FCSP taktisch – Wo fing das an? Was ist passiert? Was hat dich bloß stabilisiert?

Wo fing das an?

Nach gutem Saisonstart mit Siegen gegen Magdeburg und Darmstadt gab es für den FCSP fette Niederlagen mit satten zwölf Gegentoren aus drei Ligaspielen. Hinzu kam noch die Niederlage in Wehen im Pokal, erneut drei Gegentore in 120 Minuten. Seitdem gab es in acht Ligaspielen nur noch fünf Gegentore, welches hinter Union Berlin (die defensiv völlig neue Maßstäbe in Liga Zwei setzen, siehe xG-Tabelle) die zweitbeste Defensive in dieser Zeit bedeutet. Doch was ist zwischen den Klatschen in Aue, Berlin und zuhause gegen Köln und den Siegen in Duisburg, Ingolstadt, etc. passiert? Eine Analyse.

Was ist passiert?

Nominell ist eigentlich nichts Nennenswertes passiert. Und klar, es könnte ganz einfach sein: Christopher Avevor verpasste im bisherigen Saisonverlauf genau vier Spiele: Die Niederlagen gegen Union, Köln, Wehen und Aue. Es ist also unmöglich die Worte Stabilität und Avevor nicht miteinander zu verknüpfen. Ohne seinen Beitrag zur Stabilität des FCSP schmälern zu wollen, möchte ich auch Marvin Knoll erwähnen, der in Avevors Ausfallzeit in die Innenverteidigung rücken musste – seine Leistungen auf der Sechs lassen eine solche Versetzung inzwischen eigentlich nicht mehr zu. Zusätzlich möchte ich noch einige taktische Umstellungen beleuchten, die für die dringend notwendige Stabilität des FCSP sorgten.

Was hat dich bloß stabilisiert?

Auf den ersten Blick ist es eigentlich keine große Umstellung, aber die Wirkung auf dem Platz ist enorm. Der FCSP hat aus einem 4-1-4-1 zu Saisonbeginn ein 4-2-3-1 gemacht und ist damit quasi zu seinen Wurzeln zurückgekehrt, denn dieses System wird bereits seit Jahren von uns, mal mehr mal weniger erfolgreich, praktiziert. Dieser Formationswechsel hat eine wirklich wichtige Änderung in der grundlegenden Spielphilosophie mit sich gebracht (und das ist auch neu im Vergleich zu den letzten Jahren): Die Positionen der Einzelspieler werden nun fast konsequent gehalten.

Gemittelte Positionsdaten der FCSP-Spieler aus den Spielen gegen Köln (oben) und Paderborn (unten). Deutlich wird die Ballung der offensiven Spieler im Zentrum durch häufige Positionswechsel. Zusätzlich wird auch die unterschiedliche Position der Sechs (in diesem Fall Flum) deutlich, welche seit Spieltag 6 nicht mehr zwischen die Innenverteidiger abkippt. Auch die angepasste tiefere Staffelung der Außenverteidiger ist deutlich zu erkennen. Quelle: WhoScored.com

Mit „Positionen halten“ meine ich, dass z.B. Richard Neudecker seine linke Seite hält und sich nur selten mit ins Zentrum oder gar mit auf die rechte Seite bewegt. Diese Bewegung wurde bei St.Pauli lange Zeit praktiziert, um eine Überzahl auf diesen Außenpositionen zu erschaffen. Das hat offensiv und im Gegenpressing auf jeden Fall Vorteile, nur führte es defensiv zu einer gewissen Instabilität, da wir für das Umschalten in die defensive Grundordnung (4-4-2 (flach)) teilweise sehr lange brauchten. Zwar finden keine horizontalen Bewegungen mehr statt, aber interessante vertikale Bewegungen sind im Spiel des FCSP zu sehen. Die äußeren Mittelfelder ziehen teilweise ihre Gegenspieler aus der Kette raus (mit einem kurzen Sprint Richtung eigenes Tor), damit sich dahinter Räume ergeben. Diese können dann z.B. von den Sechsern besetzt werden. Der Ausgleich gegen Heidenheim ist ein Paradebeispiel für diese Bewegung. Neudecker zieht durch einen Sprint in die eigene Hälfte den Gegenspieler mit und Knoll besetzt den freien Raum dahinter.

