FC St. Pauli vs. 1. FC Nürnberg 1:3 – Wie viele Chancen sind ein Tor?

FC St. Pauli vs. 1. FC Nürnberg 1:3 – Wie viele Chancen sind ein Tor?

Im Top-Spiel gegen den 1. FC Nürnberg zeigte der FC St. Pauli eine Top-Leistung. Dass diese Partie mit einer Niederlage endete, ist eine der schmerzhaftesten Schönheiten des Fußballs.
(Titelfoto: Stefan Groenveld)

Wie würde dieses Team des FC St. Pauli wohl abgefeiert werden, wenn es das Ergebnis bekommen hätte, was es aufgrund der Leistung verdient gehabt hätte? Klar, xG-Werte (4,1 (!!!) – 0,9) sind nicht alles, aber sie zeigen doch ganz klar auf, wer an diesem Sonntagnachmittag das völlig überlegene Team war. Der FC St. Pauli war gegen den 1. FC Nürnberg in allen Belangen das bessere Team, der Matchplan ging auf, die Intensität war höher, die Chancen waren besser – nur das Ergebnis eben nicht. Fußball kann so ungerecht sein.

Die Aufstellung

St. Paulis Cheftrainer Marcel Rapp entschied sich dazu, eine personelle Veränderung im Vergleich zu den letzten Spielen vorzunehmen: Branimir Hrgota kehrte nach längerer Abstinenz wieder in die Startelf zurück. Er verdrängte Youssoupha Niang auf die Bank. Diese personelle Änderung passte zu einer Anpassung der Formation: Der FCSP agierte mit und gegen den Ball mit einer Mittelfeldraute. Im Kader fehlte Ricky-Jade Jones aufgrund einer Erkrankung.

Beim 1. FC Nürnberg entschied sich Cheftrainer Miroslav Klose dazu, mit der gleichen Startelf anzutreten, wie im letzten Ligaspiel. Somit ergaben sich drei personelle Veränderungen im Vergleich zum Pokalspiel unter der Woche: Ghrieb, Scobel und Porstner kehrten zurück, Bøving, Haugen und Ceresoli nahmen auf der Bank Platz. Das Team agierte wie gewohnt aus einem klaren 4-2-3-1 heraus.

FC St. Pauli vs. 1. FC Nürnberg - personelle Aufstellung FCSP: Voll - Nemeth, Smith, Ritzka - Pyrka, Rasmussen, Metcalfe, Fujita, Oppie - Ceesay, Hrgota FCN: Reichert - Janisch, Kalogeropoulos, Otto, Porstner - Fernández, Markhiyev - Ghrieb, Justvan, Lubach - Scobel
FC St. Pauli vs. 1. FC Nürnberg – personelle Aufstellung
FCSP: Voll – Nemeth, Smith, Ritzka – Pyrka, Rasmussen, Metcalfe, Fujita, Oppie – Ceesay, Hrgota
FCN: Reichert – Janisch, Kalogeropoulos, Otto, Porstner – Fernández, Markhiyev – Ghrieb, Justvan, Lubach – Scobel

FC St. Pauli spielt FCN in Grund und Boden

In welche Richtung diese Partie gehen würde, zeigte sich bereits nach wenigen gespielten Sekunden, als Ceesay zu seinem ersten Abschluss kam. Es war ein Vorgeschmack auf das, was in dieser ersten Hälfte passieren sollte. Denn der FC St. Pauli zeigte schlicht großartigen Fußball, erspielte sich ein halbes Dutzend Top-Gelegenheiten und ließ Nürnberg nur zu ganz wenigen Chancen kommen. Dass nach dieser ersten Hälfte auf der Anzeigetafel tatsächlich ein 0:1 stand, lag einzig daran, dass der FCSP es verpasste, seine Gelegenheiten zu nutzen – und der FCN aus quasi Nichts einen Treffer erzielte.

Auffällig war dabei, dass sich der FC St. Pauli anders aufstellte als zuletzt, mit einer Mittelfeldraute nämlich. Eric Smith positionierte sich klar vor den beiden Innenverteidigern, im Sechserraum. Davor agierten Metcalfe, Hrgota, Fujita und Rasmussen sehr flexibel, was ihre Positionierung betraf. Diese Flexibilität war einer der Schlüssel dafür, dass der FCSP den 1. FC Nürnberg vor große Probleme stellte. Denn Nürnberg agierte mit starken Mannorientierungen in der Defensivarbeit. Durch die Rotationen forderte der FCSP von den FCN-Spielern entweder, dass sie ihre Positionen verlassen, um ihren Gegenspielern zu folgen oder aber gut kommunizieren, damit Übergaben von Gegenspielern funktionieren. Beides lief nicht so richtig rund beim FCN, sodass der FC St. Pauli sich aus dieser Offensivstruktur heraus einige Chancen erspielen konnte.

