen. Was sich aber verändern wird, ist das Spiel selbst. Nachdem es in den Partien gegen Karlsruhe, Hannover und Darmstadt gegen drei eher tiefstehende Gegner ging, wird der FCN nun ein sehr aktives Team sein, das den Ball unbedingt haben möchte. Ich denke: Es wird dem FC St. Pauli in die Karten spielen, wenn er nach Ballgewinnen mehr Räume vorfinden wird. Diese guten Karten braucht der FCSP aber auch, denn Nürnberg ist nach meinem Empfinden aktuell die höchste Hürde, die es in der zweiten Liga zu überspringen gibt. Ein Top-Spiel eben.
Forza!
// Tim
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