Ballaktionen der beiden äußeren Mittelfelder Neudecker und Möller Daehli in den Spielen gegen Darmstadt (links – 2.Spieltag) und Heidenheim (rechts – 13.Spieltag). Die Positionen werden seit Spieltag 6 konsequenter gehalten, welches u.a. eine Stabilität in defensiven Umschaltmomenten erzeugt. Quelle: WhoScored.com

Positionen halten

Mit „Positionen halten“ meine ich auch, dass z.B. Marvin Knoll (oder Johannes Flum) seine Position auf der Sechs auch im Aufbauspiel hält und nicht mehr abkippt. Das hat Auswirkungen auf die gesamte Raumaufteilung der Mannschaft, da die Außenverteidiger nicht mehr so hoch agieren wie noch zu Beginn der Saison. Stattdessen können die beiden Sechser sich nun bei Ballbesitz eines Außenverteidigers mit auf die Seite bewegen und so, zusammen mit den äußeren Mittelfeldern und Buchtmann gute Dreiecke bilden und Durchbrüche erzielen.
Gerade den beiden Sechsern kommt bei dieser Formation eine Schlüsselrolle zu: Meist werden die direkten Passwege von der Innenverteidigung auf die beiden Sechser vom Gegner zugestellt. Gelangt der Ball nach Außen, verändert sich die Situation schlagartig, da beide Sechser nicht mehr im Deckungsschatten des Gegners stehen. Stimmt zusätzlich der Abstand zwischen den gegnerischen Ketten nicht (z.B. durch das Anlaufen der Innenverteidiger ohne konsequentes Nachrücken der zweiten Reihe und tiefe 2-1 Staffelung im zentralen Mittelfeld des Gegners), so können die Sechser teilweise Aufdrehen und haben dann enorm viel Raum vor sich.

Unterschiede im Spielaufbau zwischen 4-1-4-1 (rechts) zu Saisonbeginn und 4-2-3-1 (links) seit Spieltag 6 – Durch das fehlende Abkippen eines Sechsers und die tiefere Staffelung der Außenverteidiger ergeben sich neue Anspielstationen im Zentrum.

Ein weiterer Vorteil des Haltens der Positionen ist, dass der FCSP bei Ballverlust enorm schnell in das meist favorisierte 4-4-2 (flach) in der defensiven Grundordnung umschalten kann. Viel schneller als mit einer abgekippten Sechs und äußeren Mittelfeldspielern, die auf der anderen Seite aktiv sind. Diese Grundordnung ist nicht neu. Dabei ist auch nicht neu, dass die äußeren Mittelfelder auch gerne sehr mannorientiert agieren und den gegnerischen Außenverteidigern auf Schritt und Tritt folgen, sobald sie die Mittellinie überquert haben. So ergibt sich auch mal eine 6-2-2-Grundordnung, welche besonders gegen dominante und hoch stehende Gegner in Erscheinung tritt (gesehen diese Saison gegen den hsv oder gegen Leipzig in der Saison 15/16(!)).
Neu ist die konsequente Positionierung der beiden Zweierreihen im Zentrum, die sehr sauber die Passwege ins Zentrum zustellen und äußerst aggressiv pressen, wenn dann doch mal der Ball in „ihre“ Zone gelangt (ein offensiveres Pressing findet nur partiell nach bestimmten Pressingauslösern statt). Somit werden die Bälle meist sehr sauber auf die Außenbahnen geleitet, da dies für die Innenverteidiger die einzige Passoption (neben dem langen Ball) darstellt. Hier wird dann ab einer gewissen Höhe konsequent gepresst. Dort wird der Gegner von zwei, drei Spielern so angelaufen, dass die Passoptionen im Deckungsschatten verschwinden. Bei guter Ausführung eine zuverlässige Falle.