Doch nicht nur die vielen Rotationen im Mittelfeld des FC St. Pauli sorgten dafür, dass die Defensive des 1. FC Nürnberg in Verlegenheit geriet. Der FCSP suchte auch oft die „schnelle Tiefe“ direkt nach Ballgewinnen oder auch über lange Bälle von Voll. Diese wurde dann zumeist über die Außenbahnen gesucht, per langem Ball vor allem über Pyrka, auf der Oppie-Seite eher mit schnellen Kombinationen. Zudem kam der FCSP auch in Gegenpressing- und Standard-Situationen zu Torchancen. Es war also egal, mit welchen Mitteln – der FC St. Pauli stellte die Nürnberger Defensive vor große Probleme.

12-0 Abschlüsse, 0:1-Rückstand

So gab es also in der ersten Hälfte ein wahres Offensiv-Feuerwerk des FC St. Pauli zu sehen. Auf insgesamt 14 Abschlüsse kam das Team von Marcel Rapp. Die besten Chancen hatten Fujita (4. Minute), Oppie (Latte) und Ritzka mit der Hacke (!) (beide 17.), Ceesay (18.), sowie Metcalfe (31.) und nochmal Ceesay (45.+1). Angesichts dieser wirklich hochkarätigen Gelegenheiten war es völlig grotesk, dass der FCSP in dieser ersten Hälfte keinen eigenen Treffer zustande brachte. Wobei, einmal gelang es einem FCSP-Spieler den Ball ins Tor zu schießen…

Denn bereits in der achten Minute geriet der FC St. Pauli in Rückstand. In dieser Szene sah Eric Smith gleich in zwei Situationen nicht gut aus. Sein Gegenspieler Justvan ließ im rechten Halbraum einen Ball zum Mitspieler tropfen, in dem Moment, als Smith ihn in einen Zweikampf verwickeln wollte. Justvan setzte dann zum Tiefenlauf an und Smith ließ ihn in seinem Rücken ziehen, sodass er mit etwas Glück am ausrutschenden Ritzka vorbei an die Grundlinie dribbelte. Sein Querpass in den Rückraum war eigentlich ungefährlich, doch der Ball prallte von Smiths Fuß ins eigene Tor. So gab es die wilde Statistik, dass der FC St. Pauli nach 20 Minuten 12-0 Abschlüsse vorweisen konnte, aber 0:1 hinten lag.

FCSP-Mittelfeldraute schlägt FCN-Doppelsechs

Dass der FC St. Pauli die eigentlich sehr produktive Offensive des 1. FC Nürnberg so gut im Griff hatte, hing ebenfalls direkt mit der Mittelfeldraute zusammen. Der FCN organisierte sich in einem 2-4-3-1 in Aufbausituationen (ein 4-2-3-1, bei dem die Außenverteidiger etwas weiter vorne positioniert waren). Hierbei war das Verhalten der beiden Außenverteidiger auffällig, die immer mal wieder ihre Positionen auflösten und in die offensiven Halbräume vordrangen (vor allem Janisch) oder sogar als zweite Spitze (Porstner) agierten.
Der FC St. Pauli positionierte sich gegen das Nürnberger 2-4-3-1 mit einer Mittelfeldraute, um das Zentrum zu verdichten. Ziel war es, die beiden sehr spielstarken Sechser der Nürnberger, Fernándes und Markhiyev, möglichst aus dem Spiel zu nehmen. Das gelang. Und es war sehr wichtig, dass das gelang.

Denn auf dem Papier ist die Mittelfeldraute des FC St. Pauli gegen das 4-2-3-1 des FCN nicht so optimal. Nürnberg setzte auf Dopplungen auf den Außenbahnen, der offensive Außenbahnspieler und der Außenverteidiger besetzten die jeweilige Seite konsequent. Da ist eine zentrumsfokussierte Verteidigungsweise wie mit einer Mittelfeldraute eigentlich anfällig. So hatten die Gäste auf der ballfernen Seite oft eine Überzahl, weil der FCSP mit seiner Raute stark auf die ballnahe Seite verschob. Diese Überzahl hätte sehr gefährlich sein können, wenn es dem FCN denn gelungen wäre, schnell das Spiel zu verlagern.

