Karma is a bitch

Ach, was hatten Wolf und ich für billige Schenkelklopfer beim AFM-Radio produziert: „Mensch, beim Hochscheidt spannt das Trikot aber auch mächtig“, Hehe. „Er trabt zur Ecke, die Bewegung tut ihm gut“, Höhöhö. „Der hat so ungefähr meine Körperform.“ Muhaha. Kurze Zeit später klatschte uns Hochscheidt höchstpersönlich diese Sätze um die Ohren. Das Karma, eine gute alte Begleitung meiner regelmäßig aus mir rauspurzelnden schlechten Witze. Nun also holte Hochscheidt zweimal ne Monsterschelle hervor, die mir noch jetzt beim Schreiben dieser Zeilen in den Ohren klingeln.

Ohne Wenn und Aber: Hochscheidt machte ein richtig gutes Fußballspiel. Dass er aber überhaupt so viele Aktionen hatte, hatte nur bedingt mit unseren mehr als schlechten Witzen zu tun. Der FC St.Pauli schaffte es schlichtweg nicht, sein eigenes 4-3-3 gegen das 3-5-2 von Aue richtig zu justieren.

Es ist inzwischen geradezu ein Ritual vieler Fußballteams geworden: Bei Flachabstößen postieren sich zwei Abwehrspieler an den äußeren Ecken des Strafraums und erwarten den Flachpass des Torhüters. Meist werden beide Spieler dann zugestellt und auch der Spieler, der sich zentral für einen Kurzpass anbietet, wird eng bewacht. Das führt dann meist dazu, dass die Situation vom Torwart als zu waghalsig für ein kurze Ausführung des Abstoßes angesehen wird. Daraufhin lösen sich die Formationen und orientieren sich ein paar Meter in des Gegners Hälfte in Erwartung eines langen Balls. Der FC Erzgebirge Aue ist diesen Weg im Spiel gegen den FCSP nicht gegangen. Stattdessen wurde der Abstoß trotz der engen Zustellung der eigenen Spieler flach ausgeführt. Was einige als Wahnsinn bezeichnen, kann inzwischen im Fußball als hip bezeichnet werden (Wanna see? Klick). Mal funktioniert es (in der zweiten Liga ist neben Aue auch Kiel für eine solche Spieleröffnung bekannt), mal nicht (der hsv hat unter Titz besonders im ersten Spiel vs. Kiel mal so richtig die Leviten gelesen bekommen mit dieser Variante). Warum wird das so gespielt? Es geht darum Räume zu erschaffen, indem die Ketten vertikal auseinandergezogen werden. Zusätzlich zu den sich tief anbietenden Verteidigern, stehen die Stürmer des angreifenden Teams hoch, sodass die gegnerischen Verteidiger nicht hochschieben können (= Iyoha (was 1 guter Fußballer) und Testroet haben Carstens und Avevor fixiert). Dadurch entstehen unweigerlich Räume zwischen den Ketten.

Abstoß Aue – Das 4-3-3 des FCSP hinderte Aue nicht daran im 3-5-2 kurz aufzubauen. Die vertikalen Räume waren enorm, da Aue nicht nur flach eröffnete, sondern Testroet und der sehr gute Iyoha die Innenverteidiger des FCSP in der eigenen Hälfte fixierten und so ein Hochschieben verhinderten. Teilweise lief der FCSP auch nur mit zwei Stürmern vorne an. Dadurch ergaben sich manchmal auch Räume für eine Eröffnung durch das Zentrum.

Diese Variante hat aber den hohen Preis, dass ein Ballverlust bei so einem Spielaufbau fast gleichbedeutend mit einer Unterzahlsituation im eigenen Drittel ist. Sie hat jedoch enorm gut gegen den FCSP funktioniert. Das lag vor allem daran, dass der FCSP in vorderster Front einen Geschwindigkeitsnachteil hatte (sorry, aber mit Meier und Allagui ein aggressives Pressing zu spielen ist echt gewagt). So konnte Aue gut Dreiecke bilden bei der Spieleröffnung und häufig die erste Reihe überspielen. Die Art des Aufbaus stoppte Aue abrupt nachdem der FCSP mit Balljäger Schneider enorme Geschwindigkeit in vorderster Reihe einwechselte (hier bitte die Vermisstenanzeige „Diamantakos“ einfügen).

Doch Aue schaffte es nicht nur effektiv vertikal die Ketten auseinander zu ziehen. Viel schlimmer wog die horizontale Zerreisprobe des Mittelfelds beim FCSP. Das 3-5-2 von Aue mit Rizzuto und Herrmann als Flügelverteidiger gegen das 4-3-3 des FCSP im Mittelfeldpressing sorgte für eine enorme horizontale Ausdehnung der Mittelfeldkette des FCSP. Sehr zum Leidwesen von Marvin Knoll in dessen Rücken sich Hochscheidt immer und immer wieder freilaufen konnte. Besonders im zweiten Teil der 1.Halbzeit gelang es Aue unzählige Male den Ball über Wydra zentral zu Hochscheidt zu spielen, der dann Aufdrehen konnte. Stellte der FCSP das Zentrum zu (= der ballferne Mittelfelder schob ins Zentrum um die Räume dort kompakter zu gestalten), konnte Aue aufgrund der Flügelverteidiger häufig diagonal verlagern.

Links: Funktionierender Aufbau von Aue durch das Zentrum. Hochscheidt konnte sich häufig in Knoll’s Rücken freilaufen, da die anderen Mittelfelder auf den Flügeln gebunden waren.
Rechts: Wenn die äußeren Mittelfelder ins Zentrum zogen, um Räume zuzustellen, wählte Aue häufig den Diagonalpass.