Idealisierte Pressingsituation des FCSP – Ein Pass auf den gegnerischen Außenverteidger wird angeboten. Direkt im Anschluss werden sämtliche Passwege im Deckungsschatten zugestellt, sodass der Spieler isoliert wird und sich nur schwer befreien kann.

Destabilisatoren?

Wie ist dieses stabile System also zu schlagen? Nun, es ist zwar eine stabile Grundordnung, aber sicher keine Festung, die wir da aufgebaut haben. Es gibt mehrere Möglichkeiten und wir haben bereits alle am Millerntor gesehen, mal mehr mal weniger erfolgreich. Da wären die Rasierklingentänzer aus Paderborn und Kiel, sicherlich zusammen mit Jahn Regensburg die aufregendsten Teams in Liga Zwei. Beide spielen wahnsinnigen Fußball und vor allem Paderborn schießt und bekommt dabei Tore wie am Fließband. Das Risiko beider Teams besteht darin offensiv All-in zu gehen und enorm hoch aufzurücken und auch nach Ballverlust hoch zu stehen und durch konsequentes Gegenpressing den Ballgewinn zu erzwingen. Das birgt enorme Risiken in der Rückverteidigung, sorgte aber dafür, dass der FCSP trotz guter Ballgewinne gegen Paderborn nur selten in gute Umschaltsituationen gelangte, da, wie auch gegen den hsv, die äußeren Mittelfeldspieler häufig in der letzten Kette verteidigten oder der FCSP die vorhandenen Räume im Zentrum nicht zu nutzen wusste. Beim Spiel gegen Kiel lag es dann eher an der Chancenverwertung, als an der –kreation. Zum anderen hat der SV Sandhausen gezeigt, dass der FCSP mit einem 4-4-2 auf der Gegenseite so seine Probleme hat (auch Kiel hatte zur Halbzeit auf ein 4-4-2 umgestellt, wenngleich in viel offensiverer Ausrichtung als Sandhausen). Dadurch können zum einen die Räume für Knoll und Flum arg verengt werden und das Dreiecksspiel des FCSP auf den Außenbahnen wird durch die tiefere Staffelung des Gegners erschwert. Das führt aber auch dazu, dass diese Teams nur sehr wenig ins Risiko gehen. Es mag daher sein, dass der FCSP Probleme hat sein eigenes Offensivspiel durchzusetzen. Die eigene Defensive dürfte aber nicht so schnell zu erschüttern sein.

xG-Tabelle nach Spieltag 13. Der FCSP laut dieser Tabelle mit leichter Überperformance. Quelle: fivethirtyeight.com

Was kommt?

Taktik ist natürlich nicht alles. Mindestens genauso wichtig ist die Verfassung der Spieler, auch die mentale. Es lässt sich nicht herausfinden, ob es die Umstellungen waren oder das Vertrauen der Spieler in sich selbst und die taktische Ausrichtung, die den Erfolg gebracht haben. Häufig ist es eine Mischung aus beiden. Spielerisch wurde in den ersten drei erfolgreichen Spielen (Ingolstadt, Paderborn, hsv) jedenfalls nicht überzeugt. Diese (Weiter-)Entwicklung kam erst mit dem Sandhausen-Spiel. Schön, dass sie seitdem geblieben ist.

Tabellarisch sind die nächsten Gegner Dresden, Fürth, Bochum und Regensburg aus dem gleichen Kerbholz geschnitzt. Die xG-Tabelle zeigt, dass es sich um Teams handelt, die offensiv recht stabil Chancen erspielen, aber in der Defensive (abgesehen von Dresden) durchaus einiges zulassen. Besonders auf den Fußball von Regensburg bin ich gespannt, nach xG-Werten stellen sie die zweitbeste Offensive und die schlechteste Defensive der Liga. Die Ergebnisse sind beim FCSP momentan besser als die Qualität der Spiele, wenn man die xG-Daten als Grundlage für die Bewertung nimmt. Diese Überperformance nehme ich gerne mit, weiß aber die eigene Stärke dann etwas besser einzuschätzen und verspreche mich nicht aufzuregen, wenn wir dann gegen Regensburg 0-3 hinten liegen…

//timbo

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