Das gelang aber nicht. Denn hier hat die Spielidee von Marcel Rapp gewonnen. Die schnellen Verlagerungen wollte der FCN eigentlich über die ballfernen Sechser spielen. Dieser war aber durch die Mittefeldraute des FCSP so gut wie nie anspielbar. So verlagerte der 1. FC Nürnberg zwar oft das Spiel, allerdings zumeist über die eigene Innenverteidigung. Weiter hinten herum zu spielen kostete wichtige Zeit, die es dem FC St. Pauli erlaubte, sich mit seiner Raute auf die andere Seite zu bewegen.
So sah das Nürnberger Aufbauspiel zwar teilweise recht gefällig aus, das Team hatte sogar mehr Ballbesitz als der FC St. Pauli. Aber es war total ineffektiv. Der FCN, vielleicht sogar das spielstärkste Team der 2. Liga, brachte gegen den FCSP lange Zeit kaum einen gelungenen Offensiv-Spielzug zustande.

Hamburg, Deutschland, 01.11.2026, Millerntor-Stadion, 2. Bundesliga, FC St. Pauli - 1. FC Nürnberg Arkadiusz Pyrka (FC St. Pauli) im Laufduell mit Eric Porstner (1. FC Nürnberg). Copyright: Stefan Groenveld
Arek Pyrka konnte einmal mehr im Trikot des FC St. Pauli nachweisen, dass er einer der besten Rechtsverteidiger der zweiten Bundesliga ist. Leider reichte seine Torvorlage nicht zum Erfolg des FCSP gegen den 1. FC Nürnberg.
(c) Stefan Groenveld

Chancenwucher trifft auf Effizienz – die Hardcore-Version!

Trotzdem ging es mit dem 0:1-Rückstand in die zweite Halbzeit. Und da lief es erst einmal fast genauso weiter wie im ersten Abschnitt. Erneut hatte der FC St. Pauli die besseren Gelegenheiten und die bessere Struktur. Allerdings agierte der FCN nun etwas verändert, sodass die „schnelle Tiefe“ nicht mehr so zuverlässig klappte. Denn die Nürnberger Außenverteidiger hielten sich mit ihren Ausflügen in positionsfremde Regionen nun merklich zurück. Miroslav Klose erklärte im Anschluss an die Partie, dass es hier nicht wirklich eine vom Trainerteam angesagte Anpassung gegeben habe, die Spieler vielmehr selbst entscheiden, wie sie sich je nach Situation verhalten. Allerdings war die Veränderung im Verhalten der Außenverteidiger in Ballbesitzphasen so offensichtlich, dass ich zumindest vermute, ihnen wurde in der Halbzeitpause deutlich gemacht, dass der FC St. Pauli in Umschaltmomenten die Räume in ihren Rücken sucht.

Trotz der nun etwas weniger offenen Stellung der Nürnberger im Ballbesitz gelang es dem FC St. Pauli aber auch weiterhin, sich Chancen zu erspielen. Und in der 58. Minute gab es dann auch endlich den hochverdienten Ausgleich. Der FCSP presste hoch, Ceesay und Smith gewannen den Ball gegen Fernándes. Rasmussen nahm ihn auf, lief bis kurz vor die Strafraumkante und legte ihn rechts raus auf den zur Grundlinie gestarteten Pyrka. Der Rechtsverteidiger legte den Ball quer ins Zentrum zu Ceesay, der den Ball aus kürzester Distanz zum 1:1 ins Tor schoss. Fünfter Treffer für Ceesay, erneut ein klassisches Stürmer-Tor, dritte Vorlage für Pyrka, erneut ein Querpass von der Grundlinie. Die Partie schien nun endlich in Richtung des FC St. Pauli zu laufen. Noch rund eine halbe Stunde war zu diesem Zeitpunkt zu spielen. Genug also, um die Partie noch zu drehen.

Ringkampf mit Klein ungeahndet, Oppies Fehlpass bestraft

Die Vor-Vorlage zum 1:1 war übrigens die letzte Aktion von Rasmussen, Sam Klein kam für ihn in die Partie und stand wenige Minuten nach seiner Einwechslung direkt im Fokus. Die Nürnberger Hintermannschaft produzierte eine Kerze im eigenen Strafraum, die der ansonsten extrem starke FCN-Torhüter Reichert runterfischen wollte. Klein stellte sich ihm fair in den Weg, Reichert konnte den Ball nicht festhalten, er fiel auf den Boden. Nun war Klein den Ball am nächsten, er schirmte ihn gegenüber Reichert ab. Der FCN-Torhüter versuchte an den Ball zu kommen und legte sich dabei mehr oder weniger auf den Rücken von Klein, beide fielen um. Wenn man sich anschaut, wie gerne und leicht die FCN-Innenverteidiger hinfielen, sobald Ceesay sie berührte, dann ist dieser Körpereinsatz von Reichert klar regelwidrig. Einen Elfmeter gab es in dieser Szene aber nicht, wie auch in zwei Szenen in denen Hrgota im Strafraum fiel (die ich als wesentlich unkritischer wahrgenommen habe).