Warum also hat der FCSP diese Formation gegen Aue gewählt? Weil es genauso gut andersrum hätte laufen können und so ja auch startete. Gegen ein 3-5-2 ist es immer das Ziel hinter die Flügelverteidiger zu kommen, da sich hier meist Räume für das gegnerische Team bieten. So ist es traumhaft geschehen beim 1-0 durch Buchtmann. Møller Dæhli zieht mit dem Ball in den Raum hinter Herrmann und drei Gegenspieler mit sich, sodass Allagui sich völlig blank im Strafraum befand. So hätte es durchaus häufiger klappen dürfen und können. Doch neben den vielen technischen Fehlern, die sich auch aufgrund des schlechten Platzes einstellten, hatte der FCSP so seine liebe Mühe und Not überhaupt einen geordneten Spielaufbau hinzubekommen, da Aue ebenfalls sehr früh und hoch presste.

Als Reaktion auf diese Formation und die Risikobereitschaft von Aue stellte der FCSP in der Halbzeit auf ein 4-1-4-1 um, sodass die viel zu offenen Räume besser geschlossen werden konnten, ohne die notwendige breite Staffelung vermissen zu lassen. Das funktionierte zwar etwas besser, allerdings konnte sich Hochscheidt weiterhin häufig in Knoll’s Rücken freilaufen (wie beim 1-2). Im Anschluss konnte sich Aue zwar nicht mehr so einfach über die Ketten kombinieren, jedoch tat der FCSP sich weiter schwer mit einem geordneten Spielaufbau. Es entwickelte sich vielmehr die Methode Brechstange, der Einsatz stimmte (sinnbildlich dafür Sobota, der kurz nach Wiederanpfiff Hochscheidt völlig unnötig an der Seitenlinie vor der GG umholzt und ihm dann auch noch anblafft – mui grande!). Und wir kamen zumindest zu mehr Ballbesitz, jedoch konnte Aue mit der Führung im Rücken die Räume etwas dichter zustellen, da sie nicht mehr auf gute Umschaltsituationen angewiesen waren. Schade, denn der Druck auf Aue war allein aufgrund der Kartensituation enorm, da alle drei Innenverteidiger mit Gelb vorbelastet waren. Durch die tiefere Staffelung von Rizzuto und Herrmann (und die höhere Präsenz des FCSP im Zentrum) kam der FCSP jedoch nicht mehr so gut wie noch zu Beginn des Spiels hinter die Flügelverteidiger, sodass der Druck auf die Innenverteidiger in Tempozweikämpfe gehen zu müssen nicht mehr sonderlich hoch war. Interessant, dass es Møller Dæhli und nicht Buchtmann war, der gegen Ende des Spiels immer häufiger neben Knoll agierte und sich die Bälle auf Höhe der Mittellinie abholte.

(c) by Stefan Groenveld

Da es inzwischen auf den Kommentatoren-Plätzen des AFM-Radios einen Monitor mit Live-Bild gibt, konnte ich mich aber noch so richtig in Rage reden beim nicht gegebenen Treffer von Carstens. Kusic hielt sich nur den Kopf, da er gar nicht fassen konnte, dass tatsächlich auf ein Foul gegen ihn entschieden worden war. Und zwar so sehr, dass er sich gleich nochmal lange behandeln ließ, damit er die Betreuer noch fragen konnte, ob er gerade träume. Der wurde an einigen Stellen getroffen, aber nicht am Kopf. Als Kusic sich dann über die Gegengerade in Richtung Mittellinie bewegte, flogen dann auch die ersten Becher in seine Richtung. Nach Abpfiff waren es dann noch viele mehr in Richtung der Auer Bank. Ja, die haben provoziert. Ja, das sind Idioten. (Siehe auch: Bilder von Stefan Groenveld.) Aber müssen wir wirklich den Niveau-Limbo mittanzen? Und es waren ja nicht ein paar Wenige auf der Gegengerade, die da versuchten unter der, von Aue arschlochtief gehaltenen, Stange durchzutanzen. Ich finde das Andreas Rettig sich schon gut um die Deppen gekümmert hat. Zum Abschluss noch eine Auflistung der Momente in denen ein Bierbecherwurf auf gegnerische Teams zu tolerieren ist: –

Halten wir fest, dass wir kein Spitzenteam sind. Das wird uns guttun. Wir waren es auch nie, aber wir haben die engen und auch Teile der Spiele in denen wir eigentlich knapp unterlegen waren in der Hinrunde fast ausnahmslos gewonnen (Beispiele? Ingolstadt, Sandhausen, Bochum, Magdeburg (2x), Paderborn). Nun haben wir das mal nicht getan. Nicht gegen Darmstadt, nicht gegen Aue. Gegen Union siegen wir mit Anti-Fußball und gegen Köln verlieren wir ohne Fußball (übrigens ein 3-5-2 der destruktiven Sorte). Es fällt uns aber sowieso leichter, wenn sich der Gegner nicht auf ein Spitzenteam einstellt, wenn der FCSP als nächstes im Terminkalender steht. Aufsteigen möchte ich aber trotzdem und daher war das einfach Kacke gestern! Bleibt nur Mund abwischen und nächste Woche gegen Ingolstadt zeigen, dass mit uns noch zu rechnen ist.

// tim

Links:
– Bilder Stefan Groenveld „Gegen Aue kann man mal verlieren…
– Bericht Zaphod Beebleblox: „Immerhin die Sonne genossen
– Spielbericht Vereinshomepage

4 thoughts on “Karma is a bitch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.