Es war aber nicht der Schiedsrichter, der diese Partie entschieden hat. Der FC St. Pauli war an diesem Tag gut genug, um den 1. FC Nürnberg trotz möglicher Fehlentscheidungen zu schlagen. Deutlich sogar. Doch statt auf den hochverdienten Ausgleich die ebenso hochverdiente Führung folgen zu lassen, nutzte der FCSP seine Chancen nicht nur nicht, sondern fing sich in der 72. Minute sogar den erneuten Rückstand. Louis Oppie spielte unter Druck einen Rückpass gen Ben Voll, den er nicht hätte spielen dürfen (den ich angesichts des Drucks und weil Ritzka ihm anzeigte, er solle zurückspielen, aber durchaus nachvollziehen kann). Der eingewechselte Haugen fing den Ball ab und spielte ihn direkt an Voll vorbei. Aus ganz spitzem Winkel schob er ihn dann ins Tor. Diese Genauigkeit hätte der FCSP auf der anderen Spielfeldseite benötigt – was für eine Scheiße!

Marcel Rapp kritisierte im Anschluss an die Partie übrigens, dass der eingewechselte Haugen zum Zeitpunkt des zweiten FCN-Treffers überhaupt noch auf dem Rasen stand. Der Nürnberger hatte kurz vor dieser Aktion nämlich im Zweikampf mit Ritzka durchgezogen, trat dem FCSP-Innenverteidiger auf das Schienbein. Für Rapp ein Rot-würdiges Vergehen. Ein dreckiges Foul ist es auf jeden Fall gewesen, weil Haugen nicht zurück- sondern durchzog, obwohl er einzig das Bein von Ritzka treffen konnte. Für eine Rote Karte ist mir diese Szene aber nicht eindeutig genug gewesen.

Chancen im Minutentakt, aber FCN machte Deckel drauf

Am Spiel änderte dieser erneute Rückstand zuerst wenig. Der FC St. Pauli war weiter spielbestimmend, kam auch weiter zu Torchancen, wenngleich diese nicht mehr ganz die Güte wie jene aus der ersten Hälfte hatten. Mit der Einwechslung von Youssoupha Niang für Ritzka in der 81. Minute ging der FCSP dann komplett ins Risiko, spielte nun mit einer Viererkette weiter und hatte damit keine Überzahl mehr in der eigenen letzten Kette. Das sorgte dafür, dass der 1. FC Nürnberg nun mehr Raum in der Offensive vorfand und diesen auch für sich zu nutzen wusste. Sechs seiner 14 Abschlüsse hatte der FCN ab Minute 85. Und nachdem der FC St. Pauli durch Klein (87.), Nemeth (88.) und Kaars (89.) weitere gute Chancen ungenutzt ließ, sorgte der eingewechselte und erst 17-jährige Marc Kornwachs mit einem Traumtor in der 90. Minute für die Entscheidung.

So verliert der FC St. Pauli also ein Spiel, das er niemals verlieren darf. Aus 24 Abschlüssen, 42 Ballkontakten im gegnerischen Strafraum und einem xG-Wert von 4,1 MUSS mehr rauskommen als nur ein Treffer. Während der FCSP seine Chancen ungenutzt ließ, nutzte Nürnberg seine Gelegenheiten brutal effizient aus. Es wirkte fast wie blanker Hohn: Auf der einen Seite ein Team, das klar besser war, sich Chance um Chance erspielte, diese aber nicht nutzte. Und auf der anderen eines, das aus einem schrumpeligen Stück Apfel und einem Brotkrümel den so heiß geliebten Apfelkuchen von Oma zauberte. Vielleicht ist genau diese Effizienz der Unterschied zwischen dem FC St. Pauli und einem Spitzenteam.

Anyway, ich bin sicher: Wenn es dem FC St. Pauli gelingt, diese Spielweise zu konservieren, dann wird diese Saison noch großartig. Der 1. FC Nürnberg, eines der besten Teams der Liga, wurde in Grund und Boden gespielt und kann sein Glück kaum fassen, diese Partie gewonnen zu haben. Rapp betonte nach Abpfiff: „Von zehn solcher Spiele verlieren wir nur eines“ – ich freue mich auf die anderen neun.

Immer weiter vor!
// Tim

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